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Lutherhaus bald 140 Jahre am Schönberg

Sonneberg sucht für das Traditionslokal einen neuen Pächter

A

m 1. und 2. August 1874 wurde am Schönberg bei Sonneberg ein kurz vorher von Judenbach transloziertes Blockhaus als „Lutherhaus“ eingeweiht. Initiator des Festes war der Sonneberger Kaufmann Adolf Fleischmann. Seither gilt das später durch seine Witwe, Amalie Fleischmann, der Stadt Sonneberg geschenkte Gebäude als rustikale Gaststätte und Sehenswürdigkeit von überregionaler Bedeutung.

Zwar konnte der Judenbacher Volksschullehrer Ludwig Hammerschmidt in einer akribischen Untersuchung bereits 1937 beweisen, dass der Reformator Martin Luther 1518 im Gasthof „Drei Kronen“, nicht jedoch in dem nach Sonneberg versetzten Blockhaus übernachtete, eine hinreichend klare Geschichte des Lutherhauses fehlt jedoch bis heute. Dieser Mangel betrifft nicht alleine die Hausgeschichte, sondern auch den historischen Kontext des 1874 veranstalteten „Lutherfestes“. In der lokalen Historiographie bestimmt eine schon ans Gefährliche grenzende Naivität das Geschichtsbild. Luthers Aufenthalt in Judenbach Insgesamt viermal reiste Martin Luther auf der Geleitstraße Nürnberg-Leipzig durch Judenbach, das als wichtiger Etappenort an dieser Fernstraße bereits vor 1441 über einen Gasthof verfügte. Zuerst reiste Martin Luther am 13. April 1518 auf seiner Reise von Wittenberg nach Heidelberg durch Judenbach, wo er auch übernachtet. Den Aufenthalt im Dorfwirtshaus zu Judenbach erwähnte Luther in einem am 15. April 1518 verfassten Brief an seinen Freund Georg Spalatin. Weitere Durchreisen, allerdings ohne Aufenthalt, erfolgten am 26. Oktober 1518 auf der Reise von Augsburg nach Wittenberg sowie am 14. April 1530 auf der Reise von Saalfeld nach Coburg und am 5. Oktober 1530 in umgedrehter Richtung.

Das Gebäude Das heutige „Lutherhaus“ hat Martin Luther nie zu Gesicht bekommen. In seinen Raumstrukturen entspricht es den für die Mittelgebirgsgegend charakteristischen Wohnstallhäusern in Blockbauweise und war nie ein Gasthaus. Dafür ist es alleine in seinen Dimensionen zu klein. Die noch heute erkennbaren Räume werden durch einen hinter dem traufseitigen Zugang angeordneten Flur in den rechts liegenden Wohnbereich und den links angeordneten Stallbereich getrennt. 2004 wurde das Holz des Lutherhauses dendrochronologisch untersucht. Die Datierung ergab ein Fälldatum einzelner Bäume, aus denen die Balken des Hauses geschnitten wurden, zwischen 1552 und 1555. Damit ist das „Lutherhaus“ das älteste datierte Blockhaus im gesamten Frankenwald. Auch in den Landkreisen Kronach und Hof gibt es keine älteren Blockbauten. Umgesetzt wurden 1874 nur Teile des Gebäudes, der gesamte Scheunenbereich – möglicherweise in späterer Zeit entstanden – wurde abgebrochen. Auch einzelne Ausstattungsteile wie die Schiebefenster mit Butzenscheiben und der Kachelofen sind erst 1874 durch Adolf Fleischmann aus anderen Orten angeschafft worden. Um den Ansprüchen an eine moderne Gaststätte gerecht zu werden, wurde das Gebäude im Jahr 1999 durch die Stadt Sonneberg in seinen äußeren Formen mit einem seinem Baustil entsprechenden Anbau erweitert. Bedeutung des „Lutherhauses“ Gerieten die ursprünglichen politischen Ambitionen Fleischmanns bald in Vergessenheit, so war das „Lutherhaus“ doch bereits um 1900 ein Gebäude von hohem Symbolwert, das einerseits für den Reformator Martin Luther und alle damit verbundenen Implikationen des frühen 20. Jahrhunderts, wie national, protestantisch und fortschrittlich, verbunden war, so bot die rustikale Kulisse eines Blockhauses auch eine wirkungsvolle Staffage

für Inszenierung von „Heimat“ jeglicher Art – was immer man darunter auch verstanden hat. Symptomatisch dafür war nicht nur die Tatsache, dass das Lutherhaus bereits frühzeitig zum Postkartenmotiv aufstieg, sondern auch die Gründung des Vereins „Gemä Lutherhaus“ 1910. Der Verein, der die in Thüringen Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommenden Trachteninitiativen aufgriff und möglicherweise auch durch die im selben Jahr entstandene Schaugruppe der Stadt Sonneberg für die Weltausstellung in Brüssel, die heute im Deutschen Spielzeugmuseum aufgestellte „Thüringer Kirmes“, angeregt wurde, war bis in den Zweiten Weltkrieg hinein Träger eines regen kulturellen Lebens um die Gaststätte. Mit „Kirchweih“-Veranstaltungen kolportierten die aus bürgerlichen Kreisen stammenden Vereinsmitglieder ein romantischverklärendes Bild vom Landleben. Zeitgleich mit den Bemühungen der „Gemä Lutherhaus“ ging auch die Instrumentalisierung des Gebäudes als „Luther“-Denkmal der Stadt und des Landkreises Sonneberg einher. 1912 wurde vor dem Gebäude ein Lutherdenkmal eingeweiht und anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Umsetzung von Judenbach nach Sonneberg wurde im August 1924 ein LutherhausGeburtstag mit großem Festumzug veranstaltet sowie am Gebäude ein Holzrelief mit dem Porträt Adolf Fleischmanns von dem Bildhauer Emil Wagner angebracht. Hatte sich die „Gemä Lutherhaus“ noch während der

letzten Kriegsjahre aufgelöst, so trat ab 1945 an die Stelle romantisch-verklärender Trachtenfeste zunehmend ein eher sachlichneutraler Lutherkult, der die historischen Tatsachen berücksichtigend, Luthers Aufenthalt in Judenbach thematisierte. Die amtliche Denkmalpflege – seit 1953 ist das „Lutherhaus“ ein Objekt der Denkmalliste – betrachtete und betrachtet das Objekt in erster Linie als ein volkskundliches Kulturdenkmal. Dies ist das Gebäude als eines der ältesten erhaltenen Blockhäuser im Landkreis ohne Zweifel. Allerdings dürfen wir bei der kulturhistorischen Bewertung des Objektes nicht außer Acht lassen, dass es auch den Umgang der Sonneberger mit Geschichte dokumentiert. Wenn vor einigen Jahren der Kunsthistoriker Ernst Badstübner die Wartburg bei Eisenach als „gebautes Geschichtsmonument“ bezeichnet hat, so kann diese Funktion – allerdings auf deutlich niedrigerem Niveau – auch für das „Lutherhaus“ in Sonneberg gelten. Auch in Sonneberg hat man mit dem „Lutherhaus“ 1874 Geschichte nachgebaut, inszeniert und versucht, tagespolitisch nutzbar zu machen. Eine kritisch-distanzierte Geschichtswissenschaft wird dies ebenso zu würdigen haben, wie den hohen lokalen Symbolwert und den Wert des Gebäudes als Zeugnis der Wohnkultur vergangener Zeiten. Gegenwärtig sucht die Stadt Sonneberg für dieses historische Lokal einen neuen Pächter, der das alte Gebäude mit neuem Leben erfüllt.

Thomas Schwämmlein M. A.

amadeus Magazin 23/2013  
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