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In einem ­­Bächlein helle

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Not Vital

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der berg ruft

06 Zwölf gründe, die Alpen zu lieben Den Himmel bestaunen, fischen gehen, Unikate schnitzen, Liedchen pfeifen, an der Tafel schmausen und die Zeit vergessen Gastlichkeit

14 In einem Bächlein helle Foto: Florian Bachmeier, am Walchensee

Forellen und Saiblinge sind gefragt wie nie. Eine Initiative kam auf die Idee, mit Fischzucht Schwung ins strukturschwache Ötscherland zu bringen Werden und Vergehen

22 SüSSes Früchtchen Die Vorherrschaft von Apfelbäumen und Weinreben hätte der Palabirne beinahe den Garaus gemacht. Ein Glück, dass man im Vinschgau wieder ganz vernarrt in die „Pilli-Palli-Birne“ ist

Das AlpenDelhi

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Mäh!

Zeitgeschichten

24 Jenseits der Stille Wer mit dem Cellisten Mario Brunello auf den Spuren des Ersten Weltkriegs durchs Trentino wandert, kommt auf subtilste Art mit dessen Schrecken in Berührung Handwerk

34 Meister Huckepack Clot Pitsch aus dem Engadiner Val Müstair hat sich auf das wichtigste Gepäckstück der Bergwelt spezialisiert: den Rucksack Mythos

42 Der Segen von Aubet, Cubet und Guerre Seit jeher bittet man im Südtiroler Dorf Meransen drei Heilige Jungfrauen um Hilfe. Ist es tiefer Glaube oder Relikt eines uralten Kultes? ALPSWeg

32 … so blau, so blau Das wilde Aroma von blühenden Lavendel parfümiert unseren Leib und verzaubert sogar unsere Speisen

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50 Gleis ins Eis In acht Stunden einmal quer durch die Schweizer Alpen vorbei an lieblichen Tälern, rauschenden Gebirgsbächen und schroffen Felsen


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Jenseits der Stille

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­ eister M Huckepack

Roman Signer

50 Initiative

Portfolio

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76 Roman Signer

Idealisten sind gefragt, wenn es um Schafhaltung im Hochgebirge geht, denn große Gewinne lassen sich mit den geländegängigen Wolllieferanten kaum erzielen

96 not Vital Die Natur und die aus ihr geschöpften Materialien sind das Spielfeld des Künstlers Not Vital. Obwohl überall in der Welt zu Hause, bleibt er dem Engadin mit seiner Stiftung verbunden

104 Ein Bild von einem See Friedhelm Oriwol hat sich einen Traum erfüllt: In seiner Wahlheimat am Walchensee hat er ein Museum errichtet. Wie viel Historisches und Kunst­ historisches der „Gardasee Bayerns“ bietet, lässt selbst den Museumsgründer immer noch staunen Zugereist

70 Das Alpen-Delhi Engelberg in der Zentralschweiz ist der Sehnsuchtsort indischer Touristen. Ein Besuch während der ­Hauptsaison

Gleis ins Eis

StandarDs

Den Appenzeller Eidgenossen sagt man Witz und Eigenwilligkeit nach. Beides – also pointiert und im schönsten Sinne störrisch – ist auch das künstlerische Oeuvre Roman Signers

S. 03 Editorial S. 04 Inhalt S. 103 Impressum

Visionen

84 Der Mächler von der ­Sonnenalp Im Allgäuer Hotel Sonnenalp haben sich Tradition und zukunftsweisende Technik zusammengetan. Georg Stoß führt in der Technik Regie unterwegs

88 18 Hotels stellen sich vor Kultur

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Ausstellungen, Filme, Bücher, Musik und Termine im Sommer Mitbringsel

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Wer reist, packt ein: ALPS bringt einen Rucksack ... von Übersee

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... so blau, so blau

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Zeitgeschichten

jenseits der

stille

Wer mit dem Cellisten Mario Brunello auf den Spuren des ­Ersten Weltkriegs durchs Trentino wandert, kommt auf subtilste Art mit ­dessen Schrecken in Berührung. Zwischen Ruinen und ­Friedhöfen gibt es vor kleinem Kreis Konzerte mit ­Werken aus einer Zeit, zu der das Alte Europa im ­Haubitzenhagel versank

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magier der erinnerung „Dolomiten des Friedens“ nannte der umtriebige Musiker sein mehr­jähriges Projekt, für das er bis 2018 mit ­wechselnden Ensembles verschiedene Frontabschnitte erwandern will. Die erste Etappe führte durch die Hochebene von Folgaria, Lavarone und Lusern.

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Zeitgeschichten

Text Claudia Teibler Fotos Florian Bachmeier die geborstenen Mauern der habsburgischen Wehranla­ge von Lusern liefern die bizarre Kulisse für die erste Station der drei­tägigen Musikwanderung. Brunello und sein italienischösterreichisches Streich-Sextett spielen Schönberg, Bussoni und späten Verdi. Da nur ­vierzig Zuhörer ­dabei sind, lässt sich jeder Stopp zum Gesprächskonzert ausbauen; die anspruchs­ vollen Stücke werden sorgfältig erklärt.

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ie Malga ­M illegrobbe ist ein friedvolles Stück Erde. Auf den weitläufigen Wiesen grasen die Kühe. Tannenwäldchen ziehen sich die Hügel hinauf. Zwischen den Bäumen duftet es mild nach Steinpilzen. Fliegen brummen. Sonst unterbricht kein Geräusch die hochsommerliche Ruhe. Nicht nur das Almgebiet, das vor hundert Jahren noch „Milligruam“ hieß, die ganze Hochebene von Folgaria und Lavarone gleicht einem alpinen Arkadien: anmutig, sanft, fruchtbar. Selbst im Juli ist richtig brütende Hitze selten; meist streicht ein leichter Wind übers Land. Doch plötzlich, zwischen den Tannen, bekommt das Idyll einen Sprung: Am Abhang türmt sich eine Ruine auf. Gesichtslose Fenster starren in die Bäume. adern schwellen Rostige Stahl­ aus den Rissen im Beton. Hier, im ehemaligen Kampfgraben der Festung Lusern, zwischen Kasemattenblock und umlaufendem Bollwerk, packt Mario Brunello sein Cello aus und schart seine fünf Mitstreiter im Schatten eines Gefechtsstandes um sich. Die Zuhörer setzen sich ins Gras, lehnen die Rücken an die bröckelnden Mauern, hören die ersten Takte von Arnold Schönbergs Sextett „Verklärte Nacht“. Vor dieser Kulisse wirken die schweren Striche der Celli, das getragene Thema der Bratschen und Violinen noch verstörender als im Konzertsaal. Einen intensiveren Auftakt für sein Projekt „Dolomiten des Friedens“ hätte Brunello kaum finden können. Bis einschließlich 2018 will er jedes Jahr ein Stück weit jener Schneise folgen, die der Erste Weltkrieg vor hundert Jahren durch die Südalpen schlug. Diesmal ist das Ensemble zu sechst – drei Streicher

aus Italien, drei aus Österreich. Bei jeder folgenden Veranstaltung sollen es mehr Musiker werden, die mit ihrem Publikum einen Abschnitt der Front erwandern. Jede am „Großen Krieg“ beteiligte Nation soll eingebunden werden. Das Repertoire spiegelt die Gedankenwelt dieser Länder vor und während der Kriegsjahre. Die erste Etappe, untermalt von Schönberg, Bussoni und spätem Verdi, führt in drei Tagen zu fünf österreichischen Forts, die bereits Jahre vor Kriegsbeginn im südlichen Trentino errichtet wurden. Denn der habsburgische Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf hatte schon ab 1905 einen „Präventivkrieg“ gegen Italien propagiert, um dessen Bestrebungen zu ersticken, alles Land südlich der Salurner Klause für sich zu beanspruchen. Jenseits dieser trutzigen Front herrschte trügerische Ruhe; die ärmliche Bevölkerung begrüßte den Festungsbau sogar, bot er doch über Jahre eine sichere zusätzliche Einnahmequelle. Selbst im Sommer 1914, als die ­K.-u.-k.-Monarchie, Deutschland, Frankreich und Russland bereits ihre Armeen mobilisierten, erste blutige Schlachten schlugen und die jungen Männer aus der Region nach Galizien an die Front geschickt wurden, nahm das Landleben noch seinen gewohnten Gang. Wie überall in den Alpen kam es erst mit dem Kriegs­ eintritt Italiens im Mai 1915 zu Kampfhandlungen. Dass die Festungsbauten trotz ihrer über zwei Meter di­ cken Betondecken nur noch als Ruinen erhalten sind, liegt indes weniger an den erbitterten Kämpfen, als an einem Embargo in den 30er-Jahren. Damals wurden in Italien Rohstoffe dermaßen knapp, dass aus den alten Kriegsforts die Stahlträger

und Verschalungen herausgerissen wurden. Einzig das Werk Gschwent, keine fünf Kilometer Luftlinie vom Forte Lusern entfernt, blieb von der Demolierung verschont. Heute beherbergt es ein klug konzipiertes Museum, das das Grauen des Krieges mit Projektionen und MultimediaInstallationen fassbar macht. Die Bilder von der spartanischen Feldküche oder dem verzweifelten Soldaten im Gefechtsstand, der durch die Gänge hallende Geschützdonner und das Maschinengewehr-Geknatter graben sich tief im Kopf ein – und können doch mit der subtilen Wucht, die Brunellos Musikprojekt entfaltet, nicht mithalten. Es ist am zweiten Tag, da spielt das Sextett auf den Ruinen eines Haubitzenstandes von Forte Cherle die wohl beklemmendsten Passagen der „Verklärten Nacht“. Mit dieser Komposition vertonte Schönberg 1899 ein zeitgenössisches Gedicht, in dem eine Frau ihrer neuen Liebe gesteht, dass sie von einem anderen ein Kind erwartet. Der Moment des Geständnisses ist musikalisch mit so viel lähmender Angst gezeichnet, dass man selbst Pizzicati empfindet wie Gewehrschüsse. Reflexhaft duckt man sich weg – was auch der kleinen Führung geschuldet ist, zu der der Historiker Fernando Larcher die Wagemutigeren unter den Teilnehmern eingeladen hatte. Es ging in die „Eingeweide“ des Forts, durch unterirdische Wehrgänge, die den Hauptkomplex mit den vorgelagerten Geschützständen verbinden. Im Prinzip unterscheiden sich diese Gänge nicht groß von jenen im Werk Gschwent: Auf steilen Treppen geht es tief hinab, dann e­ ndlose Tunnel entlang, und schließlich über steile Stiegen irgendwo ­außer Sichtweite des Hauptforts ans Tageslicht. Eine solche Tour 03 2014 . alps

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Handwerk

Meister

· HUCKEPACK Clot Pitsch aus dem Engadiner Val ­Müstair hat sich auf das wichtigste ­Gepäckstück der Bergwelt spezialisiert: den Rucksack. Seine Modelle sind schön, durchdacht – und so bequem, dass man sie beim Wandern erst wieder wahrnimmt, wenn man die Gipfelbrotzeit auspacken will

B

estickte Riemen für Kuhglocken, Kummets für Pferdefuhrwerke, Damentaschen, Gürtel, Halfter, Peitschen ... In dem kleinen Ladengeschäft der Sattlerei Pitsch in Müstair, gleich jenseits der Grenze zwischen Vinschgau und Engadin, drängt sich alles, was die eine Etage tiefer gelegene Werkstatt so produziert. Irgendwo an der Treppe hängen auch ein paar Rucksäcke. Dass man hier bei einem wahren Spezialisten dieses Fachs gelandet ist, würde auf den ersten Blick aber niemand vermuten. Und doch hat Clot Pitsch sogar Kunden, die aus Deutschland oder Frankreich anreisen. Denn er arbeitet von Hand und nach persönlichen Wünschen. Wer je, auch nur zur Probe, einen seiner Präzisionssäcke auf dem Buckel gehabt hat, gibt ihn nur ungern wieder her. Nichts drückt, nichts zieht. Kaum hat man ihn umgeschnallt, vergisst man (zumindest bei moderater Beladung) dass er überhaupt da ist. Auch die optische Erscheinung der meisten Pitsch-Rucksäcke setzt eher auf Unauffälligkeit als auf Knalleffekte. Zwar liegen in einem entlegenen Regalfach auch Modelle in Quietschblau oder Knallrot, die meisten jedoch sind eher dezent dunkelblau oder tarngrün. Dafür aber wurden sie in ihrem Aufbau, ihrer Ausgestaltung und Ausstattung durchdacht bis in die kleinste Reißverschlussabdeckung. Denn Clot Pitschs Erfahrung mit dieser Art von Gepäckstücken ist nahezu grenzenlos; der 51-Jährige näht sie, seit er als Halbwüchsiger seine Ausbildung zum Sattler begann. Bis vor wenigen Jahren arbeitete er allerdings nach streng vorgegebenen Formen: ein Hauptstand03 2014 . alps

Text Claudia Teibler Fotos Frieder Blickle puzzlespiel Ein einfaches ­Konstrukt ist so ein Pitsch-­Rucksack definitiv nicht: Selbst für eine eher schlichte Variante ­verarbeitet der ­Sattler über ­hundert Einzelteile (links).

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handwerk

Die Urform des Rucksacks ist die Kraxe. Wer ihn neu erfinden will, muss sich auf sie zurückbesinnen

farbenfroh oder dezent – Clot Pitsch hat beides im Repertoire. Allerdings spielt die optische Erscheinung für seine Kunden die geringste Rolle. Wichtig ist die Ausstattung – und die Langlebigkeit des Stücks.

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bein des Betriebs war, seit Pitschs Eltern die Werkstatt 1958 gründeten, die Anfertigung von Militärrucksäcken. „Vor einigen Jahren hat die Schweizer Armee jedoch entschieden, die Ausstattung für die Soldaten nicht mehr im Inland anfertigen zu lassen, sondern kostengünstiger im Ausland zu beschaffen“, erzählt Pitsch. „Nun musste ich mir etwas einfallen lassen. Denn als kleiner Handwerksbetrieb in einer so abgelegenen Gegend zu überleben, ist nicht einfach. Also haben wir uns auf das besonnen, worin wir die größte Kompetenz besitzen.“ In einem ersten Schritt begann der versierte Sattler, über den Aufbau eines Rucksacks völlig neu nachzudenken: „Wie kann man ihn so flexibel gestalten, dass er für eine große Kundengruppe – nämlich Jäger – so vielseitig wie nur irgend möglich einsetzbar ist? Dass er Platz für die Jagdutensilien bietet, sichere Fixierungen für das Gewehr und auch gute Transportmöglichkeiten für erlegtes Wild?“ Die Wander- und Tourenrucksäcke, die Pitsch anbietet, sind praktisch Weiterentwicklungen aus den verschiedenen Prototypen für Jagdrucksäcke alps . 03 2014

– „denn im Prinzip“, sagt Pitsch, „gibt es da keine großen Unterschiede.“ Er brütete über den besten und leichtesten Materialien (für ihn der Nylonstoff Cordura, sowie LKW-Planen für den Boden), und experimentierte herum, wie man den Grundaufbau verändern müsse, um besonders großen Tragekomfort zu gewährleisten. Dazu führte er den Rucksack auf seine ursprüngliche Gestalt zurück: die Kraxe, auf die verschiedenste Dinge aufgeladen werden können. Aus ihr entwickelte er eine „Grundtrageeinheit“ mit Rückenschienen aus Glasfasern, der Körperform angepassten Trägern, Hüftgurten und einem vier Zentimeter dicken Nierenpolster. Diese Komponenten sorgen dafür, dass der Schwerpunkt am oberen Ansatz der Träger bleibt, und der Rucksack gut anliegt. Gleichzeitig sorgt das Nierenpolster unten für so viel Abstand zum Rücken, dass viel Luft zirkulieren und übermäßiges Schwitzen verhindern kann. Diese Grundtrageeinheit gibt es in drei verschiedenen Größen – „auch Menschen über 1,90 sollen nicht mit einem Rucksack herumlaufen müssen, der viel zu tief sitzt und ins Kreuz drückt“,


Handarbeit ist für die Halt­ barkeit das A und O. Genäht wird mit der Maschine oder der Ahle; der Zuschnitt von Details erfolgt mit dem „Halbmond“.

Anreisser Benton BU osside ten culparion uta eos nestem quiasit dus, soluptaquo perroum siti untera Equo invel eatint. Benton BU osside ten culparion uta eos nestem (links).

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GlEIS ins EIS


AlpsWeg

Text Frieda Cossham Fotos Jan Schuenke

Abfahrt St. Moritz ist der Ausgangspunkt der Reise. Reservierte Sitzplätze sind Pflicht, genauso wie beizeiten auf dem Bahnsteig zu sein. Die Rhätische Bahn wartet nicht, sie gilt als Vorbild für Pünktlichkeit. Linke Seite: Blick vom Rothorn aufs Matterhorn.

Unvergesslich bleibt für ALPS-Autorin Frieda Cossham ihre Panoramafahrt im legendären Glacier Express. Der langsamste Schnellzug der Welt führt in einer Tagesreise von acht Stunden einmal quer durch die Schweizer Alpen vorbei an lieblichen Tälern, rauschenden Gebirgsbächen und schroffen Felsen. Die Fahrt endet schließlich in Zermatt: Dort wartet das Matterhorn, der Pate aller Berge 03 2014 . alps

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Eine Streckenführung wie im Karussell, und artistisch ist sie, die Fahrt in Schleifen, durch Tunnel und über Viadukte

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uf dem Gipfel des Rothorns steht ein Mann und schaut. Sein Blick geht in die Ferne und trifft auf eine Pyramide aus Fels, 4478 Meter hoch, die Spitze schneebedeckt. Er schweigt. Dann lässt er sich fotografieren, jemand ist so freundlich. Er weiß, wie das Motiv aussehen wird. Er kennt es von den Postkarten, die er gesammelt hat. Dieses Mal wird auch er auf dem Bild sein. Der Mann vor dem Matterhorn, er kommt aus Frankfurt, sagt: Das ist der schönste Berg. Oder kennen Sie einen schöneren? Mir fällt keiner ein. Und ich begreife, dass ich angekommen bin. Nach acht Stunden Zugfahrt, 291 Brücken und 91 Tunneln blicke ich auf einen Berg, der zwischen 37 anderen Viertausendern ein Solo spielt. Sonntag in St. Moritz, zehn Uhr zwei, Abfahrt des Glacier Express. Niemand träumt von einem Solo, es geht erst mal um Sitzplätze. Jeder in den Panoramawagen der ersten Klasse hat reserviert, das ist Pflicht. Die Sonne leuchtet das Gewusel aus, sie scheint oben durch die Fensterschrägen, durch die man die Bergspitzen sieht. Und möglichst viel sehen wollen alle – die Japaner, die Deutschen und Schweizer in Waggon 21. Wir werden Gletscher und Viadukte fotografieren, uns fragen, warum manche Flüsse grau, andere braun sind. Wir werden im „langsamsten Schnellzug

Passagiere jeder Couleur trifft man im Zug. Deshalb wird die Strecke in verschiedenen Sprachen über Kopfhörer erklärt. Und wer die nicht aufsetzt, hört nur Ah und Oh.

Notizen Chur

Davos

Andermatt Disentis Visp

Brig St. Moritz

Zermatt

Der Glacier Express fährt zwischen Mai und Oktober mehrmals täglich von St. Moritz oder Davos nach Zermatt, in den Wintermonaten einmal. Eine Fahrt dauert acht Stunden und kostet in der ersten Klasse mit Panoramafenstern 195,40 Euro, in der zweiten 111,50. Der Zug ist reservierungspflichtig. Informationen zur Strecke und Buchung über glacierexpress.ch, im Reisebüro und am Schalter der Bahn.

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der Welt“ – mit diesem Slogan wirbt der Glacier Express – über die Berge staunen, über ihre Kraft und die der Menschen, die sich zwischen ihnen behaupten. Wir werden ein Stückchen Schweiz begreifen und vielleicht auch uns selbst. Ohne Vorwarnung rollt der Zug der Rhätischen Bahn los Richtung Chur, während die Reiseleitung der Japaner den Gang auf und ab läuft. Sie öffnet Wasserflaschen. Sammelt Müll. Verteilt selbst gemalte Skizzen. Ich muss stehen. Die Berge ziehen mich hoch, ich möchte ihnen begegnen und kann das nur im Stehen, so hoch und weit ist die Landschaft hinter den Scheiben. Als stünden wir im offenen Viehwagon und der Wind fehlte. Wir passieren saubere Bahnsteige. Eine Männerstimme erklärt über Kopfhörer, die bereit liegen, woher der Name Engadin kommt: Er ist abgeleitet von dem rätoromanischen Namen des Flusses Inn, En, dem wir flussaufwärts folgen. Ein Wohngebiet, Gärten, Terrassen ohne Gerümpel. Besen, die an Haken hängen, gekehrte Auffahrten, Zwiebeltürmchen, Weißgetünchtes. Die Schweiz, ein sauberes Land. Und alle machen mit, denke ich. Auf dem Weg vom Oberengadin ins ­Domleschg führen uns die Schienen nordwärts durch das Val Bever, ein Seitental des Engadin. Es geht bergauf. Wir fahren zwischen Almwiesen, auf d ­ enen sich hüfthoher Sauerampfer, Klee und ­Wilde Möhre wiegt. Satt ist die Natur. Dann wird es dunkel. Der Albulatunnel ist fast sechs Kilometer lang, er ist der höchstgelegene Bahntunnel der Alpen und wurde 1903 eröffnet, 16 Menschen ­starben bei den Bauarbeiten. Die Opfer, auch das: Kein Sieg ohne sie, nicht hier am Felsen. Die Gefahr folgt der Schönheit wie ein Schatten. Wir fahren in die Albulaschlucht, die zum Kanton Graubünden gehört. Die 61 Kilometer lange Strecke wurde ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen. Die Japaner rufen Ah und Oh, sie stehen, die Apparate in der einen Hand, die andere sucht Halt. Auch ich stehe wieder, sage: wie schön, bis das nicht mehr reicht, sage: unglaublich, verstumme, weil es l­ächerlich klingt und schaue. Wieder ein kollektives Oh, doch diesmal sind nur Kühe gemeint. Gibt es in Japan keine Kühe? fragt eine deutsche Touristin irritiert. Eine Streckenführung wie im Karussell, sagt der Mann über die Kopfhörer, er meint die Albulalinie. Manche nennen sie auch den Albula-Zirkus, und artistisch ist sie, die Fahrt in Schleifen, durch Tunnel, über Viadukte. Nach zwanzig Minuten windet sich der rote Zug in Kehren hinunter zum Ferienort Bergün. 1952 wurde hier ein Teil des Heidi-Films gedreht.


AlpsWeg


Initiative

Idealisten sind gefragt, wenn es um Schafhaltung im Hochgebirge geht. Große Gewinne lassen sich mit den geländegängigen Wolllieferanten kaum ­erzielen. Doch die Alpen sähen ohne die vierbeinigen Landschaftsgärtner völlig anders aus

MÄH! Bis Zum UnESCOWeltkulturerbe hat es der alljährliche Schafsübertrieb aus dem Passeierund Schnalstal ins ­Ötztal gebracht (hier: am Timmelsjoch). Dort betreiben die Paarhufer aktive ­Pistenpflege.

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Foto: Ă–tztal Tourismus/ Maren Krings


Initiative

Liebe zu tier und Tradition ist die Hauptmotivation für v Primoz Muri, Schafe zu halten. Ohne das Engagement von Menschen wie ihm wären Rassen wie das Jezersko-­ v Solcava-Schaf, aber auch viele andere rare Gebirgsschafe längst verschwunden (rechte Seite, unten).

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Vor hundert Jahren gab es im Tal an die 300.000 Schafe. Überall, wo heute der Wald wuchert, waren Viehweiden dass seit Jahrhunderten genutztes Weideland wieder zuwuchert. Ohne Schafe kann man den e­ rsten Büschen buchstäblich beim Wachsen zusehen, und wenige Jahre später steht man im Wald.“ Das Resultat einer solchen Rückeroberung sieht Muri jedes Mal, wenn er die Haustür aufmacht. „Wären die Schafe wie ehedem zu Tausenden auf die Hänge geschickt worden, die Bäume hätten sich niemals so weit ausbreiten können.“ Um die jahrhundertealte Kulturlandschaft zu bewahren, unterstützen die meisten Staaten im Alpenbogen Schafbauern und helfen damit auch, Rassen zu erhalten, die sonst längst verschwunden wären: die Brillenschafe mit ihren dunkel umrandeten Augen, die lustigen Schwarznasenschafe, aber auch die schlicht weißen oder braunen Bergschafe … Muri hatte Glück, weil seine Jezersko-Solcv ava-Schafe enge Verwandte des Kärntner Brillenschafs sind. Schon 1997 kam er in den Genuss von Fördermitteln für ein grenzübergreifendes Projekt. Motor dieser österreichisch-­ slowenischen Kooperation war der vielleicht findigste Schafrassenretter im ganzen Alpenraum, Friedhelm Jasbinschek. Der pensionierte Angestellte des österreichischen Bundesheers sitzt auf der Terrasse des Familienhofs Sereinig im idyllischen Kärntner Bodental, gut zwanzig Kilometer südlich von Klagenfurt. Zufrieden schaut er auf den in der Abendsonne liegenden Hang, über den im Winter ein altmodischer Schlepplift klappert. Gerade kommen die Schafe

Fotos: Yorick Carroux (2)

Text Claudia Teibler

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ls mein Großvater Kind war, gab es hier nirgendwo Wald“, erzählt Primož Muri. Ein bisschen schmunzelt der Tierarzt aus dem abgelegenen Ravenska Kocv na-Tal im Norden Sloweniens über die ungläubigen Gesichter seiner Besucher. Denn wo diese auch hinsehen, ziehen sich Tannen und Fichten von den Felsen der Steiner Alpen und ­K arawanken dicht an dicht bis hinunter ins Tal. Auch unmittelbar hinter Muris Bauernhof in der Nähe des Dörfchens Jezersko beginnt der Wald. Lediglich der Talgrund ist freies Weideland geblieben, alle Hänge sind völlig zugewachsen. Plötzlich bimmelt es: Zwischen den Bäumen bricht eine Gruppe Schafe heraus, trabt über die Wiese, sucht dann im Schatten einer riesigen Buche wieder Schutz vor der stechenden Sonne. „Wir bauen gerade einen neuen Stall, deswegen sind die Tiere heuer nicht oben in den Bergen“, erklärt er. „Aber eigentlich sind sie dort im Hochsommer viel besser aufgehoben.“ Denn die Schafrasse, die Muri züchtet, das Jezersko-­Solcv ava-Schaf, ist das perfekte Hochgebirgstier, und als solches eher ­ an die frischen Temperaturen auf 2000 Metern gewöhnt, als an Mittagshitze und stehende Luft im Tal. „Außerdem sind den Schafen die Böden hier unten viel zu reich – sie brauchen als Futter Pflanzen, die auf kargen Böden wachsen.“ Die Tiere leben völlig eigenständig: „Sie werden im Frühjahr hinaufgebracht, im Herbst wieder geholt; in der Zwischenzeit sind sie für sich, ohne Hirten – das hat man von alters her so gehandhabt.“ Einst waren es 300.000 Schafe, die auf den ­Hängen des Ravenska Kocv na-Tals grasten. Zwar gibt die Rasse kaum Milch, doch sie liefert Wolle und frisches Fleisch, „ohne dass man deshalb gleich einen ganzen Ochsen schlachten muss“, lacht Muri. Beides spielt für die Landwirte um Jezersko heute kaum noch eine Rolle: „Schaf- und Lammfleisch sind in Slowenien verpönt; nur unsere Feriengäste freuen sich, wenn wir welches auf den Tisch bringen. Und die Wolle kann man praktisch nicht verkaufen. Wer sich Schafe hält, tut dies aus Liebe zu den Tieren, und wegen der Traditi­on – ums Geld geht es niemandem.“ Entsprechend wenige Gesinnungsgenossen findet der Landwirt und Veterinär: Gerade mal 300 Schafe leben heute rund um Jezersko; Primož Muri gehören 25 davon. Allerdings denkt er darüber nach, seine Herde zu vergrößern, um sich peu à peu weitere Weiden für seine Kühe zu erschließen. „Die Schafhaltung hat einen Nebeneffekt, der von den Meisten erst wahrgenommen wird, wenn er wegfällt: Sie verhindert,


Wenn die schafe fort sind, kommen B체sche und B채ume zur체ck. Im Ravenska v Kocna-Tal reichten die Wiesen einst bis zur Baumgrenze. Heute sind alle H채nge dicht bewaldet.

Tiroler Bergschaf

Brillenschaf Walliser Schwarznasenschaf

Braunes Bergschaf

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Zugereist

Engelberg in der Zentralschweiz ist der Sehnsuchtsort indischer Touristen. Ein Besuch w채hrend der Hauptsaison

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ubin Bejan Contractor ist ein ungeduldiger Mann. Besser gesagt: Zubin Bejan Contractor muss ein ungeduldiger Mann sein, denn diese Eigenschaft ist Berufsvoraussetzung für ihn. An einem Morgen im Mai steht der Reiseleiter, seinen Rucksack geschultert, am Rand des Frühstücksbuffets und blickt über viele Köpfe hinweg in den Saal. Ende dreißig ist er und groß, mit dunklem, gestutztem Schnauzbart. Seine Augen sind gerötet, sie wirken müde. An großen runden Tischen sitzen viele seiner indischen Landsleute unter einer hohen Stuckdecke und lassen sich das Frühstück schmecken. Es gibt Sambar und Medu Vada. Das eine ist eine gelbe Sauce, in der viele rote Chilischoten schwimmen, das andere sieht aus wie frittierte Donuts. Sambar wird in eine Müslischüssel gegossen und mit Medu Vada aufgetunkt. „Das ist ein völlig schandhaftes Verhalten“, sagt Zubin leise und schaut auf die Uhr. In zwei Minuten ist es drei viertel acht. Zu diesem Zeitpunkt müssten seine Gäste bereits das Jugendstilhotel Terrace verlassen und die kleine, hoteleigene Zahnradbahn besteigen. Nur so könnten sie pünktlich um acht unten in Engelberg mit dem Bus losfahren. Stattdessen muss Zubin nun zusehen, wie Teile seiner Reisegruppe sich noch jetzt in aller Seelenruhe an die Tische setzen, um ihr indisches Frühstück einzunehmen.

Es ist Tag sechs der 17-tägigen „Classic Tour of Europe“. Am Abend zuvor ist die 35-köpfige Gruppe in der Zentralschweiz angekommen, im Bergdorf Engelberg auf 1000 Metern Höhe. Es hat geschneit – im Mai! Vorher waren sie in London, Brüssel, Amsterdam, Köln, Heidelberg, in Titisee im Schwarzwald und am Rheinfall in Schaffhausen. Heute steht der Höhepunkt auf dem Programm: Fahrt mit der Seilbahn auf den „Mount Titlis“, mit 10.000 Fuß der höchste Berg der Zentralschweiz – so verspricht es der Prospekt des Veranstalters SOTC. Er verspricht auch viel Zeit, um „im Schnee zu spielen“ und, mit das Wichtigste, einen indischen Lunch im Bergrestaurant. Weitere Tagesordnungspunkte sind die Besichtigung einer Schaukäserei, einer Glasbläserei, das Löwendenkmal in Luzern, Einkaufen in Luzern und eine Bootsfahrt auf dem Vierwaldstätter See. Ein langer Tag also, aber man müsste halt mal los. Zubin geht nun von Tisch zu Tisch, stupft die Leute von hinten ziemlich unsanft an und sagt Dinge in indischen Sprachen, die nicht sehr freundlich klingen. Manche seiner Gäste machen abwehrende Handbewegungen. Andere ignorieren ihn. Als schließlich alle im Bus sind, ist es eine halbe Stunde später als geplant. Sehnsüchtig blickt der Reiseleiter einem Bus mit NRIs nach, der pünktlich auf die Minute abgefahren ist. NRIs, erklärt Zubin, sind Inder, die im Ausland, vor allem in den USA und Kanada wohnen. „Sie kennen den Wert 03 2014 . alps

Text und Fotos Hans Gasser Flachland­ schweizer Pardon, Inder! Im NostalgieFoto­studio am Gipfel des Titlis lassen sich die indischen Touristen alpenländisch ­verkleiden und ablichten. Eine Erinnerung an den Höhepunkt ihrer Reise.

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Zugereist

Unternehmer, Ärzte, Anwälte Nur der gehobene Mittelstand kann sich eine Europareise leisten. Weil die ­Tanz­szenen in Bollywoodfilmen oft auf Schweizer Almwiesen vor schneebedeckten Bergen spielen, wollen die indischen Gäste all das einmal in ihrem Leben sehen.

der Zeit und die Kultur der Pünktlichkeit.” Nach zehn Minuten ist die Talstation erreicht. Der Busfahrer ist Ostdeutscher. „Letztes Jahr hab ich Chinesen gefahren, dieses Jahr eben Inder“, sagt er. „Mal sehen, wie’s wird.“ Zurzeit sind 24 Busse mit Indern im Dorf. Mai und Juni ist Hauptsaison. Das Hotel Terrace am Sonnenhang oberhalb von Engelberg ist mit 350 indischen Gästen fast ausgebucht. Würde man jemanden mit verbundenen Augen in das alte Hotel bringen, er könnte meinen, in Kaschmir gelandet zu sein. Rund 57.000 Übernachtungen indischer Gäste haben sie in Engelberg 2013 gezählt, nur in Zürich sind es mehr. Die Engelberger haben früh den wachsenden indischen Tourismusmarkt beackert, sie haben Dutzende Bollywood-Regisseure auf grüne Kuhweiden oder auf den Gletscher des Titlis geführt, damit diese dort ihre Herzschmerzfilme drehen konnten. Aber vor allem haben sie das Glück gehabt, dass Kuoni, der größte Schweizer Reiseveranstalter, SOTC gekauft hat, den größten indischen Reisever­anstalter, und damit zum Marktführer in Indien wurde. Die Leute von Kuoni hatten auch die Idee


gehabt, aus dem leer stehenden alten Kurhotel Terrace eine Art „Indian Village” zu machen. Die Bergbahnen, denen das Hotel gehört, speziell ihr damaliger Direktor Albert Wyler, fanden, das sei eine gute Idee. Denn er kannte die Totenstille eines Schweizer Skiortes in den Monaten April, Mai, Juni. „Wer will denn schon in diesem Matsch Urlaub machen?“ fragt Wyler. Der ehemalige Bergbahndirektor schaut aus dem Fenster: Draußen ist alles weiß, die Temperatur liegt knapp über Null Grad. „Wir sehen das und sagen: Scheiße! Die sagen: wonderful!“ Wylers Weitsicht ist es zu verdanken, dass der Titlis heute eine Marke in Indien ist. Er hat auch schnell begriffen, dass man „der etwas speziellen Klientel“ eben das bieten müsse, was sie brauche: „Inder brauchen indisches Essen. Wenn sie das nicht kriegen, dann holt die Mama den Bunsenbrenner raus und eine Büchse Curry und kocht auf dem Zimmer.“ Damit das nicht passiert, kochen im Hotel Terrace und im zugehörigen Bergrestaurant sieben eigens engagierte indische Köche original indisches Essen.

„Wir sehen den Schnee und sagen: Die Inder sagen: wonderful!“ AlbScheiSSe! ert Wyler

Die Seilbahn hat nun die Spitze des Titlis erreicht, 3238 Meter über dem Meer. Zubins Gäste sind alle da. Sie haben freudig aus dem Fenster geschaut, fotografiert und gefilmt, obwohl da nur ein weißes Einerlei vorüber zog. Wegen des schlechten Wetters von Panorama keine Spur. Die Inder stört das nicht. Manch älterer Herr hat zur Sicherheit schon in der Bahn eine wollene Sturmhaube aufgesetzt, manch ältere Frau trägt Sari, Socken und Sandalen, dazu nur eine dünne Windjacke. Minus zehn Grad haben sie frühmorgens auf dem Titlis gemessen. Bevor sich Zubin mit seinen Reiseführerkollegen ins Bergrestaurant verzieht, bläut er der Gruppe mit ernster Miene Uhrzeit und Treffpunkt ein. Dann werden sie drei Stunden auf den Gletscher entlassen. So viel Freizeit bekommen

, Bergbahndirektor

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O NT VITAL Initiative

Foto: Alexandra Pauli for St. Moritz Art Masters

Die Natur und die aus ihr geschöpften Materialien sind das Spielfeld des Künstlers Not Vital. Obwohl überall in der Welt zu Hause, bleibt er dem Engadin nicht zuletzt mit seiner Stiftung verbunden, die rätoromanische und ladinische Bücher aus dem 17. und 18. Jahrhundert aufspürt und ins Engadin zurückführt

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Heimspiel Am Ortsrand von Sent kaufte Not Vital einen Park, in dem er seine Werke platzierte. Der „Parkin Not dal Mot“ kann auf Anfrage besucht werden.

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Initiative

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Not Vitals Häuser sind poetisch, weil sie schlafen können oder im Boden verschwinden, und weil man in ihnen die Natur erfährt

Fotos: Alexandra Pauli for St. Moritz Art Masters (1), Eric Gregory Powell (1)

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ent, eine 900-SeelenGemeinde im Unterengadin. Das Bergdorf, in dem die rätoromanische Sprache noch lebendig ist, thront wie auf einer Sonnenterrasse mit Blick auf majestätische Berge. Hier ist der Bildhauer Not Vital aufgewachsen. Und hierher kehrt er immer wieder zurück. „Ich fühle mich vom Engadin immer angezogen“, bekennt sich Vital zu seiner Heimat. „Der Weg hierher fühlt sich immer wie die richtige Richtung an.“ Not Vital – übrigens kein Alias, sondern ein Name rätoromanischen Ursprungs – ist ein Mann der leisen Töne. Sparsam und mit sanfter, sonorer Stimme wählt er seine Worte. Manchmal scheint er sich selbst zu bremsen, so als wolle er vermeiden, den Zuhörer mit zu vielen Details aus seinem Gedankengut zu überfordern. Wie komplex, reich an Originalität und skurril seine Gedanken tatsächlich sind, bezeugen seine „architektonischen Skulpturen“, aufgeladen mit subtilem Humor und nicht zu wenig Sinnlichkeit. Zum Beispiel seine „Portraits“ (2007) berühmter Persönlichkeiten. Das sind immer je zwei aufeinander liegende Silberquader, deren Abmessungen vom jeweiligen Geburtsdatum der

Person bestimmt werden. Bei „Arnold Schönberg“ etwa, dem am 13.9.1874 in Wien geborenen Komponisten, misst der obere Quader 13 x 13 x 9 cm, der untere 18 x 18 x 74 cm. Für jede Person ließe sich so eine individuelle Skulptur errichten. „Was mich interessiert, ist die Idee, das Ausführen ist nicht meine Sache“, sagt Not Vital. Seine Arbeiten lässt er deshalb von Spezialisten fertigen – weltweit. So hat er die „Portraits“ in die Hände von Silberschmieden in der Handelsstadt Agadez im Niger, mitten in der Sahara, gelegt, ebenso wie die Arbeit „Camel“, Vitals vielleicht bekannteste Schöpfung: Sie besteht aus 16 Silberkugeln, die ebenfalls jene Silberschmiede mit getrockneten Überresten eines toten Kamels füllte. „Hätte ich die Kugeln leer gelassen“, erklärt Vital, „hätten das die Touaregs gar nicht verstanden. Aber sie mit Reliquien eines Kamels zu füllen, das ergab für sie einen Sinn.“ Chinesische Handwerker in Peking indes fertigten die großflächige, aus hundert chromstählernen Lotosblumen bestehende Installation „Lasst hundert Blumen blühen“. Dieser Titel ist einem Propagandaslogan Mao

Zedongs entnommen, mit dem dieser 1956 mehr Gedanken- und Diskussionsfreiheit in der Partei forderte. Der darauf folgenden Kritik begegnete er mit einer brutalen Unterdrückungskampagne, die 520.000 Opfer forderte. So liegen denn auch die Lotosblumen, östliches Symbol für geistige Freiheit und Entfaltung, dahingemäht über den Boden verteilt – ein starkes Bild. Skulpturen von Not Vital, so minimalistisch sie sein mögen, sind alles andere als oberflächlich. Mittlerweile pendelt Not Vital zwischen New York, Agadez, Peking, Chile – und Sent. „Ich brauche diese Extreme für meine Arbeit“, sagt der Künstler. Er ist überzeugt, niemals dort anzukommen, wo er den Rest seines Lebens verbringen wollte. „Die Engadiner wanderten schon in früheren Jahren als Söldner und Zuckerbäcker nach 03 2014 . alps

Text Ute Watzl Wasserspiele Der Blick aus dem „Haus am Fluss“ (2004) setzt die Natur in einen Rahmen, der sie zum Kunstwerk erhebt.

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