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Ulrike Renk

Rheinische Morde

Geschichten mit Elsbeth und Gerda

amative; publisher


Taschenbuchausgabe 03/2011 Copyright ŠUlrike Renk 2011 Printed in Germany 2011 Umschlaggestaltung: AnaRiba Satz: amative; publisher Druck und Bindung: becker Druck, Arnsberg ISBN: 978-3-942869-01-0 http://www.amative-publisher.com


F端r meine Mutter


Nachbarschaftshilfe „Ach wie schön, dass endlich Sommer ist, Gerda.“ „Ja, Elsbeth. Endlich Wärme und Sonnenschein. Der nasse Mai war mir schon aufs Gemüt geschlagen.“ „Ja, mir auch. Wir müssen das Wetter ausnutzen. Was hältst du davon, wenn wir mit dem Schluff fahren?“ „Mit der Dampfeisenbahn zum Hülser Berg? Eine gute Idee.“ Gesagt, getan. Die beiden rüstigen Damen nahmen ihre Handtaschen, zogen sich den Lippenstift nach und begaben sich zum Nordbahnhof. Schon bald hielt die historische Eisenbahn. Der ganze Bahnsteig war voller Ausflügler. „Du, schau mal Gerda. Ist das nicht Bodo Süchteln? Der Sohn meiner Nachbarin? Der mit dem grässlichen Hund?“ „Bodo Süchteln? Tatsächlich, ich glaube du hast recht. Elfriedes Sohn. Ich dachte, der sei im Ausland.“ „Ja, hab ich auch gedacht. In Palermo.“ „Ja, dort hat er für den Neffen eines Bekannten gearbeitet. Oder war es der Onkel? Irgendwas mit Dienstleistungen hatte Elfriede erzählt. Er soll viel Geld verdient haben.“


Elsbeth drängte sich gezielt durch die Ausflügler nach vorne. „Elfriede hat dir das erzählt? Ich dachte, sie redet nicht mehr mit dir.“ Gerda folgte ihrer Freundin in den Schluff. „Tut sie auch nicht.“ Elsbeth setzte sich mit einem zufriedenen Seufzen auf einen Platz am Fenster. „Sie hat mit Martha gesprochen.“ „Martha Geldern? Stimmt, die beiden sind ja fanatische Gärtnerinnen, die haben sich sicher viel zu sagen.“ „Ja. Gärten. Deshalb spricht Elfriede ja auch nicht mehr mit mir. Wegen meiner Eibenhecke, die ihr zu dicht an der Grundstücksgrenze steht. Ich sollte sie fällen.“ „Ich erinnere mich. Ihr habt euch im letzten Jahr ständig gestritten. Mit der Hecke fing es an und dann kam immer mehr dazu. Zuletzt wollte sie, dass du deine Birke absägst.“ „Genau. Ich soll meine Hecke abschneiden und die Birke fällen. Aber der Briefträger traut sich kaum noch in die Straße wegen ihres Hunds. Ein Rottweiler. Bissig und bösartig. Elfriede habe ich ganz schön den Marsch geblasen. Und von meiner Eibenhecke werde ich mich nicht trennen. Eibe ist nützlich.“ „Ja, und entsetzlich giftig.“ Gerda machte es sich bequem. „Ja, sehr praktisch, wenn man so etwas griffbereit im Garten hat.“


Die beiden Freundinnen sahen sich an und grinsten verschmitzt. Als alle Ausflugswilligen den Zug bestiegen hatten, setzte sich dieser mit lautem Stampfen, einem hohen Pfiff und viel Dampf in Bewegung. Gemächlich fuhren sie durch Krefeld. Hin und wieder machten sich die Freundinnen auf einen besonders schönen Garten aufmerksam. Sie genossen das schöne Wetter, die wunderbare Landschaft. Als der Zug in den Wald am Hülser Berg hineinfuhr, gingen sie auf die Plattform zwischen den Waggons. „Ist das nicht herrlich?“ Elsbeth strahlte. „Das sollten wir mal mit den Kindern machen.“ „Welche Kinder?“ „Mein Neffe Peter hat doch diese nette Frau kennengelernt. Die Arme ist alleinerziehend. Zwei reizende Kinder, ein Jungen und ein Mädchen. Dummerweise macht der Vater ziemlich viel Ärger. Aber das ist eine andere Geschichte.“ „Ach wie schön. Endlich mal wieder Zuwachs in der Familie. Das freut mich aber für Peter.“ „Ja, sie waren schon einmal bei mir zu Besuch. Reizende Kinder. Allerdings hatten sie Angst vor Elfriedes Hund Freya. Die Kinder taten mir so leid. Aber bei dem Monster kann man wirklich nicht sagen: Der tut doch nichts, der will nur spielen.“ „Das Einzige, was Freya spielend kann, ist den Zaun zu meinem Grundstück überspringen.“ „Du solltest sie anzeigen, Elsbeth. Diese


Hunde brauchen Maulkörbe und Prüfungen.“ Elsbeth nickte. Sie scheute jedoch vor weiteren Streitigkeiten mit ihrer Nachbarin zurück. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, musste sie sich eingestehen, dass sie Angst vor Freya, der Hündin, hatte. „Du, Gerda. Da vorne ist der Mann wieder. Schau doch mal, das muss Bodo sein.“ Gerda kniff die Augen zusammen. Der Mann stand mit dem Rücken zu ihnen auf der anderen Plattform, telefonierte und gestikulierte wild dabei. „Was der sich wohl so aufregt?“ „Was der überhaupt hier macht?“ Elsbeth lehnte sich neugierig nach vorne, beinahe hätte sie den Halt verloren. Der Zug fuhr eine lang gestreckte Kurve. Wieder ertönte der typische Pfiff. Schon bald erreichten sie den kleinen Bahnsteig am Hülser Berg. Viele Familien stiegen aus, ein paar verliebte Pärchen. Etliche hatte ihre Fahrräder mitgenommen und radelten nun los. „Gehen wir bis nach oben?“ Gerda blickte Elsbeth fragend an. „Natürlich. Dort essen wir ein Stück Kuchen und trinken uns eine schöne Tasse Kaffee.“ „Schau mal, da ist er wieder. Bodo Süchteln. Er scheint auch zum Café zu gehen.“ „Seltsam, er ist ganz alleine.“


Elsbeth schüttelte verwundert den Kopf. „Ich mochte Elfriede noch nie. Bodo war aber immer nett und so hilfsbereit. Früher hat er oft den Rasen bei mir gemäht. Und Schnee geschippt.“ „Elfriede konnte ich auch nie leiden.“ Gerda nickt bestätigend. „Sie hat immer recht, bei allem. Und sie lässt nie jemanden ausreden. Furchtbar. Und dann der Hund.“ „Ja. Sie hat Bodo immer ganz schön unter der Fuchtel gehabt. War bestimmt keine einfache Kindheit für ihn, vor allem so ohne Vater.“ „Da hast du recht. Elfriedes Mann hat es ja nicht lange mit ihr ausgehalten. Nur zwei Jahre, meine ich. Dabei hatte sie den Hund damals noch gar nicht.“ „Durchaus verständlich das der Mann ging. Aber seltsam, dass Bodo so ganz alleine hier durch den Wald spaziert.“ „Ja. Nun ist er ja nicht ganz alleine. Er telefoniert die ganze Zeit. Vielleicht trifft er sich ja oben mit jemandem?“ Die beiden rüstigen Damen sahen sich an. Ihre Neugierde war geweckt. Ohne ein Wort wechseln zu müssen, folgten sie Bodo. Dabei legten sie einen Zahn zu und bald schon gingen sie wenige Schritte hinter ihm. Immer noch telefonierte der junge Mann mit dem Einsatz seines ganzen Körpers. Leider wehte ein luftiger Wind, sodass Elsbeth und Gerda immer nur Satzfetzen mit bekamen. Das, was die


Gegenseite sagte, konnte sie nur erraten. „Mutter. Meine Mutter, du weißt schon …, ja, ja. Aber … Nein. NEIN! … Das weiß ich doch, Luigi.“ Bodo Süchteln war stehen geblieben. Elsbeth hätte ihn beinahe umgerannt. Gerda zog ihre Freundin schnell ein paar Schritte zurück. Dann ging sie in die Hocke, tat so als müsse sie sich die Schnürbänder zubinden. „Francesco ist ein guter Anwalt. Kein Sizilianer, aber trotzdem ist er unser Consiglieri“, sagte Bodo erregt. „Was das ist? Was das ist? Luigi … Mann, wie lange bist du schon im Geschäft? Das ist eine Art Ratgeber, Rechtsbeistand. Sehr wichtig für die Familie." „Oh mein Gott“, wisperte Elsbeth. „Mein Gott. Mein Gott.“ Sie war kreidebleich geworden. „Was ist?“ Gerda richtete sich auf, sah ihre Freundin überrascht an. „Kreislaufprobleme? Der Typ hat ein Tempo, meine Herren. Aber nun können wir ja verschnaufen.“ Sie zog Elsbeth noch ein Stück weiter den Weg hinunter. „Gerda, hast du ihn nicht gehört? Hast du nicht gehört, was er gesagt hat?“ Elsbeths Augen waren vor Schrecken geweitet. „Er hat über seinen Anwalt gesprochen. Wahrscheinlich hat er Ärger, ihm ist gekündigt worden oder er hatte einen Autounfall.


Heutzutage braucht man ja fast schon beim Brötchen holen einen Anwalt. Manche zumindest. Du hättest übrigens damals bei dem Streit mit Elfriede auch einen Anwalt gebrauchen können. Hätte dir eine Menge Stress erspart. Hab ich dir direkt gesagt.“ „Ja, Gerda, sicher. Aber …“ „Aber was? Egal …, Bodo geht weiter. … Los, komm, Elsbeth, hinterher.“ Gerda zog ihre Freundin eifrig mit sich mit. Bodo Süchteln telefonierte immer noch. Diesmal schien er nur zu zuhören. Schließlich drückte er einen Knopf und steckte das mobile Telefon in die Jackentasche. Langsam ging er den Berg hinauf. Die beiden Frauen in seinem Schatten schien er nicht bemerkt zu haben. Er war ganz in Gedanken. Hin und wieder schüttelte er den Kopf, blieb kurz stehen, ging weiter. Die ganze Zeit murmelte er vor sich hin. „Ob er verrückt ist, Elsbeth?“ Gerda biss sich auf die Unterlippe. „So ein Job im Ausland ist ja nicht einfach. Vielleicht hat er dort den Verstand verloren oder so.“ Ihre Freundin antwortete nicht. Sie war immer noch sehr bleich und ließ sich mitziehen. Schließlich erreichten sie das Café. Viele Plätze waren besetzt. Horden an Kindern vergnügten sich auf dem großen Spielplatz. Zielstrebig ging Bodo Süchteln zu einem Tisch,


an dem ein Mann saß. „Sieh an, er ist tatsächlich verabredet.“ Gerda lachte. „Und schau mal was wir für ein Glück haben, gerade wird der Nebentisch frei.“ Sie zog ihre Freundin mit sich, belegte den Tisch, bestellte zwei Kännchen Kaffee, zweimal Käsekuchen mit Sahne und zwei Gläschen Sherry. „Den können wir jetzt brauchen, Elsbeth, zur Stärkung. Prösterchen.“ „Stößchen“, seufzte Elsbeth. Dann lehnte sie sich vor, stupste ihre Freundin an. „Du hast nie den Paten gesehen, oder?“ „Den Paten?“ Gerda riss die Augen auf. „Wer ist das?“ „Den Film meine ich. Marlon Brando und Al Pacino …“ „Marlon Brando kenn ich natürlich. Endstation Sehnsucht. Was für ein Mann, was für ein Film. Und von wem ist er der Pate?“ „Nicht so laut, Gerda. Nicht so laut.“ Elsbeth sah sich erschrocken um. Bodo saß am Nebentisch und starrte in den Himmel. Der Mann neben ihm telefonierte. Das war anscheinend in Mode. Elsbeth besaß gar kein Handy, sie überlegte, ob sie da etwas verpasste. „Was denn Elsbeth?“ Gerda stach mit der Gabel in den Käsekuchen. „Als Bodo das vorhin gesagt hat, hatte ich ein Déjà vu. Den Satz kannte ich.“


Ihre Stimme wurde tiefer und sie sprach mit einem leichten italienischen Akzent. „Er ist eine gute Anwalt. Keine Sizilianer, aber trotzdem ist er unser Consiglieri – das ist aus dem Film ‚Der Pate’“, wisperte Elsbeth. „Bodo arbeitet in PALERMO, verstehst du?“ „Ich versteh nur Bahnhof.“ Gerda sprach in normaler Lautstärke. Sie ließ sich den Kuchen schmecken. „Mafia, Gerda. Mafia!“ Erschrocken ließ Gerda die Gabel fallen. „Das ist nicht dein Ernst.“ Sie sah zu Bodo. In diesem Moment blickte er zu ihr, lächelte freundlich aber nichtssagend. „Oh Gottohgottohgott. Meinst du wirklich? Mir ist ganz flau. Ich brauch noch einen Sherry.“ „Ich kann den Film mitsprechen, Gerda. Mitsprechen. Mein Neffe hat ihn mindestens tausend Mal gesehen. Zuhause ging es nicht, meine Schwägerin hätte es nie zugelassen. Deshalb kam er zu mir. Drei Video Kassetten hat er abgenutzt.“ Sie räusperte sich, ihre Stimme sank zum Bariton. „Du wareste wie eine Sohn zu mir. Wie konnteste due mire dasse antun?“ „Mafia?“ Gerda winkte der Bedienung. „Mafia.“ Die nächste halbe Stunde saßen sie schweigend da, lauschten angestrengt den Gesprächen am Nebentisch. Die Wespen fielen über den Käsekuchen her, der Kaffee blieb unberührt und wurde kalt. Die beiden rüstigen Damen


umklammerten ihre Sherrygläser. „Wir müssen sie loswerden, Luigi“, sagte Bodo Süchteln mit sonorer Stimme. „Irgendwie.“ „Da hast du wohl recht. Fragt sich nur wie“, antwortete der andere. „Ich bin für den See.“ Bodo nickte entschieden. Elsbeth und Gerda sahen sich entsetzt an. „Da sucht keiner nach. Dort wo der Ruderverein sitzt. Da ist Schwimmverbot, keinem wird es ausfallen.“ „Dasse ist eine gute Idee.“ Der andere sprach mit deutlichem Akzent. Elsbeth zuckte bei jedem Wort zusammen. „Das geht doch nicht. Das geht nun wirklich nicht.“ Gerda verschränkte empört die Arme vor der Brust. „Was?“ Elsbeth beugte sich zu ihr. „Was geht nicht?“ „Wen auch immer sie beseitigen wollen, sie können die Person nicht in den Elfrather See schmeißen. Dort sind Hildegard und Hugo vereint, in trauter Zweisamkeit.“ „Das stimmt. Ich habe den Verdacht, dass Bodo seine Mutter umbringen will. Elfriede kann auf keinen Fall in den See. Sie hat sich nie mit Hildegard verstanden. Hildegard mochte ja lästig sein, aber das hat sie nicht verdient.“ Die beiden Freundinnen lauschten weiter. Das Gespräch schien sich tatsächlich um Bodos Mutter zu drehen. „Nein, Luigi. Egal was ich sage, Mutter wird


sich nicht darauf einlassen. Sie ist alt.“ „So eine Frechheit“, murmelte Gerda. „Elfriede ist zwei Jahre jünger als ich. Das ist doch nicht alt.“ „Sie ist zu alt für Veränderungen“, sprach Bodo weiter. „Außerdem ist sie in den letzten Jahren immer schwieriger geworden. Hat Streit mit allen Nachbarn und so.“ Elsbeth nickte heftig. „Alles was für Mutter zählt ist ihr Garten.“ „Sie hat einen Garten? Umme soe besser. Wir schaufeln eine Loch und … schwupps …“, Luigi lachte. „Gehst du manchmal zu deiner Familie, Luigi?“ Bodos Stimme klang ernst. „Natürlich.“ „Gut. Denn wer nicht wenigstens seine Freizeit bei seiner Familie verbringt, ist kein richtiger Mann." „Da!“, flüsterte Elsbeth aufgeregt. „Das war wieder aus dem Film!“ In diesem Moment stand Luigi auf. „Du wirst eine Lösunge finden, meine Freund. Da bine iche mir sicher.“ Er reichte Bodo die Hand und ging. Gerda schaute auf die Uhr. „Wir müssen auch los. Gleich fährt der Schluff zurück.“ Widerstrebend erhob sich Elsbeth. Langsam und schweigend gingen die beiden rüstigen Damen den Berg hinunter zum Bahnsteig. Viele Familien


folgten ihnen, überholten sie. Eine fröhliche und gelöste Stimmung lag in der Luft, die von Lachen und lauten Stimmen erfüllt wurde. Nur die beiden Damen schwiegen bedrückt. „Ich mag sie nicht.“ Elsbeth räusperte sich. „Ich mag sie wirklich nicht, die Elfriede.“ „Kann ich verstehen.“ „Aber Hildegard und Hugo sollten in Frieden ruhen.“ „Ganz bestimmt.“ Gerda nickte. „Und wenn er sie im Garten vergräbt … ich hätte keine ruhige Minute mehr. Neulich hab ich im Fernsehen gesehen, was Leichengift anrichten kann. Wahrscheinlich würde meine Eibenhecke eingehen.“ „Das wäre eine üble Art der Rache.“ Sie sahen sich an, nickten, gingen weiter. Diesmal stiegen sie gedrückt in den Zug ein. Die Waggons waren gut gefüllt. Auf der Hälfte der Strecke stand Elsbeth auf. „Ich kann nicht mehr sitzen, ich brauche frische Luft.“ Sie ging zur Plattform, schrak zurück. Bodo Süchteln stand dort und starrte in die Landschaft. Gerda war ihr gefolgt. Elsbeth drehte sich zu ihr um. „Hab ich dir eigentlich von Harald erzählt?“, fragte sie mit lauter Stimme. „Harald? Ich kenne keinen Harald.“ „Doch“, Elsbeth zwinkerte heftig, „kennst du. Der Freund von meinem Neffen. Harald Meerbusch.“ „Ach, der Harald.“


Gerda verzog das Gesicht. Sie wusste nicht, was ihre Freundin vorhatte. „Ja, der Harald. Er hatte entsetzlichen Ärger mit seinem Chef.“ „Was du nicht sagst.“ Gerda schaute zu Bodo. Offensichtlich hörte er ihnen zu. „Ja. Der Chef war wirklich schrecklich. Aber nun hat sich das Problem gelöst. Von einem Tag auf den nächsten.“ „Wirklich? Wie denn?“ „Ach, so genau weiß ich das nicht. Harald hat wohl Überstunden gemacht. Jedenfalls war er alleine mit dem Chef in der Firma. Der Chef fing zu streiten an … und nun … er muss wohl gestolpert sein.“ „Harald?“ „Nein, Gerda. Der Chef. Sehr unglücklich ist er gestolpert. Mit dem Kopf auf die Schreibtischkante. Er war sofort tot.“ „So was.“ „Ja, stell dir vor. Harald hatte dann natürlich ein Problem. Wohin mit der Leiche?“ „Ja.“ Gerda lachte. „Das Problem kenn ich.“ „Eben. Harald hätte kein Alibi gehabt. Und es war bekannt, dass sie sich nicht verstanden haben. Ganz dumme Situation.“„Wie hat er es gelöst?“ „Er hat seinen Chef begraben. Nachts. Auf der Autobahn.“ „Was?“ „Ja, auf dem Grünstreifen zwischen den


Fahrbahnen. Da geht niemand mit dem Hund spazieren, es gibt keine Pilzsucher. Ein idealer Ort um eine Leiche zu vergraben. Besser als jeder See oder der Garten.“ Elsbeth sah sich verstohlen um. Bodo Süchteln lauschte interessiert. „Wenn ich eine Leiche loswerden müsste, dann würde ich es dort machen.“ Zufrieden ging Elsbeth in das Abteil zurück und setzte sich. Gerda folgte ihr. „Was für eine grandiose Idee, Elsbeth. Der Grünstreifen der 57. Da kommt nie jemand hin. Das müssen wir uns merken. Aber ich kenn gar keinen Harald Meerbusch.“ „Ich ja auch nicht. War mir gerade so eingefallen. Merken sollten wir uns das. Schließlich hat die Freundin meines Neffen so Probleme mit ihrem Ex. Vielleicht wäre das ja eine Lösung.“ Beschwingt stiegen die beiden rüstigen Damen am Nordbahnhof aus dem Zug. Sie kehrten dort direkt ein und bestellten einen Sherry. Beide hatten das Gefühl es würde ihnen gut tun. Der Sherry wurde gebracht und erleichtert stießen die beiden Freundinnen an. „Prösterchen, Gerda.“ „Stößchen, Elsbeth.“ In diesem Moment trat Bodo Süchteln an ihren Tisch. „Sie sind doch Elsbeth Reinhausen, nicht wahr?“, fragte er lächelnd. „Die Nachbarin meiner Mutter.“


Elsbeth nickte stumm. „Und Sie kenn ich auch. Frau Ruhrort?“ Gerda sah ihn beklommen an. „Nett Sie beide Mal wieder zu treffen. Ich bin zu Besuch hier bei meiner Mutter. Eigentlich arbeite ich in Italien.“ „Ach?“, hauchte Elsbeth. „So so“, meinte Gerda. „Ja. Aber nun bin ich auf Besuch hier. Muss ja manchmal sein.“ Er zog sich einen Stuhl heran, bestellte ein Bier. „Ich habe vorhin im Zug ihr Gespräch verfolgt.“ Elsbeth verschluckte sich, musste husten. „Das war sehr interessant. Es hat mir eine wunderbare Lösung präsentiert. Ich habe nämlich ein Problem.“ Bodo lächelte noch immer. Die beiden rüstigen Damen sahen ihn konsterniert an. „Es ist nämlich so, die Hündin meiner Mutter …“ „Freya“, hauchte Elsbeth. „Genau, Freya. Sie ist gestern gestorben.“ „Ach?“ „Ja. Plötzlich und unerwartet. Meine Mutter trauert zutiefst.“ „Das glaub ich aufs Wort.“ Gerda winkte dem Kellern, bestellte eine weitere Runde. „Genau. Nun passt der Hund nicht in die Mülltonne. Wir müssen ihn entsorgen. Aber für einen Kampfhund hätte meine Mutter eine Bescheinigung gebraucht und ein Führungszeugnis. Das hatte sie nicht. Unser Anwalt sagte, dass sie auch nachträglich ein


Ordnungsgeld zahlen müsse. Deshalb wollte ich den Hund in den See schmeißen. In den Elfrather See.“ Bodo Süchteln lehnte sich zurück, verschränkte die Arme vor der Brust. „Aber das ist so eine Sache. Irgendwann hätte sie Auftrieb bekommen und wäre hoch geschwemmt worden.“ „Quatsch“, sagte Elsbeth. „Beton an den Füßen“, fügte Gerda leise hinzu. Bodo Süchteln zog die Augenbrauen hoch. „Die Damen kennen sich aus? Ich will das gar nicht weiter hinterfragen. Sie haben mir auch so eine Lösung geboten. Autobahn. Grünstreifen. Vielen Dank.“ Er stand auf und zwinkerte den beiden Freundinnen zu. In diesem Moment brachte der Kellner den Sherry.


Die Autorin: Wurde 1967 in Detmold geboren und wuchs in Dortmund auf. Nach einem Studienaufenthalt in den Staaten, studierte sie Anglistik, Literaturwissenschaften und Soziologie an der RWTH Aachen, Mit inzwischen vier Kindern, Haus, Hund, Katze und Hof hat sie ihr Zuhause jetzt am Niederrhein in Krefeld gefunden. Bereits erschienen: „Die Heilerin“ im Aufbau Verlag ISBN 978-3-7466-26850-7 „Die Frau des Seidenwebers“ im Aufbau Verlag ISBN 978-3-7466-2618-5 „Lohn des Todes“ im Aufbau Verlag ISBN 978-3-7466-2665-9 „Echo des Todes“ im Aufbau Verlag ISBN 978-3-7466-2549-2


Verlagsprogramm amative; publisher 2011

Thomas J. Delau Alte Weiber täuscht man nicht ISBN 978-3-942869-00-3 Ulrike Renk Rheinische Morde Geschichten mit Elsbeth und Gerda ISBN 978-3-942869-01-0 Weitere VerÜffentlichungen sind in Planung


Kleine Morde: Rheinische Morde