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Die Schwester

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ls die Sängerin Niasony dreizehn Jahre alt war, kam sie nach Deutschland. Ihre Mutter, die fünf Jahre zuvor zu ihrem neuen Mann in eine Kleinstadt am Rande des Ruhrgebiets gezogen war, hatte sie zu sich geholt. »Alles war grau, es gab keine Menschen auf der Straße und ich hatte keine Freunde«, erinnert sich die Sängerin. »Ich wollte nur zurück zu meiner Großmutter.« Doch sie blieb, lernte Deutsch, machte die Mittlere Reife, jobbte als Model, Tänzerin und Sängerin, und jetzt hat die 39-Jährige, die heute bei Düsseldorf lebt, ihr erstes Album veröffentlicht, es heißt »Afroplastique.« Der Titel soll an die Armut erinnern, der sie entkommen ist. Ihr Bruder hatte weniger Glück, denn er war bereits 18, als er nach Deutschland kam, und damit zu alt, um nachziehen zu dürfen. »Meine Mutter hat zu lange gezögert und wurde falsch beraten«, ärgert sich Niasony. Um zu bleiben, beantragte er Asyl, doch am Ende wurde er abgeschoben, seit 2007 lebt er wieder im Kongo. In Deutschland kam er nicht zurecht, landete sogar im Gefängnis. Niasony sieht ihn als Opfer der Umstände, denn ihr Bruder sei hilflos gewesen. »So einen Rassismus habe ich noch nicht erlebt«, sagt Niasony: »Er wurde behandelt wie ein Fußball, den man herumkickt.« Sie illustriert das mit einer Anekdote: Einmal habe sie ihm ein Auto geschenkt. Doch kaum war sie zu Hause, musste sie zurück, um ihn aus der Polizeihaft zu holen: Nachbarn hatten die Polizei gerufen, weil sie glaubten, das könne nicht mit rechten Dingen zugehen. Die Beamten hätten ihren Bruder bei der Festnahme mit der Pistole bedroht und geschlagen, empört sich Niasony. Die schockierende Erfahrung motivierte sie, sich bei Amnesty in Düsseldorf zu melden. Sie wollte wissen, wie das deutsche Asylsystem funktioniert, und bald schon betreute sie Flüchtlinge, die gerade erst nach Deutschland gekommen waren, und begleitete sie durch den Behördendschungel. »Viele können sich gar nicht vorstellen, was sie in Deutschland erwartet und wie schwer es ist, hier Fuß zu fassen«, hat sie gemerkt. Manche landeten in irgendwelchen Dörfern, weit ab von jeder Großstadt und ohne Kontakt zu anderen Landsleuten. Zwei Stücke auf ihrem Album hat Niasony ihrem Bruder gewidmet. Schon als Kind hatte sie im Kongo in einer Ballettgruppe getanzt und die Musik half ihr immer wieder über Tiefpunkte in ihrem Leben hinweg. In Deutschland fing sie irgendwann an, zur Gitarre Songs über ihre Erlebnisse zu schreiben. Mit Musikern aus der rheinischen Reggae-Szene hat sie nun ihr autobiografisch geprägtes Album produziert, dessen eleganter PopSound an die Sängerin Angelique Kidjo aus Benin denken lässt. Hier und da blitzen Soukous-Elemente aus dem Kongo auf (»Ezanani«), von ihrer Single »Ponanini« gibt es auch einen gediegenen Elektronik-Remix. Die Lieder handeln von Kindern, die als Waisen aufwachsen, vom Hunger in Afrika und von der Ausbeutung des Kontinents. Niasony singt auf Lingala, der Amtssprache des Kongo, weil sie will, dass ihre Botschaften auch dort gehört werden. Die Songs teilen eine melancholische Grundstimmung und sind trotzdem tanzbar, getreu ihrem Motto: »Es ist besser, im Regen zu tanzen als auf die Sonne zu warten.«

Melancholische Botschaften. Niasony.

Niasony: Afroplastique (Membran / Sony)

Foto: Markus Roosen

Niasony kam als Kind aus dem Kongo nach Deutschland – ohne den geliebten Bruder, der schon zu alt war, um einreisen zu dürfen. Diese Erfahrungen verarbeitet die Sängerin auf ihrem neuen Album »Afroplastique«. Von Daniel Bax

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Amnesty Journal August/September 2014: "Kein Land in Sicht"  

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