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Abendimpuls zum Auftakt der Fastenzeit: Aschermittwoch In einem Hymnus aus dem Stundengebet der Kirche heißt es: Angelangt an der Schwelle des Abends, schauen wir Christus, das ewige Licht, und preisen durch ihn den Vater im Geist. Du bist der Weg, die Wahrheit, das Leben, Abbild und Spiegel des ewigen Vaters. Du bist der Heilige, du unser Herr. Ja, es ist würdig, dich zu besingen, Gottes Sohn, Urheber ewigen Lebens: Die ganze Schöpfung schuldet dir Lob. Angelangt an der Schwelle des Abends, liegen die Lasten und Mühen des Tages hinter uns. Wir können zurückschauen: Was brachte mir dieser Tag an Freude und Leid, an Anspannung und Entspannung, an Arbeit und an Erholung? – kurze Stille – Angelangt an der Schwelle des Abends – das heißt aber auch: der Tag ist noch nicht zu Ende, noch kommt etwas, stehen wir auf der Schwelle: Es kommt die Nacht mit ihrer Dunkelheit und all der Ungewissheit, die Zukunft in sich trägt. Wie will ich diesen Übergang gestalten, wie das Drohen des Dunkels überwinden? – kurze Stille – Wie wohltuend und bergend ist in der Dunkelheit das Licht, tröstlich und wärmend, erhellend und klar: Wir schauen Christus, das ewige Licht, und in ihm grüßen wir den, der allein alle Nächte und Tage erhellen kann mit seinem Glanz. Er, unser Herr, ist Abbild und Spiegel des ewigen Vaters. Wir folgen dem Licht, wo wir ihm folgen in seinem Reden und Tun, und in seinem Licht schreckt uns kein Dunkel mehr. Beten (oder singen!) Sie getrost nochmals in aller Ruhe den vorstehenden Hymnus. Lesen Sie sodann ruhig und konzentriert die folgende Betrachtung:


Bischof Reinhard Lettmann zu einem Wort des Hl. Bernhard: „Nihil sum, sed tuus sum“ (R. Lettmann, Quellen des Lebens, Butzon & Bercker 1991, S. 87 – 89

DAS WORT DES HL. BERNHARD VON CLAIRVAUX: „NIHIL SUM, SED TUUS SUM“ – „ICH BIN NICHTS, ABER ICH BIN DEIN“ MACHT EINE DOPPELTE AUSSAGE ÜBER DEN MENSCHEN. „NIHIL SUM“ – „ICH BIN NICHTS“: AUF DEN ERSTEN BLICK STIMMT DIES NICHT. WIR SIND WER. MIT MANCHEN MENSCHEN RECHNET SOGAR DIE WELTGESCHICHTE. ANDERE STEHEN ZWAR MIT IHREN NAMEN NICHT IN DEN ZEITUNGEN, ABER IN IHREM FAMILIÄREN, GESELLSCHAFTLICHEN ODER BERUFLICHEN UMKREIS SIND SIE DURCHAUS JEMAND. DOCH WIR HABEN UNSERE GRENZEN UND SPÜREN UNSERE GRENZEN. DER PHILOSOPH MARTIN HEIDEGGER WUNDERT SICH DARÜBER, DASS ETWAS IST UND NICHT VIELMEHR NICHTS. WIR MÜSSEN NICHT SEIN. ES KÖNNTE GENAUSO GUT SEIN, DASS WIR NICHT WÄREN. DAS NICHTS BEDROHT UNSER SEIN. WIR ERFAHREN DIES VOR ALLEM IN DER KRANKHEIT UND IM TOD. WIR SIND DER VERGÄNGLICHKEIT UNTERWORFEN. DAS ASCHENKREUZ WEIST UNS AUF DIESE NICHTIGKEIT HIN. DER PRIESTER SPRICHT BEIM AUSTEILEN DES ASCHENKREUZES DIE WORTE: „BEDENKE, O MENSCH, DASS DU STAUB BIST UND ZUM STAUBE ZURÜCKKEHRST.“ ES SIND DIE WORTE, DIE SCHON ADAM HÖRTE UND DIE SEITDEM JEDEM MENSCHEN GELTEN. „IM SCHWEIßE DEINES ANGESICHTS SOLLST DU DEIN BROT ESSEN, BIS DU ZURÜCKKEHRST ZUM ACKERBODEN; VON IHM BIST DU JA GENOMMEN. DENN STAUB BIST DU, UND ZUM STAUB MUSST DU ZURÜCK“ (GEN 3,19). DAS SIND HARTE WORTE, BESONDERS HART FÜR DEN MENSCHEN, DER SEIN WILL WIE GOTT (VGL. GEN. 3,5). „NIHIL SUM“ – „ICH BIN NICHTS“: DIESES WORT ZEIGT UNS UNSERE GRENZEN UND LÄSST UNS BESCHEIDEN WERDEN. DOCH DAMIT IST DER MENSCH NOCH NICHT HINREICHEND BESCHRIEBEN. BERNHARD FÜGT ALS ZWEITE AUSSAGE HINZU: „SED TUUS SUM“ – „ABER ICH BIN DEIN.“ AUCH DER HL. FRANZ SIEHT DIESE BEIDEN SEITEN DES MENSCHLICHEN LEBENS: „EINE ZWEIFACHE ERLEUCHTUNG IST MIR GEGEBEN WORDEN. DEN ABGRUND DER GÖTTLICHEN GÜTE HABE ICH GESEHEN UND AUCH DEN ABGRUND DES NICHTS, DAS ICH SELBER BIN“ (FIORETTI 57). „TUUS SUM“ – „ICH BIN DEIN“: GOTT HAT UNS GESCHAFFEN. NACH SEINEM WILLEN UND UNTER SEINEN AUGEN DÜRFEN WIR ALS MENSCHEN LEBEN. ER HAT UNS ALS SEIN EBENBILD GESCHAFFEN (GEN 1, 27). WIR KÖNNEN „DU“ ZU IHM SAGEN. ER KANN DOCH NICHT WOLLEN, DASS SEIN EBENBILD INS NICHTS HINEINFÄLLT. DESHALB


BETEN WIR MIT DEM PSALMWORT: „TUUS SUM EGO, SALVUM ME FAC“ – „ICH BIN DEIN, ERRETTE MICH“ (PS 119, 94). WIR EMPFANGEN DIE ASCHE IM ZEICHEN DES KREUZES. ES IST ZEICHEN DES TODES UND DES LEBENS ZUGLEICH. INMITTEN DES TODES HAT JESUS ES ZUM ZEICHEN DES LEBENS GEMACHT. WER MIT DEM KREUZ BEZEICHNET IST, DARF IN NEUER WEISE SPRECHEN: „TUUS SUM EGO“ – „ICH BIN DEIN.“ WIR HABEN GEMEINSCHAFT MIT CHRISTUS UND IN IHM GEMEINSCHAFT MIT GOTT. DAS IST EINE GEMEINSCHAFT DES LEBENS. „TUUS SUM EGO“ – „ICH BIN DEIN“: DIESES WORT IST NICHT NUR EINE FESTSTELLUNG, SONDERN ZUGLEICH EINE BITTE UND EIN AUSDRUCK DES VERTRAUENS: „LASS MICH DEIN SEIN. ICH DARF DEIN SEIN. DU ZIEHST DICH NICHT VON MIR ZURÜCK. ICH DANKE DIR, DASS ICH DEIN BIN.“ WER INS NICHTS HINEINFÄLLT, FÄLLT INS BODENLOSE. WER SICH IN DIE GÜTE UND TREUE GOTTES HINEINFALLEN LÄSST, FÄLLT IN SEINE GÜTIGEN HÄNDE. DARUM BETEN WIR VOLL VERTRAUEN: „NIHIL SUM, SED TUUS SUM“ – „ICH BIN NICHTS, ABER ICH BIN DEIN!“

Nach einer kurzen Stille beten Sie den folgenden Liedtext von Huub Oosterhuis: Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr; Fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; Mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm mir doch entgegen! Sprich du das Wort, das tröstet und befreit Und das mich führt in deinen großen Frieden. Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt, und lass mich unter deinen Kindern leben. Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst: Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete. Ans Fasten sind wir nach Fest und Frohsinn gelangt. Wir wollen enthaltsam sein, uns fester Speise und gewohnter Über-Sättigung entsagen. Wir wollen nicht hungern, uns nicht quälen, aber leer werden vom Überfluss und offen sein für Neues:


Ein Bissen Brot, ein Schluck klaren Wassers – kostbare Gefäße des Lebens, deren Glanz wir wieder herstellen wollen für uns in diesen Tagen. „Sei du mein täglich Brot“, haben wir gebetet. Auch dieses lebensspendende Brot gilt es wieder zu entdecken, das uns im Getriebe und Gelärm des Alltags verlorenging, und nach dessen lebensspendender Kraft unsere Seele hungert. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, antwortet Jesus dem Versucher in der Wüste (Mt 4, 4), „sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes hervorgeht“. Nehmen wir diese Weisung und dieses Verständnis Jesu doch auch einmal mit hinein in die so gewohnt gewordene Vaterunser-Bitte „Unser tägliches Brot gib uns heute“: Bitten wir jeden Tag neu um das tägliche Brot für unsere Seele, um ein Wort, das aus dem Munde Gottes hervorgeht. Gönnen Sie sich noch einen Augenblick der Ruhe und des Nachsinnens, und dann sprechen Sie bedächtig und voller Vertrauen das Gebet des Herrn: Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. So segne und bewahre uns Gott, der unsere tägliche Nahrung ist: der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen. Eine gesegnete Fastenzeit wünscht Ihnen Pater Altfried

Abendimpuls zum Beginn der Fastenzeit  

Kleine Hilfestellung zu persönlichem Gebet