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Gastlichkeit

gehaltvoll Was im Agriturismo La Polentera dampfend auf den Tisch kommt, stammt aus dem eigenen Anbau und ist sehr gesund: Während der aus der Ebene stammende Maisgrieß oft ein Nebenprodukt der Keimölherstellung ist, wird in Storo das volle Korn vermahlen.

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herr giovanellis

gespür

für

mais

Als alle anderen ihre Felder längst brachliegen ließen, setzte ein umtriebiger Landwirt wieder auf das „Rote Gold“ von Storo. Inzwischen ist die Polenta aus dem Trentino eine anerkannte Delikatesse, ebenso wie der ­„gläserne“ Grieß aus dem lombardischen Camonica-Tal

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Gastlichkeit

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gelingt Polenta besonders gut. Weitere Grundzutaten sind Sorgfalt, Fleiß, 500g Maisgrieß und 2 l Salzwasser. Letzteres zum Kochen bringen, Polenta mit einem Schneebesen unterschlagen, bis sich ein dicklicher Brei bildet. Hitze reduzieren, 1/2 Stunde mit einem Holzlöffel weiterrühren. Mit Käse und geschmolzener Butter servieren.

o viele Jahre hat Vigilio Giovanelli nun schon mit Mais zu tun, doch seine Begeisterung hat noch immer nicht nachgelassen. Er greift in einen Korb mit frisch geernteten Kolben, nimmt zwei heraus und streift die gelben Blätter nach unten, bis der Fruchtstand mit den roten Körnern herauslugt. „Guardate, che bello“, ruft er, „schaut, wie schön!“ Dass sich heute die Maisfelder von der Ortschaft Storo entlang des Flüsschens Chiese bis hinunter zum Idro-See erstrecken, ist nicht zuletzt das Verdienst des umtriebigen ­Mannes mit der melodiösen Stimme: Giovanelli war von Anfang an die treibende Kraft hinter der Genossenschaft „Agri ’90“, die es sich vor 23 Jahren zum Ziel setzte, aus der nur noch für den Eigen­ bedarf angebauten Maissorte Nostrano di Storo eine weithin anerkannte Delikatesse zu machen. „Manche Leute meinten, das sei wohl eher ein Projekt für die Dritte Welt“, erinnert er sich schmunzelnd. Mit dem Wirtschaftsboom, der Norditalien in den Sechzigerjahren erfasste, hatten auch die Menschen im Valle del Chiese vor allem auf die neuen Verdienstmöglichkeiten in der Industrie und im Dienstleistungssektor gesetzt. Obwohl die Maiskolben, die von November bis März an den Balkonen zum Trocknen aufgehängt werden, praktisch zum Ortsbild von Storo gehören, schrumpfte die Landwirtschaft in der Region immer weiter. Ende der Achtzigerjahre war der Maisanbau so gering,

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Text Claudia Teibler Fotos Yorick Carroux Im Kupferkessel

dass die örtliche Mühle stillgelegt werden sollte. „Doch etwa zur gleichen Zeit zeichnete sich im Bewusstsein für Lebensmittel ein Umbruch ab“, erinnert sich Giovanelli. „Die Menschen begannen auf Qualität zu achten und auf die regionale Prägung eines Produkts.“ Beiden Kriterien entspricht Farina Gialla di Storo – der gelbe Maisgrieß aus Storo – bis ins Detail. Anders als viele der in der Poebene angebauten Maissorten sind diejenigen, die auf den Feldern der Alpentäler im Piemont, Trentino, Veneto und in der Lombardei stehen, keine Hochleistungspflanzen. Zwei, drei Kolben pro Halm – mehr tragen Sorten wie der traditionsreiche Nostrano di Storo nicht. Dessen Körner sind schon vor dem Trocknen so hart, dass man sie unvermahlen nicht essen könnte. Umgekehrt sorgt gerade diese Härte, gemeinsam mit dem unverkennbaren Rotton, für eine besonders kräftige Struktur und Farbe des Grießes. Selbst in einer fertig gekochten Polenta fühlt und schmeckt man das. „In der Ebene ist Polenta oft ein Nebenprodukt bei der Herstellung von Maisöl. Die Keime wandern in die Ölmühle, der Rest wird zu Grieß vermahlen. In unserer Farina Gialla indes steckt das volle Korn, mit all seinen wertvollen Inhaltsstoffen.“ Die besondere Qualität, aber auch eine findige Marketingstrategie – Giovanelli gelang es mehrmals, das italienische Fernsehen auf die Maisfelder des Valle del Chiese zu locken –


der Macher Seit Ende der Achtzigerjahre wird Vigilio Giovanelli nicht müde, für die hohe Qualität des „Nostrano di Storo“ zu werben.

­ achten aus dem vermeintlichen Dritte-Weltm Projekt eine veritable Erfolgsgeschichte: Waren es 1991 zehn Hektar, die mit Mais bewirtschaftet wurden, wird der Nostrano di Storo im Fruchtwechsel mit Kartoffeln heute auf 300 Hektar angebaut. Tausend Tonnen Maisgrieß verlassen jährlich die Mühle, um als Spitzenprodukt weit über die Grenzen des Trentino hinaus gefragt zu sein. 120 Mitglieder sind an der Genossenschaft beteiligt, der die Mühle in Storo gehört, 25 dieser Landwirte betreiben ihre Höfe längst wieder in Vollzeit. Auch der sich gerade umstrukturierende Tourismus im Tal setzt zu einem nicht unwesentlichen Teil auf den Ruhm des gelben Maismehls: Mehr und mehr Bauern entdecken das Potenzial, das in der Selbstvermarktung eigener Produkte – neben dem Almkäse Spressa eben vor allem Polenta – steckt. Leer stehende Bergbauernhöfe und Scheunen verwandeln sich in Agriturismusbetriebe mit liebevoll gestalteten Fremdenzimmern. „La Zangola“ auf der Boniprati-Hochebene ist so ein Fall: Dort serviert die Bäuerin und Wirtin Teresa Cosi zum Traumpanorama die im ganzen Tal beliebte „Polentina di Patate“ (ein Gemisch aus Polenta, Stampfkartoffeln, Zwiebeln, Speck und Käse) auf eine deftig-kräftige, dabei aber so raffinierte und den Einzelaromen aller Zutaten gerecht werdende Art, dass die Gäste dafür viele Kilometer anreisen. Unten im Tal, bei Mauro Armaninis „La Polentera“ sagt schon der Name, worum sich in dem restaurierten Stall alles dreht. Der Mais von den Feldern seiner Brüder kommt in allen Varianten auf den Tisch: vermischt mit Fleisch oder Gemüse, als Beilage zu geschmortem Hasen oder dampfenden Würsten, als süßes Törtchen zum Nachtisch, oder auch als wunderbar buttriger Keks zum Frühstück für die Übernachtungsgäste. Kein Wunder, dass das urige Restaurant unter den alten Steingewölben selbst bei Schmuddelwetter gut gefüllt ist.

polenta consa – buchweizenpolenta aus ponte di legno 1,5 l Wasser, 600 g Buchweizengrieß, Salz, 600 g gemischter Käse (idealerweise aus dem Valle Camonica, sonst 200 g Parmesan, 100 g junger Gouda, 100 g mittelalter Gouda und 200 g würziger Bergkäse), 200 g Butter, Salbei Das Wasser salzen und (wenn möglich, über einem Holzfeuer) zum Kochen bringen. Den Buchweizengrieß vorsichtig einrieseln lassen, dabei kraftvoll schlagen, damit sich keine Klümpchen bilden. Ca. eine Stunde lang bei milder Hitze köcheln lassen, dabei gelegentlich umrühren. Käse in kleine Würfel schneiden und fünf Minuten vor Ende der Kochzeit in die Polenta rühren, 100 g Butter zugeben. Die restliche Butter schmelzen lassen, Salbei kurz darin anbräunen und über die Polenta gießen. Dazu schmecken kräftige Ragouts, z. B. vom Hasen.

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ie erwiesenermaßen beste Polenta im ganzen Valle del Chiese allerdings gibt es im etwas pompösen Hotel Aurora nördlich von Storo. Hier steht Marilena Tamburini am Herd, die Schwester von Padrone Graziano. Von ihr erfährt man, dass das Kochen eines guten Maisbreis echte Geduldsarbeit ist – kein Vergleich zum schnellen Hantieren mit vorgekochter Express-Polenta, die dafür, gemessen an Marilenas samtigem Wunder, schmeckt wie geschmacksneutraler Pampf. Diese Perfektion beruht auf vielen Details: auf dem kupfernen Kessel. Darauf, dass die Polenta mit schnellen Schneebesenschlägen ins kochende Salzwasser 01 2014 . alps

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Trocknende Maiskolben prägen zwischen November und März im Valle del Chiese das Bild der Dörfer. Alle alten Häuser haben extra dafür einen umlaufenden Balkon mit Gestellen, an denen die Ernte aufgehängt werden kann.


Gastlichkeit polenta di macafana/ gemüsepolenta aus dem valle del chiese 500 g Polenta, 2 l Wasser, 300 streifig geschnittene italienische Zichorien (ersatzweise Spinat/Mangold), 300 g Almkäse in Würfeln, 200 g Butter, 200 g Hartkäse aus dem Trentino, Pfeffer, 1 gehackte Zwiebel, Wasser zum Kochen bringen, salzen. Maisgrieß unterschlagen. Gemüse zufügen, unter die Polenta mischen. Unter ständigem Rühren eine gute halbe Stunde köcheln lassen. Almkäse zufügen, voll­ständig schmelzen lassen. Kurz vor Schluss die Butter in einem zweiten Topf schmelzen und leicht braun werden ­lassen, Zwiebel zufügen und mitbräunen. Polenta auf ein Brett gießen, nach Wunsch kleine Nocken ­abstechen. Geriebenen Käse mit Pfeffer vermischen, über die Polenta streuen und alles großzügig mit Zwiebelbutter übergießen.

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Alpsweg

a t e M l O S im reich der riesen

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Nicht jeder, der sich Langlaufskier anschnallt, ist ein sportliches Ass. Im Hochpustertal können auch Genießer weit kommen: In vier Tagen voller landschaftlicher und kulinarischer Höhenflüge geht es in moderatem Tempo vom Gsieser Tal nach Cortina d’Ampezzo

Der Blick auf die Drei Zinnen gehört zu den schönsten Momenten der Langlaufreise (diese Seite). Der Aufstieg von Toblach zum Pass „Im Gemärk“ offenbart die ganze ­Magie dieser einzig­artigen ­Gebirgsregion.

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Per Ski kommt man zu Orten, wo die Zeit stillsteht

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ist leicht: Nach einem ersten Anstieg warten im Gsieser Tal (oben) fünf Kilometer Abfahrt. Die alte ­Trasse der Dolomitenbahn (r.), auf der man von Toblach gen Süden fährt, ist da schon etwas schweiß­treibender.

er im Talschluss des Gsieser Tals die Langlaufskier anschnallt und sich die erste Anhöhe hinaufarbeitet, dem leuchten am Horizont die Pragser Dolomiten entgegen wie eine blaue Verheißung. Davor: bewaldete Hänge, ein weiter Talboden, kleine Ortschaften – alles in Reichweite der eigenen Ski. Für Menschen wie mich, die unterm Jahr nicht täglich joggen, sondern allenfalls ein paar Mal wandern gehen, ist das Hochpustertal mit seinen angrenzenden Tälern die Vorstufe zum Paradies: ein Panorama, an dem man sich ein Leben lang nicht sattsieht, endlose Loipen und alle paar Kilometer ein wunderbares Gasthaus oder ein kuscheliges Hotel für gemütliche Wellnessnachmittage. Beim Blick auf die Karte nimmt ein kühner Plan Gestalt an: trotz mittelmäßiger Kondition hinunterzulaufen bis Cortina d’Ampezzo. Die Loipe geht, ohne nennenswerte Unterbrechungen, durch. Vier Tagesetappen von je etwa 15 Kilometern scheinen, bei ausgedehnten Mittagspausen, im Bereich des Möglichen. Und die Dosis an landschaftlicher Gewaltigkeit würde sich von Tag zu Tag steigern. Also los!

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Text Claudia Teibler Fotos Kilian Blees Aller Anfang

Der Anfang ist beschaulich: Im Gsieser Tal, dem letzten nördlichen Seitental des Pustertals vor der Grenze zu Osttirol, ticken die Uhren anders. Bei Sankt Magdalena klappert der einzige längere Schlepplift der Gegend, auf der anderen Seite des Pidigbachs beginnt die Loipe, die sich das ganze Tal hinunterzieht. Viel Betrieb herrscht nicht einmal zur Hochsaison. Ein Glücksfall – finden nicht nur die Stammgäste, sondern auch Erich Steinmair, 36 Jahre lang Tourismus-Obmann, und mit seiner Familie Gastgeber im Wellnesshotel Quelle. Alles hätte auch ganz anders kommen können: „In den Siebzigerjahren gab es Planungen für eine Straße hinüber ins Osttiroler Defreggental sowie für drei große Skigebiete“, erzählt Steinmair. „Die Straße wurde dann im Antholzer Tal gebaut, und von den Liftprojekten ließ sich keines realisieren – aus baulichen Gründen, weil die Mittel fehlten, aber auch, weil die Grundbesitzer nicht mitzogen.“ Denn die Bauern fürchteten um ihre Weiden; Milchwirtschaft zählt bis heute zu den Haupteinnahmequellen im Tal. Mit den ersten Loipenkilometern, die wenig später gespurt wurden, konnten sie sich eher anfreunden: Viele vermieten Zimmer. Wer aber auf einem Bauernhof Urlaub macht, sucht eher ländliche Stille als großen Skizirkus. „Also haben auch wir im Hotel auf sanften


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in der

Sund TADT in den

BERGEN

Wie Tilla Theus es schafft, in Zürich Erfolg mit Bauten im historischen Umfeld zu haben. Und in Arosa mit stilvoll-wilder Avantgarde

Die Pracht des FIFA-Hauptsitzes in Zürich liegt im Innern – fünf der acht Stockwerke sind unterirdisch. Hier Architektin Tilla Theus im Meditation Room des „Home of FIFA“, umgeben von einer kostbaren Komplettoberfläche aus dem Halbedelstein Onyx. Glaubens­anhänger aus aller Welt, die zu Gast sind, finden hier ihren Gott – oder ihre Ruhe.

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Foto: Christoph Wider

INNERER ZIRKEL


Architektur

Text Alexander Hosch

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an kommt an, wird aufs Zimmer geleitet, und los geht das Designfeuerwerk. Fast alle Tische und Sessel, Sofas und Stühle des Fünfsternehotels Widder in der Zürcher Altstadt sind moderne Klassiker. Aber nicht ­ i rgendwelche billigen, sondern da stehen die famose Sitzmaschine von Josef Hoffmann, der Eames Lounge Chair und eine lederne Liegelandschaft von Trix und Robert Haussmann. Ein kurzer Blick auf den Balkon: Wahnsinn, auch noch die Drahtstühle, die Harry Bertoia für Knoll entwarf. An den Wänden der 35 Zimmer und 14 Suiten hängen Bilder von Hans Arp, Aldo Rossi, Sophie Taeuber, Max Bill, verschiedene Giacomettis und Robert Rauschenberg. Unikate. „Ich habe hier eigentlich 49 kleine Häuser entworfen“, sagt die Architektin Tilla Theus vergnügt während einer kleinen Privatführung. Wie Einlegearbeiten sind die Zimmer in das einzigartige Ensemble von neun historischen ­Zunfthäusern aus Mittelalter, Renaissance, Barock gefügt. Gut, dass die Architektin dabei ist – man würde sich sonst verlaufen. Es gibt verspiegelte Badwände, spezialgefertigte Leuchten und Intarsientüren. Kein Raum ist wie der andere. Bis ins Letzte hat sie alles abgestimmt auf vorhandene Barockfresken, Stuck- oder Kassettendecken, Parketterien und Trompe-l’oeil-Malereien. „Nur weil ich das große Ganze verantworte, überlasse ich die Einrichtungsdetails doch nicht irgendwelchen Innen­ architekten.“ So klingt Tilla Theus. Sie trägt ein stahlblau-rostfarbenes Kleid, raffiniert wie Ikebana gefaltet, und ein Collier, das der Punk-Modeikone Vivienne Westwood Ehre machte, aber vom Schmuckdesigner Bernhard Schobinger stammt. Man sitzt jetzt in einem der Sternelokale des Widder, während sie zu Tagliatelle mit Trüffeln und Kalbsbries zielsicher einen Amarone aus dem 01 2014 . alps

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Architektur

VIEL MEHR ALS ALT UND NEU Für das Hotel Widder mixte Tilla Theus modernes Design und Geschichte: Die Kaminlobby mit Eames Lounge Chairs. Auf der rechten Seite die Intarsien­arbeit auf einer Tür und ein Detail der hinterleuchteten Holz­vertäfelung eines Saals. Darunter eine Suite mit Mobiliar von Josef Hoffmann. www.widderhotel.ch

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Schweizer Vorbilder? Sie 端berlegt kurz. Dann nennt sie Scarpa, Wright und Aalto


Nach der Skizze oder einer Zeichnung modelliert Mario Dilitz seine Entw端rfe in Plastilin. Dort warten sie darauf, eines Tages in Lindenholz realisiert zu werden.

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Portfolio

GEDANKEN

WANDLER In seinem Münchner Atelier schafft der in Innsbruck geborene Künstler Mario Dilitz lebensgroße Holzskulpturen voll ästhetischer Schönheit und tiefer Kraft. Jeder von ihnen wohnt ein besonderer Augenblick inne. Der unsichtbare Kern des Ichs

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In sich gekehrt, versunken: „Below my feet“ entstand 2013. Die naturalistischen Figuren des Innsbrucker Künstlers brauchen Mut: „Denn es geht nur noch darum, was man spürt.“

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Portfolio

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Voixmusik

Text Christian Rauch Fotos Florian Bachmeier

vom

KRach zum

KLANG

Toni Bartl baut Instrumente aus Dingen, die eigentlich in die Küche, in die Scheune oder ins Auto gehören. Ob „Alpen Sperrmüll“ oder „Alpin Drums“ – bei seinen Bühnenprogrammen beweist er, welches Klangpotenzial in unserem Alltag steckt

T ZWEI METER BULLENHAUT Es dauerte eine Weile, bis Toni Bartl das riesige Naturfell auftreiben konnte. Es dröhnt nicht nur tief, sondern dient bei ­Auftritten auch als Projek­tionsfläche für Filme.

oni Bartls Reich ist eine große grüne Halle am Ortsrand von Peißenberg. Hier lagern Kanalrohre, alte Heugabeln, Sensen und Schaufeln, ausrangierte Plastiktuben, Kühlerschläuche und Auspuffteile. Was aussieht wie ein Haufen Schrott und Ersatzteile, ist die wohl ungewöhnlichste und ausgefeilteste Sammlung an Musikinstrumenten. Ein Motorradlenker bewegt die Saiten am Kanalrohr-E-Bass, Filzstifthülsen bringen Plastiktuben zum Tönen, ein Kühlerschlauch vereint sich mit dem Auspuffrohr zum Auspufferidoo. Mehr als einhundert verschiedene Instrumente aus Alltagsgegenständen hat Toni Bartl in gut zehn Jahren gebaut. Darunter sind große Instrumente wie das Barpiano, in dem keine Saiten, sondern 39 Gläser angeschlagen werden, und kleine Instrumente wie der Dudelsack aus Luftpumpe und aufblas01 2014 . alps

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Voixmusik

„Wir konnten kaum durch den Alltag gehen, ohne jedes Ding auf Klangtauglichkeit zu prüfen“ barem Latexhandschuh oder die Pümpelflöte aus einer handelsüblichen WC-Saugglocke. „ ‚When the Saints Go Marching in‘ kann man damit prima spielen“, erklärt Toni Bartl und drückt sich die Pümpelflöte ins Gesicht. Seine Kunst ist es in der Tat, den Dingen Melodien und nicht nur Töne zu entlocken. Dabei hat der 42-Jährige niemals Noten gelernt. Die Instrumente baut und stimmt er ganz nach Gehör. Aufgewachsen ist er hoch oben über Garmisch-Partenkirchen, auf dem Bergbauernhof seiner Eltern in Vordergraseck. „Hannesla“ war der alte Werdenfelser Hausname. Als die „Hannesla-Buam“ mit Diatonischer Harmonika und Gitarre wurden schon Toni Bartls Vater und sein Bruder als Musiker bekannt. Vom Vater hat Bartl nicht nur die blauen Augen mit den markanten Brauen. Von ihm hat er das Ziehharmonikaspielen gelernt. In Mutters Küche lernte er, wie man Küchengeräte auseinanderbaut. Beide Talente flossen um das Jahr 2000 zusammen, als Toni Bartl und seine Freunde Toni Grasegger und Daniel Neuner entschieden, mit selbst gebauten Instrumenten auf Kleinkunstbühnen aufzutreten.

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nfangs konnten wir kaum durch den Alltag gehen, ohne jedes Ding auf Klangtauglichkeit zu prüfen.“ Toni Bartl lacht. „Doch über die Suchtphase sind wir hinaus.“ Dabei war diese Phase lebenswichtig, denn in kürzester Zeit mussten 35 Eigenbauinstrumente für das erste Bühnenprogramm „Bairischer Sperrmüll“ entstehen. Jede Menge Ausgangsmaterial fand sich in der Scheune neben dem elterlichen Bergbauernhof: Aus den landwirtschaftlichen Gerätschaften entstanden so schöne Instrumente wie das Butterfassophon, Schaufelcello und die Farmer-E-Gitarre. Weiteres Material kauften sich die Jungs einfach zusammen. „Es kam vor, dass wir in ein Haushaltswarengeschäft hineinmarschiert sind. Einer spielte die Gitarre an, um den Ton vorzugeben. Der andere prüfte mit einem Löffel den Klang der ausgestellten Gläser. Als die Verkäuferin verwundert ankam, fragten wir scherzhaft, ob sie ein Glas in C hätte. Daraufhin hat sie sich wirklich bei ihrem Chef erkundigt“, erinnert sich Toni Bartl mit einem Schmunzeln. Die kuriose Truppe gewann die Herzen eines wachsenden Publikums. Zum „Bairischen Sperr-

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SCHROTTIGES STILlLEBEN Vom Tankrabass bis zur Milchkanntarre geben sich f端nf selbst gebaute Streichinstrumente ein Stelldichein vor Toni Bartls Halle.

Alps ausgabe #20 2013 preview  

Herr Giovanellis Gespür für Mais - Atemlos im Reich der Riesen - Tilla Theus - Gedankenwandler - Vom Krach zum Klang

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