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Von Laas nach N. Y.

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Käseperlen

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DER BERG RUFT

08 ACHT GRÜNDE, DIE ALPEN ZU LIEBEN Leuchtende Blätter vor stahlblauem Himmel, Bonds Spuren im Berner Oberland, ein Wandertheater im Ötztal – lauter Anlässe, nicht zu Hause zu bleiben GASTLICHKEIT

16 KÄSEPERLEN TITEL Foto: © Erwin Streit (Corbis) Bruellisau bei Bogarten und Dreifaltigkeit in Appenzell

Für seine Firma Degust Käse-Kunst lässt Hansi Baumgartner Laibe in einem alten Bunker reifen und erschließt ihnen nie geahnte Geschmacksdimensionen VISIONEN

22 DER SCHUTZHÜTTENSTREIT Drei neue Hüttenprojekte in Südtirol erleben einen nie dagewesenen Konfl ikt. Zwischen Traditionshardlinern und Landesamt droht die Kreativität der Architekten auf der Strecke zu bleiben ARCHITEKTUR

30 BODENSCHATZ Lehmhäuser in den Alpen? Der Vorarlberger Ofenbauer und Keramiker Martin Rauch entwickelt Lösungen, denen Nässe, Sturm und Schnee nichts anhaben können

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Wanderglück

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Bodenschatz

WERDEN UND VERGEHEN

38 WENN ICH EIN VÖGLEIN WÄR ... Schon von weit her leuchten im Frühherbst die Vogelbeerbäume HANDWERK

40 WANDERGLÜCK Nichts trägt so entscheidend zum Vergnügen eines Bergsteigers bei wie die Bequemlichkeit der Stiefel. Wir stellen eine Manufaktur und Schuhmacher vor, mit deren Modellen man garantiert gut unterwegs ist MUT ZUR TRACHT

48 SCHO SCHICK Tracht darf wieder Spaß machen: Sie ist cool, witzig und frech. Bei der Überholung des alpinen Looks spielt man mit der Tradition KLEINE FLUCHTEN

66 IM NAMEN DER SCHWEIZ Helvetia ist überall: Bald zweihundert Landschaften auf der ganzen Welt sind nach der Alpennation benannt


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In aller Freundschaft

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Scho schick

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UNTERWEGS

68 ERLESENE GEFÄHRTEN ALPS-Autorin Monika Held unternahm einen Selbstversuch der anderen Art. Sie reiste an den Zuger See, mit einem Buch im Gepäck, das genau dort spielt BESSER LEBEN

76 DER KOMPOST-REVOLUZZER Gerald Dunst aus der Oststeiermark hat sein Leben dem Humus verschrieben. Mit fruchtbaren Erden will er der Landwirtschaft eine neue Richtung geben ZEITGESCHICHTEN

56 IN ALLER FREUNDSCHAFT Wer auf dem Grenzpanoramaweg durch die Südsteiermark wandert, kann sich an der Schönheit der Landschaft berauschen. Und er stößt überall auf Spuren jener Zeit, als der Eiserne Vorhang die Region spaltete

78 VON LAAS NACH N.Y. Im Vinschgau baut man eine der weltweit hochwertigsten Marmorsorten ab. Seit Generationen gilt das weiße Gold aus Laas als Geheimtipp

Der Schutzhüttenstreit

Die Kunst braucht Luft

INITIATIVE

STANDARDS

92 PUR UND GUT Seit zehn Jahren steht der „Rote Hahn“, die Marke des Südtiroler Bauernbunds, für feinste Qualität. Nun kommt mit dem bäuerlichen Handwerk ein neues Standbein hinzu

S. 03 S. 04 S. 06 S. 112

Editorial Inhalt Mitarbeiter Impressum

98 EIN PREIS FÜR PIONIERGEIST Avantgardisten müssen ungewöhnliche Wege gehen, um den Alpenraum voranzubringen ALPSWEG

100 DIE KUNST BRAUCHT LUFT Wie Land Art heute ohne Pathos und Kitsch auskommt, zeigt ein Skulpturenpark im Trentino KULTUR

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Ausstellungen, Filme, Bücher, Musik und Termine im Herbst MITBRINGSEL

114 Wer reist, packt ein: ALPS bringt

108 Kultur

einen Rucksack ... vom Schliersee

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KÄSE PERLEN

Die Sterneküche reichte ihm nicht. Vor bald zwanzig Jahren gründete Hansi Baumgartner die Firma Degust Käse-Kunst. Seitdem experimentiert er mit Lagerbedingungen, Gefäßen und Materialien, lässt die Laibe in einem alten Bunker reifen und erschließt ihnen nie geahnte Geschmacksdimensionen

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GASTLICHKEIT

Der Künstler (rechts) und sein Werk. Nach der Reifezeit verfeinert Hansi Baumgartner die Käse in seinem Labor. Die Resultate würden auch fürs Museum taugen. Der „Forma di Luce“ (links) wird mit Pflanzenkohle und Traubenkernöl behandelt und mit Blattgold verziert.

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K

für Menschen war der alte Mussolini­ bunker am Eingang des Pustertals denkbar ungeeig­ net. Für Käse aber sind die feucht­ stickigen Betonge­ wölbe ein Paradies. Baumgartner hatte als Kind dort gespielt – und erin­ nerte sich daran, als er einen geeigneten Reiferaum suchte.

älte und klamme Feuchtigkeit schlagen dem Besucher beim Betreten des Bunkers entgegen. Wasser rinnt an den Betonmauern herab. Aus einer Ecke hört man es tropfen. Ansonsten ist es still. Es herrscht eine feierliche, fast sakrale Stimmung. Ein Labyrinth von Gängen führt durch das Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg. In den Räumen liegen 4000 Käseleibe, in Regalen aufgereiht wie Kleinode in einem Museum: Der Schatz des Hansi Baumgartner. Der ehemalige Sternekoch nutzt den Bunker am Eingang des Pustertals für seine Käseproduktion. Ungewöhnlich! Doch ein Blick auf Hansi Baumgartners Biografie zeigt, dass das Außerordentliche bei ihm an der Tagesordnung ist. Kaum 20-jährig macht er 1980 mit seinen Brüdern Karl und Siegi sein erstes Restaurant auf, das Pichler in Mühlbach. Seine Brüder eröffnen 1986 ein weiteres: das Schöneck in Pfalzen. Alle drei sind sie Vorreiter eines erst Jahre später aufkommenden Trends. Sie legen großen Wert auf die Verwendung regionaler Produkte. Prompt werden sie – Karl in Pfalzen, Hansi in Mühlbach – jeweils mit einem Michelinstern ausgezeichnet. „Wir wollten etwas Besonderes bieten und zugleich etwas für unsere Heimat tun“ erinnert sich Hansi Baumgartner.

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TEXT Karolin langfeldt Fotos Louise MüllerHofstede ALS ZUFLUCHT

Doch zur Sterneküche gehört auch ausgezeichneter Käse und der war in Südtirol um 1990 Mangelware. „Früher hatte jedes Dorf eine eigene Käserei. Diese Tradition ging mit der Industrialisierung verloren, und damit auch die Vielfalt im Käsesortiment.“ Baumgartner beschließt, sich diesem Trend zu widersetzen. Parallel zum Restaurantbetrieb absolviert er 1995 eine Ausbildung zum Affineur und beginnt, Käse aus kleinen Molkereien durch den Reifeprozess zu begleiten und zu veredeln. „Am Anfang waren die Gäste skeptisch gegenüber regionalem Käse, doch dann kamen sie auf den Geschmack.“ Bald ist die Nachfrage so groß, dass Hansi Baumgartner aus dem Restaurantbetrieb aussteigt und sich voll dem Käse widmet. Seine Philosophie: „Handwerk, Geduld und Kreativität sind die Zutaten für einen hochwertigen Käse.“ Am liebsten arbeitet er mit Käse aus Rohmilch. Sie sind qualitativ besonders hochwertig, da die darin verarbeitete Milch vollkommen unbehandelt und somit in Geschmack und Zusammensetzung praktisch naturbelassen bleibt. Im fertigen Rohmilchkäse lassen sich sogar noch die vegetativen Bedingungen seiner Herkunftsregion herausschmecken, da das Futter der Kühe das Aroma der Milch beeinflusst. Und das könnte kaum optimaler sein als in Südtirol mit seinen Almen und Bergwiesen. Baumgartners Schritt in eine neue berufliche Zukunft ist gleichzeitig ein Schritt in die Vergangenheit. Anstatt von einer großen Genossenschaftsmolkerei bezieht seine Firma Degust Käse von 55 handverlesenen Betrieben und fördert so die um ihre Existenz kämpfenden Kleinkäsereien. Auch bei der Herstellung der Produkte orientiert sich der gebürtige Eissacktaler an Traditionen. Statt moderner, steriler Umhüllungen benutzt er alte Konservierungsmethoden wie Bienenwachs oder Kräuter, die den Geschmack des Käses auf einzigartige Weise verändern. Reifen dürfen die Laibe unter anderem in antiken irischen Whiskeyfässern, zwischen Lagen aus Heu, oder auch in einer Wanne mit Trester, der beim Pressen weißer Trauben zurückblieb. Die Nachfrage ist so groß, dass Baumgartners Restaurantküche, die er bislang auch für seine Käseexperimente nutzte, bald zu klein wird. Auf der Suche nach den perfekten Reiferäumen erinnert er sich an einen Mussolinibunker im Wald, der ihm und seinen Brüdern während der Kindheit als Abenteuerspielplatz diente. Für seinen eigentlichen Zweck, während des Zweiten Welt-


GASTLICHKEIT

JEDE SORTE bekommt ihr spezielles Plätzchen, sei es in einem alten WhiskeyFass (links) oder klassich im Regal. Links oben: ein mit Holzkohle gereifter Graukäse. Rechts: „Esculentus“, ein mit Erdmandelcreme gefüllter Weichkäse.

TEXT Larissa Behan

BLINDTEXT KLASSIZISMUS Ein stolzer Fries krönt die Villa Turque. Doch das Haus eines Uhren­ fabrikanten war trotz der Anleihen bei Schinkel und Palladio schnur­ stracks Richtung Moderne unter­ wegs: Flachdach, offener Grundriss, freie Fassade. Le Corbusier errichtete hier eine der ersten Stahlbetonskelett.

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ARCHITEKTUR

BODEN

C A Z SHT Lehmhäuser in den Alpen? Der Vorarlberger Ofenbauer und Keramiker Martin Rauch entwickelt für Interiors und Architekturen Lösungen, denen Nässe, Sturm, Hagel und Schnee nichts anhaben können

Foto: Beat Bühler

TEXT Alexander Hosch

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LEHMSKULPTUR Für das Wohnhaus Rauch in Schlins bei Feldkirch musste der Lehm gestampft werden, bis er so dicht, schwer und massiv wie Beton war. Nur Fensterund Türstürze wurden armiert. Einzelne hervorspringende Ziegelreihen schützen das Material der Fassade vor Schlagregen. Herunterlaufendes Regen­wasser dringt dagegen nicht ein.

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ARCHITEKTUR

TEXT Alexandra González STATIKWUNDER In etwa neun Jahren werden die Hain­bu­ chen in den hölzer­ nen Strebepfeilern von Giuliano Mauris „Cattedrale vege­ tale“ (oben) ein Gewölbe bilden. Der amerikanische Recyclingkünstler Steven Siegel baute seine „Brücke II“ 2009 (rechte Seite oben) aus sanft verrottenden Zei­ tungen, die wie Schiefer anmuten. Darunter: Patrick Doughertys phantastische ­Weidenkokons „You are free“ von 2011.

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Fotos: Beat Bühler (3)

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ie persische Stadt Bam, ein Teil der Chinesischen Mauer, der Turm von Babel und viele Häuser von Timbuktu waren oder sind aus Lehm. Aber mit Lehm bauen in den Alpen – gehts noch? So denken viele und bekommen Albträume davon. Die Bauern jedoch machten das schon immer – wenn auch nur aus Not und nur an bestimmten Stellen. Viele im Hochgebirge indes betrachten schon Architekten, die ein Flachdach zwischen Gipfeln planen, als reine Spinner. Und dann Lehm ... Da spült doch der Regen alles weg. Baut man den persönlichen Erdrutsch in diesem Fall nicht schon mit ein? Nein. Lehm im Hochgebirge – das geht sogar sehr gut. Der Lehmbau ist das große Experiment des Künstlers und Ofenbauers Martin Rauch aus Schlins in Vorarlberg, der an der Akademie für Bildende Künste in Wien Keramik studierte, ehe er feststellte, dass ihn das Bauen mit Erde noch viel mehr fasziniert als das Arbeiten mit gebranntem Material. Erde – Lehm – ist der Schatz, der aus der eigenen Baugrube kommt. Und der rückstandslos wieder darin verschwinden kann, wenn man das Haus dereinst nicht mehr braucht. Was für ein Öko-Projekt für das 21. Jahrhundert auf unserem ausgeplünderten Planeten! So wurde Martin Rauch bekannt. Und bald als Lehm-Guru gehandelt, was der bescheidene


„Ich glaube, dass Lehm von allen Baustoffen DEM MENSCHEN am meisten entspricht“ WOHN-BURG Wie subtil das Ergeb­ nis sein kann, während das Material größte Rohheit verspricht, beweist der Treppen­ aufgang. Der elfen­beinfarbige Lehmfein­ putz wurde nur mit Wasser geglättet und glänzt seidenmatt. Der Boden trägt Rakufliesen, die Treppen­stufen sind aus Aushub­lehm mit Gesteinssplit und Trass­zement. Das Geländer ist eine freitragende Stahlskulptur.


EIN HIMMELREICH

Foto: Kilian Blees

für Schuhlieb­haber: Beim Schuh-Bertl in München hängen zwiegenähte, lederne Bergstiefel von der Decke. Auf Wunsch gibt es sie sogar nach Maß.

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HANDWERK

WANDER GLU:CK Nichts trägt so entscheidend zum Vergnügen – oder Missvergnügen – eines Bergsteigers bei wie die ­ Bequemlichkeit der Stiefel. Wir stellen eine Manufaktur und zwei Schuhmacher vor, mit deren Modellen man garantiert gut unterwegs ist. Die meisten dieser Schuhe sind liebevoll handgefertigt: kleine Kunstwerke, die ihre Besitzer jahrzehntelang über Stock und Stein tragen 05 2013 . ALPS

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TEXT Michael Grimm HANDARBEIT wird beim SchuhBertl in der Münchner Kohlstraße groß geschrieben. In dem kleinen Geschäft kann man hautnah erleben, wie ein Qualitätsschuh entsteht.

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urch das Fenster leuchtet das frische Grün der Felder. In Vierkirchen liegen die Berge hinter dem Horizont. Die höchste Erhebung rundherum ist der Kirchturm. Und dennoch erfüllt den Raum die Aura unzähliger Gipfel und Schluchten. Die Bergstiefel, die hier auf metallenen Schuhregalen lagern, haben viel erlebt. Die Spuren an Leder und Sohlen zeugen von scharfkantigen Geröllhalden, Flussdurchquerungen, Hitzetagen und Aufstiegen durch Eis und Schnee. Die Schuhschäfte haben sich Beinen, Fersen und Knöcheln über die Jahre perfekt angepasst, das wissen ihre Besitzer zu schätzen. Einen solchen Weggefährten gibt man nicht auf. Deshalb warten die Stiefel hier bei Hanwag in Vierkirchen auf ihre Reinkarnation, auf eine neue Sohle.

Seit über 90 Jahren produziert Hanwag Bergschuhe. Die Firma ist Teil einer Schusterdynastie. Die Namen Hanwag und Lowa, jeweils gebildet aus den Anfangsbuchstaben der Brüder Hans und Lorenz Wagner, stehen symptomatisch für Wandern und Bergsteigen. Der dritte im Geschwisterbunde, Adolf Wagner, gründete die Firma Hochland. Wandern ist Volkssport. So vielfältig wie die Topografie ist mittlerweile auch die Typologie der Outdoorschuhe. Fürs Trekking, Klettern – alpin oder hochalpin – am besten man hat für jedes Gelände ein Paar. Doch was macht einen guten Bergschuh letztlich aus? „Passform, Qualität und Verarbeitung“, sagt Josef Wagner, von allen nur Sepp genannt. Der Neffe von Hans Wagner hat die Leitung von Hanwag 1964 übernommen. Mit seinen fast 91 Jahren kommt er immer noch jeden Tag in die Firma und schaut nach dem Rechten. Wagners blaue Augen leuchten, wenn er von der Evolution der Hanwag-­ Schuhe erzählt. Bis zum heutigen Aushängeschild, dem alpinen Bergschuh, war es ein langer Weg. „Selbst mit Skitourenschuhen haben wir herumexperimentiert. In den 60er-Jahren war unser Modell ‚Haute Route‘ einer der erfolgreichsten Tourenschuhe auf dem Markt“, erinnert sich Wagner. Schließlich habe man davon aber die Finger gelassen. „Wir sind eben Lederleute, keine Kunststoffleute“. Schwingt hier vielleicht etwas Nostalgie mit? Die Zeiten, in denen Bergstiefel komplett aus Leder hergestellt wurden sind vorbei. Ein moderner Bergschuh kann aus bis zu 160 Teilen bestehen. Zu den Materialien mischen sich unter anderem Gore-Tex, Kleber und Gummi. Ihr Zusammenwirken ist das Ergebnis langer Forschungsarbeit. Dennoch gibt es sie noch, die Kardinalfrage beim Schuhkauf: Reines Leder oder Gore-Tex? Die Antwort ist eindeutig. Wer oft und lange ins Gebirge geht, Regenwetter und Schnee nicht scheut, läuft besser mit Gore-Tex. Die Kunststoff-Membran ist wasserdicht und atmungsaktiv. Außerdem sind die Schuhe leichter. Die Anhänger von Lederfutter verweisen auf die Bequemlichkeit und das angenehme Fußklima beim Volllederschuh. Das sollte Schweißfüßler trotzdem nicht in Versuchung führen. Wer bei der Passform auf Nummer sicher gehen will, für den bietet Hanwag seit 2011 auch maßgefertigte Lösungen an. Im Outdoorgeschäft Globetrotter in München werden die Füße per Scanner vermessen. Den fertigen Schuh – dieses Angebot gilt vorerst nur für den Trekkingklassiker „Alaska“ – können die Kunden dann bei Hanwag abholen.

Fotos: Kilian Blees (3)

HANDWERK


SCHATZKAMMER oder Werkstatt? Im Gesch채ft von Unikum Bertl Kreca alias Schuh-Bertl sieht und erf채hrt man alles, was man 체ber Schuhe und ihre Geschichte nur erfahren kann.

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SISI IST TRUMPF bei diesem kecken Ensemble von Mothwurf. Den Seidenrock schm체cken Portr채ts der legend채ren Kaiserin. Auch sonst setzt das steirische Label auf edles Material und historische Vorbilder (www. mothwurf.com). .


MUT ZUR TRACHT

Tracht darf wieder richtig Spaß machen: Sie ist cool, witzig und frech. Bei der Überholung des alpinen Looks spielt man mit der Tradition: Designer knöpfen sich historische Schnitte vor, interpretieren Altbewährtes neu und überraschen mit Materialmix

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er sich in der Trachtenmode nicht im Althergebrachten verlieren will, findet sich unwillkürlich auf dem schmalen Grat zwischen Tradition und Zeitgeist wieder. Dennoch lassen sich immer mehr Unternehmen auf den schwierigen Balanceakt ein – mit höchst spannenden Resultaten. „Ich werfe einen Blick zurück und gehe dabei einen Schritt nach vorne“, erklärt zum Beispiel Stefanie Schramke. Sie ist Chefdesignerin des steirischen Labels „Mothwurf“ und führt die Firma gemeinsam mit ihrem Mann bereits seit 1988. Klare Schnitte und ausgefallene Details kennzeichnen ihre Kollektionen. Das kann dann so aussehen, dass bei einem

Dirndl zwar noch Mieder, Bluse und Rock vorhanden sind, die Schürze aber fehlt. Statt ihrer übernimmt der hochangesetzte, voluminöse Rock die optische Hauptrolle und huldigt mit dekorativen Porträts der österreichischen Kaiserin Sisi. Wie sehr die Innovation im Detail stecken kann, beweist die 2006 gegründete Firma „Living Kitzbühel“. Sie konzentriert sich auf ein vernachlässigtes modisches Accessoire, den Hausschuh: „Man möchte schließlich auch zu Hause gut angezogen sein“, weiß Geschäftsführer Jürgen Langensiepen. Die gewalkte Schurwolle, aus der die Ballerinas gearbeitet sind, bezieht die Firma aus Südtirol: von ihrem Mutterhaus Moessmer Loden, das sich vom Traditionshaus zum Stofflieferanten von Kultlabels wie Louis Vuitton, Dolce & Gabbana und Prada gemausert hat. Und selbst

und Kaschmirjanker sind richtige Wohlfühlstücke. Die Schuhe von „Living Kitzbühel“ gibts auch mit Strass. Die Joppe stammt aus der Wies’n-Kollektion von „My Herzallerliebst“ (www.livingkitzbuehel.com, www.myherzallerliebst.com).

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TEXT Ute Strimmer WALKBALLERINA


MUT ZUR TRACHT

für den Sportsfreund fertigt die Manufaktur Georg Maier aus Rosenheim. Sie sind schmaler geschnitten als „echte“ Tracht, haben Applikationen – und stehen natürlich auch Sportsfreundinnen gut (www. georg-maier.de).

wenn der eigentliche Schuh schlicht daherkommt: Applizierte Blumen oder Glitzersteine machen aus ihm einen derartigen Hingucker, dass man versucht ist, ihn auch mal außer Haus zu tragen. Gleich mehrere Firmen präsentieren fesche Neuauflagen des klassischen Jankers. Die Manufaktur „Georg Maier“ aus Rosenheim hat aus der kastiken Trachtenjoppe ein schmal geschnittenes, sportiv daherkommendes Kleidungsstück mit Alltagstauglichkeit gemacht. „Die handgefertigten Jacken passen immer: Zum Dirndl, zum Karohemd oder auch einfach zum T-Shirt“, erklärt Carola Westner, Geschäftsleiterin des 1947 gegründeten Unternehmens.

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STRICKJANKER

Noch bunter geht es bei dem Münchner Drei-Mann-Unternehmen „My Herzallerliebst“ zu. Hier leuchten die Trachtenstrickjacken in Sonnenblumengelb oder Himbeerrot. Außerdem sind sie aus Kaschmir gefertigt, deshalb federleicht und das ganze Jahr über einsetzbar. Stilistisch flexibel geben sich die „MyHerzallerliebst“-Jäckchen sowieso: „Als Blazerersatz trägt man sie gerne zu legeren Jeans und Chinos“, sagt Geschäftsführer Stefan Losch. Wie frech sich Tradition und moderne Tracht mixen lassen, beweist das kleine Familienunternehmen „Almliebe“. In seinem Onlineshop wird Originales und Bewährtes


TRACHTEN-MIX als hohe Kunst: Wie man Klassiker wie die Lederhose mit modischeren St체cken stilsicher kombinieren kann, l채sst sich unter www.almliebe.com betrachten. Selbstredend gibts dort auch alle Modelle zum Bestellen.


DIE KUNST BRAUCHT LUFT

Foto: © Arte Sella, Aldo Fedele

Brutale Erdbewegungen oder TautropfenMinimalismus waren gestern. Wie Land Art heute ohne Pathos und Kitsch auskommt, zeigt ein Skulpturenpark im Trentino. Für Arte Sella sind Werke entstanden, die den Schönheitswettbewerb mit der Natur nicht scheuen und ihr am Ende doch verfallen

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ALPSWEG

EINGEFRORENE DYNAMIK François Lelongs „Sonne“ (2008) ist eine der emblematischsten Skulpturen des Parks: Als wäre ein rotierender Himmelskörper herabgestürzt und in der Wiese steckengeblieben.

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STATIKWUNDER In etwa neun Jahren werden die Hain­bu­ chen in den hölzer­ nen Strebepfeilern von Giuliano Mauris „Cattedrale vege­ tale“ (2002, oben) ein Gewölbe bilden. Der amerikanische Recyclingkünstler Steven Siegel baute seine „Brücke II“ 2009 (rechte Seite oben) aus sanft verrottenden Zei­ tungen, die wie Schiefer anmuten. Darunter: Patrick Doughertys phantastische ­Weidenkokons „You are free“ von 2011.

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tals des Valsugana bunt auf. Acht Kilometer einwärts beginnt das Terrain der Arte Sella. Seit über dreißig Jahren ermöglicht dieser privat finanzierte Verein Skulpturprojekte, die an Ort und Stelle entstehen und sich dem ungeheuren Appetit der Natur aussetzen. Die raumgreifende hölzerne Spirale von Marco Nones bildet den Auftakt zum Forstweg Arte Natura, der an den Hängen des Monte Armentera entlangführt. Mit all ihren Eigenheiten umgarnt die Vegetation den Besucher. Gelegentlich ­stolpert man im doppelten Wortsinn über moosüber­ wucherte, amorphe Brocken und fragt sich: Ist das bloß eine Laune der Natur oder ein Kunstwerk, das von ihr verschlungen wird? Ist sie am Ende die ­bessere Künstlerin? Niemand, der weit außerhalb des Schutzraums Museum ausstellt, scheut sich, diese Herausforderung anzunehmen. 200 Künstler aus aller Welt haben für Arte Sella Werke geschaffen und sich dabei auf Materialien beschränkt, die ökologisch vertretbar sind und am besten aus der Gegend stammen: Zweige, Stämme, Blätter, Steine, Zeitungspapier oder Kartons aus Maisstärke. Da gibt es Flüsse aus Reisigbündeln, roh behauene Baumstamm-Totems, schiefe Flusskieseltürme, blasenförmige Nestbauten samt Schlupfloch, also immer wieder Hütten, die mit dem Behausungs-Gen der Menschen k ­ okettieren.

Fotos: © Arte Sella, Aldo Fedele (1), Giacomo Bianchi (2)

TEXT Alexandra González

ur einige hundert Höhenmeter trennen das Trentiner Val di Sella von der Region Veneto. Unten im Sellatal strömt das Flüsschen Moggio durch eine geradezu modellhaft schöne Wiesen- und Waldlandschaft. Ein paar Scheunen und Sommerfrischlerhäuschen aus dem 19. Jahrhundert sind auf die Weiden getupft. Kein Dorf. Nirgends. Es war nicht immer so friedlich in dieser Gegend. Jenseits des Tals, auf der mit Festungsanlagen gespickten Hochebene von Folgaria, Lavarone und Luserna verlief im Ersten Weltkrieg die Dolomitenfront zwischen dem Habsburger Imperium und dem Königreich Italien. Trentino und Veneto vertragen sich längst wieder. Allerdings kann man in diesem Sommer einen kuriosen Gegensatz beobachten. Dort bietet die Kunstbiennale von Venedig den ganz großen Gesellschaftszirkus und eine unüberschaubare Detailfülle. Hier gibt es ein abgeschiedenes Tal zu entdecken, in dem die Kunst eine stille Allianz mit der Natur eingegangen ist und schnelle Urteile keinen Halt finden. Wer sich in diesen Monaten auf den Weg macht, tauscht die Stöckelschuhe erleichtert gegen Wanderstiefel und die Atemlosigkeit gegen das Innehalten. Jetzt im Herbst flammen die mit Lärchen und Tannen durchwirkten Buchenwälder dieses Seiten-


ALPSWEG

Arte Sella funktioniert wie ein MÄRCHENPARK für die Generation Grün

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Alps 1813 preview  

Bodenschätze Marmor aus dem Vintschgau - Waldkunst im Trentino - Käse aus dem Untergrund

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