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inhalt 16

Hier muss ein Nest sein

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Sicht gleich Null

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10 der berg ruft 10 Ideen für jeden, der jetzt in die Berge geht Der Holländer fliegt durch Bayern, Sonnwendfeuer in Tirol begeistern die UNESCO, und im Hochzillertal richten zwei Sterneköche die Bergbrotzeit – das Alltägliche macht Sommerpause

16 familienclan Hier muss ein Nest sein Wer nach Titel: „Auf die Alp mit Dir“! (S. 44) Foto: Paul Hugentobler Die Alpen-AdriaPassage (S. 28) Illustration: Alexander Aczél

Bezau im Bregenzerwald kommt, begegnet dem Namen Kaufmann an jeder Ecke. Alle sind irgendwie verwandt – und originell sind sie obendrein

28 visionen Die ALPEN-ADRIA-Passage Wenn schon ein neuer Alpentunnel – warum nicht einer für Schiffe? Albert Mairhofer hat ein Konzept für einen gigan­ tischen Kanal zwischen Tirol und Meran entwickelt

34 gastlichkeit Am kühlen Grund Die Seen im Ausseerland sind berühmt für ihren wunderbaren Saibling. Der Wildbestand allein allerdings könnte die enorme Nachfrage kaum decken. Deswegen gedeiht er auch im Zuchtbecken

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Goethe am Gotthard

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Am kühlen Grund

44 unterwegs „Auf die Alp mit Dir!“ Die deutsche Studentin Lisa Gritto sucht Arbeit auf einer Schweizer Alp – und kriegt dabei nichts geschenkt

54 zeitgeschichten Wie Goethe am Gotthard ­hängenblieb Dreimal reiste der Dichter zum Schweizer Gotthardpass. Doch nie überquerte er ihn dabei Richtung Süden

60 kreuchen und fleuchen Schafes Bruder Der Border Collie weiß, wie Schafe ticken – ganz der gute Hirte

62 zugereist Nordlicht auf der Almwiese Der dänische Fotograf Uri Golman fühlt sich in der Arktis zu Hause. Doch mit seiner Frau und den beiden Töchtern zog er jetzt in die Alpen ...

66 Portfolio Oberkofler Ob Video, Installation oder schlichter Filzstift – die Künstlerin Gabriela Oberkofler erzählt Geschichten aus der Heimat, die man überall versteht


Alpen-Übersicht dieser Ausgabe: Bezau / Hier muss ein Nest sein

Hall in Tirol/ Die Alpen-Adria-Passage

Gotthardpass/ Wie Goethe am Gotthard hängenblieb

Grundlsee/ Am kühlen Grund München Salzburg

86

Wien

Haus der guten Geister

Genf

Mailand

Alpe Grimsel/ Obergesteln „Auf die Alp mit Dir!“

98

Venedig

Seres/Dolomiten Haus der guten Geister

Stein auf Stein

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„Auf die Alp mit Dir!“

78 unterwegs II Sicht gleich Null „Mit Fingern, Ohren, Nase und Mund“ – aber ohne Augenlicht bezwingt Andy Holzer aus Lienz die höchsten Gipfel der Welt

86 Wohnen

Fotos: Maria Dorner, Andreas Scharnagl, Gerald Klepka, Matteo Manduzio, Katharina Wernli, Giorgio Hösli

Haus der guten Geister Spitzengastronom Michil Costa aus Corvara und seine Partnerin Giovanna Pedrollo haben am Fuß der Dolomiten ein kleines Bauernhaus aus dem 15. Jahrhundert in ihr ganz persönliches Refugium verwandelt

98 Architektur Stein auf stein zur Ewigkeit Das Errichten von Trockenmauern ist eine Kulturtechnik, die eine kleine Organisation in der Schweiz erhalten will. Mit Erfolg: 26.562m2 Trockenmauern wurden seit 1994 wieder aufgebaut und saniert

108 Unterwegs III Ja, Wo fliegen sie denn? In den Alpen nehmen Golfbälle oft eigene Wege. Was man sonst noch wissen sollte, klärt Expertin Sybille Beckenbauer im Interview mit dem Präsidenten des Hon Golf Clubs, Aldo Bertagnolli

110

Kultur Das traditionelle Schwingfest auf der Rigi, im Train de Pigne in die Berge über Nizza, Zirbelstuben mit Klasse, Bücher und Ausstellungen, wichtige Termine im Frühsommer

StandarDs S. 04 S. 07 S. 08 S. 09

Inhalt Editorial Mitarbeiter Impressum

116

Region Wo Wein und Wort sich finden – Hans Ruprecht, Direktor des Literaturfestivals Leukerbad, erzählt, wie seine Liebe zum Wallis ihren Anfang nahm

124

Notizbuch Reise- und Hotelinformationen, Wegbeschreibungen, Rezepte, Ausrüstungs­empfehlungen

130

StrassenrandPerlen Entlang der Alpen-Magistralen gibt es Sehenswürdigkeiten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. ALPS macht Stopp

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Die AlpenAdriaPassage

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Editorial

Der Berg in uns

D

er kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry sagt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“ – es ist eines der schönsten Zitate der Weltliteratur. Extrembergsteiger Andy Holzer (Seite 78) sieht mit Nase und Mund, Händen und Ohren, vielleicht auch mit dem Herzen – auf jeden Fall nicht mit den Augen. Er ist blind. Dennoch hat er viele der höchsten Gipfel der Welt bestiegen. Warum? Er kann die Schönheit der Berge nicht sehen, nicht die Aussicht vom höchsten Punkt genießen. Alle einleuchtenden Gründe, warum sich ein anstrengender Aufstieg lohnt, fallen bei ihm weg. Außer dem einen: Überblick gewinnen. Wenn Andy Holzer da oben steht, auf einem der Achttausender, dann hat er sich selbst bezwungen. Und das gibt ihm klare Sicht auf die Dinge des Lebens, auf das, was wirklich wichtig ist für ihn. Wenn ein Blinder in der Lage ist, die höchsten Berge der Welt zu erklimmen – warum sollte dann ein anderer nicht sehenden Auges die Alpen mit einem Schiff durchqueren können? Albert Mairhofer hat aus dieser Vision, die ihn vor sieben Jahren wie der Blitz traf, einen ganz konkreten Plan entwickelt. Seine Donau-Tirol-Adria-Passage (Seite 28) würde mitten durch den Alpen-Hauptkamm gehen und von Passau nach Venedig führen – mit weniger Kosten und weniger Belastungen für die Umwelt als der gerade begonnene Brenner-Basistunnel. Ist Mairhofers Idee genial oder wahnsinnig? Ist der blinde Extrembergsteiger Andy Holzer mutig oder verrückt? Es ist der Berg in uns, den wir überwinden müssen, wenn wir hoch hinaus wollen.

Foto: Florian Seidel

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Mitarbeiter dieser Ausgabe Gabriela Oberkofler / Künstlerin ■ Portfolio, S. 66

Christoph Rauch / Autor ■ Wie Goethe am Gotthard hängenblieb, S. 54

Im Blauen Land bei Murnau am Staffelsee aufgewachsen, wo er heute noch wohnt, zog es Christian Rauch zunächst als Diplom-Ingenieur in internationale Technologieprojekte. Vor einigen Jahren hat er seinen Traum wahr gemacht, als freier Autor zu arbeiten. Seine Leidenschaft ist es, die Alpen mit den Augen großer Dichter und Denker der letzten Jahrhunderte zu sehen, wie in dem Buch „Bergerlebnisse – Gedanken zu Natur und Philosophie“.

„alpenrosen“, die Südtiroler Jahresschrift für Frauenkultur, stellte die junge Künstlerin in ihrer Ausgabe 2011 vor. Davon waren wir bei ALPS so begeistert, dass wir das erste der von nun an regelmäßig erscheinenden Portfolios Gabriela Oberkofler widmen. Sie lieferte zu ihren aussagekräftigen Bildern ebenso farbige Erzählungen, immer aus Südtirol, oft von der eigenen Familie. Ihre Eltern betreiben den Landgasthof Hirschenwirt im Dorf Jenesien.

Giorgio Hösli / Autor und Fotograf ■ „Auf die Alp mit Dir!“, S. 44

14 Sommer hat der Schweizer schon als Hirt und Senn auf der Alp verbracht, außerdem ist er Mitautor und Herausgeber des Führers „Neues Handbuch Alp“ und Redakteur bei „zalp“, der Zeitschrift für Älplerinnen und Älpler. Hauptberuflich arbeitet er als Typograf, gelegentlich schreibt und fotografiert er für landwirtschaftliche Publikationen. Bei dem wunderschönen Buch „Hirtenstock und Käsebrecher“, aus dem unsere Geschichte stammt, hat er sich auch als Verleger profiliert.

Antje Blees / Grafik, Schlussredaktion, CVD

Als „Mädchen für alles“ ist Antje Blees seit der ersten Ausgabe von ALPS dabei, ohne sie würde Chaos herrschen. Da sie Kommunikationsdesign studierte, bevor sie deutsche und amerikanische Literatur an der LMU in München belegte und zwischendrin als Artdirectorin von s.e.p.p. und doin’fine arbeitete, ist sie auf vielen Gebieten fit. Wenn sie Freizeit hat, schnürt sie ihre roten Wanderstiefel und geht in die Berge.

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Maria Dorner / Fotografin ■ Hier muss ein Nest sein, S. 16

Als jüngstes von drei Kindern wuchs Maria Dorner auf dem Land bei Regensburg auf. Nach dem Abitur studierte sie an der Staatlichen Fachakademie für Fotodesign in München. Fotografisch interessiert sie sich vor allem für Menschen und deren Lebensraum, beste Voraussetzung für die Reportage über den Familienclan Kaufmann. Dennoch galt ihre größte Aufmerksamkeit im Bregenzerwald den sensationellen Wiesen mit Schlüsselblumen und Wiesenschaumkraut – da schlug ihre alte Leidenschaft für Biologie durch.


Herausgeberin und Chefredakteurin: Charlotte Seeling Artdirector: Alexander AczÉl

Text: Barbara Hartl, Dr. Claudia Teibler Grafik: Antje Blees Bildredaktion: Heike Berger

Schlussredaktion: Antje Blees

Herstellung: Wolfgang Golling Mitarbeiter Susanne Barta, Sybille Beckenbauer dieser Ausgabe: Sabine Berthold, Martina Bortolani,

Maria Dorner, Uri Golman, Alexandra González, Cornelia Haff, Alexander Hosch, Giorgio Hösli, Paul Hugentobler, Gerald Klepka, Claudia Kohl, Christine Loriol, Claudia Merkle, Matteo Manduzzio, Isolde von Mersi, Eva Meschede, Tina Mott, Gabriela Oberkofler, Christian Rauch, Philip Reichardt, Hans ruprecht, Andreas Scharnagl, Sebastian Schulke, Dr. Claudia teibler, Dr. Petra Thorbrietz, Andreas Unterkreuter

eschäftsführende G Gesellschafterin: Andrea Lindner-Varasteh

Marketing und Kooperationen: Sassan Varasteh

Assistent der Geschäftsleitung: Michael Burrack Anzeigen: Kathrin Bust, Sabine Jochums Tel. +49/89/24 20 75-03 Vertriebsmarketing: Josef Zach

Verlag: ALPS erscheint zweimonatlich in der APART Verlag GmbH Hildegardstraße 9, 80539 München Tel. +49/89/24 20 75-05 Fax +49/89/24 20 75-04 E-Mail: contact@apart-verlag.com www.apart-verlag.com Litho und Frank Kreyssig, Heartwork Studios Bildbearbeitung: Limesstr. 101, 81243 München

Vertrieb: IPS Pressevertrieb GmbH

Postfach 1211, 53334 Meckenheim

Druck: Firmengruppe APPL

appl druck, Senefelderstraße 3–11 86650 Wemding

Abonnementpreise: Jahresabo 27,00 Euro Jahresabo Ausland (EU/CH) 36,00 Euro Jahresabo übriges Ausland 42,00 Euro

Bestellung: Beim Verlag oder

unter www.alps-magazine.com

Abo-Betreuung: ALPS Abo-Service

Tel. 022 25/70 85-378 Fax 022 25/70 85-399 E-Mail: abo-alps@ips-d.de Postfach 1331, 53335 Meckenheim

V.i.S.d.P.: Charlotte Seeling

Zurzeit gilt die Anzeigenliste 2 vom 1.11.2010. Alle Rechte vorbehalten. Die Zeitschrift und alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Mit Ausnahme der gesetzlich zugelassenen Fälle ist eine Verwertung ohne Einwilligung des Verlages strafbar. Für unverlangt eingesandtes Text- und Bildmaterial wird keine Haftung übernommen. ISSN-Nr. 2191-043X

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Der Berg ruft

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Ideen für jeden, der jetzt in die Berge geht Der Holländer fliegt durch Bayern, Sonnwendfeuer in Tirol begeistern die UNESCO, und im Hochzillertal richten zwei Sterneköche die Bergbrotzeit – hier macht das Alltägliche Sommerpause

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Auf Bergtauglichkeit testen

Die Luft ist dünn auf 4000 Metern Höhe, die Temperaturen sind arktisch. Nothing but the best between you and the elements verspricht meine dunkelblaue Daunenjacke der australischen Firma Western Mountaineering, die ich mir bis zum Kinn hochziehe. Eine tarngrüne Lastenkraxe staucht meinen Rücken zusammen, meine Finger krallen sich in das zottelige Yak-Fell, ich schnappe nach Luft. Dann kommt ein Mann herein, der den Helden spielen muss. Er wirft die Windmaschine an, lokalisiert auf der Wärmebildkamera die durchlässigen Stellen in seiner Jacke und hüpft leichtfüßig auf einen Cross-Trainer. Mit wackeligen Beinen schleiche ich mich aus der Höhen-Kälte-Kammer im ersten Stock des neuen Globetrotter-Megastores am Münchner Isartor. Hier ­werden auf über 6500 Quadratmetern 25.000 Artikel von 700 Herstellern angeboten. Soll ich besser den Reisearzt aufsuchen, der seine Praxis auf der gleichen Etage hat und mich jetzt sogar gegen Cholera, Gelbfieber oder Japan-Enzephalitis impfen würde? Oder steige ich in den gläsernen Klettertunnel? Die Regenkammer? Natürlich könnte ich auch im hauseigenen Reise­ büro eine Expedition buchen oder mich in der Filiale des Deutschen Alpenvereins beraten lassen. Doch ehe ich mich versehe, sitze ich schon in einem Faltboot und rudere im 458 Quadratmeter großen Wasserbassin im Untergeschoss um mein Leben. alps . 03 2011

Die Flößerei ist in Bad Tölz noch allgegenwärtig, auch wenn das einstige Gewerbe auf der Isar inzwischen von „Gaudifahrten“ mit zünftiger Brotzeit, Musik und viel Bier abgelöst wurde. Am lebendigsten werden die Geschichten aus der Zeit, als München noch große Mengen seines Brennholzes aus dem Oberland bezog, in Tölzer Cafés erzählt – und zwar immer dann, wenn die lokale Spezialität, die süßen „Tölzer Prügel“ über den Ladentisch wandern. Die Überlieferung will es, dass die Tölzer Flößer vor der Anlandung ihrer Flöße meist zwei Meter lange Holzprügel unentgeltlich für die arme Bevölkerung Münchens auswarfen. Diese wurden mit den Rufen „Tölzer, Prügel“ als eine Gottesgabe empfangen und dankbar aus der Isar gefischt. www.flossfahrt.de, www.isarflossteam.de

Fotos: Alexander von Bressensdorf/www.solln-it-service.de (3)

Auf Floß geht’s los


02 2010 . alps

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Der Berg ruft Platzhalter

3 Hier wird an der Uhr gedreht

Die Bauern im Schweizer Jura brachten die langen Wintermonate meist damit zu, Uhren oder Einzelteile für die zahlreichen Uhrenmanufakturen zu fertigen. In einem dieser Uhrmacher-Bauernhäuser, das mitten auf einer Wiese im Vallée de Joux thront und sich durch viele Licht spendende Dachfenster auszeichnet, hat der diplomierte Uhrenmacher Olivier Piguet sein „Centre d’Initiation à l’ Horlogerie“ eingerichtet. In zweitägigen Kursen instruiert er hier Uhrenliebhaber und Profis, wie sie ein Dutzend winzigster Einzelteile zu einer mechanischen Uhr, gerne auch mit Komplikation, zusammensetzen können. Dieses ganz persönliche Werk darf jeder der maximal zwei Teilnehmer dann mit nach Hause nehmen. Angeblich ticken sie alle richtig. Um 1090 Euro. www.olivierpiguet.ch, +41/21/845 71 24

Fotos: Albin Niederstrasser (1)

Opern auf Bayrisch

Feuer und Flamme

Wenn der Tag am längsten und die Nacht am kürzesten ist, dann ist der große Moment für die Bergfeurer gekommen – seit Monaten arbeiten sie darauf hin, schleppen Säcke gefüllt mit Rapsöl und Sägemehl die Berge hinauf und verankern diese in waghalsigen Aktionen auf über 2000 Meter Höhe in den Felswänden. Die Sonnwendfeuer am 21. Juni haben eine lange Tradition in den Alpen und sind seit jeher aufgeladen mit mystischen, religiösen oder ideologischen Ideen. Am eindrucksvollsten ist das jährliche Spektakel in der Tiroler Zugspitzregion. Von der UNESCO wurden die zweihundert Meter hohen flammenden Gebilde, die Symbolfiguren wie Andreas Hofer, Tiere oder religiöse Motive zeigen, inzwischen zum immateriellen Kulturerbe Österreichs ernannt – als Wahrzeichen lebendigen Brauchtums und überlieferten Wissens. Wie jedes Jahr werden die Feuer auf Sonnen- und Zugspitze, Marienberg und Grubigstein bei Einbruch der Dunkelheit entzündet. Damit aber möglichst viele Besucher das Spektakel miterleben können, wird es dieses Jahr vom 21. Juni auf den 18. Juni, der auf ein Wochenende fällt, vorgezogen. Und sollte demnächst ein Bursche vor ihrer Haustür die Bitte „Der heilige Sankt Veitl tat bitten um a Scheitl“ vortragen, seien Sie großzügig. Sie werden dafür belohnt, eines Nachts, im Juni.

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Carmen, Zauberflöte und „Der fliagade Holländer“ – im Rahmen des Oberstdorfer Musiksommers präsentieren die Schauspieler Conny Glogger, Michael Lerchenberg, Alexander Duda und Rolf Wilhelm plus Ensemble die charmant bayrischen Umdeutungen weltbekannter Opern von Mozart, Wagner und Bizet. Die von Paul Schaller in Mundart gegossenen Verse sind so beliebt, dass sie bereits seit den 80er-Jahren in ähnlicher Besetzung im Staatstheater am Gärtnerplatz sowie im Residenz- und Prinzregententheater in München aufgeführt werden. Am 29. Juli, Fiskina Fischen, Karten um 25 und 30 Euro. www.oberstdorfer-musiksommer.de

Country-Kelly

Für Ausflüge aufs Land hat Hermès seine legendäre Kelly-Bag jetzt aus Korb flechten und mit Barenia-Kalbsleder einfassen lassen. Wie gemacht für ein Picknick im Grünen, natürlich à la Manet. Hermès, um 7400 Euro. www.hermes.com 03 2011 . alps

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Der Berg ruft

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Mobiles Kraftwerk

Ob Sonne oder Schatten, das ist dem Solarpanel Solaris 12 der amerikanischen Outdoorfirma Brunton völlig gleich. Die CIGS-DünnschichtSolarzellen liefern bei allen Wetterverhältnissen bis zu 12 Watt Leistung – genügend Strom, um Handy, Digitalkamera, Camcorder und Laptop auch in entlegenen Berg­ regionen aufzuladen. Mit einem speziellen Kabel lässt sich sogar die Autobatterie füllen. Solaris 12 kann auf die Größe eines DinA5-Heftes zusammengefal­ tet werden. Brunton, 312 Gramm, 12 Watt, um 395 Euro. www.bruntongroup.com

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Geheimes Küchenwissen

Zum Kandieren von Veilchen eignen sich ausschließlich feinste Marderhaarpinsel. Das Korianderpflänzchen wächst besser, wenn man täglich ein paar Mal seine Blätter streichelt. Und wussten Sie, dass Topinambur baumähnliche Wurzeln im Gemüsebeet schlägt? Und dass man daraus knusprige Chips backen kann? In ihrem neuen Buch „99 Genüsse, die man nicht kaufen kann“ beschreibt Ute Woltron die Freude am Gärtnern und Ernten, Sammeln, Einkochen, Gläser befüllen, Verkosten und Verschenken. Höchst ansteckend – und ein inspirierender Begleiter durch das Gartenund Küchenjahr. Christian Brandstätter Verlag, um 25 Euro

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Höchster Genuss

Im Hochzillertal, eingebettet zwischen Wimbachkopf und Marchkopf, liegt auf 2350 Metern Höhe die Wedelhütte. Wer es einmal dorthin geschafft hat, der wird kräftig belohnt. Die beiden Spitzenköche Alexander Junker und Stefan Wallner, die zuletzt in Witzigmanns Restaurant Ikarus in Salzburg gekocht haben, tischen rosa gebratene Taubenbrust unter der WasabiIngwer-Kruste, Dreierlei von der Gänseleber oder Moosbeerennockerl auf, alles aus heimischen Zutaten versteht sich. So viel Hochgenuss ist auch den Kritikern des Restaurantguides Falstaff nicht entgangen, die die Premium Wedel Lounge als höchsten Neueinsteiger mit 89 Punkten bewertet haben. Geöffnet im Juli, August und September, von Donnerstag bis Sonntag. Von Anfang Dezember bis Ende April durchgehend geöffnet. www.wedelhütte.at

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In Schönheit erblühen

Auf hoch gelegenen Almwiesen nahe des Großglockners werden die Blütenessenzen von Noreia gewonnen, mit denen Doris Brugger jetzt ihre Körper- und Massageöle Dorissima „veredelt“ hat. Dorissima Organic Alps heißt diese neue, wie immer naturbelassene, aber noch ganzheitlicher wirkende Linie, die Essenzen von Enzian, Glockenblume, Alpenrose, Arnika, Sanddorn, Minze und Edelweiß umfasst. www. dorissima.de


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Rubrik Alpen Familienclan

Text Charlotte Seeling Anreisser Benton BU osside ten culparion uta eos nestem quiasit dus, soluptaquo perroum siti untera Equo invel eatint. Benton BU osside ten culparion uta eos nestem (links).

Der Musiker Alfred Vogel (links) ist vom Namen her ein Ausreißer, passt aber perfekt in den Kaufmann-Clan, wie Ehefrau Susanne (sitzend), ihr Vater Leopold Kaufmann und Cousine Karin Kaufmann bestätigen können.

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Rubrik Alpen

Anreisser

HIER MUSS

Benton BU osside ten culparion uta eos nestem quiasit dus, soluptaquo perroum siti untera Equo invel eatint. Benton BU osside ten culparion uta eos nestem (links).

EINSEIN NEST Wer nach Bezau im Bregenzerwald kommt, begegnet dem Namen Kaufmann an jeder Ecke. Alle sind irgendwie verwandt und verschwägert – und originell und erfolgreich sind sie obendrein


Familienclan

S

Text Eva Meschede

FOTOS Maria Dorner

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olange man nichts über die Lebödler und Tobler weiß, ist dieser Kaufmann-Clan unüberschaubar. Wenn man Kaufmann im Zusammenhang mit dem Bregenzerwald googelt, finden sich einfach zu viele Leute, die diesen Namen tragen. Es gibt etliche Zimmereien und eine große Holzbau AG, die von einem Kaufmann geführt werden. In der Gegend leben und wirken vier bekannte, mit vielen Auszeichnungen dekorierte Architekten, die Kaufmann heißen: Leopold, Oskar Leo, Hermann, Johannes. Es gibt eine Susanne Kaufmann, die eine erfolgreiche Naturkosmetiklinie hat und das Spa-Hotel Post führt; dann fällt noch eine „Frau Kaufmann“ auf, die es im kleinen Örtchen Egg mit ihren Kochkursen schon mehrmals ins Fernsehen gebracht hat. Ist das Zufall mit dem gleichen Namen? Man muss schon nach Bezau fahren, um heraus­zufinden, wie und ob das zusammenhängt – ins Hotel Post, das Susanne Kaufmann führt und das mehrere Architekten mit dem Namen Kaufmann erweitert oder modernisiert haben. Bezau ist eine kleine Marktgemeinde in Bregenzerwald, die Berge scheinen im Vergleich zum benachbarten Kleinwalsertal eher flach und grün bis in die Gipfel, Wiesen und Waldflächen wechseln, es ist eine liebliche, entspannende Gegend. Das Hotel Post vereint die traditionelle und moderne Bauweise. Das alte Haupthaus an der Straße hat ein typisches Satteldach, und die Fassade besteht aus einem klassisch schönen Holzschindelpanzer, dahinter streckt sich unterm Flachdach ein moderner Neubau aus Holz. Drinnen sitzt der Architekt Leopold Kaufmann in der gemütlichen Polsterecke hinter dem Kamin, es ist Sonntag, und der 79-Jährige war mit bestem Anzug, Hut und Stock in der Kirche. Er kann aufklären über diese Inflation des Namens Kaufmann: Die Familie war ohnehin groß, sein Vater hatte zwölf Geschwister, und dann hat sich der Clan auch noch verdoppelt, als nämlich Leopolds ältere Schwester Anna Kaufmann den nicht verwandten Ernst Kaufmann geheiratet hat. Seitdem gibt es die Lebödler, „das sind wir“, sagt der 79-jährige

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Leopold, und die Tobler, das sind die Verschwägerten, „die sind auf dem Vormarsch“, sagt Leopold, zumindest zahlenmäßig, denn die Schwester hat sieben Kinder, Leopold zwei: Susanne Kaufmann und Oscar Leo Kaufmann. Lebödler kommt vom Namen Leopold, der sich über Generationen durch die Familie Kaufmann zieht, und Tobler leitet sich von Tobel ab, so nennt man in Vorarlberg ein tiefes, schluchtartiges Tal, in dem vor Urzeiten einer der Vorfahren wohl gelebt haben muss.

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och nicht nur, dass der Schwager den gleichen Nachnamen hatte – die Tobler waren obendrein ebenso eine traditionelle Zimmermannsfamilie wie die Lebödler. Plötzlich gab es zu viele Zimmermänner in der Familie, fand der Vater vor mehr als fünfzig Jahren und schickte den Schreinergesellen Leopold, die Matura nachzumachen und dann zum Studium auf die Hochschule nach Graz. „Das hat der so für mich beschlossen“, sagt Leopold, so war das damals. Leopold Kaufmann gilt heute als einer der Vorreiter in Vorarlberg, einer, der die Architekturentwicklung nachhaltig geprägt hat und neben seinem Sohn Oskar Leo auch noch zwei Neffen, die Tobler Hermann und Johannes, zum Nacheifern inspirierte. Heute wird im Bregenzerwald Architekturgeschichte geschrieben, ob moderne holzverschalte Einfamilienheime mit Fenstern über Eck oder ungewöhnliche Feuerwehrhäuser, wie das in Hittisau, ein Gebäude aus Sichtbeton mit aufgesetzt schwebendem Holzquader für ein Kulturzentrum; sogar der Schweizer Stararchitekt Peter Zumthor baut in Andelsbuch ein Werkraumhaus. Damals, als der junge Leopold von der Hochschule kam, war er aber einer der wenigen Architekten in der Gegend, wahrscheinlich der einzige mit dem Kopf voller neuer Ideen: „Das Bauhaus hat die Richtung vorgegeben.“ Das gab aber Ärger in der Heimat­ idylle auf dem Land, schon 1960 bei seinem ersten


vorreiter Ein Skandal steht am Anfang von Leopold Kaufmanns Karriere als Architekt. Nach seiner kompromisslosen Restaurierung präsentierte sich die vorher reich ausgestattete Dorfkirche so schmuck- und schnörkellos, dass die Gläubigen das Juwel aus dem 13. Jahrhundert am liebsten abgerissen hätten.

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chefsache Schon mit 23 Jahren hat Susanne Kauf­ mann das Hotel Post übernommen, zudem führt sie eine erfolg­ reiche Naturkosmetik­ linie mit Wirkstoffen von regionalen Pflan­ zen. Ihr Mann Alfred Vogel sorgt dafür, dass im kleinen Ort Bezau immer etwas los ist.

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DE S

Auch im i N T trägt die Post-Chefin immer mörderisch hohe Schuhe mit roten Sohlen

Auftrag, der Restaurierung der Jakobus-Kirche im Dorf Reuthe. „Da war Holz mit Gips als Marmor verkleidet“, beschreibt er die architektonischen Sünden im Kirchlein. Er habe alles rausgeräumt, Pseudomarmor, das Steinimitat als Altarüberbau, Putten, „die ganze Geschnörselei“, sagt er. Er legte die alten Mauern von 1284 frei, einen feinen Mix aus Romanik und Gotik. Doch die Leute tobten, das verstanden sie nicht: „Dass man die ganzen schönen Sachen da rausschmeißt.“ Es war ein Skandal, es sei sogar von Abbruch geredet worden, erzählt der Architekt. Der Erfolg kam trotzdem ziemlich schnell, Leopold Kaufmann gewann einen Wettbewerb nach dem anderen, er bevorzugte Holz, das traditionelle Baumaterial des Bregenzerwaldes, auch 1976 beim Umbau der „alten Post“, dem Gasthof seiner Frau. Das Vier-Sterne-Hotel Post, das vergangenes Jahr seinen 160sten Geburtstag feierte, führt heute Tochter Susanne, und auch die hat wie der Vater erlebt, dass Modernes nicht immer sofort begeistert aufgenommen wird. 1996 hatte sie gemeinsam mit Bruder Oskar Leo zehn Zimmer im neuen Trakt umgestaltet, „jeder Hauch von Alpenromantik kam raus, ob Spitzengardinen, Sofas oder Schnörkelmöbel“, erzählt sie. Ihre neuen „Avantgarde-Zimmer“ erhielten schlichtes, funktionalistisch schönes Design, etwa neue Bäder, die mit Milchglas abgetrennt waren. „Was ist denn Dir da eingefallen“, sagten die Stammgäste, die wollten solche „ungemütlichen“ Zimmer nicht. Susanne sitzt in der Halle, die noch ihr Vater mit viel rustikalem Holz gestaltet hat, und über ihre feinen, klaren Gesichtszüge huscht ein Lächeln, denn die neuen Designzimmer waren trotzdem innerhalb von wenigen Monaten ausgebucht, „es kam ein ganz neues Publikum“, sagt sie. Es ist abendlicher Hochbetrieb im Restaurant, und die Post-Chefin trägt die Haare zum straffen Pferdeschwanz gebunden, ein Dirndl mit roter Korsage, dunkelblauer Schürze mit Röschen, dazu

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halsbrecherische High Heels, auf denen sie lässig von der Küche zum Buffet, zum Empfang, wieder in die Küche, durch die Halle und so weiter läuft. Die Vierzigjährige ist eine von den Frauen, die ihr Geld in mehr als nur ein Paar Louboutins angelegt haben, sie liebt die legendären Fashionista-Schuhe des französischen Designers mit der knallroten Sohle und mörderisch hohem Absatz.

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m nächsten Morgen im weißen, lichtdurchfluteten Spa kann man sich das Dirndl gar nicht mehr an ihr vorstellen, in pastellfarbener Seidenbluse und Bleistiftrock erklärt sie den Erfolg ihrer Kosmetiklinie. Wie der Vater, der beim Holzbau auf uraltes Wissen zurückgriff, etwa dass sich das Fällen der Bäume und Schichten der Stämme nach Mondphasen richtet, so war auch Susanne vom Kräuterwissen der Großmutter inspiriert. Ihr hatte sie als kleines Mädchen geholfen, Arnikaschnaps, Johanniskrautöl und ­R ingelblumensalbe herzustellen. „Wenn einer krank war, hatte Großmutter eine Medizin dafür.“ Daran dachte sie auch, als sie auf der Suche nach einer Kosmetiklinie für ihr Spa war. Natur sollte es sein, ohne Konservierungsstoffe und andere Zusätze, den Wirkstoff sollten die hochalpinen Heilpflanzen liefern. Warum asiatische Algen oder afrikanische Kräuter, wenn auf Bergen und Wiesen die besten Zutaten vor der Haustür wuchsen? Die Idee zu verwirklichen gelang ihr schließlich mit dem Landwirt Ingo Metzler, der in Egg aus der Milch seiner Kühe und Ziegen köstlichen Käse macht, und der schon seit einigen Jahren die überschüssige Molke zu Pflege- und Kurprodukten verarbeitete. Metzler ist der richtige Mann für die Produktentwicklung, immer auf der Suche nach Verbesserung. So experimentiert er zurzeit mit dreißig verschiedenen Heilpflanzen, die er in einem Kräutergarten angebaut hat. Liebevoll, sogar ein „Insektenhotel“


Expertenwissen Der Landwirt Ingo Metzler ist für die Pro­ duktentwicklung der Susanne-KaufmannKosmetiklinie zuständig. Dafür züchtet, erntet, trocknet und extrahiert er heimische Pflanzen. Das Fünf-SterneInsekten-Hotel soll nütz­ liche Tiere anlocken.

aus Zweigen und Baumstämmen soll Getier anlocken, das den Pflanzen gut tut. Trotzdem ist die Kultivierung nicht immer einfach: „Johanniskraut zum Beispiel ist sehr eigenwillig, das wächst nicht dort, wo man es pflanzt, es ging im Beet ein und wucherte plötzlich an der Hauswand hoch“, erzählt Metzler. Die adstringierend wirkende Hamamelis dagegen lässt sich ebenso wie der rote Sonnenhut, die Echinacea, recht gut kultivieren. Aus den Kräutern wird die Grundessenz für die SusanneKaufmann-Linie gewonnen und dann im Metzlerschen Betrieb mit modernsten Maschinen in die eleganten Fläschchen und Tiegel gefüllt. 13 Mitarbeiter hat Metzler, „die Erweiterungsplanung läuft“, sagt der Landwirt stolz. Denn Susanne Kaufmanns Naturkosmetik, die eigentlich nur für das eigene Spa vorgesehen war, expandiert in die Welt: 50 Verkaufsstätten ordern mittlerweile, in Berlin gibt es ein Day Spa, „nächste Woche liefern wir nach New York“, sagt die Geschäftsfrau, die auch noch Mutter von zwei Kindern ist, der fünfjährigen Irma und dem siebenjährigen Victor. Ganz schön viel Business für eine Frau? „Schlussendlich mag ich alles selber entscheiden und nicht diskutieren. Ich übernehme gerne die Verantwortung“, sagt sie entschieden. Sie ist es nicht anders gewöhnt, schon mit 23 Jahren ist sie Hotelchefin geworden, nachdem ihre Mutter früh verstorben war. Immerhin teilt sie die Kindererziehung mit ihrem Ehemann, dem Musiker Alfred Vogel. Den hatte Susanne vor 13 Jahren mit seiner Rock ’n’ Roll-­ Band „Tequila Sharks“ fürs Hotel gebucht. Vogel sah die zierliche junge Frau und dachte: „Was für ein nettes Lehrmädchen.“ Das entpuppte sich noch am gleichen Abend als die Chefin des ganzen Ladens und schließlich als die große Liebe seines Lebens. Vogel, der eigentlich nach New York wollte, blieb wegen ihr in Bezau hängen: „Es war ernst mit Susanne“, erinnert er sich. Nix los in Bezau? „Hier kommt kein Mensch her“, zweifelte der Schlag­ zeuger zuerst, war aber trotzdem fest ­entschlossen,


Familienclan

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K S EI

Ob O M T k oder Kochkunst, Kaufmanns lassen nur Regionale Naturprodukte zu

es zu versuchen. Im vom Architekten-Bruder Oskar Leo gebauten Einfamilienhaus der Familie Kaufmann-Vogel hat er sein eigenes Tonstudio, wo sich mittlerweile Jazzmusiker aus aller Welt die Klinke in die Hand geben. Adam Nussbaum, Steve ­Swallow, Wolfgang Muthspiel, Billy Martin, Jean Paul Bourelly, Cyminology, Philipp Fankhauser, John Schröder, Wally Warning, Andreas Schreiber haben schon mit ihm aufgenommen. Vogel hat die Veranstaltungsreihe „Bezau Beatz“ erfunden, sodass es im Panoramarestaurant auf 1650 Metern Jazz gab, und für den 19. Juli hat er die „Mostly Other People Do the Killing“ aus New York auf den Dorfplatz geladen. Die neue CD seiner Band „Hellhound & Bird“ ist gerade erschienen, und es gibt keinen Grund, sich in Bezau wie am Ende der Welt zu fühlen. Im Gegenteil, es scheint, dass die ländliche Gegend im Bregenzerwald sehr fruchtbar ist für kreative Geschäftsideen aller Art.

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afür ist auch das Unternehmen „Frau Kaufmann“ ein guter Beweis. Karin Kaufmann ist eine temperamentvolle, blonde, blauäugige Schönheit aus der Gegend, Tochter eines Gastwirtes und deshalb eigentlich „gastgebergeschädigt“, wie sie sagt. Die Mutter von zwei Teenagern arbeitete lange als kaufmännische Angestellte und hegte einen Traum von besonderen Kochkursen. „Dann war ich gut vierzig und dachte, wenn nicht jetzt, dann nie“, sagt sie und schließt in Egg die Tür zum Gasthof Engel auf, ein 300 Jahre altes Pferdegasthaus, mit ­seinen ockerroten Holzschindeln ein Schmuckstück, ein Laufbrunnen plätschert neben dem Eingang. Vor gut einem Jahr hat Karin Kaufmann das Haus gemietet und innen hergerichtet. Am liebsten möchte man es sich gleich in der historischen Stube bequem machen, hier ist auf jedes Detail geachtet, so sind etwa die Lampenschirme aus dem gefärbten Leinen von Pferdedecken gefer-

tigt, vom Polsterer perforiert werfen sie ein Muster an die weiß gestrichene Vertäfelung, die niedrige Decke und die Kirschholztische. In der Küche dominiert ein moderner Chromsteinblock, auch alle anderen Geräte blitzen und blinken in Chromsilber. Karin Kaufmann veranstaltet keine normalen Kochkurse, sondern sogenannte Kochrunden, jeder hat etwas zu tun, es wird nicht nur gesessen und gegessen; alle kochen, schnippeln, schälen, servieren unter einem bestimmten Motto gemeinsam. „Jedes Mal ist es anders“, schwärmt sie. Einmal zum Beispiel hat sie 37 kochende Architekten aus aller Welt zu Gast gehabt. Oft sind Karrierefrauen an den Basics interessiert, möchten in die Kunst des Bratenschmorens eingeweiht werden. „Eine war schon 15 Mal hier, und jetzt kocht sie auch zu Hause“, erzählt die Küchenchefin. Aber nicht nur Anfänger, sondern auch Kochkundige wollen die regionale Küche der Großmütter besser kennenlernen, sind dankbar für Tipps, etwa dass das Liebstöckel in der Schaumsuppe nur zwei Minuten Hitze verträgt. 45 Kochrunden hatte „Frau Kaufmann“ für ihr erstes Jahr geplant, mehr als 60 sind es geworden. Was bei ihr auf den Küchenblock kommt – Gemüse, Fleisch, Fisch oder Obst – stammt aus der Gegend und richtet sich nach dem saisonalen Angebot. Karin Kaufmann kennt jeden Metzger oder Gemüsehändler seit Langem: „Es muss nicht unbedingt Bio sein“, sagt sie, „auf Qualität kommt es mir an.“ Zum regionalen Gedanken passt natürlich auch, dass es im Waschraum edle Seifen aus der Susanne-Kaufmann-Linie gibt. Zudem bietet das Hotel Post Packages mit „Frau Kaufmann“ an. Das beweist: Kaufmanns halten zusammen, egal ob Lebödler oder Tobler. Karin Kaufmann ist nämlich eine Tobler, eine angeheiratete Cousine von Susanne Kaufmann.

Ziegen und Kühe liefern auf Metzlers Hof die Milch für köstlichen Käse. Für Susanne Kauf­ mann experimen­ tiert der Bauer nun mit Kräutern und heilenden Pflanzen (linke Seite).

Kontakt: www.hotelpostbezau.com Alfred Vogel: www.traps.at; Ingo Metzler: www.molkeprodukte.com/betrieb; Karin Kaufmann: www.fraukaufmann.at

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Familienclan

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Küchenmeisterin Im alten PferdeGasthof Engel lädt „Frau Kaufmann“ seit einem Jahr zu ganz besonderen Kochrunden mit regionalen Rezep­ ten. Karin Kauf­ mann hat die alten Stuben und die Küche im Engel lie­ bevoll hergerichtet.


Vision

Die

ALPEN D I APassage RA Wenn schon ein neuer Tunnel durch die Alpen gegraben werden muss, warum nicht einer für Schiffe? Diese Frage stellt sich Albert Mairhofer seit sieben Jahren. Längst hat er ein Konzept für einen gigantischen Kanal zwischen Hall in Tirol und Meran entwickelt. Und er findet für seine Idee viele überzeugende Argumente

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Wahnwitz oder Weitblick? Ein Schifffahrtsweg beim Brenner wäre eine umweltfreundliche Alternative zu Straße und Bahn, findet der Chef – und einzige Gesellschafter – der Tirol Adria Ltd.

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Vision

Text Philip Reichardt Illustrationen Alexander Aczél

Zu erkennen sei er an seiner Aktentasche, ließ er vorab wissen. In einer großen Stadt wäre das gewagt, doch am Bahnhof von Hall in Tirol ist Albert Mairhofer tatsächlich der Einzige, der mit einer schwarzen Ledertasche vormittags aus dem Zug steigt.

Albert Mairhofer hat die Vorteile, die seine Vision mit sich bringen würde, durchgerechnet. Bis ins Detail.

Er hatte diesen Ort als Treffpunkt gewählt, er spielt eine wichtige Rolle in seinen Plänen. Ehe er beginnt, ihn in einem Café zu erläutern, holt er aus seiner Tasche zwei Mappen mit sauber abgehefteten Schautafeln, Karten und Kalkulationen hervor und breitet sie vor sich aus. Als wollte er sich vergewissern, dass seine Idee zumindest auf diese Weise Gestalt angenommen hat und nicht nur in seinem Kopf existiert. Es ist eine Idee von gewaltiger Dimension. Ein Jahrhundertprojekt. Es geht um die großen Themen, Energie, Verkehr, Umwelt, es hätte Auswirkungen für ganz Europa. „Donau-Tirol-AdriaPassage“ hat er sein Projekt getauft. Es würde einen anderen Plan, der bereits viel weiter gediehen ist als der seine, überflüssig machen. So sieht Albert Mairhofer das. Er will mit dem Schiff durch die Berge. Das klingt ziemlich verrückt, größenwahnsinnig. Und steht in einem sonderbaren Gegensatz zu Mairhofers bescheidenem wie überaus korrektem Auftreten. 67 Jahre ist er alt, er trägt ein graues Jackett zu grauen Schläfen und grauem Schnauzbart, dazu ein rosa Hemd mit rotgrau gestreifter Krawatte. Das Rätsel, wie das zusammenpasst, löst sich, sobald Mairhofer seinen Plan Schritt für Schritt erklärt. Natürlich hat er alles im Kopf, Zahlen, Daten, Argumente. Er spricht ohne Hast und Eile, so unaufgeregt wie einer, der ganz auf die Kraft seiner Idee und Argumente vertraut. Kernstück seines Plans ist ein 78 Kilometer langer Kanal durch den Alpen-Hauptkamm, der Inn und Etsch verbindet. Zwei Röhren mit einem Durchmesser von 14 Metern, eine für jede Richtung, schnurgerade durch das Bergmassiv getrieben. Per Wasserstrahlantrieb sollen die Schiffe quasi lautlos durch den Kanal gleiten, ohne ihre Motoren nutzen zu müssen. In Hall in Tirol soll der Schiffstunnel beginnen, in Gargazon, einem kleinen Ort kurz vor Meran, enden. So entstünde eine durchgehende, 700 Kilometer lange Wasserstraße von Passau nach Venedig, über den Rhein-

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Solider Planer

Main–Donau-Kanal wäre die Nordsee an das Mittelmeer angebunden. Zunächst gut 250 Kilometer auf dem Inn, durch den Kanal, dann 85 Kilometer auf der Etsch entlang, bis sie bei Mori in den Gardasee mündet. Die weitere Route führt über Mincio und Po beziehungsweise ab Mantua über ein bestehendes Kanalsystem bis an die Adria. „Überseeschiffe müssten nicht mehr 4000 Kilometer Umweg um ganz Europa herumfahren, um ihre Ladung loszuwerden“, sagt Mairhofer, die Mittelmeerhäfen bekämen eine neue Bedeutung. Damit 110 Meter lange Frachtschiffe auf der Tirol-Adria-Passage vorankommen, ist es mit dem Bau des Kanals alleine nicht getan: Die 19 Stauwerke des Inns müssten um Schleusenkammern erweitert werden. Bei Gargazon hat Mairhofer ein gigantisches Schiffshebewerk vorgesehen: Gargazon liegt 550 Meter über dem Meer, die Etsch fließt auf einer Höhe von 250 Metern. „Man kann sich das wie einen Küchenaufzug in alten Schlössern vorstellen, von der Küche hinauf in den Speisesaal.“ Bislang befindet sich das größte Schiffs­hebewerk in China, am Vierschluchtendamm, es überwindet 130 Höhenmeter. Auf italienischer Seite wartet eine grundsätzliche Herausforderung: Etsch, Mincio und Po führen zu wenig Wasser. Um ihre Pegel zu erhöhen, müsste ihnen Wasser aus dem Inn zugeführt werden. Das soll ein ausgeklügeltes System von Wasserspeichern, Stauseen und Wasserkraftwerken regeln.

Sieben Jahre ist es jetzt her, als ein Zwischenruf auf einer Bürgerversammlung den Anstoß gab für Mairhofers Plan.

Es ging mal wieder um Verkehrsprobleme in Südtirol, keiner wusste weiter, als ein Zuhörer erregt rief: „Macht doch die Etsch schiffbar!“ Er meinte es höhnisch. Mairhofer aber ließ dieser Satz nicht mehr los. „Erst habe ich mich über Karten hergemacht. Dort sieht man schön, wie sich Inn und Etsch in die Alpen hineinwühlen. Bis auf ein Stück von 78 Kilometern. Da habe ich mir gedacht: Wenn man einen Tunnel für den Zugverkehr bohren kann, dann doch auch einen für Schiffsverkehr.“ Damals hatten Österreich und Italien gerade ein Abkommen unterzeichnet, das den Bau des Brennerbasistunnels besiegelte: einen Eisenbahntunnel von Innsbruck nach Franzensfeste, 55 Kilometer lang, für Güter- und Personenzüge. Mairhofer begann zu recherchieren. Er studierte


EU-Recht, Bestimmungen des Schiffsgüterverkehrs und Niedrigwasserperioden. Er kalkulierte, wie sich Wasser aus Stauseen in den Kanal leiten ließe, suchte den Kontakt zu Ingenieuren und gründete in London eine Firma, die Tirol Adria Limited. Eins kam zum anderen, sein Plan wurde immer größer. Im Januar 2007 war er mit seinen Entwürfen fertig. Er schickte seinen Schriftsatz an die Regierungen von Tirol, Bayern und Südtirol und wandte sich an die zuständigen Ministerien in Rom, Wien, Brüssel und Berlin. Er fand, er hatte gute Arbeit geleistet und setzte auf die Überzeugungskraft seiner Argumente. Der Kanal wäre schneller zu realisieren als der Brennerbasistunnel für die Eisenbahn, ­sieben bis zehn Jahre veranschlagt er für den Durchstich. Und die Ausstattung würde auch nicht so lange dauern. „Beim Gotthardtunnel zum Beispiel wird es weitere acht Jahre dauern, ehe alle Einbauten gemacht sind. Das ist der Unterschied“, sagt er. Und er wäre billiger. Acht Milliarden soll der Eisenbahntunnel kosten, rund 40 Prozent davon werden für Gleise und Einbauten veranschlagt. Allein die Probebohrungen haben bislang schon mehr als eineinhalb Mil­l iarden Euro verschlungen. Wirtschaftsprüfer rechnen damit, dass sich die Kosten verdoppeln und sogar verdreifachen könnten. Die Finanzierung ist aber nach wie vor ungeklärt, der Bau­beginn ist

­ araufhin verschoben worden, auf 2015. Zudem d zweifeln verschiedene Gutachten am Nutzen des Eisenbahntunnels. Insbesondere, weil er von Güter– und Personen­zügen befahren werden soll. Das macht die ­Strecke langsamer und treibt die Kosten hoch. Es sei ­keineswegs ­erwiesen, ob der Eisenbahntunnel ­tatsächlich den Transitverkehr durch Tirol und Südtirol ­verringern würde. Im Vergleich dazu habe der Kanal nur Vorzüge. „Das Projekt ist so gut, dass sich alles andere eigentlich von selbst ergeben müsste“, dachte er damals. Investoren, die ihre Chance wittern, Politiker, die auf den europäischen Ansatz anspringen, Umweltverbände, die sich für den Abbau von Emissionen begeistern, so hatte er sich das vorgestellt. Doch es kam anders.

Inn, Etsch, Suezkanal? So könnte die Express-Schiffsroute von Rotterdam nach Indien verlaufen. 4000 Kilometer rund um Europa herum? Fielen durch die Donau-TirolAdria-Passage schlicht weg.

Was seither geschah, hat seinen Glauben erschüttert, dass Politik dem Allgemeinwohl zu dienen habe.

Da waren die Briefe, die „mit so schönen Sätzen beginnen und meine Überlegungen loben“. Und mit guten Wünschen und einer Absage enden. Da waren Begegnungen wie die mit einem Gremium von Professoren, die Interesse signalisiert und Mairhofer zu einem Gespräch eingeladen hatten. „Sie waren ziemlich überrascht. Sie hatten eine ähnliche Idee, die aber umständlicher 03 2011 . alps

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Per Wasserstrahlantrieb sollen die Schiffe quasi lautlos durch den Kanal gleiten, ohne ihre Motoren nutzen zu müssen. Eine Million Liter Treibstoff ließen sich einsparen. Täglich

war als die meine.“ Der Abschied fiel kühl aus. Er traf auf Politiker, die sich nicht einmal die Mühe machten, seine Idee verstehen zu wollen. Auf Ingenieure, die um öffentliche Aufträge fürchteten, wenn sie sich für seinen Plan engagierten. Auf Wissenschaftler, die ganz offen darauf verwiesen, dass sie in einen Interessenkonflikt gerieten, wenn sie sich für den Kanal verwendeten. Nirgends fand Mairhofer Unterstützung. „Sie sind alle mit dem Basistunnel beschäftigt und keiner will es sich mit der Regierung verscherzen. Alle profitieren davon. Da beziehen sie ihre Gehälter. Alles andere ist lästig. Wer einen Gegenvorschlag macht, ist ein Feind.“ Nicht einmal Grüne und Umweltschützer wollten sich mit der Donau-Tirol-Adria-Passage anfreunden. „Sie sahen nur, dass es bei meiner Idee auch einen Tunnel braucht, sogar einen längeren. Die waren nur daran interessiert, gegen etwas zu sein, nicht aber an einer Alternative.“ Dabei, hat Mairhofer errechnet, schone der Kanal auch die Umwelt. Mit ihm ließen sich eine Million Liter Treibstoff und 2700 ­Tonnen

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CO2 sparen. Täglich. Denn eine Schiffs­ladung entspricht dem, was 82 Lastwagen oder 42 Tank­waggons transportieren. Auch bei den sogenannten Zusatzkosten schneide der Schiffsverkehr im Vergleich zu Lastwagen und Güterzug am besten ab – also bei Kosten, die als Folge von Luftverschmutzung, Unfällen, Lärm, Wasserund Bodenbelastung ­entstehen. Er sagt das einfach so, beiläufig, ohne es zu betonen, als würde er dem nicht viel Bedeutung beimessen, „das ist ein Nebeneffekt“. Vielleicht ist das die falsche Strategie. Und einer der Gründe, weshalb seine Idee bislang so wenig Widerhall gefunden hat. Vielleicht, meint er, war auch die Idee mit der Gesellschaft in London nicht so gut. Er dachte, das gebe dem Ganzen einen internationalen Anstrich, wurde aber eher so verstanden, dass er seine Ziele mithilfe einer Briefkastenfirma verfolge. Irritierend für seine Gesprächspartner ist wohl auch, dass die Tirol-Adria Ltd. allein aus Albert Mairhofer besteht. Er hat keine Partner, keine Berater, er macht alles selbst. Mairhofer ist weder Ingenieur noch Architekt, noch Landschaftsplaner oder Unternehmer. Mairhofer war Beamter, er leitete ein Grundbuchamt. Mit 53 wurde er früh pensioniert. „Doch ich bin seit 40 Jahren mit der Materie befasst.“ Genau genommen seit seiner Kindheit. Sein Vater besaß ein Sägewerk, es lag wie die meisten produzierenden Betriebe an einem Fluss, und „so bekam ich von klein auf mit, wie sich aus fließendem Wasser Energie gewinnen lässt“. Seither gilt der Wasserkraft seine Leidenschaft.

Wenn er vom Wasser spricht, wird er lauter. Dass Länder wie Österreich und Italien sich noch immer gegen das Überleiten von Wasser sperren, weil sie es als Eigentum betrachten, bringt ihn in Fahrt.

„Wasser ist ein allgemeines Gut. Es gehört ­ iemand. Nicht dem Staat, nicht dem Land Tirol, n nicht Privatleuten. Von unserem Wasser zu ­sprechen, das ist ein Gedanke von vorgestern. Man muss doch sehen, wie man für die Gemeinschaft den größten Nutzen stiftet.“ Nach seiner Pensionierung baute er selbst ein kleines Wasserkraftwerk. Es versorgt rund 300 Haushalte mit Strom. Er nimmt nun doch einmal seine Mappe


Vision

zuhilfe und blättert darin. Seine Pläne gehen noch viel ­weiter. Sie sehen ein System von Wasserkraft­ werken vor, das die Ressourcen der Ötztaler und ­Stubaier Alpen nutzt. Um neben dem Güter- auch den Personenverkehr über die Alpen zu verbessern, schlägt er eine Magnetschwebebahn von Verona nach München vor. 330 Kilometer wäre die Trasse lang, die Fahrzeit würde eine Stunde betragen. Sie soll durch das Karwendel und die Kanalröhre, entlang des Deckengewölbes, führen. „Platz“, sagt er, „ist da ja genug“. Außerdem möchte er die Trasse für eine HochspannungsStrom- und Datenleitung nutzen, sie biete ideale Voraussetzungen. Und am Südportal bei Gargazon sollen am Hang auf einer Breite von drei Kilometern 20.000 Terras­senwohnungen entstehen. Allein damit, hat er berechnet, ließe sich der Bau des Tunnels finanzieren. „Mit der Magnetbahn wären Sie in einer halben Stunde in München.

GOURMETREISE.LI Gäbe es eine Auszeichnung für die «Genuss– Dichte» eines Landes, wäre Liechtenstein schon lange in deren Besitz. Zumindest sind die Feinschmecker von Gault Millau, schon auf den Geschmack gekommen und wissen: fürstlich aufgetischt wird in Liechtenstein allemal. Doch nicht nur in der Gastronomie kann man auf kulinarische Entdeckungsreise gehen. Weine, Edelbrände, Kaffee, Schokolade und sogar Whisky und Vodka – alles «made in Liechtenstein» – warten darauf probiert zu werden. Und wann planen Sie Ihre Gourmetreise nach Liechtenstein?

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Was glauben Sie, wie viele Münchner auf einmal in Südtirol würden leben wollen!“ Und jetzt? Wie geht es weiter mit seinem Plan? Vielleicht kommt es zu einer Volksbefragung über den Eisenbahntunnel. So wie beim Bahnhof in Stuttgart. Auch dort begannen die Proteste erst, als es eigentlich schon zu spät war. Aber es passierte. Richtig zufrieden macht ihn diese Aussicht nicht. Er will nichts verhindern, er möchte für die bessere Alternative streiten. Er fährt jetzt mit dem Finger über eine Alpenkarte, in die er mit Filzstift die Wasserstraße eingezeichnet hat. So betrachtet erscheint alles so einfach, so logisch. Könnte es sein, dass er von Beginn an einen aussichtslosen Kampf geführt hat? War er einfach ein paar Jahre zu spät dran mit seiner Idee? Oder kommt die Zeit erst noch, in der sein Plan auf Interesse stößt? Er hat darauf noch keine Antwort. Wie gesagt, es ist ein Jahrhundertprojekt. Das verlangt Geduld.


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Gastlichkeit

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KÜHLEN R N GUD Die Seen im Ausseerland sind berühmt für ihre wunderbaren Saiblinge. Der Wildbestand allein allerdings könnte die enorme Nachfrage kaum decken. Deswegen gedeiht der Seesaibling unter naturnahen Bedingungen auch in den Zuchtbecken der Österreichischen Bundesforste. Das Ziel dieser Bemühungen ist allerdings nicht nur kulinarischer Natur. Sie stellen auch eine Vorsorgemaßnahme dar in Zeiten des Klimawandels

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aum streicht das erste Sonnenlicht über den Grundlsee, da fährt Günther Mitterhuber schon hinaus. Mag es untertags noch so warm werden; morgens um diese Uhrzeit sind empfindliche Naturen froh um Daunenjacke und Handschuhe – und frösteln trotzdem. Mitterhuber, Fischer seit Jahrzehnten, ist abgehärtet. Jedes Jahr legt er, sobald der Schnee am Ufer geschmolzen ist, die Hechtreusen aus und kontrolliert sie alle zwei Tage. Auch bei Morgentemperaturen um den Gefrierpunkt. Den ganzen See fährt er ab, von seinem Bootshaus in der Ortschaft Grundlsee geht es am teilweise steilen Südufer entlang bis zum Toplitz­bach und nach Gößl, danach vor dem flacheren, dichter besiedelten Nordufer wieder zurück. Eine gute Stunde dauert das mit der Plätte, einem hier üblichen flachen Boot, das extrem lang gebaut ist, damit es die häufigen, böigen Winde nicht vom Kurs abbringen können. „Das Frühjahr ist die einzige Jahreszeit, in der sich die Hechte bewegen und mit den Reusen gefangen werden können“, erklärt Mitterhuber mit seiner immer heiseren Stimme. „Später stehen sie nur noch im See.“ Im Frühling aber suchen die Hechte Plätze, um ihren Laich abzulegen, vorzugsweise in dichten Algen oder Pflanzengeflechten, wie sie nur am Ufer zu finden sind; auch Reusen wirken da – fatal für den Fisch –

durchaus verlockend. Hechte gelten als exzellente Speisefische. An diesem Morgen allerdings beläuft sich die Ausbeute lediglich auf zwei dreißig Zentimeter lange Hechtlein, mit denen in der Küche nicht viel anzufangen ist. Zurück in den See dürfen sie trotzdem nicht. „Hechte sind Überträger vieler Krankheiten, und sie würden, wenn ihre Zahl zu groß würde, den Saiblingsbestand im See gewaltig dezimieren.“ Ihm gilt das Hauptaugenmerk der Fischer im Ausseerland; der Seesaibling ist das kulinarische Aushängeschild der Gegend, die dank ­seiner zu einer der „Genussregionen“ Österreichs ­avancierte. Gefangen wird er zwischen Mai und September; mit Netzen, deren Maschen genau so groß sind, dass sich nur Tiere ab etwa fünf Jahren verfangen; kleinere schlüpfen durch. „Saiblinge mögen es kühl“, erklärt Mitterhuber. „Deshalb tauchen sie im Sommer, wenn der See sich erwärmt, in tiefere, kältere Wasserschichten ab, wo wir dann auch die Netze auswerfen.“ Den tatsächlichen Bedarf decken können die örtlichen Fischer trotz aller Bemühungen bei Weitem nicht: 1400 Kilo holen sie jedes Jahr aus dem See, einen Bruchteil der Nachfrage. „Allein der größte Abnehmer in der Gegend“, so Mitterhuber, „braucht im Jahr schon 3500 Kilo“. Seit gut zehn Jahren kann der große Fischhunger trotzdem befriedigt werden: In unmittelbarer 03 2011 . alps

Text Claudia Teibler FOTOS Gerald Klepka

Die Morgenstunde auf dem Grundlsee ist im Frühjahr noch sehr frostig. Trotz­ dem fährt Fischer Günther Mitter­huber jeden zweiten Tag hinaus, um die Hechtreusen zu kontrollieren.

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Mitterhubers Boot: eine Plätte Nur durch die lang gestreckte Form lässt sie sich bei den scharfen Winden am Grundlsee auf Kurs halten. Die Ausbeute des Fischzugs ist mager – und doch ein Erfolg: zwei kleine Hechte, die den wertvollen Saiblingen gefährlich werden könnten.

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Gastlichkeit

Saiblinge lieben es kalt. Je wärmer das Wasser im Sommer wird, desto tiefer sinken sie hinab – und desto tiefer müssen die Netze gespannt werden

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Hier wird nicht nur für Feinschmecker gezüchtet, sondern auch für den Erhalt der Arten. Das erklärte Ziel: ein Genpool für Seesaiblinge

Umgebung des Grundlsees züchten die Österreichischen Bundesforste, denen auch der See und die zugehörigen Fischereirechte gehören, erfolgreich Seesaiblinge. „Das war vor dieser Zeit gar nicht möglich“, erklärt Matthias Pointinger, dem die örtliche Fischerei wie auch der einzige Fischzuchtbetrieb der Bundesforste in ganz Österreich unterstehen. „Im Unterschied zum häufig gezüchteten Bachsaibling ist der Seesaibling kein Raubfisch. Er frisst Plankton. Und während es nicht weiter problematisch ist, einen Raubfisch das ganze Jahr über mit Futtertieren zu versorgen, gab es früher kein vorgefertigtes Planktonfutter. Erst vor etwa fünfzehn Jahren hat man angefangen, in den Sommermonaten Plankton abzufischen und einzufrieren; seitdem haben derartige Futtermittel eine enorme Entwicklung erfahren.“ Zum Glück: Nur mithilfe dieser Futtermittel war es möglich, überhaupt Zuchtversuche mit Seesaiblingen zu unternehmen. Ein wichtiger Schritt. Denn seit etwa den Siebzigerjahren ist ihr Bestand in den Seen enorm zurückgegangen – was nicht etwa einer steigenden Belastung des Wassers mit Umweltgiften geschuldet ist, sondern dem Gegenteil. „Am Ende der letzten Eiszeit gab es im Grundlsee keine Fische. Der Grund war vom Gletscher abgeschliffenes Gestein, reines Mineral, ohne Nährstoffe“, führt Pointinger aus. „Erst seit der Mensch anfing, Landwirtschaft zu betreiben, wurden zusätzliche Nährstoffe in den See gespült, die Algen gedeihen ließen und Plankton – die Nahrung für Fische wie den Seesaibling. In den 1970erJahren, als durch Dünge- und Waschmittel immer mehr wachstumsfördernde chemische Stoffe in den See gelangten, hat man befürchtet, das ökologische Gleichgewicht könne kippen.“

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ie Anrainer zogen die Notbremse, bauten eine Ringkanalisation. Seitdem fließen keinerlei Abwässer mehr in den See, er ist sauber wie nie – was aber auch heißt: Die Seesaiblinge haben nicht mehr so viel zu fressen wie früher, weil es weniger Plankton gibt. Die örtliche Fischerei versucht seitdem, den Saiblingsbestand im Grundlsee auf einem niedrigen, aber konstanten Niveau zu halten – es sollen exakt so viele Tiere im See leben, wie sich von dem vor-

handenen Plankton ernähren können. Mehr wird, trotz der großen Nachfrage nach Wildsaibling, nicht gefischt, mögen Köche wie Arnold Zettel­ mayer vom wunderschön oberhalb der Westseite des Sees gelegenen Restaurant „Seeblick“ noch so schwärmen. „Das Fleisch ist besonders zart und aromatisch, aber überhaupt nicht ,fischig‘“, sagt der Küchenchef. „Allerdings lässt sich auch mit unserem gezüchteten Seesaibling hervorragend arbeiten, seine Qualität ist ebenfalls überdurchschnittlich. Ich mache daraus unter anderem einen mit Gemüsestreifen gefüllten Rollmops, von dem selbst Gäste begeistert sind, die sonst überhaupt keinen Fisch essen.“ Diese sind allerdings ohnehin in der Unterzahl: Fischessen boomt, beobachtete Zettelmayer, weil es den Prinzipien der im Trend liegenden leichten Küche entspricht, aber auch, weil das Gesundheitsbewusstsein der Genießer in den letzten Jahren enorm gestiegen ist – auch Süßwasserfische wie der Saibling enthalten die wertvollen Omega 3-Fettsäuren.

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it dieser veränderten Einstellung stieg auch die Nachfrage weiter, die der See allein niemals befriedigen könnte. Fünf bis sechs Jahre dauert es, erklärt Fischexperte Matthias Pointinger, bis ein wild im Grundlsee lebender Saibling zum Speisefisch herangereift ist. Denn wegen der frostigen Wassertemperaturen zwischen Herbst und Frühjahr halten die Fische Winterruhe – auch deshalb, weil es in der kalten Jahreszeit kein Plankton gibt. Das bildet sich erst, wenn der See eisfrei ist, Sonnenlicht ins Wasser fällt und die Algen wieder Photosynthese betreiben. Bei den Fischen in Pointingers Zuchtbecken fällt diese Winterpause aus: Statt vier Grad im See herrschen hier 5 bis 5,5 Grad, und Futter ist rund ums Jahr verfügbar. Deshalb brauchen Zuchtfische für den nötigen Größenzuwachs zum Speisefisch nur vier Jahre – immerhin. Kommerzieller orientierte Züchter arbeiten mit Nahrungszusätzen, um die gleiche Entwicklung in zwei Jahren zu erreichen, erklärt Pointinger. Der Preis dafür ist zum einen eine erhebliche 03 2011 . alps

Boss der Massen Matthias Pointinger, Leiter der Fisch­ zucht der Bundes­ forste (linke Seite, oben), bestimmt über mehrere Millio­ nen Tiere: unge­ zählte Saiblinge und ein paar Tausend Reinanken aus dem Hallstätter See.

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Nur 1400 Kilo Saibling können jährlich aus dem See gefischt werden. Allein der größte Abnehmer der Region braucht doppelt so viel. Die Differenz decken Fische aus der Zucht

Beliebter Laichplatz der Seesaiblinge ist ein Bach unweit der Fischzucht. So liefern die Tiere Manfred Pointinger sein Zuchtmaterial quasi frei Haus. Das Verkaufsgeschäft der örtlichen Fischzucht in Grundlsee (rechte Seite) ist eine von Genießern stark frequentierte Adresse. Besonders beliebt: der vorzügliche Räuchersaibling.

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Klassiker, die (noch) keine sind:

­ ntfernung vom wilden Original, zum anderen E ein enormer Qualitätsverlust in Geschmack und Konsistenz des Fischfleischs.

Arnold Zettelmayer, Chefkoch des Rest­ aurants Seeblick, verblüfft nicht nur mit einem schlichten, feinen Saibling in Knoblauch-Mandel­ butter, sondern auch mit einem delikaten Seesaib-­ lings-Rollmops.

ointinger selbst bemüht sich in jeder Hinsicht um größtmögliche Nähe zur Natur: Die Bedingungen in den Becken sind den natürlichen Verhältnissen im See so weit wie möglich angeglichen. Und der Laich, aus dem Pointinger seine Fische züchtet, stammt ausschließlich von wild lebenden Saiblingen aus

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dem See. Die wandern zur Laichzeit im Herbst die Zuflüsse des Grundlsees hinauf, unter anderem in einen Bach, der unmittelbar am Zuchtareal der Bundesforste vorbeifließt. „Im See haben die Fischeier und die daraus geschlüpften Brütlinge eine Überlebenschance von zwei bis drei Prozent. Bei uns sind es in guten Jahren 70, in schlechten Jahren 50.“ Pointinger steht in einem Raum von der Größe einer kleinen Turnhalle. Dicht an dicht stehen Reihen mit Wannen, in denen sich fingergliedgroße Fischlein tummeln, dünn wie das Kabel eines Handy-Ladegeräts. Sie alle sind aus dem im Herbst „geernteten“ Laich geschlüpft. „600.000 sind es allein in dieser Halle“, sagt Pointinger, „nebenan noch einmal so viele.“ Nächstes Frühjahr, wenn sie anderthalb Jahre alt sind, wird er ein Gutteil von ihnen verkaufen: als Besatzfische für andere Seen, die durch das Aussetzen junger Fische Lücken in ihrem Fischbestand auffüllen. Die verbleibenden Tiere dürfen in den Fischteichen der Bundesforste weiterwachsen, bis sie gegrillt oder gebacken, eingelegt oder geräuchert auf den Tellern eines Feinschmeckers landen. Wichtig ist Pointinger, dass groß gewachsene ebenso darunter sind wie kleine, dicke ebenso wie dünne. „Wir züchten die Fische, ohne sie massiv zu domestizieren. Das würde bedeuten, dass ich immer nur die größten oder


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schwersten Tiere auswähle, und nur mit ihrem Laich weiterarbeite. Damit aber würde ich die genetische Vielfalt einschränken – mit erheblichen Folgen, die unter anderem auch an Rindern oder Schweinen zu beobachten sind: Was stark gezüchtet wird, ist anfälliger für Krankheiten.“

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ür Matthias Pointinger ist dies ein zentraler Aspekt seiner Arbeit; denn neben der Deckung des kulinarischen Bedarfs verfolgt er noch ein ganz anderes Ziel: „In den Bergen macht sich der Klimawandel bereits deutlich bemerkbar. Betrachtet man den Zeitraum seit den Fünfzigerjahren, so haben wir bereits jetzt eine Temperaturerhöhung von einem Grad. Die fortschreitende Erwärmung wird auch an den Seen nicht spurlos vorübergehen. Seesaiblinge kommen nur mit Wassertemperaturen unter 7,5 Grad zurecht. Was, wenn die Seen im Sommer, selbst unten am Grund, diese Marke übersteigen?“ Während er dies schildert, führt uns Pointinger in eine kleine Hütte mit einem Becken, in dem sich ein großer Schwarm handlanger Fische tummelt. Ein bisschen sehen sie aus wie Saiblinge, doch es fehlen die markanten Flecken auf der Haut, die schon bei den Brütlingen erkennbar sind. „Das sind Rein­anken aus dem Hallstätter See“, sagt Pointinger. „Bislang ist es noch nicht gelungen, sie zu züchten – wir arbeiten daran, und es sieht so aus, als ob es gelänge.“ Auch Reinanken sind Kaltwasser liebende Planktonfresser, auch ihnen wird der Klimawandel zu schaffen machen. „Uns geht es auch darum, die Artenvielfalt in unseren Seen zu bewahren“, sagt Pointinger. „Ich glaube, dass Wildfische eher in der Lage sein werden, sich den veränderten Bedingungen anzupassen als reine Zuchtfische. Insofern versuche ich, einen Genpool anzulegen, bei dem ich die ganze genetische Vielfalt der Wildfische auch in der Zucht erhalte. Denn nur, wenn wir jetzt vorsorgen, wird es diese Fischarten auch noch in dreißig, vierzig Jahren geben, wenn der Klimawandel den Alpenraum viel stärker gezeichnet hat, als das heute spür- und vielleicht auch denkbar ist.“ Informationen: Wegbeschreibungen und Rezepte finden Sie in unserem Notizbuch auf S. 124

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ewusst Atmen, mit den Augen die Gipfelsilhouette fokus­ sieren, die kühle Bergluft auf der Haut spüren und für einen Moment lang in Gedanken die ganze Welt um­ armen. Die Bergwelt Grödens weckt unvergleichliche Emotionen. Der Langkofel steht mit seinen 3181 Metern als mächtige Natur­ Skulptur im Herzen der sagenumwobenen Dolomiten. Sein naher Anblick macht Lust auf Höhenmeter! Mit unzähligen gekenn­ zeichneten Wander­ und Themenwegen, herrlich gelegenen Aus­ sichtspunkten und Berghütten mit Spitzengastronomie kann jedes Wandererherz hier aus dem Vollen schöpfen. Eine besonders lohnende und beeindruckende Tagestour ist die Route von Wolkenstein auf das Cirjoch bis zur Puezhütte, zwischen mächtigen Felsbrocken, kleinen Türmen, weiter zur Seemulde und über die Hochfläche der Gardenazza wie über eine Mondlandschaft. Die Krönung des Tages: Enrosadira – das leuchtende Flackern des Abendrotens an den schimmernden Felswänden der Dolomiten. Auch das Wandern „auf Rädern“ beschert in Gröden spektakuläre Einblicke in die Felsformationen der „bleichen Berge“: Am 3. Juli lädt der Sellaronda Bike Day zu einem geselligen Großereignis. Ganz Gröden ist auf Rädern unterwegs, denn alle vier Dolomiten­ pässe Sella, Grödner, Pordoi Joch und Campolongo Pass werden für den motorisierten Verkehr gesperrt und gehören ganz den Freizeit­ Bikern im Tal. Extrem sportlich wird’s hingegen beim Sellaronda Hero MTB Marathon am 2. Juli – dem härtesten Mountainbike­ rennen der Welt. Informationen: Feriental Gröden Tel. +39 0471 777 777 | www.valgardena.it Become a HERO (26.6. bis 3.7.2011): Die perfekte Vorbereitungswoche f��r den „Südtirol Sellaronda HERO“ Marathon mit geführter Track­Tour, Voransicht der schwierigsten Passagen, dazu die nagelneue MTB­Karte Gröden/Seiser Alm, ein Radtrickot und ein Überraschungsgeschenk. 7 Übernachtungen im HHHHotel inkl. Halbpension ab 465 €. Valgardena Card: Mit der preisgünstigen Mobilitätskarte zwölf Aufstiegsanlagen und alle Grödner Linienbusse beliebig oft benutzen. Aktiv-Wochen (11.6. bis 15.7.2011): Es erwarten Sie zahlreiche Aktivitäten, um die Landschaft Grödens zu genießen: Mountainbiketouren, Klettern, Wandern, Nordic Walking und ein vielseitiges Aktiv­Programm. 6 Übernachtungen im HHHHHotel inkl. Halbpension ab 550 €.


Unterwegs

muh und mühe Anfängerin Lisa plagt sich beim Hüten. Im Frühsommer blühen die Alpenrosen auf 2000 Meter Höhe zwischen Grimsel- und Furkapass. Schön anzu­sehen, aber unbeliebt bei den Bergbauern: Die Kühe fressen sie nicht.

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„auf die

A L P mit dir!“ Ahnungslos, aber erfahrungshungrig sucht die deutsche Studentin Lisa Gritto Arbeit auf einer hoch gelegenen Alp (deutsch Alm) in den Schweizer Bergen. Nach der Büffelei fürs Uni-Examen will sie dringend mit den Händen zupacken, sich körperlich verausgaben. Sie findet, was sie sucht, aber die Erfüllung ihrer romantischen NaturkindWünsche kriegt sie nicht geschenkt. Ihre Gedanken vor, während und zum Schluss der dreimonatigen Alpzeit sind hier protokolliert

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Unterwegs

Ende Mai, Studentenheim der Uni Freising Textprotokoll Giorgio Hösli Fotos Giorgio Hösli und Paul Hugentobler

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich auf die Idee kam, ich glaube auf einer Wanderung in den Bergen. Danach war die Idee da. Wenn mich jemand fragte, was machst du nach dem Studium, dann habe ich selbstbewusst gesagt: „Ich gehe auf die Alp.“ Zuerst habe ich gedacht, ich schreib eine E-Mail, lege ein Foto dazu und sage, dass ich sehr naturverbunden bin und gerne wandern gehe – dann nehmen mich alle mit Handkuss. Scheiße, ich musste merken, dass das gar nicht stimmt. Ich ging zu einem Älplertreffen in Landquart. Oh mein Gott, ich verstand die Bauern gar nicht mit ihren krassen Dialekten. Die sind schon urig, mit irgendwelchen Zicken darf man da nicht kommen. Die wollen, dass man gescheit arbeitet. Ich dachte sofort, schlechte Karten zu haben, so aus der Stadt, das erste Mal auf die Alp. Die Bauern reagierten ganz verschieden, teils sehr offen, teils sehr skeptisch. Einer wollte mich geradewegs mitnehmen, vielleicht auch heiraten. Einer hat mir die Arme gedrückt und gefragt: „Bist du fit?“ Dann habe ich ihm aufgezählt, was für

Fürs Frühstücksei haben die Frauen Hennen dabei. Lisa ist angehende Landschaftsarchitektin; Eva, lang, dünn und zäh, hat Schneiderin gelernt; die erfahrene Elli geht schon seit neun Jahren auf die Alp. Im Winter jobbt sie (rechte Seite oben, von links).

tolle Sportarten ich betreibe: Klettern, Schwimmen, Joggen. Andere fragten, ob ich psychisch stabil sei. Die brauchen keinen therapeutischen Fall, die haben genug Erfahrung mit solchen Leuten. Schließlich habe ich mich mit Elli zusammengetan. Wir haben ein paar Gemeinsamkeiten wie die Liebe zum Kochen und das Bevorzugen biologischer Lebensmittel. Ich glaube, ich bin anpassungsfähig und sie ist speziell, ruhig, manchmal gar leise. Sie muss ja nicht sein, wie ich sie haben will. Als dritte Frau kam Eva dazu. Sie hat Schneiderin gelernt, ist groß und dünn, man kann sich kaum vorstellen, dass sie Kraft hat. Aber sie scheint

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alpen-hühner

zäh zu sein und lacht über dieselben Witze wie ich. Elli und Eva kennen sich schon. Die Elli geht seit neun Jahren auf die Alp. Ich glaube sie hat ein Gespür, mit wem es klappt. Natürlich hoffe ich, dass wir Spaß zusammen haben und viel lachen werden. Ich bin gespannt und glaube, dass das was werden könnte, wir drei Frauen auf dem Berg. Ich traue mir das zu. Ich bin nicht dumm, nicht ungeschickt und lerne schnell. Ich bin mir auch für nichts zu schade. Ein Muskelkater geht weg, Blasen verheilen.

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or mir sehe ich Werbeprospektbilder: Ich stehe oben auf dem Berg, genieße die Aussicht, der Wind zerzaust mein Haar, die Wolken treiben. Unten sind die Kühe, man hört das Gebimmel ihrer Glocken. Klar, das sind total romantische Bilder, so richtig kitschig und idyllisch. Aber ich sehe auch, wie man die Kühe durch den verschissenen Stall zerrt, in den Melkstand hineinzwängt, wahrscheinlich sind überall Fliegen und Mücken. Wenn die rumsurren kriege ich Anfälle. Was mich reizt, ist dieses Wegsein, weg von der Zivilisation, 2000 Meter über den Dingen. Weg vom Studienabschluss, der Jobsuche und irgendwelchen Versicherungsabschlüssen. Dass ich dann irgendwo sitze und das Gefühl habe, ich kann die Welt Welt sein lassen. Um vier Uhr aufstehen, Kühe melken und ihnen dann den Tag über beim Fressen zuschauen und sie am Abend wieder melken. Und sonst ist gerade nichts wichtig. Ich wünsche mir, den Körper zu spüren, die Erschöpfung zu erleben, an meine körperlichen Grenzen zu kommen. Ich sehne mich danach, anzupacken und wenn ich einen Zaun baue, nach drei Stunden zu sehen, dass ich einen Zaun gebaut habe. Das ist meine Vorstellung, dass es so erdig wird, ganz nah. Auch wenn es fürchterlich wird, ich habe mir vorgenommen, die Zeit auf der Alp durchzustehen. Etwas Angst habe ich, im Team zu versagen, dass sie sagen: „Oh, da haben wir so eine Schnarchnase, mit der geht überhaupt nichts.“ Ich möchte es gut machen, ich bin da sehr ehrgeizig. Ich möchte eine Eins mit Sternchen bekommen. Keine Ahnung, ob ich nach dem Sommer auch noch denke, das ziehe ich jetzt die nächsten fünf Jahre durch: den Sommer auf dem Berg, im Winter um die Welt und drei Monate an der Kasse. Im Moment übt dieser Jahresrhythmus eine starke Faszination auf mich aus. Ich bin wirklich komplett frei. Mich hält hier nichts. Die Welt steht mir offen, ich kann alles machen. Vielleicht ist es


„Natürlich hoffe ich, dass wir spaSS zusammen haben und viel lachen werden. Ich bin gespannt und glaube, dass das was werden könnte – wir drei Frauen auf der Alp“


Rubrik Alpen Unterwegs

60 Euter, 240 Zitzen Melken, auch maschinelles Melken, ist meditativ. Die Kühe werden ruhig dabei. Der Melkmotor brummt gleichmäßig, die Saugpumpe klickt rhythmisch wie ein Metronom. Es ist warm und heimelig zwischen den schweren Leibern.

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Rubrik Alpen

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„Ich traue mir das zu. Ich bin nicht dumm, nicht ungeschickt und lerne schnell. Ich bin mir auch für nichts zu schade. Ein Muskelkater geht weg, Blasen verheilen“

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Unterwegs

„Es ist soo anstrengend. Jeden Handgriff mach ich erst mal falsch, Ellis Kritik verunsichert mich. Meine Mutter sagt am Telefon, geh doch einfach. Aber hinschmeißen will ich nicht“

einfach Übermut. Ich finde es zum Beispiel ganz toll, dass ich jetzt melken lerne. Wer von meinen ­Leuten kann, bitteschön, melken?

Ende Juli, Alp Grimsel, 2200 Meter

Ich war lange nicht mehr so im Stress wie hier. Das ist wahnsinnig. Um 10 Uhr hast du schon einen ganzen Tag gelebt. Ich hatte noch nie eine Armbanduhr, und plötzlich schau ich siebzehnmal am Tag drauf, um zu checken, wann der nächste Arbeitstermin kommt, den ich einhalten muss. Unglaublich, wie eng man da getaktet ist, wie eng der Rhythmus ist. Gar nicht mal von den Kühen, die liegen einfach da, aber von uns: Wir müssen sie aufscheuchen, damit sie fressen, und dann müssen wir sie in den Melkstand treiben, und dann müssen wir sie schon wieder zum Fressen bringen. Denn die Kühe müssen ja Milch geben, und die Milch muss pünktlich im Tal sein. Das ist es, worum es geht, der Rest ist zweitrangig. Am Anfang war jeder Handgriff „Nein, nicht so!“ Ich musste hart kämpfen, ich war verunsichert und habe mich selber gar nicht mehr gespürt. Dabei war das ja eigentlich das Ziel: Auf die Alp gehen, um zu sich selbst zu finden, Abstand zu gewinnen, sich zentrieren und erden zu können. Aber das komplette Gegenteil ist der Fall. Der Alltag hat mich fertiggemacht. Ich glaubte, Kritik ver-

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kraften zu können, aber gerade das habe ich am meisten lernen müssen.

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ie Elli ist die Chefin, die macht das schon lange und weiß, wie es geht. Für mich als Alpneuling ist es schwierig, zu merken, wo meine Grenzen sind, weil ich sehr dazu neige, alles anzunehmen und nicht zu kritisieren. Dabei muss man hier lernen, wie viel man annimmt und wo Schluss ist. Inzwischen vergehen auch Tage, an denen ich nicht permanent alles falsch mache. Ich habe gelernt, die anderen zu deuten, und wir haben uns besser kennengelernt. Manchmal wird es sogar lustig. Da ist zum Beispiel diese schusslige Kuh „Etoile“, die ist ein dankbares Thema, über die kann man immer lachen. Den ärgsten Gefühlsausbruch hatte ich, als wir im Chietal am Hüten waren. Eva und ich hatten eine Vorgabe von Elli, wie die Kühe nach Hause zu laufen haben. Nicht zu steil in den Hang, nicht gegen den Bach hin. Es war ein ziemlicher Stress, das hinzubekommen. An jenem Tag hat es geblitzt und gescheppert, und ich war auf einer Weide ohne Bäume, ohne Schutz und musste die Kühe in den Stall treiben. Weil ich aber in Panik planlos war, wussten auch die Kühe nicht wohin, und ich habe auf sie eingedroschen wie eine Wilde. Dass ich so ausrasten kann und mich nicht mehr unter Kontrolle habe, das habe ich noch nie erlebt.


Rubrik Alpen

Anfänglich hatte ich am meisten Angst, dass ich die Milch zu früh durch die Pipeline lasse oder mir eine Kuh abstürzt und solche Dinge. Die Milch muss durch die Pipeline vakuumiert in die Dorfsennerei, damit sie nicht verstrudelt und ausbuttert. Deswegen muss vor und nach der Milch ein Schaumgummibällchen durch die Leitung. Einmal haben wir wahrscheinlich drei statt zwei Bällchen runtergeschickt, auf jeden Fall fand der Senn ein Bällchen im Käse ... Inzwischen weiß ich, dass uns allen Fehler passieren. Es beruhigt mich zu sehen, dass auch die Chefin Elli Fehler macht. Meine Mutter meinte mal am Telefon: „Mensch Lisa, du musst ja nicht bleiben, du kannst ja einfach gehen.“ Nein, kann ich nicht. Ich hab selbst gesagt, ich will auf die Alp; jetzt bin ich da und gehe nicht einfach runter. Aber ich freu mich, wenn es vorbei ist. Vieles ist zwar besser geworden, und ich hab im Moment das Gefühl, dass ich es durchstehen werde, aber so richtig Freude macht es mir nicht. Ich werde wohl niemals mehr auf die Alp gehen. Es müsste alles leichter sein, selbstverständlicher, freier. Man macht jeden Handgriff so, wie ihn Elli machen würde – man verleugnet sich permanent –, das ist sooo anstrengend. Ich seh die Alp als eine Art Lehre. Meine Mutter hat mich gefragt: „Was würdest du machen, wenn du die Alp hinschmeißt?“ „Ich stell mich auf

den Markt und verkauf Äpfel.“ „So eine Deppenarbeit?“ – Das ist überhaupt keine Deppenarbeit, darum geht es nicht, sondern dass ich etwas dazulernen will. Ich kann keine Äpfel verkaufen und hab das noch nie gemacht. Lernen und merken wie das ist, am Marktstand stehen und Äpfel verkaufen. So habe ich die Alp ja anfänglich auch gesehen, zu lernen, wie man Kühe treibt und melkt.

Mitte September, Bilanz, Abschied, zurück ins Tal

Mein Vater und meine Schwester waren bei ihrem Besuch sehr zurückhaltend. Sie kamen müde am Freitagabend hier an. Ich wollte sie abholen, aber sie meinten: „Oh nein, wir bleiben im Hotel.“ Da war ich total enttäuscht. „Ja wie denn, ich bin hier auf der Alp, und euch interessiert es nicht!?“ Ich glaube, mein Vater kann nicht fassen, dass ich anders bin, als er sich das gedacht hat. Er ist ein IT-Mensch, ist mit dem Cabrio hergefahren und hat sich gefreut, dass es im Tal unten einen Golfplatz gibt. Am Samstag hat er alles angeschaut und meinte, dass er mich bewundere, wie ich das durchhalte. Zwei-, dreimal hat er gefragt: „Lisa, weißt du eigentlich, was du hier tust?“ Auf Besuch waren auch unsere Nachbarälpler, er mit langem, wehendem Haar, sie mit Dreadlocks. Da prallen Welten aufeinander. Und mein Vater ist fassungslos, dass seine Tochter dazwischensteht. 03 2011 . alps

Alp-WG Drei Frauen, drei Monate. Ein Waschbecken nur, aber viel schwere Arbeit. Wenig Schlaf und selten Muße für ein Bier – manchmal findet Lisa das alles zum Verzweifeln. Aber die Kühe wachsen ihr ans Herz. Das Hüten entschädigt sie für so manches.

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Unterwegs

„Die Alp hat mich verändert. Alles kam anders, als ich im Frühjahr dachte. Aber ich hab mich durchgekämpft, hab Tiefschläge ­verarbeitet. Jetzt fühle ich mich solchen ­Situationen gewachsen. Das tut ganz gut“

Hochgefühl zum guten Schluss Lisa hat es geschafft. Mitte September sind die Alpweiden abgefressen, weiter oben liegt schon Schnee. Jetzt treiben die Frauen die Kühe hinunter. Lisa ist stolz auf sich. Für den Einzug ins Dorf zieht sie ihr hübsches Dirndl an.

Auf den Besuch der Bauern freue ich mich richtig. Wenn sie vom Heuen oder Wetter erzählen. Man nimmt Anteil, schaut runter, wie weit sie sind mit Heuen, vor allem wenn das Wetter umschlägt. Bauer ist ein Urberuf, vor dem ich Respekt entwickelt habe. In meiner Kindheit war „du Bauer!“ ein Schimpfwort. Wenn ich hingegen denke, was man an der Uni alles so studieren kann, absurd! Ich habe gelernt, den Berg zu lesen. Wenn ich das nächste Mal in die Berge gehe und über einen Zaun steige, verstehe ich, warum da ein Zaun ist, und wenn er kaputt ist, werde ich ihn herrichten. „Oh, da ist der Isolator kaputt. Ah, und das ist eine Kuh, kein Stier.“ Das finde ich total schön, dass ich ein Verständnis dafür entwickelt habe. Am Anfang habe ich nichts verstanden. Wenn Elli meinte, du gehst da runter und da hat es einen Stein, du siehst ihn dann schon, habe ich nichts gesehen, bin da gestanden und habe gedacht, oh Gott, ich bin total bescheuert. Inzwischen sehe ich den Stein und weiß, welcher gemeint ist. Ich erkenne die Kuhwege, wenn ich eine Kuh wäre, würde ich auch so gehen, ist doch logisch. Ich verstehe gar nicht mehr, dass es mir mal nicht logisch war. So richtig bewusst wird mir dies, wenn wir Besucher haben und die so dumm am falschen Ort rumstehen. Ich bin in eine Selbstverständlichkeit gerutscht, die ich vor zwölf Wochen nicht hatte.

„hirtenstock und käsebrecher“ – Älplerinnen und Älpler im ­Portrait“ heißt der Bildband, dem Text und Fotos entnommen sind. In den 13 Portraits des großformatigen, schön bebilderten und einfühlsam geschriebenen Buches entsteht eine Typologie zeitgenössischer Sennerinnen, Hirten und Käser, von der jungen Uni-Absolventin bis zum weisen alten Bergbauern (siehe Buchcover rechts). Lisas Alp Grimsel gehört zum Dorf Obergesteln im Wallis nahe Furka- und Grimselpass und liegt auf knapp 2200 Metern. Die Milch der 60 Kühe wird nicht auf der Alp

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Ich bin erstaunt, dass die Bilanz jetzt doch noch positiv ist. Im Sommer habe ich noch gesagt, ich werde nie eine Älplerin. Ein Bauer meinte kürzlich: „Die ist schon infiziert, die kommt wieder.“ Aber ich weiß nicht recht. Es war schon schön, die Arbeit hat zum Schluss Spaß gemacht. Auch wenn alles anders kam, als ich es im Frühling erwartet hatte. Ich habe viel darüber nachgedacht, was das Strengste war, und ich glaube, es war der Umgang untereinander. Es ist ganz erstaunlich, ich komm mit allem klar, mit den Kühen, mit dem Melken, mit dem früh Aufstehen, mit dem Arbeiten, mit der Erschöpfung. Aber mit der psychischen Belastung, mit der komm ich nicht klar. Nach den ersten Wochen, als ich ganz am Boden war, nicht mehr wusste, wer ich bin, ob ich jetzt 25 bin oder erst 15, da war ich sehr verunsichert. Den Platz im Team zu finden war die härteste Nuss.

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ie Alp hat mich verändert. Ich bin stolz, das gemeistert zu haben. Dass ich mich wieder aufgerappelt, die Alpzeit durchgekämpft habe und kein seelisches Wrack bin, sondern Tiefschläge verarbeiten konnte und jetzt das Gefühl habe, solchen Situationen gewachsen zu sein. Das tut ganz gut. Vorhin beim Alpabzug war ich traurig. Die Kühe, die lieben Kühe. Da ist eine dabei, die ist meine Lieblingskuh, und die soll nun geschlachtet werden. Ich finde das schrecklich. So lange habe ich gebraucht, um die Kühe kennenzulernen, habe ihre Namen ständig verwechselt. Jetzt kenne ich alle, weiß, wie sie gehen, was sie machen. Nun werde ich sie nicht mehr sehen. Das lässt mich ein bisschen sentimental werden, auch wenn das den Viechern wahrscheinlich schnurzpiepegal ist. Jetzt geh ich zuerst zu meiner alten Oma, um sie zu unterstützen, das ist extremes Kontrastprogramm. Ich habe immer noch keine Lust, mich zu bewerben, als Landschaftsarchitektin zu arbeiten, puuh, das macht mir ein bisschen Sorgen. Ja mal schauen. Ich finde es ganz gut, mich treiben zu lassen und nicht schon wieder die Zukunft zu planen. Ich freue mich unglaublich darauf auszuschlafen. Ich habe total Lust, meine Freunde wiederzusehen, tanzen zu gehen. Und zwar in einen richtig üblen Schuppen, mit Elektro und so.

v­erarbeitet, sondern zum Käsen und Buttern per Rohrleitung ins Tal befördert. Herausgeber und Fotografie: Giorgio Hösli, Paul Hugentobler; Mitautoren: Rüdiger Dilloo, Bettina Dyttrich, Eva Schwegler, Katrenka Tanner; 330 Seiten, gebunden, 470 Farb- und SchwarzWeiß-Bilder; 54 Euro. Bestellungen über www.zalpverlag.ch informationen zum Leben und Arbeiten auf der Alp finden Sie im Notizbuch auf S. 128


Rubrik Alpen

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Zeitgeschichten

Text Christian Rauch bergwärts Mit Mitte Zwanzig reiste Goethe erstmals in die Schweiz und machte zahlreiche Notizen und Zeichnungen. Rechte Seite: „Scheideblick nach Italien vom Gotthard, den 22.Juni 1775“, notierte er zu dieser Bleistiftskizze.

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Bilder: Corbis (1), bpk (1)

WIE GŒthe aM GOtthard hängenblieb

In drei Lebensphasen reiste Johann Wolfgang von Goethe auf den Schweizer Gotthardpass. Nie überquerte er ihn dabei Richtung Süden. Doch die abweisende Gletscherwelt prägte ihn stärker als der zugängliche Brenner, der ihn schließlich ins gelobte Land Italien führte

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Wohnen

Text Carina Landau Dokumentation Jeremy Callaghan Fotos Gaelle Le Boulicaut

H Liebesleid Aus Sehnsucht nach Lili Schöne­ mann brach Goethe die Reise mit Freund Passavant ab. Oben: Teufels­ brücke über die Schöllenen­ schlucht, 1833.

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eute wird er durchlöchert wie ein Schweizer Käse. Ein Eisenbahn- und ein Autobahntunnel durchziehen ihn und bald auch der längste Basistunnel der Welt. Dabei lag einst ein Mythos über dem 2106 Meter hohen Bergpass. Für die höchste Erhebung der Alpen hielt ihn Julius Cäsar gar, und die Nordseite des Passes mit seinen Schluchten erschien selbst den furchtlosen römischen Truppen als unbegehbar. Für einen anderen großen Bewunderer besaß die Passhöhe „den Rang eines königlichen Gebirges über allen anderen, weil die größten Gebirgsketten bei ihm zusammenlaufen“ und vier bedeutende Flüsse, Rhein, Rhône, Reuss und Ticino an ihm entspringen. Die Rede ist vom Schweizer St. Gotthardpass und der andere große Bewunderer war kein Geringerer als Johann Wolfgang von ­Goethe. Fast ein Schicksal war

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der Gotthard für Goethe. Dreimal besuchte er die Schweiz, dreimal bestieg er den Gotthard. Und keinmal überschritt er ihn wirklich nach Italien. Irgendetwas muss den Schöpfer des Faust an diese Berghöhe gefesselt haben. Goethe genoss die Schweizer Bergwelt auf ausgedehnten, monatelangen Reisen. Ganz in der Manier des „Augenmenschen“ schweifte sein Blick aus den Tälern über steil gepflanzte Weinberge, über kleine Dörfer, die sich an die Bergflanken kauern, auf dunkelbraune Holzhäuschen, die unter dem ­ersten Schnee des Herbstes hervor­ gucken. Einen einzelnen, prächtigen Walnussbaum würdigte er in seinen Tagebüchern ebenso wie einen mit Käse beladenen Schlitten, der durch den vom Mist der Maultiere tiefbraunen Schnee vom Pass heruntersauste. Und unzählige Male pries er das, was für die Schweiz noch heute Sinnbild ist: die alles überragenden „glänzenden Eisgebürge“.

1775 – erste Reise: Goethe sportlich

„Der Himmel war ganz klar, das Blau viel tiefer, als man es in dem platten Land gewohnt ist“, schwärmte der Wahlweimarer Goethe, als er einmal das Urserental beim Abstieg vom Gotthard durchquerte. Der Anstieg hingegen war ihm Tage zuvor noch wie die „ödeste Gegend der Welt“ vorgekommen. Auf einer elfstündigen Bergtour vom Wallis aus über den rund 2400 Meter hohen, tief verschneiten Furkapass bis Realp fühlte sich der Dichter wie in einer einsamen Gebirgswüste, „wo man rückwärts und vorwärts auf drei Stunden keine lebendige Seele weiß.“ Dabei war Goethe gerade in seinen jungen Jahren ein höchst sportlicher Mensch – wenn es auch den „Sport“ im heutigen Sinne noch nicht gab. Bei seiner ersten Schweizreise 1775, Goethe war gerade 25 und durch seinen Erstlingsroman „Die Leiden des jungen Werther“


Mit Charlotte von Stein teilte er gern die großen Gefühle der Erhabenheit Moderne Zeiten

Die Küche wurde beim Wiederaufbau des Hauses auf den neuesten Stand der Technik gebracht; das Holz bekam einen grauen Anstrich. Am Fenster stehen Kräuter parat, die für Jocelynes Kochkunst unverzichtbar sind. Berühmt ist ihr Taboulé.

bereits berühmt, sprangen er und sein Freund Passavant „von Klippe zu Klippe“ und „von Platte zu Platte“. Nach einer langen Tagesetappe bis in den späten Abend tranken die Freunde und „jauchzten bis zwölf“. Und während einer Kahnfahrt auf dem Zürchersee dichtete Goethe: „Ohne Wein und ohne Weiber hohl der Teufel unsere Leiber.“ Ungestüme, fast jugendliche Aufbruchstimmung hatte Goethe im Sommer ermuntert, die deutschen Lande hinter sich zu lassen und mit ihnen auch seine Verlobte – die Frankfurter Bankierstochter Lili Schönemann. Ob es wirklich die Angst vor der Ehe war, die den jungen Künstler auf dem Weg zum Dichter­thron abschreckte, weiß man nicht. Als Goethe und Passavant jedenfalls nach gut einmonatiger Reise von Frankfurt über Straßburg, Schaffhausen, Zürich, über die Rigi und Altdorf oben auf dem Gotthard ankamen, drängte der Freund zum Weiterweg nach

Bellinzona und an den Lago Maggiore, ins gelobte Italien. Goethe jedoch, in seinen Händen das goldene Herzchen, das er einst von Lili erhalten hatte, entschloss sich zur Rückkehr in die Heimat. Doch die Liebe war nicht mehr zu retten. Die Verlobung wurde gelöst und Goethe folgte dem Ruf des jungen Herzogs Carl August, der ihn am Weimarer Hof schließlich zum Minister macht.

1779 – zweite Reise: Der Lehrmeister

Vier Jahre später, Carl August ist mit seinen nun 22 Jahren noch immer im zartesten Mannes­alter, wird es zur stillschweigenden Aufgabe des zum Geheimrat ernannten Goethe, den jungen Herzog menschlich heranzubilden. Als das beste Mittel umfassender Bildung galt die Reise, und so setzen Goethe und sein sieben Jahre jüngerer Herr am 24. September 1779 bei Speyer über den Rhein. „Die Schweiz

liegt vor uns und wir hoffen mit Beystand des Himmels [...] unsre Geister im Erhabnen der Natur zu baden“, schreibt Goethe. Diesen Satz richtet er wie die meisten seiner Briefe während der diesmal dreimonatigen Reise an seine (womöglich mehr als) platonische Liebe, die verheiratete Hofdame Charlotte von Stein. Er kann sicher sein, Charlotte versteht es, wenn er vom Muskatellerwein aus dem „vallée d’aost“ schwärmt. Die Liebe zwischen beiden ging bekanntlich auch durch den Magen, und häufig hatte Goethe den Blumenkörben, die er in Weimar der Frau von Stein zukommen ließ, die ersten süßen Erdbeeren aus seinem Garten beigelegt. Doch auch die großen Gefühle der Erhabenheit teilt Goethe gern mit ihr. So schreibt er am 28. Oktober über die Eindrücke vom Sonnenuntergang an der Burg St. Cergue: „Auch näher am Thal waren unsre Augen nur auf die Eisgebürge gegen über gerichtet. 03 2011 . alps

reife Beziehung Mit seinem Zögling Herzog Carl August reiste Goethe ein zweites Mal in die Schweiz. Zu Hause wartete die ver­ heiratete Geliebte Charlotte von Stein. Oben: Gotthard­ hospiz, 1785.

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Zeitgeschichten

Mit 48 kletterte er langsamer – Goethe hatte zugenommen Die lezten, links im Oberland, schienen in einem leichten Feuerdampf aufzuschmelzen, die nächsten standen noch mit wohl bestimmten rothen Seiten gegen uns, nach und nach wurden iene weis-grün-graulich. Es sah fast ängstlich aus.“

D gefährtin 1788 lernt Goethe die Handwerker­ tochter Christiane Vulpius kennen, die er 1806 heiratet. Das Medaillon zeigt ihn sieben Jahre vor der Hochzeit, zur Zeit seiner dritten Schweizreise, als er bereits Kinder mit seiner späteren Frau hat.

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iese Zeilen verraten: Goethe war gereift und verglichen mit den wenigen knappen und stürmischen Tagebuchaufzeichnungen seines ersten Schweizbesuchs füllen die ausführlichen Notizen und Briefe der zweiten Reise Dutzende von Seiten. Anders als bei den Abenteuern an der Seite seines Freundes vier Jahre zuvor war er in Gegenwart seines Herzogs auch gesitteter geworden. Hatten er und Passavant 1775 noch nackt im Gebirgsbach, im „Schnee Wasser“ gebadet, so muss er nun „mit dem Herzog thun was mäsig ist“. Das ist immer noch eine ganze Menge. Im Berner Oberland steigen sie auf die 2000 Meter hoch gelegene Alp Oberhorn, damals noch vergletschert. Nach Besuchen am Grindelwaldgletscher gelangen sie über Genf in den Jura. Dort sehen sie aus der Ferne erstmals die „Savoyer Eisgebirge“ und, vom Anblick dieser Bergriesen fasziniert, befiehlt Carl August, den Weg über das Tal der Arve zu wählen. Im „leichten Cabriolet“ brechen sie in Genf auf und treffen zwei Tage später in Chamonix ein. In der sternklaren Nacht erkennen sie ein geheimnisvolles Licht hoch am Himmel: Es ist der vom Mond beschienene

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Mont Blanc. Knapp 30 Jahre später wird ein Bewunderer Goethes diesen Anblick abermals rühmen – der Philosoph Arthur Schopenhauer, der als 18-Jähriger seine Eltern durch Europa begleitet. Nach kurzem Flanieren auf dem spaltendurchzogenen Gletscher Mer de Glace unter den eigentümlich felsigen Spitzen, die hier „Aiguilles“ heißen, fährt die kleine Gefolgschaft über Martigny und Brig das Wallis hinauf. Statt den einfachen südlichen Weg über den Simplonpass und ein Stückchen Italien zum Gotthard zu wählen, entscheidet sich Goethe für die direkteste und riskanteste Route: die lange, durch den vielen Neuschnee gefährliche Bergetappe mit einheimischen Führern über den Furkapass. In der Abenddämmerung erst erreichen sie Realp. Dort sind „eine warme Stube, ein Stück Brot und ein Glas Wein“ erst mal alles, was der Herzog und Goethe nach diesem Gewaltmarsch begehren. Bald sitzen alle, Herren, Knechte und Träger, zufrieden an einem einfachen Holztisch. Das Ziel der Reise ist nun nicht mehr fern. Tags darauf schreibt Goethe: „d. 13. Nov. 79. Auf dem Gotthart bey den Kapuzinern.“ Wie schon vier Jahre zuvor kehrt er im Hospiz der Kapuzinermönche ein und setzt sich, ungeachtet adeliger Sitten, oben auf den warmen Kachelofen, während draußen die grimmige Novemberkälte klirrt. Und wie 1775, so reizt ihn auch jetzt Italien nicht, wie er wortwörtlich an Charlotte schreibt. Der Herzog muss nach

Hause, und auch er möchte heim, seine Geliebte wiedersehen, und so wendet Goethe „sein Auge zum zweitenmal vom gelobten Lande ab“. 1786 aber wird er sein Italien sehen, ganz bequem wird er über Innsbruck und den Brenner reisen und fast zwei Jahre lang seinen Blick an den Monumenten der Antike und an der südländischen Vegetation schulen. In Rom versucht er sich als Maler und Zeichner und kehrt 1788 als neuer Mensch nach Weimar zurück. Am Hof übernimmt er von nun an wissenschaftliche und kulturelle Aufgaben, er verliebt sich in die nicht adelige Handwerkertochter und Näherin Christiane Vulpius, wird sie aber erst viele Jahre später gegen alle gesellschaftlichen Widerstände heiraten.

1779 – dritte Reise: Genie beim Diktat

Ein neuer Abschnitt im Leben des Dichters beginnt. Der Goethe, der 1797 ein drittes Mal in die Schweiz aufbricht, ist Vater, engster Freund Schillers und Schöpfer zahlreicher berühmter Romane und Dramen. Seine Briefe klingen nicht mehr so ausschmückend wie noch bei seiner zweiten Reise: „Erst gepflasterter Weg, dann ein schöner gleicher Fußpfad. Hölzerne Brücke über die Motte, flache große Weide mit Nußbäumen, rechts Kartoffelund Kohlbau. Hübsche Mädchen mit der Mutter auf den Knien, Kartoffeln ausmachend.“ Was Goethe seinem Begleiter und Schreiber diktiert ist kurz und knapp, doch sein erfahrener und weltgewandter Geist erfasst alles: Städtchen und Landschaften, Menschen und ihre Geschichten, auch die Wirtschaft, Viehhandel etwa und Weinausfuhr, und dazwischen immer wieder Goethes Interesse an der Geolo-


gie. Besonders das vermeintliche „Urgestein“ Granit hat es ihm angetan. Aber auch von feinem Sandstein, festem Quarz, Gneis und Kalk erzählen die Briefe. Nichts von dem, was sich da am Wegrand auftürmt oder die Wasser herabspülen, entgeht dem früheren Bergbauminister. Oberhalb von Altdorf wird das Diktat weniger nüchtern: Da ein Wasserfall, dort ein noch schönerer, Gestein mit viel Glimmer, immer ungeheurer werden die Felsmassen und immer prächtiger der Blick zurück ins Tal. Der Gotthard naht! Goethe überquert wie einst mit Freund Passavant die Teufelsbrücke in der Schöllenenschlucht. Danach geht es steil weiter: Ein „starker Stieg“ steht bevor. Doch der 48-Jährige ist noch fit – wenn auch nicht mehr so schlank wie ehedem – und nähert sich nach und nach dem „Gipfel“. Heute ist der Gotthard wirklich nur mehr ein Pass. Parkplätze, Busse, Tafeln, ein Hotel und ein

Museum stehen dort. Das Hospiz aber gibt es als Unterkunft noch immer, auch wenn die Kapuziner es längst nicht mehr bewirten. 1797 war noch alles beim Alten. Goethe findet Pater Lorenz so munter wie 20 Jahre zuvor. Viele Worte aber verliert er auf dem Gotthard nicht mehr. Italien reizt erneut, doch die Familie und die Pflichten rufen, schnell wird wieder abgestiegen. In Stäfa am Zürichsee ist er fast froh, wieder ein Museum besuchen zu können. Vom „Formlosen“ der Berge kommt Goethe zurück zum „Geformtesten“ der künstlerischen Werke, wie er an Verleger Cotta schreibt. In die Schweiz wird er danach nicht mehr reisen, doch die Eindrücke der Bergwelt vergisst er nicht. So lässt er Mignon in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ nicht nur vom „Land, wo die Zitronen blühen“ singen, sondern auch vom „Berg und seinem Wolkensteg“: „Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg, in Höhlen

wohnt der Drachen alte Brut, es stürzt der Fels und über ihn die Flut.“ Auch sein Gedicht „Gesang der Geister über den Wassern“ wäre nicht entstanden, hätte er nicht 1779 den StaubbachWasserfall bei Lauterbrunnen besucht. Und Friedrich Schiller hätte den Wilhelm Tell wohl nie geschrieben, hätte Freund Goethe ihm nicht seine Eindrücke von der Volkssage, vom Besuch der Tellskapelle am Vierwaldstätter See und von Tells Schicksalsstätte Altdorf („wo er den Apfel abschoss“) mitgeteilt. 35 Jahre nach seiner letzten Schweizreise liegt Goethe im Sterben. Kurz nach seinem Tod wird Faust II veröffentlicht. Er beginnt in einer „anmutigen Gegend“. Faust erwacht und ruft: „Ein Paradies wird um mich her die Runde. / Hinauf­ geschaut! – Der Berge Gipfel­ riesen / Verkünden schon die feierlichste Stunde“

männerfreund Friedrich ­Schiller ließ sich von ­Goethes Schwei­ zer Erzählun­ gen zu seinem Drama ­„Wilhelm Tell“ ­inspirieren. Gemälde oben: Tellskapelle am Vierwaldstättersee.

Informationen: Wie Sie heute über den Gotthard reisen, erfahren Sie auf S. 125

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Kreuchen und Fleuchen

Schafes Bruder Der Border Collie weiß, wie Schafe ticken, je nach Situation umschleicht, belauert oder treibt er sie. Vor allem passt er auf, dass kein Schäfchen verloren geht – ganz der gute Hirte

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Fotos: Blickwinkel (1), Juniors Tierbild (1)

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ieser Hund hat Humor. Wenn er den Kopf zur Seite legt, mit einem Auge zwinkert, leise winselt und dann fröhlich bellt, schlägt dieser fast menschenartige Schalk durch. Er ist typisch für den ­Border Collie. Er gilt nicht umsonst als besonders intelligenter, geselliger und eben auch vifer Hund. Was die meisten aber nicht wissen: Keine Rasse ist als Hirtenhund besser geeignet als der schottisch-britische Border ­Collie. So wird er auch in dieser Saison – zwischen Bündner Bergen und österreichischen Alpen – wieder so manchem Schafhirten Gesellschaft leisten. „Ohne sie wäre mein Sommer nicht halb so gut“, sagt Eugen Vonwiller, Bio-Schafzüchter aus Burgiswil in der Nähe von Bern in der Schweiz. Zusammen mit seiner Hündin Réa und rund 50 Schafen verbringt er die Zeit von Ende Mai bis Anfang Oktober auf einer Alp im Berner Oberland. Vonwiller ist fasziniert, wenn er sieht, wie präzis seine Hündin arbeitet und wie schnell sie lernt: „Sie ist schlau, stark und sehr sozial“, sagt er. „Die Tage und Nächte alleine auf der Alp könnten sonst sehr lang sein.“ Tagsüber, wenn Réa die Herde antreibt oder zusammenhält, staunt er, dass sie innerhalb nur eines Ausbildungsjahres schon so gut eingespielt sind aufeinander. Das sieht dann etwa so aus: In rasendem Tempo kommt die zweijährige Réa über einen Zaun gesprungen, umrundet flink die Herde. Die Schafe laufen zusammen. Der Schäfer pfeift. Aus voller Geschwindigkeit bremst das Tier ab und legt sich flach auf den Boden, die Schnauze ins Gras, schaut konzentriert auf die Schafe. Der Schäfer pfeift ein zweites Mal. Der Hund treibt die Herde ruhig und souverän in Richtung sei-

nes Herrn. „Kein anderer Hund kann das so“, sagt er stolz. Nicht umsonst ist Réa schon der dritte Border Collie, den er aufzieht. Ein fast schon poetisches Lobeslied singt die Alphirtin Regula Wehrli auf ihren Border Collie. „Er leistet Präzisionsarbeit, wenn er zum Dirigenten wird und die Herde zu seinem Orchester“, schreibt sie in der Zeitung der Älplerinnen und Älpler in der Schweiz (www.zalp.ch). Wehrli und Vonwiller stehen exemplarisch für die große Beliebtheit des Hundes bei Schafzüchtern und Hirtinnen.

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in Border Collie arbeitet selbstständig – einmal blitzschnell seitwärts flankierend, dann wieder ganz gemächlich anschleichend, aber immer zielstrebig und keinen Moment zögernd. Ihm entkommt kein Schaf und keines bleibt zurück. Konzentration, Taktik, aber auch Unbeschwertheit und Feingefühl zeichnen diese 1893 im schottisch-britischen Grenzland erstmals entdeckte Rasse aus. Der Ort der Entdeckung gibt ihm übrigens seinen Namen, der von Grenze, eben borderline, kommt. Es war der bescheidene Schafsfarmer Adam Telfer, der zufällig die herausragenden Fähigkeiten seines Hundes „Old Hemp“ als Hütehund bemerkte und, ganz motiviert von dieser Feststellung, Old Hemp über 200 Nachkommen abverlangte. Das

Tier starb, erschöpft und nicht sehr alt, mit acht Jahren. Nichtsdestotrotz gilt „Old Hemp“ als Stammvater aller Border Collies bis heute. Dass dieser mittel- bis langhaarige Hund, der ein schwarz-weißes und selten ein braun durchzogenes Fell hat, aber noch mehr kann als Schafe zusammentreiben und Hirten glücklich machen, zeigt die Geschichte von Rico, dem berühmtesten Border Collie. 1999 stellte Rico, der 2008 im hohen Alter von 14 Jahren verstorben ist, sein Talent unter Beweis. Damals konnte der Hund bereits 77 Wörtern die jeweiligen Spielzeuge zuordnen und holte sie auf Kommando blitzschnell aus dem Nebenraum. Er steigerte sein Wissen später auf 250 Wörter. Diese Leistung wurde sogar am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie untersucht. Den Ritterschlag als Vertreter dieser „ausgesprochen intelligenten Hunderasse“ erhielt Rico aus Deutschland dann von der Fachzeitschrift „Science“. Rico sei in der Lage, vergleichbar mit einem zwei- bis dreijährigen Kind, das sogenannte „Fast Mapping“ anzuwenden, das man vorher noch nie bei Hunden entdeckt hatte: Durch Ausschlussverfahren konnte er ganz schnell unbekannte Gegenstände zuordnen. Nannte man ihm ein neues Wort, das er noch nie gehört hatte, dann brachte er prompt das neue Spielzeug, das er noch nie gesehen hatte – logisch! 03 2011 . alps

Text Martina Bortolani Fürsorglich ist jeder Border Collie von Natur aus und das nicht nur, wenn es um Lämmer auf der Weide geht. Im Notfall wird auch ein Borstentier liebevoll großgezogen, wie im Kinofilm „Ein Schweinchen namens Babe“, mit dem sich Border-Collie-Hündin „Fly“ in die Herzen von Groß und Klein schlich.

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Zugereist

Nordlicht auf der Almwiese Am nördlichen Polarkreis ist das Eis mancherorts drei Kilometer dick. Uri Golman ist dort kürzlich die Kamera am Kinn festgefroren. Das stört den Fotografen nicht. So wenig wie wochenlange Dunkelheit. Der Däne fühlt sich in der Arktis zu Hause. Doch mit seiner Frau und den beiden Töchtern zog er jetzt in die Alpen ...

Kalt und heiSS Ob Eisberge in der Disko Bay (oben) oder die Lavaströme beim Ausbruch des ­Vulkans Eyjafjallajökull in Island (unten) – Uri Golman fotografiert die Schönheit der Welt unretuschiert. Und wilde Tiere wie Eisbär und Polarfuchs beobachten ihn dabei.


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ährend eines Schneesturms sind wir mit den Hundeschlitten im Packeis eingebrochen, dann tauchte aus dem Nichts ein Rudel Polarfüchse auf, und wahrscheinlich war da sogar Text ein Eisbär ...“ Uri Golman lacht. claudia merkle „Das waren unsere GutenachtFOTOS Geschichten. Mein Vater und ich Uri Gollmann haben jeden Abend vor dem Einschlafen die abstrusesten Abenteuer zusammengesponnen.“ Und immer waren es Expeditionen an den Nordpol. „In Gedanken habe ich meine gesamte Kindheit zwischen Eisbergen verbracht ...“ Zwanzig Jahre später steht Uri Golman tatsächlich zum ersten Mal vor diesen fast unwirklichen, zartblau und rosa schimmernden Kolossen. Und da ist augenblicklich das Gefühl, endlich zu Hause angekommen zu sein. „Diese Landschaft ist magisch. Allein das Nordlicht. Diese grell-grünen Wolkengebilde, die sich wie ein riesiges Gespenst mit einer unglaublichen Geschwindigkeit am Himmel bewegen“, schwärmt der 37-jährige dänische WildlifePhotographer, der gerade den WWF Panda Book of the Year Award gewonnen hat, regelmäßig für National Geographic und die BBC die abgelegensten Landstriche dieser gefrorenen Welt erkundet und mehrere Bücher über die Arktis veröffentlicht hat. Gutenacht-Geschichten denkt er sich noch immer aus. Mittlerweile für seine Töchter, Silvia (5) und Lilya (2). Den beiden hat er erzählt, dass Eskimos lieber Inuit genannt werden möchten, weil sich Eskimo – Menschen, die rohes Fleisch essen – in den Ohren der Inuit nicht gerade schmeichelhaft anhört. Die zwei Blondschöpfe wissen, dass Polarfüchse nie im Rudel, sondern höchstens als Paar umherstreifen. Und ihr Daddy hat ihnen auch erklärt, dass Huskies ein beinahe seismografisches Gespür dafür haben, wann Eis zu dünn wird, um darauf weiterzugehen. „Wäre schön, wenn wir auch mit so einem Frühwarnsystem ausgestattet wären“, findet Uri Golman, der bei seiner letzten Tour in der Arktis in eine Gletscherspalte rutschte. „Uri hing bis zur Hälfte in dieser fast acht Meter tiefen Ritze. Sein Freund, ein dänischer Dokumentarfilmer, hat ihn da erst mal hängen lassen und ausgiebig fotografiert“, erzählt Henriette, Uris Frau, der er vor jeder Abreise versichert, dass diesmal alles absolut ungefährlich sei ... 03 2011 . alps

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Zugereist

Letztes Jahr, als der isländische Eyjafjallajökull ausbrach und mit seiner Aschewolke den europäischen Flugverkehr in einen unfreiwilligen Dornröschenschlaf versenkte, war Uri auf Grönland. „Das war zumindest sein Plan“, erinnert sich Henriette. Zwei Tage später rief er an und erzählte euphorisch, er hätte gerade noch den letzten Flug nach Island bekommen und würde am Krater des Vulkans stehen. „Er meinte, ich sollte mir keine Gedanken machen, er hätte das mit Wissenschaftlern der Universität in Reykjavik besprochen und sich auch einen Schutzhelm gekauft.“ Nach einer kleinen Pause pufft sie Uri in die Rippen und lacht: „Ich hätte das genauso gemacht ...“

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Uri Golmans Frau Henriette ist ebenfalls Fotografin, oben ist sie im Val d’Aosta in Italien unterwegs. Unvergesslich für Uri Golman war die Begegnung mit einer Schnee-Eule in Kanada: Acht Tage hielt sie sich in ­seiner Nähe auf.

ri wirft ein, dass das wirklich Ausnahmesituationen waren. „Normalerweise sind meine Reisen fast schon meditativ. Wenn man sich in der Natur aufhält, wirkt das ohnehin wie ein SlowMotion-Schalter fürs Gemüt. Da werden selbst die hektischsten Menschen ruhig. Ich bewege mich in der Arktis extrem langsam.“ Meist ist der Fotograf alleine unterwegs, außer im Winter, da reist er mit einem einheimischen Guide, der den Schlitten mit den Huskies fährt. „Meine Ausrüstung wiegt 60 Kilo. Damit bin ich jeden Tag einige Stunden zu Fuß unterwegs. Da verbraucht man bei diesen Temperaturen täglich fast 8000 Kalorien. Längere Strecken lege ich mit dem Schlitten zurück, sonst würde ich so eine Tour gar nicht schaffen.“ Gesprochen wird wenig. Das würde die Tiere vertreiben. Ein Anthro-

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Naturschönheit

pologe hat ihm erklärt, dass die Inuit so schweigsam sind, weil der Körper bei extremen Minusgraden beim Reden ungefähr 20% Flüssigkeit verliert. Manchmal sitzt Uri tagelang nur da und wartet auf den perfekten Augenblick. Seine Fotos hinterher am Computer zu bearbeiten, nein, das würde er nie. Uri Golman gehört zur International League of Conservation Photographers. Das sind Fotografen und Filmemacher, die sich mit ihren Reportagen für Menschenrechte, Umwelt- und Tierschutzthemen einsetzen. Ihrer Organisation gelang es, dass in Kanada das Gebiet des Flathead Rave Valley, das von der Regierung schon für Kohleabbau freigegeben worden war, in letzter Minute doch noch zum Naturschutzpark erklärt wurde. „Es ist so wichtig, sich einzusetzen“, erklärt Uri entschlossen. „Grönland erwärmt sich doppelt so schnell wie die meisten anderen Gebiete der Erde. Das Eis schmilzt vor meinen Augen, das sehe ich ja ganz deutlich auf den Fotos, die ich während der letzten zehn Jahre gemacht habe. Aber wenn wir mit unseren Bildern etwas bewegen wollen, müssen sie auch absolut authentisch sein.“ Bei dieser Art der Fotografie, wo nichts retuschiert wird, muss dann manchmal innerhalb von Sekunden alles stimmen. Das perfekte Licht, das passende Objektiv ... „Einmal tauchte direkt über mir eine Schnee-Eule auf und schwebte derart artistisch durch die Luft – das war reinstes Himmelsballett. Nur waren meine Finger vom stundenlangen Stillsitzen gerade in dem Moment steif gefroren. Da habe ich den Auslöser mit der Nase gedrückt.“ Solche Glücksmomente würde er gerne mit Henriette und seinen Töchtern teilen. Aber mit den zwei Mädels in die Arktis, das können sich Uri und Henriette momentan nicht vorstellen. Deshalb auch die Idee mit dem Umzug von Dänemark in Richtung Alpen. Mittlerweile leben die Golmans in einem kleinen Dorf am Comersee, wo kürzlich hinterm Haus wilde Mufflons weideten. „In den Alpen gibt es noch die letzten unberührten Landschaften Europas. Die wollen wir gemeinsam erkunden“, erzählt Uri. „Außerdem habe ich inzwischen oft genug bei minus 20 Grad in einer eisigen Hütte übernachtet. Zwischendurch mal auf einer Almwiese in der Sonne zu liegen und in den blauen Himmel zu schauen ist einfach großartig – und in der Abendsonne schimmern die schroffen Felswände im selben zarten Rosa wie die Eisberge auf Grönland ...“ Informationen: Uris Golmans Blog und seine aktuellen ­Fotoworkshops finden Sie unter www.urigolman.com


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Portfolio

B O ER KOF E L

Den Namen sollte man sich merken: Gabriela Oberkofler. Die junge Südtirolerin mag zwar ihr Dorf überall mit sich herumtragen, aber ihre Arbeiten überschreiten Grenzen. Ob Video, Installation oder schlichter Filzstift, immer erzählt sie Geschichten aus der Heimat, die man überall versteht

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Foto: Tierry Chassepoux (1)


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Fotos: Karl Heinz Augustin (2)


Portfolio

Aus Obstkisten baute Gabriela Oberkofler jene Buggelkraxen nach, die typisch waren für Handwerker, die früher mit ihrer ganzen Habe auf dem Rücken von Hof zu Hof zogen, um ihre Dienste anzubieten. Nicht selten hinterlie­ ßen die abenteu­er­ lustigen Gesellen „BuggelkraxenKinder“. Gabriela Oberkofler trug ihr Dorf auf dem Buckel durch die Großstadt Stuttgart – und bekam einen Preis für diese Arbeit. Das Objekt wurde angekauft von der Columbus Art Foundation in Ravensburg.

Sie kommen aus einer Bauernfamilie in Jenesien in Südtirol. Was hat Sie zum Kunststudium nach Stuttgart gebracht?

Schon als Mädchen war es mir zu eng in meinem Dorf. Auch innerhalb meiner Fami­ lie musste ich mir früh etwas einfallen lassen, um gehört und gesehen zu werden. Wir sind sechs Geschwister, fünf Mäd­ chen und ein Bruder; ich bin zwar nicht die Jüngste, aber die Kleinste. Zur Kunst bin ich über einige Umwege gekommen. Ich besuchte die Fachhochschule für Kunsttherapie in Nürtin­ gen bei Stuttgart. Ich empfand es damals als großes Privileg, mich fünf Jahre mit mir selbst beschäftigen zu dürfen. Mein Drang nach Selbstausdruck war aber doch zu stark. Und so habe ich im letzten Jahr parallel zur Fachhochschule die Kunst­ akademie in Stuttgart besucht. Herkunft und Tradition spielen eine große Rolle in Ihrer Kunst. Sie mischen volkskulturelle Elemente mit zeitgenössischen, stellen traditionelle Motive in einen aktuellen Kontext. Was interessiert Sie dabei?

Der Umgang mit Volkskul­ tur ist bei mir ein rein intuitiver. Ich bin überzeugt davon, dass mich die Bilder meiner Kind­ heit sehr geprägt haben. Diese starken bäuerlichen Bilder. Für mich steckt in der Jenesier Volkskultur etwas sehr Kraft­ volles: Die Berge, die Natur, die Menschen, die Farben, alles geht ineinander über. Und gleichzeitig spüre ich auch etwas Dunkles, Archaisches

und Abgründiges. Etwas, das mich tief berührt, aber nicht wirklich fassbar ist. Jedenfalls sind diese Bilder und Erinne­ rungen ein unendliches künst­ lerisches Reservoir für mich. Ist diese Auseinandersetzung mit Ihrer Herkunft zu Ihrer künst­lerischen Sprache ­geworden?

Zurzeit ist das meine künstlerische Sprache; wobei ich mich nicht für die Zukunft festlegen möchte. Wenn ich alle meine Arbeiten vergleiche, dann betreibe ich natürlich eine ganz klare Beschlagnahmung der Südtiroler Kultur mit all ihren Accessoires wie Dirndl, Akkordeon etc., andererseits distanziere ich mich aber auch immer mehr davon in den letz­ ten Arbeiten, im Sinne einer kritischen Hinterfragung. Noch sind diese Themen wichtig für mich. Nehmen wir meine Arbeit „Buggelkraxen“ zum Beispiel, wo ich mit der klaren und ein­ fachen Bildsprache eines Dorfs gearbeitet habe: Kirche, Haus, Stall, Gasthaus. Die Idee war nun, diese Elemente in Mini­ atur zu bauen, zusammenzu­ fügen und wie einen Rucksack immer mit mir herumzutragen. Auch das ist schon eine Form der ­D istanzierung – das Dorf kommt zwar mit, aber im Dorf geht’s für mich nicht mehr.

meiner kindlichen Neugier, sie hat aber auch mit meinem Kunststudium zu tun. Darü­ ber hinaus ist der natürliche Umgang mit verschiedenen Medien auch ein Phänomen unserer Zeit. Ihre Kunst hat etwas sehr ­Fröhliches, Spielerisches ...

Ich bin manchmal wie ein Kind. Das hört sich vielleicht wenig ernsthaft an. Aber wenn man Kinder beim Spielen beob­ achtet, sind sie meist sehr ernst und ganz bei der Sache. Diese Seite hat in mir auch einen ande­ ren Aspekt; neben der inneren Freude kenne ich auch Traurig­ keit, Melancholie. Meistens sind diese zwei Seiten gleichzeitig da. Treffen Sie mit Ihrer Kunst einen Zeitgeist? Vom Edelweiß bis zum karierten Tischtuch ist die Alpenästhetik ja sehr „in“, meist mit einem ironischen Augenzwinkern ...

Sie zeichnen, ­fotografieren, machen Installationen, Objekte, Performances und Videos. Wählen Sie das Medium je nach Thema?

Ich glaube eher, dass das, was ich mache, abseits des Kunst-Mainstream liegt. Viel­ leicht treffe ich auch einen bestimmten Zeitgeist, aber nicht innerhalb der Kunstszene. Der Trend geht eher in Richtung konzeptuelle, politische Kunst; wobei einige meiner Arbeiten auch politische Aspekte aufwei­ sen, nur sind sie nicht immer so offensichtlich. Viele Leute freuen sich zwar über das, was ich mache, sind meine Fans, aber ich muss meine Haltung, meine Position sehr oft vertei­ digen. Das macht es aber auch interessant.

Ich glaube diese Medien­ vielfalt entspringt vor allem

Welche Rolle spielt Südtirol heute für Sie?

Gabriela Oberkofler. Ihre künstlerische Handschrift ist eigenwillig und originell. In einem Video singt sie mit den Kastelruther Spatzen, sie spielt Ziehharmonika auf dem Empire State ­Building, baut Installationen mit Knödeln oder trägt wie bei ihrer neuen Serie „Buggelkraxen“ ihr Dorf Jenesien/ Südtirol auf dem Rücken spazieren. 2010 erhielt sie den mit 30.000 Euro dotierten Förderpreis der Columbus Art Foundation, das ermöglichte ihr den Sprung in die Selbstständigkeit. Die 1975 ­geborene Künstlerin lebt in Stuttgart. www.gabrielaoberkofler.de, Galerie: www.weingruell.com

Südtirol wird für mich immer eine große Rolle ­spielen. Es ist mein Zuhause. Ich spüre hier eine Verbundenheit und Verwurzelung, die ich aber auch gerne wieder mitnehme. Also: heimkommen und wieder Interview: Susanne Barta gehen. 03 2011 . alps

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Ahnengalerie Ein alter Bauernhof in Südtirol inspi­rierte Gabriela Oberkofler zu einer Installation mit traumhaften Elementen, wozu auch Falke, Rabe und Adler gehören. Herzstück ist die Ahnengalerie mit Reh, Hirsch, Kuh und Ziege, deren Porträts aus der alten Tapete herauszuwachsen scheinen. Das Werk gehört zur Sammlung des Energiekonzerns Enovos Ludwigshafen.

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Symbolblume Weil die Geranie zum Kulturgut der Tiroler gehört, kommt sie in vielen Arbeiten von Gabriela Ober­kofler vor. Die Blume wurde zum Zeichen des Widerstands, als die deutschsprachigen Südtiroler zwischen 1939 und 1943 die Option hatten, ins „Reich heim­ zukehren“. Die „Dableiber“ – damals ein Schimpfwort – hängten als ­Zeichen des Widerstands Geranien vor die Tür. Die 30 x 40 cm große Arbeit wurde mit aquarellier­barem Filzstift auf Papier ausgeführt.

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Portfolio Auf der Suche nach der Heimat „bejodelt“ Gabriela Oberkofler in New York „die höchsten Berge“, hier das Empire State Building. Mit Dirndl und Akkordeon lässt die Künstlerin sich von einem guten Freund für das sehnsuchtsvolle Video filmen.

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Portfolio Explosiv Als würden sie sich von innen her auflösen, so prä­ sentieren sich Fuchs und Baum­ stumpf. Den stinkenden Fuchs umschwirren die Fliegen, während er den Wald von Aas säubert. Der Baum­ stumpf entwickelt neues Leben, indem er unterirdisch ein Wurzelkleidchen ausbreitet.


Unterwegs

„Mit Fingern, Ohren, Nase und Mund“ – aber ohne Augenlicht hat Andy Holzer aus Lienz die höchsten Gipfel der Welt bezwungen. Dem blinden Extrembergsteiger fehlt nur noch der Mount Everest, dann zählt er zur Elite der Alpinisten, die auf allen SEVEN SUMMITS standen

S ICHT gleich Null

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Text sebastian schulke FOTOS Andreas Scharnagl und Andreas Unterkreuter

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uchtige Sessel umringen kleine Tische, den Boden zieren auf Hochglanz polierte Natursteinplatten, und die Decke besteht aus schweren, mächtigen Balken. Es riecht nach Bauernstube. Außer dem Knistern von Holzscheiten in einem offenen Kamin ist kaum ein Laut zu vernehmen. Ab und zu huscht eine Frau im Dirndl oder ein Mann in Lederhosen vorbei und lächelt höflich. In dem Hotelfoyer des Stanglwirts in Going herrscht eine vornehme Ruhe. Und das scheint Andy Holzer gerade zu gefallen. Er ist Extrembergsteiger, hat es sich in einem der Sessel bequem gemacht und sitzt vor seinem Laptop, um einen riesigen Wust von Mails zu beantworten. „Da komme ich kaum noch hinterher“, sagt Holzer. Nach jedem Klick auf eine Mail ist eine quasselnde Stimme zu vernehmen, so als

ob man eine Tonbandaufnahme zu schnell abspielt. Da hält er dann kurz inne und hört, was die Stimme ihm zu sagen hat – ein Leseprogramm. Denn Andy Holzer kann die Buchstaben und Worte auf dem Bildschirm seines Laptops nicht lesen – und nicht sehen. Er ist blind. Seit seiner Geburt. „Ich sehe nun mal nicht mit meinen Augen, sondern mit meinen Fingern, Ohren, meiner Nase und meinem Mund“, sagt Holzer. Und so selbstverständlich er das sagt, so selbstverständlich besteigt er Berge. Die höchsten, kältesten und schwierigsten der Welt. Neben dem Mount McKinley (6195 m) in Nordamerika stand der Österreicher bereits auf dem Kilimandscharo (5895 m) in Afrika, dem Elbrus (5642 m) in Russland, den Aconcagua (6959 m) in Südamerika und der Carstensz Pyramide (4884 m) in Ozeanien. Hinzu kommen Begehungen der „Gelben Kante“ (Grad 6) an der Kleinen Zinne (2857 m) oder der Comici (7) durch die Nordwand der Großen Zinne (2999 m). Auch der Cassin (7-) 03 2011 . alps

TIEFE EINBLICKE in die Natur gewinnt Andy Holzer durch Einsatz des ganzen Körpers; oben am Gipfelgrat von Carstensz Pyramide in Indonesien, links am Mount McKinley in Alaska.

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Unterwegs

am Preußenturm (2700 m), der Pilastropfeiler (7+) an der Tofana di Rozes (3225 m), der Donauturm (150 m) in Wien aus blankem Stahl und Beton sowie die Längsüberschreitung des Montblanc (4809 m). Zuletzt nahm er im Dezember in der Antarktis den Mount Vinson (4892 m) ins Visier seiner Sinne. „Jetzt fehlt mir nur noch der Mount Everest“, sagt Holzer, „um die Seven Summits zu komplettieren. Das wäre der Wahnsinn.“ ber von den Gipfeln der Seven Summits ist Andy Holzer gerade weit entfernt, hier in Going am Wilden Kaiser. Der Österreicher befindet sich auf einer kleinen Tour durch Ost­ tirol und Bayern, hält Vorträge und stellt sein Buch vor: „Balanceakt – Blind auf die Gipfel der Welt“.

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„Ich werfe Sand vor mir auf den Boden, um am Aufprall der einzelnen Körner zu hören, wo der Abgrund beginnt“ Sabine, seine Frau, ist dabei immer an seiner Seite. Sie führt ihn durch das Hotel, nimmt ihn an die Hand und sagt ihm, wenn eine Stufe kommt. „Ohne meine Frau“, gibt Holzer zu, „wäre ich hier ziemlich aufgeschmissen“. Sobald er seine vertraute Umgebung, die Bergwelt, verlässt und sich im urbanen Dschungel zurechtfinden muss, verschwimmen seine Sinneseindrücke. „Ich bewundere jeden Blinden, der in einer Großstadt wohnt“, so Holzer. „Dieser ganze Krach, Lärm und Stress würde mich verrückt machen.“ In den Bergen findet er die Ruhe, die seine Sinne brauchen, um den dunklen Schleier von seinen Augen zu nehmen. Dort kann er mit seinen Fingern ungestört den Fels abtasten, um jede Spalte und Wölbung zu fühlen. Mit seinen Ohren den Stimmen des Windes lauschen, um aufragende Kanten und Vorsprünge zu erkennen. Mit der Zunge schnalzen, um hohe und steile Felswände besser zu orten. Und mit seiner Nase den Duft der

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Bäume und Wiesen aufnehmen, um ein genaueres Bild seiner Umgebung zu gewinnen. Dort kann er einfach die Natur als seinen Wegweiser nutzen. „Ich werfe oft auch Sand in felsigem Gebiet vor mir auf den Boden, um am Aufprall der einzelnen Körner zu hören, wo der Abgrund beginnt“, erklärt Holzer und betont: „Aber ich bin dabei natürlich nicht vollkommen alleine unterwegs.“ Ein Partner ist auch in den Bergen fast immer an seiner Seite. Jedoch kein Partner, der einen armen, blinden und hilflosen Menschen auf die Gipfel der Berge führt. Nein! Ein Partner, der ihm wie bei einer ganz „normalen Seilschaft“ hier und da Tipps gibt. Nur bei Passagen, bei denen Holzer aufrecht gehen muss und keine Orientierungspunkte zu greifen bekommt, hält er sich hinten mit zwei Fingern am Rucksack seines Weggefährten fest und lässt sich führen. „Wenn ich mich in einem neuen Klettergebiet befinde“, erklärt Holzer, „stelle ich meinem Bergkameraden ständig Fragen über die Landschaft, den Fels, die Gerüche, und, und, und ...“ So speichere er jedes Detail in seinem Kopf ab und kenne nach der Begehung das Gebiet und jeden Griff der Tour auswendig. Wenn der Bergsteiger ohne Augenlicht dann wieder vor der steilen Felswand steht, die Hunderte Meter in den Himmel ragt, schreckt er selbst vor einem Vorstieg nicht zurück: Ganz ruhig und fast schon gemütlich tastet er den Fels ab, fühlt dessen Struktur, sucht Griffe, die er spürt und hält. Dann zieht er sich hoch, schnauft kräftig und gewinnt langsam aber sicher an Höhe. Mit jedem Meter, mit jedem Atemzug nimmt Holzer mehr von der Natur und ihrer felsigen Gewalt auf. Er saugt sie wie ein Schwamm in sich auf, um ein Bild von der Felswand in seinem Kopf entstehen zu lassen. Während unten ein Freund steht und ihn sichert, ihm hier und da noch einen Tipp gibt. Wenn sich Andy Holzer so dem Gipfel nähert, ihn mit seinen Fingern, Ohren und seiner Nase erobert, erfüllt den Bergsteiger ein Gefühl von unermesslicher Freiheit. ine Freiheit, die er so nur in den Bergen verspürt. „Da kann ich fast immer meinen Rhythmus gehen. Wenn ich jedoch im Tal oder in der Stadt unterwegs bin, muss mir oft meine Frau oder ein Freund helfen. Beim Gang ins Hotelzimmer oder aufs Klo“, sagt Holzer und verliert plötzlich sein sonst so unumstößliches Lächeln. „Das stört mich am meisten. Bei diesen ganz alltäglichen Dingen, da brauche ich fast immer einen Begleiter.“ In solchen Momenten träume er schon davon, sehen zu können. Allerdings: „Nur für die Naviga-

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tion, nicht wegen der angeblich schönen Bilder da draußen in der Welt.“ Die Welt da draußen mit den Augen sehen, das will Andy Holzer (44) nicht. „Sehen ist relativ“, meint er, „kein anderes Sinnesorgan lässt sich öfter täuschen.“ Da er von Geburt an blind sei verspüre er danach auch keine Sehnsucht. Die Welt des österreichischen Extrembergsteigers besteht zwar nicht aus konkreten Formen und Farben, dafür aber aus Stimmen, Düften und Bewegungen. Das sagt für Holzer viel mehr aus als Augen sehen können. Er habe auch ein ganz besonderes und wunderschönes Bild von seiner Frau Sabine im Kopf, das keinerlei optische Bestätigung benötige. Und so sieht Andy Holzer eine Welt vor sich, die nicht aus einem dunklen Loch besteht, sondern aus Erinnerungen, Erfahrungen und Empfindungen. Eine Welt, die ihm allerdings nicht immer gefällt. Nämlich dann, wenn es um ihn herum zu grell, laut und hektisch wird.

Sabine kommt gerade an den Tisch, lächelt und erzählt ihrem Mann, wie der Raum aussieht, in dem er heute Abend einen Vortrag über seine Expeditionen und das Sehen ohne Augenlicht hält. Wo die Stühle und Tische stehen, wie viele Fenster es gibt und wo sein Platz sein wird. Die beiden sind bereits seit 23 Jahren ein eingespieltes Paar, das merkt man sofort. Sie brauchen nicht viele Worte und sorgen gemeinsam dafür, dass kein Stress entsteht. Auch wenn Andy Holzers Terminplan immer voller wird. Denn seit einem guten Jahr ist er hauptberuflich Bergsteiger und arbeitet nicht mehr als Heilmasseur im Krankenhaus von Lienz – sein Heimatort am Fuße der Dolomiten. Das hat jedoch einen leicht bitteren Beigeschmack. Denn statt den Lienzer Dolomiten vor seiner Haustür stehen jetzt immer öfter Großstädte wie Wien, Zürich, München oder Hamburg auf seinem Programm. Fernsehauftritte, Vorträge und Buchpräsentationen füllen seine Zeit und ­seinen 03 2011 . alps

BLINDES VERTRAUEN in seine Partner und die eigenen Kletterkünste befähigen Andy Holzer, hier am Fixseil, Gipfel wie Carstensz Pyramide, den höchsten Berg Ozeaniens, zu bezwingen.

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Unterwegs

Text Charlotte Seeling

AUF EINER EBENE zu gehen ist für den blinden Bergsteiger das Schwierigste. Bei einer Akklimatisierungstour im nepalesischen Solo-Khumbu lässt er sich von seiner Partnerin führen.

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Kopf mit grellen und lauten Bildern. Bleibt da noch genügend Raum für die Berge? „Die werde ich nie aus meinen Augen verlieren“, sagt Holzer und betont: „Für die Natur nehme ich mir jeden Tag Zeit. Sie ist meine Basis. Auch wenn es mal nur ein Spaziergang mit meiner Frau durch einen Stadtpark ist.“ Außerdem sei ihm das Rampenlicht auch viel zu unwichtig. „Ich will nicht bewundert werden. Ich möchte einigen Leuten nur die Augen öffnen und zeigen, dass sie keine Angst vor ihren Schwächen haben brauchen.“ ine Angst, die den Österreicher selbst 20 Jahre lang begleitete. Denn als Andy Holzer 1966 in Lienz ohne Augenlicht auf die Welt kommt, fürchten seine Eltern, dass ihr Sohn von Freunden und Nachbarn abgelehnt wird. Behinderten und schon gar Blinden sei absolut nichts zugetraut worden. „Die wurden bei uns im Dorf entweder versteckt oder ins Blindenheim geschickt“,

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erinnert sich Holzer. Und so sagten Andys Eltern damals, dass ihr Sohn einfach nicht so gut sehen könne. Das sei alles. Doch je älter Andy wird, desto schwieriger und belastender wird dieses Versteckspiel für ihn. „So habe ich zwar von Anfang an gelernt, mich in der Welt der Sehenden zu bewegen und zu behaupten“, sagt Holzer, „aber das konnte ja nicht ewig so weitergehen.“ Erst als er mit 21 Jahren seine Frau Sabine kennenlernt, hat er schließlich den Mut, offen mit seiner Schwäche umzugehen. Auf einen Blindenstock oder Blindenhund verzichtet er bis heute – in den Bergen wie in der Stadt. Er kann auch keine Blindenschrift lesen. „Meine Freunde sagen oft, dass die Berge mein Blindenstock sind“, meint Holzer und schmunzelt, „die Berge und meine Frau. Daran wird sich hoffentlich nie etwas ändern.“ Dann steht er auf, schiebt den wuchtigen Sessel beiseite und nimmt die Hand von Sabine. Sein Vortrag geht gleich los.


Bergsommer in Tirol = * Im letzten Sommer schickte die Tirol Werbung sieben internationale Landschaftsfotografen auf die Reise. Das war riskant, weil zeitgenössische Fotografie anders sieht, als das Werbebild. Am Ende aber erschloß „Sight-Seeing“ einen neuen Zugang zum Sehen des Landes im Gebirge.

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PRomotion

Annas Mathelehrer ist ein Fashion Freak

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imon war als erster unten. Das ist schon O. K. so. Immerhin hat er mich vorher gefragt. Manchmal muss der Junge einfach ein bisschen rennen, sich auspowern. „Da auf der Wiese neben dem See warte ich auf Euch“, hatte er gesagt und ins Tal hinunter gezeigt. Anna und ich sind auf dem weichen Waldboden ganz gemächlich hinterher marschiert, haben die Aussicht auf die Dreitausender genossen, Trinkpausen eingelegt. In den Bergen haben Anna und ich immer viel Zeit, miteinander zu sprechen und auf dieser Fernwanderung durch Tirol sowieso. Soll noch mal einer sagen, man könne mit Teenagern nicht wandern. Bei uns ist genau das Gegenteil der Fall. Beim Gehen fällt es uns viel leichter, zu reden. Immerhin weiß ich jetzt mal wieder Bescheid, welche Filme meine Tochter mag und dass Annas Mathelehrer, „ein totaler krasser Fashion-Freak ist“. „Ich warte schon seit 14 Minuten“, ruft Simon, als wir unten ankommen, und zeigt stolz auf seine Armbanduhr. „14 Minuten und 23 Sekunden, 24 Sekunden …“. Ich breite das Badetuch aus, das Gras kitzelt an den Waden, Libellen surren herum. Wie wunderschön dieser kleine Moorsee ist! Langsam gleite ich in das kalte Wasser, wirble mokkabraune ­Wolken auf. „Arschbombe“, schreit Simon. Das Bad haben wir uns verdient. Immerhin waren wir heute mehr als 1000 Höhenmeter aufund abgestiegen. Zum Glück an diesem heißen Tag war es eine schattenreiche Etappe des Adlerwegs. Simon hatte sich den gesamten Berg hinaufgekämpft, Stöcke aus dem Wald gezogen, Banditen verfolgt und ganze Heere geschlagen. „Attacke!“ Eine Energie hat der Kerl, Wahnsinn! Oben am Gipfelkreuz hatten wir die Gurken und Paprika ausgepackt, Brot und Bergkäse, den ich in der Sennerei gekauft hatte. „Hey, schmeckt super“, fand Anna und schnappte sich noch ein Stück aus der Brotzeitdose. Die Kinder wollen gar nicht mehr aus dem Wasser herauskommen, obwohl sie schon blaue Lippen haben. Ich tippe eine SMS an meine Frau in

Wandern in Tirol

Im letzten Sommer schickte die Tirol Werbung sieben internationale Landschaftsfotografen auf die Reise. Das war riskant, weil zeitgenössische Fotografie anders sieht als das Werbebild. Am Ende aber erschloss „Sight-Seeing“ einen neuen Zugang zum Sehen des Landes im Gebirge. Der Text ist eine Mini-Erzählung von Reiseautor Gero Günther, inspiriert von den Bildern.

Über 15.000 km Wanderwege, 600 stolze Dreitausender, 130 Bergbahnen und 1300 bewirtschaftete Almen und Hütten laden nach Tirol ein. Auf der stilisierten Silhouette eines Adlers führt der bekannte Adlerweg in 126 Tages-Etappen durch ganz Tirol auf einer Gesamtlänge von 1480 km und über etwa 87.000 Höhenmetern. Auf www.wandern.tirol. at/angebote gibt es die attraktivsten Urlaubsangebote für Gipfelstürmer, Familien, Naturliebhaber und Genießer!

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das Handy: „Hoffe, du bist mit deinem ­Projekt gut vorangekommen. Wir sind gerade baden. ­Morgen stehen noch mal 900 Höhenmeter an. 1000 Küsse von uns allen.“


Wohnen

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HAUS der guten GEISTER Spitzengastronom Michil Costa aus Corvara und seine Partnerin Giovanna Pedrollo haben im ladinischen Weiler Seres am Fuß der Dolomiten ein kleines Bauernhaus aus dem 15. Jahrhundert in ihr ganz persönliches Refugium verwandelt. Sogar der Hausgeist ist vom unkonventionellen Stil des Paares begeistert

Glück in der Stube Die holzgetäfelte Stube stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde kaum verändert. Der Sessel gehörte der Großmutter der Hausherrin. Im Teller­ bord: altes, selbst gesammeltes Porzellan.


„Wir hörten eine Art Seufzen oder Rufen. Die Nachbarn sagten, der Geist des verstorbenen Bauern gehe noch um. Jetzt begrüßen wir ihn jedes Mal, wenn wir nach Hause kommen“ Giovanna Pedrollo

Idylle für Sammler Vom Küchenbalkon sieht man die PuezDolomiten; alte Scheune am Dorf­ platz; die Ballett­ schuhkollektion zeugt von der Leidenschaft der Hausherrin; im Wohnzimmer im ersten Stock bewahrt der Hausherr seine Schallplattensamm­ lung auf (Fotos im Uhrzeigersinn).


Rubrik Wohnen Alpen

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Rubrik Alpen

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Traditionspflege Die ladinische Tracht wird von Michil Costa und Giovanna Pedrollo eigenwillig interpre足 tiert. Linke Seite: Dose aus den 1950er-Jahren; Eingangsflur mit Treppe in den ersten Stock; Esstisch in der alten Stube; Schlaf足 zimmer im ausgebau足 ten Dachboden.


Wohnen

Symbolsprache Alte Scheunen-­ fassade im Weiler Seres mit geschnitztem Gesichtsprofil am Tor. Der Mensch blickt auf Lüftungsöff­nungen mit Tierund Sakralmotiv.

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Text Isolde von Mersi FOTOS Matteo Manduzio

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inen Herrgottswinkel hat fast jede Stube in den Alpen, auch die mehr als 200 Jahre alte des Hauses Nr. 27 im ladinischen Weiler Seres. Ihre Besitzer, der Hotelier Michil Costa aus ­Corvara und seine Lebensgefährtin Giovanna Pedrollo, „Joe“ genannt, haben zudem ihrem Hausgeist eine Erinnerungswand gewidmet. Gleich neben der Stubentür hängen in alten Rahmen ein Erstkommunionbild aus dem Jahr 1938, ein Beichtspiegel, eine Grundbesitzurkunde von 1940. Es sind die Hinterlassenschaften des letzten Bauern, der das Haus kurz vor seinem Tod an jene italienische Familie verkaufte, von der es Michil Costa im Herbst 2009 übernommen hat. Einmal, als die frischgebackenen Hausbesitzer ihr neues, von den Vorgängern nur teilweise restauriertes Domizil betraten, hörten sie einen durchdringenden Laut, „eine Art Seufzen oder Rufen“, erinnert sich Joe. Sie fragten bei den Nachbarn nach der seltsamen Stimme und erfuhren: Der Geist des verstorbenen Bauern gehe noch um. Seither begrüßen Michil und Joe den Hausgeist jedes Mal, wenn sie nach Hause kommen, und als sie beim Dachbodenausbau in einer alten Kommode Urkunden und Dokumente des Bauern fanden, richteten sie ihm seinen Hausgeistwinkel ein. „Ein zweites Mal hat er sich nicht hören lassen – ich glaube, er ist zufrieden bei uns“, meint Joe. Es gibt Gründe genug, dass der Geist zur Ruhe gekommen ist. Das Haus von Michil und Joe ist das einzige in Seres, das im kalten Bergwinter am Sockel der Dolomitenfelsen schön warm ist, weil es eine Zentralheizung, eine moderne Wand- und Dachisolierung, restaurierte Außen- und neue Innenfenster hat. Die Nachbarn – zwei Bauernfamilien mit jeweils vier Kindern und ein allein lebender älterer Mann – können in ihren mehrhundertjährigen Höfen wie seit alters her nur die Stube heizen und den Küchenherd. In Frostnächten bilde sich Raureif auf den Bettdecken, erzählt eins der Nachbarkinder. Das kleine, wahrscheinlich schon im 15. Jahr-

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hundert erbaute Haus Nr. 27 ist einladend, wohnlich und so individualistisch, wie es nur zwei starke Charaktere wie Michil und Joe gestalten konnten und bewohnen können: mit Kopfeinziehen beim Betreten des Schlafzimmers oder mit ständigem Treppauf und Treppab. „Die Architekten haben wir wieder weggeschickt. Die hätten hier am liebsten alles ausgehöhlt und im großen Stil neu ausgebaut“, erzählt Michil, der mehr als zwanzig Jahre lang auf der Suche nach einem Haus wie diesem war. „Alte Häuser“, sagt er, „haben eine stärkere Seele als neue, weil sie die Lebensspuren von vielen Generationen hüten. Diese Spuren darf man nicht einfach auslöschen.“ Statt der Fachleute hat sich daher Joe selbst ans Erneuerungswerk gemacht. Die gebürtige Veroneserin ist in einem alten Haus aufgewachsen und hat von ihrer Oma viele schöne Antiquitäten geerbt, sie liebt die Berge seit ihrer Kindheit und hat von der Schwiegermutter Anni Costa aus dem Hotel „La Perla“ in Corvara die Leidenschaft für authentische alte Dinge und Details „wie ein Schwamm aufgesogen“. Wirtschaftsraum, Stube und Küche im Erd­ geschoss blieben so, wie sie die italienischen Vor­ besitzer ausgehend vom ursprünglichen Grundriss gestaltet hatten. Sie wurden nur mit Textilien, Kunstwerken, Lampen und Möbeln aus eigenem Bestand geschmückt. „Eingang und Treppenhaus mussten wir wegen eines Wasserschadens neu verputzen lassen, da haben wir uns für das Grau von Schiefer entschieden, einem natürlichen Gestein“, erzählt Michil. Seine Lebensgefährtin weist auf die Wasserspuren an der bemalten Stubentür: „Die haben wir nicht entfernt. Die Waschung hat dem Anstrich den Charakter eines Gemäldes gegeben.“ Das Wohnzimmer im ersten Stock, zu erklimmen über eine steile alte Holztreppe, ist der größte Raum im Haus. Die Fenster schützen helle Vorhänge aus Leinen, genäht aus den Leintüchern von Joes Großmutter aus Verona. Das lange Wandregal für Michils Schallplattensammlung hat Joe entworfen und aus neuen Borden und alten Holzteilen aus dem Haus tischlern lassen, die ursprünglich einmal Halter für selbst gebackene


„Die Architekten haben wir weggeschickt. Die hätten am liebsten alles ausgehöhlt und im groSSen stil neu gebaut“ Michil Costa

Brotlaibe waren. Originell auch der Beistelltisch vor einem der grauen Lodensofas, ein Fundstück vom Dachboden: In der Schublade der langen hölzernen Kiste bewahrten die Bauern einst nach dem Rupfen die Gänsefedern auf. Ziemlich verändert hat Joe das Badezimmer, Boden und Wände wurden schiefergrau wie der Flur im Parterre, die nicht benötigte Badewanne verkleidet und zur Ablage umfunktioniert, die Dusche erweitert um ein kleines türkisches Bad mit Sitzbank, von der aus man den ganzen winzigen Dorfplatz von Seres überblicken kann. Doch auch der zeitgenössische Badekomfort schließt die Vergangenheit ein. Die Handtuchhalter sind große, alte Eisennägel aus der Hofwerkstatt, die Handtücher stapeln sich im alten Gitterschrank, in den einst zur Winterszeit die Hühner gepfercht wurden.

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er Ladiner Michil und die Italienerin Joe sind, jeder auf ganz eigene Weise, sehr markante Persönlichkeiten, traditionsbewusst und experimentierfreudig zugleich, offen für andere und für sich selbst, sehr ernsthaft und gleichzeitig mächtig verspielt. Diese gelungene Vereinigung von Gegensätzen spiegelt ihr Haus auf Schritt und Tritt, am deutlichsten aber in ihren jeweiligen Ankleidezimmern. Das von Michil liegt im ersten Stock, direkt an der Treppe zum neu ausgebauten Dachboden. Seine exzentrischen Outfits – eine unkopierbare Mischung aus Trachten-, italienischem Designer- und Vintagestil – hängen dekorativ an langen Kleiderstangen, nur halb verborgen hinter Stoffvorhängen. Daneben an der Wand eine kunterbunte Sammlung von Bleistiften, Michils Objekten der Begierde. Die Treppe hinauf zu Joes Garderobe und zum Schlafzimmer ist in einer ganz speziellen Farbe gestrichen – der dunkelgelb-goldigen von Michils Lieblingswein „Château d’Yquem“. Im Familienhotel in Corvara hat der älteste von drei Söhnen sich als Weinspezialist und SterneRestaurateur ein mehr als nur persönliches Profil geschaffen, Michil Costa gehört Italiens größter, am besten sortierter und mit animierten Erlebnis-

räumen auch amüsantester Hotel-Weinkeller; sein Gourmet­restaurant „Stüa de Michil“ mischt seit rund zwanzig Jahren in der Oberliga der Südtiroler und italienischen Restaurants mit. Im Aufgang zum Dachboden mit dem Schlafzimmer und einer Miniaturtoilette, auf einem Balken neben der hühnerleiterartigen Treppe, zeigt Joe mit ihrer Ballettschuhkollektion Flagge. „Diese Schuhe habe ich alle bis zu meinem 20. Lebensjahr zertanzt. Obwohl ich keine Profi-Ambitionen hatte, ging ich mindestens dreimal pro Woche in die Ballettstunde“, sagt sie. Auch Joes Garderobe unterm Dach ist singulär. Mit Tag- und Abenddirndln, wadenlangen Glockenröcken mit ­Schottenmuster, mit Spitzenblusen oder schwarzen Shirts und ­Designerjeans, mit gezopfter Gretel- oder stylisher Pferdeschwanzfrisur verwandelt sich die Frau je nachdem, wie sie sich gerade fühlt. Die Ladiner, denen Michil Costa angehört, sind das älteste Volk der Alpen, in der Schweiz, in Italien und auch in dessen nördlichster Provinz Südtirol eine Sprachminderheit, die man gemeinhin „Rätoromanen“ nennt. Ihre Sprache variiert von Alpen- zu Dolomitental, weil sie durch die Generationen nur mündlich überliefert wurde und so in der einstigen Weltabgeschiedenheit der Täler jeweils ihre eigene Ausprägung bekommen hat. Die ladinischen Weiler heißen „viles“. Sie sind die älteste erhaltene Siedlungsform im gesamten Alpenraum, allesamt in ähnlicher Anordnung an sonnseitigen Hängen und in Höhenlagen zwischen 1200 und 1700 Metern gebaut: Drei bis acht Höfe und deren Wirtschaftsgebäude gruppieren sich um einen kleinen Dorfplatz mit den Gemeinschaftseinrichtungen, dem Brunnen, dem Backofen und dem Trockengerüst, auf dem einst die Feldfrüchte zum Nachreifen aufgehängt wurden. Diese Ensembles sind zwar denkmalgeschützt, aber dennoch gefährdet: Viele Bewohner wandern ab, hinunter ins Tal, in die Dörfer mit größerem Komfort. Von der Landwirtschaft können sie längst nicht mehr leben, und die sachgerechte Restaurierung der historischen Gebäude können sich die meisten nicht ­leisten. So verfallen viele verlassene Anwesen – auch in Seres stehen ­etliche 03 2011 . alps

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Rubrik Alpen

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Ort für schöne Dinge Das Haus mit Blick auf den Nachbarweiler Misci. Darunter Michil Costa auf dem Dorfplatz von Seres und seine Bleistiftsamm­ lung. Linke Seite: Details von seinem Schreibtisch und aus seiner Garderobe.

„Alte Häuser haben eine stärkere Seele als neue, weil sie lebensspuren von vielen Generationen hüten“ Michil Costa


Wohnen

„Die Ruhe ist einfach wunderbar. Man hört nur den brunnen plätschern, die Vögel singen, den Hund bellen“ Giovanna Pedrollo

Häuser leer; eine Scheune liegt in ­Trümmern, zusammengebrochen unter der Schneelast des vergangenen Winters. „Zum Glück wird sie aber diesen Sommer wieder aufgebaut“, freut sich Joe. Auch sie selbst plant ein neues Projekt im Haus: Die Küche der Vorbesitzer, ein einfallsloses Rustikalmodell, soll erneuert werden und wie die übrigen Räume den ganz speziellen Costa-Touch bekommen. Die Erbauer der „viles“ rückten einst ihre Häuser so nahe zusammen, weil sie unter den schwierigen Lebensbedingungen am Steilhang zusammenhalten und sich gegenseitig helfen mussten. Für uns Heutige wirkt es im ersten Moment ungewohnt, wenn einem die Nachbarn so direkt ins Fenster und auf den Balkon oder in den Garten schauen können. Doch Michil und Joe stört es nicht, dass sie ständig unter Beobachtung sind. „Die Ruhe ist einfach wunderbar, man hört nur den Brunnen plätschern, die Vögel singen oder den Hund bellen“, schwärmt sie. Er sagt: „Ich gehe einfach rücksichtsvoll mit meinen Nachbarn um. Das ist nicht schwer – nur meinen Frank Zappa möchte ich manchmal gern ganz, ganz laut hören! Aber da halte ich mich halt zurück.“

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ichils Vorbild ist Mahatma Ghandi, dessen Schriften er alle gelesen hat. Von ihm hat er sich das Schweigen abgeschaut: Von Sonntag Mitternacht bis Montag Mitternacht spricht er kein Wort. Wir sitzen auf dem kleinen hölzernen Küchenbalkon, schauen auf Wiesen und Weiden und auf die mächtigen, bizarren Felsen der Puez- und der Geislerspitzen. „Ich dachte, wenn dieser große Mann den Mund halten kann, dann sollte es mir kleinem Wicht wohl auch gelingen – es gibt viel, worüber es sich nachzudenken lohnt“, sagt Michil, der als Hotelier beruflich sehr viel Small Talk machen muss. Das alte Haus, der Weiler, die fantastische Bergkulisse – das sind für ihn die Kraftplätze, aus denen er die Energie für seine vielen Unternehmungen schöpft. Denn dienstags bis sonntags nimmt Michil Costa kein Blatt vor den Mund. Er ist Politiker bei den Südtiroler Grünen und engagiert sich für den

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Umweltschutz. Er zeigt hinauf zu den ­Bergen. „Dort oben, am Würzjoch, haben wir vor den Augen des Landeshauptmanns eine ‚Beerdigung’ inszeniert, mit Sarg und Kranz und Totenschein für eines der letzten unberührten Dolomitentäler, das durch eine Straße erschlossen werden sollte“, erzählt er. „Der Landeshauptmann hat vor laufenden Kameras einen Wutanfall bekommen – aber die Straße wurde nicht gebaut.“ Wie ihr Partner pendelt auch Joe mit größter Selbstverständlichkeit zwischen der stillen, einsamen Bergwelt und dem Trubel im Hotel und im mondänen Feriendorf Corvara. Die gelernte Kindergärtnerin hat schon mehrmals ihren Beruf gewechselt und arbeitet jetzt in der MarketingAbteilung des Hotels. „Dem Michil begegne ich dort aber kaum“, schmunzelt sie, „der ist immer auf Achse.“ Kein Wunder, denn Politiker ist nur einer seiner Nebenjobs – Michil Costa ist auch Präsident des Komitees, das jeden Sommer den DolomitenRadmarathon organisiert, an dem 9000 Rad­fahrer teilnehmen. Mit den Eltern und den Brüdern hat er die gemeinnützige Stiftung „Costa Family ­Foundation“ gegründet, die sich, unterstützt von vielen ­prominenten Freunden und Gästen der Familie Costa, mit dem Bau von Schulen, Wohnoder Krankenhäusern für die Kinder Tibets im indischen Exil engagiert. Wer Michil unten im Tal trifft, erlebt einen Mann in ständiger Bewegung, der von Termin zu Termin eilt, im Hotel von der Restaurantstube zum Keller, von der Bar zum Büro. Und trotzdem wirken weder er noch seine Joe gehetzt, sondern ganz entspannt im Hier und Jetzt. In Seres, am Dach der Dolomiten, mitten im Naturpark, in ihrem kleinen Haus mit dem friedfertigen Geist und der geschichtsträchtigen Aura tanken sie ganz offensichtlich die Gelassenheit, die Inspiration, die Lebensfreude und die Stärke, die für ein Leben in Bewegung unverzichtbar sind. Übrigens: Auch wer kein Haus in Seres hat, kann dort wunderbar Kräfte sammeln. Ein paar Höhenmeter unterhalb des alten Weilers gibt’s eine nette kleine Pension und Ferienzimmer auf dem Bauernhof. Informationen: Wer mehr über Michil Costas idyllische Heimat wissen will, findet Interessantes im Notizbuch auf S. 127


„Nachttopf modern“ So nennen die Bewoh­ ner ihr Miniatur-WC unterm Dach, direkt vor dem Schlafzim­ mer. Den Dachbalken schmückt die Hand­ täschchensammlung der Hausherrin.

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Architektur Sie gehören zu den ältesten Bauwerken im Alpenraum: Seit Menschengedenken gestalten Trockenmauern die Landschaft, ringen dem Berg Kulturland ab, stützen Rebhänge und schützen Viehweiden. Doch mit dem Rückgang der Landwirtschaft im Gebirge verschwand auch das Wissen um diese archaische Technik des Bauens. Einer kleinen Umweltschutzorganisation in der Schweiz gelang es, die Tradition neu zu beleben.

STEIN AUF STEIN

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Der Lawinenschutz ist nicht die einzige Aufgabe dieser ohne jedes Bindemittel aufgeschichteten Mauer auf der Alp Bergli im Kanton Glarus. Das Steingef端ge stellt auch ein perfektes R端ckzugsgebiet f端r kleine Tiere dar.

zur ewIgkeIt

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Architektur

Text Christine Loriol FOTOS Katharina Wernli

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m Bauten zu schaffen, die Jahrhunderte überdauern können, braucht es keinen weltberühmten Architekten, keine komplexen Pläne und schon gar keinen speziellen Mörtel. Alles, was nötig ist, sind Steine, Know-how und ein langer Atem: Man setzt zwei Steine auf einen Stein, in der nächsten Schicht einen auf zwei, dann wieder zwei auf einen und so weiter. Eine ganze Tonne Steine muss bewegt werden, um einen Meter Trockenmauer von einem Meter Höhe zu bauen ... Diese Technik ist uralt. Ohne jedes Bindemittel entstanden so in Irland Weidemauern, deren Alter von Fachleuten auf 5000 Jahre geschätzt wird. Schottland und Spanien, Frankreich und Italien, Mallorca, Korsika und Sardinien sind von Trockenmauern durchzogen, es gibt sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Im Alpenraum

fiel diesen Mauern eine ganz besondere Bedeutung zu: Mit ihnen hat der Mensch seit Urzeiten die steilen Hänge terrassiert, um auf jedem Quadratmeter gewonnenen Landes Nahrungsmittel zu pflanzen. Er hat Grenz- und Weidemauern gebaut, um seine Tiere zusammenzuhalten oder den Wind daran zu hindern, zerstörerisch über seine fruchtbare Erde zu fegen. Er hat sich mit Trockenmauern vor Lawinen geschützt und seine Vorräte in kleinen Gebäuden aus geschichteten Mauern gelagert. Überall tragen Trockenmauern die Handschrift ihres Standortes, vor allem durch das Steinmaterial, aus dem sie errichtet wurden; auch der Baustil ist unterschiedlich, je nach Region. Und natürlich zeigt jedes Mauerbild ein Stück weit die Handschrift seiner Erbauer. Nur eines ist eine Trockenmauer nie: jemandem zugeschrieben. Kein Architekt hinterlässt hier eine Signatur, weil es ihn

Das Trockenmauern ist eine uralte Handwerkskunst. wo es zwar genügend Hände zum Zupacken gab, aber kaum

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in diesem Sinne gar nicht gibt. Eine Trockenmauer ist ein Gemeinschaftswerk, ein Paradebeispiel für das, was der Kulturtheoretiker Bernard Rudofsky als anonyme Architektur bezeichnet. Doch mit der Industrialisierung auch im Alpenraum, mit der Ausbreitung des Tourismus und dem eklatanten Rückgang der Landwirtschaft gerade in schwierigem Gelände schwand das Wissen um die uralte Technik. Denn nun gab es, auf den ersten Blick, keine Notwendigkeit mehr, ­diesen Teil des bäuerlichen Erbes im Alpenraum zu erhalten. Die Mauern verfielen. Dass sich in der Schweiz ein nachhaltiges ­Interesse daran entwickelte, diese Mauern zu erhalten und zu erneuern, ist einer umtriebigen Frau zu verdanken: Marianne Hassenstein. Die heute 54-Jährige übernahm 1986 die Leitung einer kleinen Non-Profit-Organisation, der Stiftung

Umwelt-Einsatz Schweiz (SUS). Nach etwas zähen Anfängen kam Ende der Achtzigerjahre der Zeitgeist dem Stiftungszweck entgegen: Das Waldsterben machte von sich reden, Umweltschutz wurde ein Thema, Ökologie war kein Fremdwort mehr. Wo früher Arbeitslose herangezogen wurden, packten jetzt auch Schulklassen und freiwillige Erwachsene mit an; die Arbeit in der Natur ist seit Den Stein jenen Jahren auch ein soziales Projekt. Entspreins Rollen chend wuchs und gedieh die Stiftung, der Hassen­ brachte vor 17 Jahren stein vorstand. Marianne Hassen„Und mir war zum ersten Mal etwas lang­ stein, Geschäftsfühweilig“, bekennt sie keck. „Ich brauchte eine r­ erin der Stiftung UmHeraus­forderung.“ Marianne Hassenstein wollte welteinsatz Schweiz. Mauern bauen. Trockenmauern: „Mein Thema ist Zuerst mauerte sie die Landschaft, die Schönheit der Landschaft. Seit selbst, dann organijeher. Trockenmauern habe ich als Landschafts- sierte sie Workshops und Feriencamps. element wahrgenommen, seit ich mich erinnern

Sie entstand in der bäuerlich geprägten Kulturlandschaft, technische oder logistische Möglichkeiten.

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Architektur

„Es regnete pausenlos und in StrÜmen, drei Tage lang. Und wir Steinen einer alten Mauer, von Hand und praktisch ohne Werk-


haben auf dem Creux du Vent im Neuenburger Jura mit den zeuge ein Stück Trockenmauer wieder aufgebaut.“ Waren es anfangs und BossArbeitslose der Massen Zivildienstleistende, Matthias Pointinger, die alte Mauern Leiter der Fischwieder aufschichtezucht der Bundesten, betrachten forste (linke Seite, längst auch Schüler oben), bestimmt und engagierte über mehrere Millio­ Erwachsene die alte nen Tiere: ungeTechnik als Abenzählte Saiblinge und teuer und Selbstfinein paar tausend dung. Eines aber Reinanken aus dem ist seit Urzeiten gleich Hallstätter See. geblieben: Eine Trockenmauer ist ein Gemeinschaftswerk.

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Architektur

„Ohne Mittel lernt man beobachten und denken! Eigentlich ein Stemmeisen zum Bewegen schwerer Steine, eine Schnur kann – als junges Mädchen beim Reiten, später auf Reisen.“ Marianne Hassenstein ist eine tatkräftige Frau mit Mädchenhänden. Sie ist gern in Wanderschuhen unterwegs und besitzt kein Auto, aber eine ganze Sammlung von Fahrrädern. Sie ist durch und durch „öko“ und ebenso von ganzem Herzen Genießerin, die ein gutes Glas italienischen Wein schätzt und einen Abend in der Oper.

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ine einschneidende Erfahrung für die gebürtige Interlakenerin waren die Zerstörungen in der Jungfrau-Region durch den Tourismus. Gleichzeitig kannte sie, als Kind von Hoteliers, aber auch die Notwendigkeit, Arbeit zu haben und ein Auskommen. „Das hat mich geprägt. Meine treibende Kraft ist, durch den Tourismus die Freude an der Landschaft zu fördern und dadurch die Landschaft zu erhalten, die Vielfalt zu erhalten.“ Trockenmauern leisten hier einen nicht zu unterschätzenden Beitrag: Sie haben, neben ihrer wirtschaftlichen Funktion, eine wertvolle ökologische Seite, weil sie Lebensräume und Nischen für seltene Tiere und Pflanzen darstellen. Und nicht zuletzt sind sie bedeutende Elemente der Kulturlandschaft.

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In der Schweiz aber war niemand mehr aufzutreiben, der diese uralte Handwerkskunst noch beherrschte. Also fuhr Hassenstein nach England, um beim British Trust for Conservation Volunteers einen Kurs im Trockenmauern zu besuchen. Trotzdem waren die ersten Anläufe, auch in der Schweiz solche Mauern aufzuschichten, zum Scheitern verurteilt, „weil wir es ja nicht konnten. Es war furchtbar unbefriedigend! Richtige Ausbildungen gab es keine, und wir hatten in England bloß ein bisschen zugeschaut. Sehr unkomfortabel. Stress pur, eigentlich. Und doch war mir klar: Hier gibt es ein Riesenpotenzial. Aber wir müssen es richtig anpacken.“ Also bat Hassenstein den Schotten Richard Tufnell um Unterstützung: Die Stiftung brauchte einen Lehrer. Und Tufnell galt schon Mitte der Neunzigerjahre als anerkannter Experte auf diesem Gebiet, hatte auf der ganzen Welt Trockenmauern gebaut und viele Projekte in der Dritten Welt geleitet, in Darfur oder auch im Himalaja. Tufnell kam und brachte einer Handvoll Unentwegter die Grundlagen des Trockenmauerns bei. „Es regnete pausenlos und in Strömen, drei Tage lang“, erinnert sich Marianne Hassenstein. „Und wir haben auf dem Creux du Vent im Neuenburger Jura mit den Steinen einer alten Mauer, von Hand


braucht es zum Mauern nur einen Hammer, einen MeiSSel, und ein paar Stecken für ein Gerüst. Fertig.“ und praktisch ohne Werkzeuge, ein Stück Trockenmauer wieder aufgebaut.“ Eine harte Schule, aber eine gute. „Ohne Mittel lernt man beobachten und denken! Das hat uns Tufnell eindrücklich gezeigt. Eigentlich braucht es zum Mauern nur einen Hammer, einen Meißel, ein Stemmeisen zum Bewegen schwerer Steine, eine Schnur und ein paar Stecken für ein Gerüst. Fertig.“ Die wichtigste Grundlage allerdings ist, zu wissen, wie man einen Stein auf den anderen setzen muss. Und genau diese Grundlage fehlte – und sie fehlt oft noch heute. Denn die Arbeit fordert Körper und Geist gleichermaßen: Wer mit roher Kraft vorgeht, wird schneller müde. Wer einen schweren Brocken alleine bewegen will, wird es nicht schaffen. Und wer einen Stein unnötig mit dem Hammer traktiert, damit er passt, wird das rasch in den eigenen Armen zu spüren bekommen. Schult der Trockenmaurer hingegen sein Auge und lernt, den Stein gewissermaßen zu lesen, kommt er vorwärts: weil er den richtigen Stein mit der richtigen Seite an der richtigen Stelle platziert. Solches Wissen aber, das war den Schweizer Mauer-Pionieren auf dem Creux du Vent bald klar, durfte künftig nicht mehr nur als mündliche

Überlieferung existieren. „Als wir uns nach diesen Tagen im Regen endlich waschen und ausruhen konnten, haben wir nach dem Nachtessen auf einem Tischtuch aus Papier noch die ersten fünf Regeln für den Trockenmauerbau skizziert.“ Das war der Anfang. Aus ihm entstand ein Büchlein im Jackentaschenformat: „Trockenmauern – eine Anleitung für den Bau und die ­Reparatur“. Es erschien 1996 in Deutsch und Französisch und wurde ein Jahr später als eines der schönsten Bücher prämiert. Mittlerweile sind davon rund 20.000 Exemplare verkauft. Das Büchlein war ein Meilenstein: Es bot knapp und klar die wichtigsten Informationen. Und der Organisation brachte es mehr Gewicht. Die SUS wuchs rasant weiter. Zuerst wurde noch mit Arbeits­losen gemauert, 1999 startete das erste Zivildienst-Gruppenprojekt, heute mauern auch Schulklassen und engagierte Erwachsene. Im ersten Jahr wurden 1200 Quadratmeter Mauer – man rechnet mit der Ansichtsfläche einer frei stehenden Mauer – in sieben Kantonen der Schweiz gebaut; heute sind es doppelt so viel. Auch die Gesamtzahl kann sich sehen lassen: Seit den ersten Anläufen 1994 hat die SUS, vor allem in den Berggebieten von Graubünden, Bern, Wallis, Neuenburg und im Tessin, 03 2011 . alps

Zwei Steine auf einen, einen Stein auf zwei. Eigentlich sind die Regeln des Trockenmauerns einfach. Das große Geheimnis liegt darin, zu wissen, wie die Steine aufeinander geschichtet werden müssen. Jahrhundertelang wurde es mündlich weitergegeben, erst vor wenigen Jahren aufgeschrieben.

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Architektur

Eine PAuse haben sich die Jugendlichen im Feriencamp redlich verdient: Trockenmauern fordert Körper und Geist gleichermaßen.

Klassiker, die (noch) keine sind: Arnold Zettelmayer, Chefkoch des Restaurants Seeblick, verblüfft nicht nur mit einem schlichten, feinen Saibling in Knoblauch-Mandelbutter, sondern auch mit einem delikaten Seesaib­lings-Rollmops.

26.582 Quadratmeter Trockenmauern gebaut. Das wäre, bei einer Höhe von einem Meter, eine Mauer von über 26 Kilometern Länge, beispielsweise von Thun aus das komplette Ufer des Thuner Sees entlang bis nach Interlaken.

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ittlerweile macht die Stiftung 2,6 Millionen Franken Umsatz, beschäftigt fünf Festangestellte, zwanzig freie Mitarbeiter als Baustellenleiter und rund 140 Zivildienstleistende. Hinzu kommen jedes Jahr rund 3000 Jugendliche mit ihren Schul- und Lehrlingsklassen im Umwelteinsatz sowie 150 freiwillige Erwachsene in Ferien­ arbeitswochen. Marianne Hassenstein mauert längst nicht mehr: „Ich habe natürlich sofort damit aufgehört! Das Mauern ist nicht mein Ding. Ich bin eine grüne Geschäftsfrau. Das ist meins. Aber wenn ich heute durch die Schweiz reise, sehe ich überall unsere Mauern, und das wärmt mein Herz.“

Ohnehin engagiert sie sich auch weiterhin für die Trockenmauern, eben auf ihre Art: „Deren Erhalt ist nur mit zusätzlichen finanziellen Mitteln realisierbar. Es braucht, außer Spenden und dem Zivildienst, weitere Mittel. Und das wiederum bedingt politische Entscheide der betroffenen Gemeinden und Kantone. Die müssen sich die Frage stellen: Was ist es uns wert?“ Offenbar einiges – jedes Jahr gibt es mehr Projekte und neue Anfragen. Also ist es wieder so weit, alles läuft gut. Und – ist Marianne Hassenstein nicht schon wieder etwas langweilig? Sie schaut jetzt wieder ganz keck drein: „Seit zwei Jahren arbeiten wir am nächsten Meilenstein, an unserer ,TrockenmauerBibel‘.“ 2012 soll „Trockenmauern – Grundlagen, Bauanleitung, Bedeutung“ erscheinen, fast 400 Seiten stark, verfasst von den versammelten Fachleuten aus dem Netzwerk der Stiftung. „Wir wollen ja nicht nur Mauern bauen, sondern auch unser Wissen weitergeben. Das war uns schon immer ein Bedürfnis. Und jetzt ist dafür Zeit.“


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Urlaubsträume werden wahr Auf der Sonnenalp – Allgäus Topadresse für Wellness, Golf und Familienvergnügen – genießt man den Luxus eines Fünf-Sterne-Hauses gepaart mit Herz und Tradition

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m Fuße der Allgäuer Alpen, der südlichsten Regi­on Deutschlands in Ofterschwang im Oberallgäu, liegt das traditionsreiche Alpendomizil. Es wird bereits seit vier Generationen von Familie Fäßler geführt und versprüht dadurch in jedem seiner 232 Zimmer, Suiten und Apartments sowie der vier romantischen Alpenchalets einen unverwechselbaren familiären Charme. Hektik und Stress sind in dem 5000 m² großen, lichtdurchfluteten Wellness- und Badebereich schnell vergessen. Während die Badelandschaft großzügigen Wasserspaß garantiert, widmet sich der SPA-Bereich der Ruhe und Entspannung. Besonderes Highlight sind die Alpine Wellness Anwendungen, die Wirkstoffe regionaler Produkte wie Heu, Blüten, Kräuter und Moor in die Behandlungen integrieren. Das neu gestaltete Gourmet­ restaurant Silberdistel ist das kulinarische Highlight. Zahlreiche Auszeichnungen wie ein Michelin-Stern, zwei Hauben bzw. 16

Punkte im Gault Millau zeugen von der fantasiereichen Kochkunst und wären bereits Grund genug für einen Aufenthalt in diesem einmaligen Alpenresort. Ein Angebot der Extraklasse haben die Golfurlauber in der Sonnenalp: Neben einer 9-LochAnlage gibt es zwei 18-LochAnlagen, die zu den „Leading Golf Courses of Germany“ gehören. In Kombination mit zwei professionellen Golfakademien und der einzigartigen Bergkulisse lassen sie das Sportlerherz höher schlagen. Die SonnenalpGäste genießen Alpengolf mit zahlreichen Annehmlichkeiten: Dazu gehören 25 Prozent Greenfee-Ermäßigung, bevorzugte Startzeiten, wöchentliche Gäste­t urniere und attraktive Golf-Packages. Golfpackage „Whole in One – Alpengolf vom Feinsten“, 5 Ü/5-gängiges Candle-Light-Dinner, 4 Greenfees mit Trolley/E-Trolley/Cart, freie Benutzung der Driving Range, 1 Sportmassage (35 Min.) und Startgeld für das 9-Loch-Gästeturnier ab € 1.222 p.P.* (CHF 978,-). Buchbar jeden Sonntag bis Donnerstag von Mai bis Oktober (*Pauschale gilt nach Zimmerverfügbarkeit und außerhalb der Hauptferienzeiten).


Unterwegs

Ja, wo fliegen sie denn ...? In den Alpen nehmen Golfbälle oft eigene Wege. Was man sonst noch wissen sollte, klärt Expertin Sybille Beckenbauer im Interview mit Aldo Bertagnolli, dem Präsidenten des Hon Golf Clubs, dem exklusivsten seiner Art in Deutschland

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über 1400 Plätzen hat er gespielt und dabei die schönsten Flecken der Erde kennengelernt und mit interessanten, sympathischen und wichtigen Menschen vier bis fünf Stunden in malerischer Landschaft verbracht. ­ elchen Golfplatz in den Alpen W würden Sie einem Anfänger empfehlen?

An und für sich könnte man wegen der herrlichen Natur fast jeden Alpenplatz empfehlen. Allerdings haben Anfänger auf den alpinen ­Plätzen sehr oft Probleme mit den Schräglagen, die einer besonderen Technik bedür­fen. Deshalb würde ich eher flache oder nicht so hügelige Plätze anraten. So zum Beispiel die Plätze vom GC

Zell am See (Österreich), den ­Garmischer Golfclub (Deutschland) oder einige Plätze in der Schweiz, wie den GC ­Lenzerheide oder den Golfclub Davos. Auf der italienischen Alpenseite bieten sich der GC Kastelrut auf der Saiser Alm oder der auf einem Hochplateau

Fotos: Claudia Kohl (1)

A

ls Aldo Bertagnolli in den 1960er-Jahren zum ersten Mal den „Altherrensport“ Golf auf einer Insel in der Karibik ausprobierte, war er 28 Jahre jung. Der gebürtige Südtiroler überwand sich, weil seine Geschäftspartner in den USA, Südamerika und Asien schon damals am besten – und auch in bester Laune – auf dem grünen Rasen anzutreffen waren. Was tut man nicht alles, wenn man für das Sportmarketing der Deutschen Lufthansa weltweit verantwortlich ist! Für seinen „Opfergang“ wurde Aldo Bertagnolli reich belohnt: Golf wurde zur Leidenschaft seines Lebens, bei jeder sich bietenden Gelegenheit stand er irgendwo am Abschlag. Auf


angeschlossen sind. Dies sind aber nur einige, die unbedingt einmal gespielt werden müssen. Und das schönste Golfhotel in den Alpen, wo ist das?

Pure leidenschaft Kenner wie Sybille Beckenbauer und Aldo Bertagnolli sind sich einig: Wildmoos bei Seefeld in Tirol (oben links) gehört zu den schönsten Plätzen weltweit, und das Herrenturnier Omega Swiss Open in Crans Montana (Mitte und rechts oben) ist auch für Profis eine wahre Herausforderung.

Informationen: Die richtige Golfausrüstung finden Sie in unserem Notizbuch auf S. 126

gelegene Dolomiti GC an. Gibt es auch für Golfprofis ­Turniere auf den Alpenplätzen?

Das wohl bekannteste Herren PGA Turnier in den Alpen ist das OMEGA Swiss Open, das in Crans Montana gespielt wird. Wo ist der schönste Platz in den Alpen?

Für mich gehört zu den TOP-10-Plätzen in der Bewertung weltweit ganz eindeutig der Alpenplatz Golfclub Wildmoos bei Seefeld in Österreich. Zu meinen weiteren Lieblingsplätzen zählen der GC Eichenheim in Kitzbühel mit seinem herrlichen Blick auf den Wilden Kaiser, der Alpe Adria GC Schloss Finkenstein in Kärnten, in der Schweiz die Plätze, die dem Grand Hotel Bad Ragaz

Eines der renommiertesten und dazu mein Lieblingshotel/Resort in den Alpen ist ohne Zweifel die Sonnenalp bei Oberstdorf im Allgäu. In diesem Haus stimmt einfach alles. Die dazugehörigen Golfplätze sind nicht nur top gepflegt, sondern vereinen die sportliche Herausforderung mit dem herrlichen Panorama der Allgäuer Berge. Woher kommt die strenge ­Etikette, und warum wird so viel Wert auf „ordentliche“ Kleidung gelegt?

Um diese Frage zu ­ eantworten, muss man weit b bis ins 13. Jahrhundert zurückgehen. Vermutlich waren es schottische Bauern, die den Golfsport begrün­deten. Die oberste Institution des Golfsports, von der Regeln, Etikette und Gerichtsbarkeiten bestimmt und vertreten werden, ist die R & A in St. Andrews in Schottland.

Jede Sportart braucht Regeln, Vorgaben oder wie im Golf die Etikette. Diese regelt nicht nur das sportliche Verhalten, die Sicherheit auf dem Platz, die Fairness und den respektvollen Umgang mit dem Mitspieler, sie regelt auch die sportliche Ausstattung und empfiehlt eine Bekleidungsetikette. Das Regelwerk ist umfangreich, und im Taschenformat sollte es jeder Golfer bei sich tragen, um kritische Situationen zu klären. Was macht die Faszination des Golfsports aus?

Das lässt sich kaum in wenigen Sätzen beschreiben. Schon die ersten Versuche, diesen kleinen weißen Ball zu treffen und ihn dorthin zu befördern, wo man gerne möchte, kann zur Qual werden und dich in tiefste Verzweiflung stürzen. Auf der anderen Seite erlebt man einen Höhenflug, wenn alle Schläge gut gehen. Nur – dies funktioniert in den seltensten Fällen, und der Ansporn, dem so nahe wie möglich zu kommen, macht die Faszination aus. 03 2011 . alps

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kultur

archaisches kräftemessen Alte Sennenbruderschaften pflegen bis heute den Innerschweizer Brauch des Schwingens. Das Volksfest auf der Rigi versinnbildlicht dabei die alpine Ausgesetztheit von Mensch und Tier. Den Siegern winken geflochtene Kränze.

Eid-Gymnasten Auch die Schweizer lieben Brot und Spiele. Jeden Sommer treffen sich im Rigi-Massiv hoch über dem Vierwaldstätter See die besten Schwingkämpfer vor Tausenden Besuchern

Das Schwingen in Kantonen wie Uri, Schwyz und Bern sei „eine Gymnastik, die in das entfernteste Dunkel der Vorzeit hinaufreicht“, urteilte 1791 ein Volkskundeexperte. Auf der Rigi, einem Massiv mit diversen Gipfeln und Drei-SeenPanorama, trifft man sich immerhin seit über 1000 110

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Jahren zum Steinstoßen, Schwingen, Laufen, Springen und Stangenklettern. Der friedliche, aus der Hirtenkultur stammende Zweikampf der Älpler unterscheidet sich vom Ringen der Griechen und anderen Kraftspielen vor allem durch den „Kleidergriff“. Lendengurte, Hosenbändel, Nastücher und Schwinghosen bieten die Möglichkeit, den Gegner vor dem Wurf stil- und wirkungsvoll im Kreis zu schwingen. Die Rigi gilt als Urstätte dieses Schweizer Nationalspiels. Und ein bisschen fühlt man sich dort ah wie auf einer Bürgerversammlung.

Rigi-Schwing- und Älplerfest mit Alpaufzug, Alphornblasen, Festbankett; 10. Juli, ab 7.45 Uhr, Rigi-Staffel; Billetts & Info www.rigi-schwingen.ch


„Im Engadin ist mir bei weitem am wohlsten auf Erden. Es kann gar nicht still und hoch und einsam genug um mich sein.“ Fotos: Schwingerverband am Mythen (3), Archiv des Central Asia Instituts (1), Spreadshirt (1)

Friedrich Nietzsche, als er im Sommer 1881, von Wahnsinns-Kopfschmerzen geplagt, zum ersten Mal nach Sils Maria kommt. Fast 2000 Meter über dem Meer geht es ihm besser, er fühlt sich frei – und schreibt dort von 1883 bis 1885 sein Hauptwerk „Also sprach Zarathustra“.

Radiergummis statt Raketen Bei der ersten Tasse Tee bist Du noch ein Fremder, nach der zweiten ein Freund, wenn man Dir die dritte anbietet, gehörst Du zur Familie. ­Dazwischen können freilich Jahre vergehen. Der Bergsteiger Greg Mortenson scheiterte am K2, wurde in ­einem muslimischen Dorf gerettet und aufgepäppelt. Er versprach, zurückzukehren und zum Dank eine Schule zu bauen. Seither errichtete der Mann aus Montana in abgelegenen Gebieten Pakistans und Afghanistans, wo vor allem den Mädchen das Lernen vorenthalten wird, 145 Schulen: Tasse für Tasse. „Wenn Frauen gebildet sind“, denkt Mortenson, „verlieren sie ihre Söhne seltener an den Extremismus.“ Von diesem großen, humanitären Anti-Terror-Abenteuer berichtet er in einer packenden Chronik, die in den USA ein Bestseller und Pflichtlektüre in vielen Klassenzimmern ist. Bei uns erscheint sie nun als Taschenbuch. ag

Greg Mortenson, „3 Tassen Tee“, Piper, 10,95 Euro

aBGEMALT

Gerade aus der DDR übergesiedelt, bettete der junge Gerhard Richter 1963 in eine seiner ersten Landschaften – Neuschwanstein! Wie weit kann man gehen? Noch weiter! „Ich hatte die Scheißmale­ rei satt, und ein Foto abzumalen erschien mir das Blödsinnigste und Unkünstlerischste, was man machen konnte“, schrieb er 1964 und wehrte sich mit einem Konterfei von Brigitte Bardot so gegen „bornierte Kunstbeflissenheit“ und „Originalität“. Nach Fotos malte er seither auch fast alle seine Landschaften. Auf Reisen, im Urlaub, nebenbei. Proportion und Komposition werden ausgespielt vom zufälligen Ausschnitt der Fotos, die Gemälden wie „Davos“, „Garmisch“, „St. Moritz“, „Sils Maria“ oder „Vierwaldstätter See“ zugrunde liegen. Richters zwischen Romantik und Abstraktion, Unschärfe und Fotorealismus oszillierende Bilder der Natur werden von Museumswelt und Kunstkritik oft missachtet – ein großer Fehler, wie eine frisch überarbeitete Re-Edition des Hatje Cantz Verlags zeigt. Denn auch damit trifft Richter, zurzeit mal wieder der höchst bewertete lebende Maler, seit über 45 Jahren voll ins Schwarze. ah

„G. Richter, Landschaften“, www.hatjecantz.de, 39,80 Euro 03 2011 . alps

RICHTER DER NATUR Der Vierwaldstätter See inspirierte Gerhard Richter 1969 zu einigen Gemälden (o.), die seinen Namen tragen.

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Schmalspurromantik

schneckentempo Am schönsten ist die ZeitlupenFahrt mit dem „PinienzapfenZug“ durch das Var-Tal (o. r.) im Herbst. Die Kiefernfrüchte wurden früher en route aufgelesen.

Als hätte man die „Wilde Maus“ vom Münchner Oktoberfest in die Freiheit entlassen: Auf einer 150 Kilometer langen Strecke rattert der provenzalische Train des Pignes, der die Lavendelhauptstadt Digne mit Nizza verbindet, langsam über Viadukte und Metallbrücken, durch Tunnels und Schluchten. Nur per Schmalspurbahn konnten die Ingenieure vor 100 Jahren die engen Kurven bezwingen. So gemächlich fuhr die Dampflok, dass die Passagiere unterwegs Pinienzapfen sammelten. Inzwischen ist der Zug zwar dieselbetrieben, rollt aber gemütlich genug, um an rund 50 Bedarfshaltestellen zu stoppen, falls dort jemand winken sollte. Im Juli wird Jubiläum gefeiert – mit Ausstellungen entlang dieser völlig aus der Zeit gefallenen Linie. ag www.trainprovence.com

Die heimlichen Alpenfilme (IV)

SAANEN-SCHNITtE Ist die Braut noch so süß: Auch in der Schweiz (unten), wo Shah Rukh Khan und Kajol ­zanken, auf Sommer­ almen tanzen und vor Traumkulissen posieren, gilt das indische Keuschheitsgebot. Rapid Eye Movies, 9,99 €.

BLUT, SCHWEISS UND GURKENMASKE

Für innere Einkehr waren die Wiener Aktionisten bislang nicht bekannt. Die provokanten Nach der Anwen- Schlachtfeste, die der Künstler Hermann Nitsch dung lockt ein seit den Siebzigerjahren auf seinem Landschloss großformatiges veranstaltet, gingen in die österreichische Kunstgelbes Werk aus geschichte ein. Seine mit Tierblut gemalten Leinder 56. Mal-Aktion wände auch. Aus anarchischer Wildheit soll jetzt des Künstlers Wellness werden: Nitsch selbst weihte jüngst (o. r.) in den Spaeinen „Ruheraum“ ein, der mit sieben seiner Ruheraum. Dort neueren Werke ein kleines Privatmuseum darhängen sechs weitere seiner stellt – und zugleich dekoverwöhnte Hotelgäste Exponate. beglückt. Der „Krallerhof“ in Leogang hat den ExKrawallkünstler kunstvoll in das Spa-Programm seines Vier-Sterne-Ambientes einmassiert. 40 Euro Tageseintritt. www.krallerhof.com ah

po, BAUCH, NITSCH!

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Wer zuerst kommt, kriegt die Braut Durch Bollywood-Filme bläst der Wind des Schicksals. Hier treibt er Superstar Shah Rukh Khan plus Langzeitpartnerin Kajol per Interrail ins Berner Oberland – und dort einander in die Arme. Das Drei-Stunden-Epos „Dilwale Dulhania Le Jayenge“ von 1995 war ein Riesenerfolg der indischen Filmindustrie. Danach hatte jede Schmonzette ihre Schweiz-Szene: blitzblanke Alpenromantik für die obligatorischen Songeinlagen. Küsse, gar Sex sind im Hindi-Kino (das sich nur für die Durststrecke vor der Hochzeit interessiert) streng verboten, Ersatz leistet Tanzspaß in Traumlandschaften. In Saanen nimmt die Lovestory Fahrt auf. Das Beinahe-Paar muss eine kühle Nacht im Stall verbringen, greift zum Cognac. Wer aber in einem indischen Film Alkohol trinkt, wird sterben oder durchdrehen: Wie irre taumelt Kajol durch Gstaad, singt Ungezogenes und wälzt sich, mit einem roten Fähnchen bekleidet, im Schnee. Frecher wurde der KrishnaRadha-Mythos nie variiert: jene paradiesische Liebesgeschichte zwischen einem Hirtenmädchen und dem blauhäutigen Gott, die der Nährboden aller BollywoodStreifen ist. ag


Tungelschuss und Ebnefluh Wassergräser, bewegtes Eis, Gletscher, Verwehungen und Moränen – Glamourfotograf Michel Comte ließ sich von einem Naturkenner durch die Berner Alpen führen

Ueli Hauswirth ist Bergführer und Skilehrer in Gstaad. Dort und im nahen Wallis kennt er jeden Stein und jede Gletscherspalte. Vor zwei Jahren wies er Landsmann Michel Comte zu den besten Plätzen. Der wurde 1979 von Karl Lagerfeld entdeckt und danach als Fotograf von Vogue und Vanity Fair berühmt. Jetzt sind die Alpen-Aufnahmen in der Gstaader Galerie Lovers of Fine Art zu sehen – unterstützt vom Haus Chopard. Wir fragten Hauswirth, was er mit Comte erlebte. Als wir anrufen, holt er gerade die Tochter (15) vom Skitraining ab. Die Berge bestimmen eben das Familienleben! 20 Minuten später hat er Zeit für uns. Waren Sie selbst heute auch auf dem Berg?

Natürlich. Ich war mit einer Kundin, die seit 30 Jahren kommt, auf dem Wildhorn. Im Schweizer Gebirge gibt es 42 Stellen, wo man mit dem Hubschrauber landen darf. An einer waren wir. Mit Michel Comte waren Sie auch im Helikopter unterwegs. Woher kennen Sie ihn?

Das war Zufall. In der Zwischensaison arbeite ich als Flughelfer für Air Glacier. Galeristin Irène Schönholzer hatte dort für Michel Comte wegen Fotos in den Berner Alpen angefragt. Sie empfahlen mich, und schon ging’s los. Wie lange waren Sie beide unterwegs?

Drei Tage. Fotos: Blickwinkel (1), Michel Comte in Courtesy of Galerie Lovers of Fine Art, Gstaad (2)

Am Stück?

Ja, Anfang September. Comte suchte Kontraste – ruhiges und bewegtes Wasser, also Bach, See, Wasserfall. Außerdem Gletscherbilder. Wie lautete Ihr Auftrag?

Um Gstaad geht es nur bis auf 2250 Meter. Aber wenn man ein paar Kilometer weiter fliegt, sind gleich die höchsten Gipfel zum Greifen nah – die Jungfrau, das Matterhorn ... Es ging darum, möglichst wenig Zeit zu verlieren. Der Ebnefluh, einer der großen Gletscher, schien mir geeignet, weil man das Material nicht so weit schleppen muss. Man fliegt von Gstaad etwa 20 km nach Osten. Unsere anderen Ziele – Lauenensee und Tungelschuss-Wasserfall – sind 7 km von hier.

über Gletscherspalten, um besser zu sehen. Das eine oder andere Mal habe ich ihn gehalten. Haben Sie selbst auch noch was entdeckt?

Die Nacht am Lauenensee war schon sehr beeindruckend! Die Landschaft kenne ich ja. Aber was es braucht, dass solche Momente zu Fotos werden – die lange Belichtung, all die ­Filter. Toll!

Mussten Sie mit den Kameras klettern?

Nein. Aber wir hatten Anseilgerät, um die besten Stellen zu erkunden. Comte kam mit seiner Frau, einem Assistenten, der Kamera, Stativen, einem Laptop und einer Reservekamera. Wie ist Comte als Typ?

Ruhig und sehr begeisterungsfähig. Wir haben uns gut verstanden. Er ließ sich erst alles zeigen. Wenn er etwas entdeckte, wurde er ganz aufgeregt. Ich musste ihn dann fast bremsen. Wurde es mal gefährlich?

Nicht wirklich. Man beugt sich halt zuweilen

Verraten Sie uns noch Ihre nächste Tour?

zielpunkte Bergführer Ueli Hauswirth (o.) liebt besonders Comtes Schwarzweißfotos vom Ebnefluh-Gletscher (g. o.). Darun­ter in der Morgendämmerung: Gräser am Lauenen See.

Wir haben herrliches Frühlingswetter! Morgen mache ich Felle an die Ski und gehe noch mal mit den Gästen... Interview: Alexander Hosch

Michel Comte, „Berner Alpen um Gstaad“. Ab 1. Juli werden Fels- und Gletscherbilder gegen Nachtfotos vom Lauenensee getauscht (bis 31.10.); Galerie Lovers of Fine Art, Gstaad, www.fineartgstaad.com 03 2011 . alps

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Schloss Ringberg, Tegernsee

Es sollte sein Camelot sein. Außen archaische Burg, innen moderne Komfortzone mit Kino und Kegelbahn. Hier verfiel Herzog Luitpold in ­Bayern dem Bauwahn wie einst Großcousin Ludwig II. Wenn heute die Max-Planck-Gesellschaft Wissenschaftler ins Anwesen über dem Tegernsee lädt, ahnt niemand das Drama, das sich hinter Schwalbenschwanzzinnen abspielte. Wie einen ­Leibeigenen

hielt der fesche Aristokrat „Hauskünstler“ Friedrich Attenhuber. 25 Jahre führte der Maler Bauaufsicht, bis er 1947, zermürbt von der Isolation, vom Turm in den Tod sprang. Das komplette Interieur hatte er entworfen, selbst die Aschenbecher. Meisterstück ist das Zirbelkiefer-Hexenzimmer mit zwölf Wandteppichen der Nymphenburger Gobelinmanufaktur. Sie imaginieren Walpurgisnächte auf dem Ringberg: voll von Hexen, die auf Hirsch und Gamsbock reiten. Leider hatte Attenhubers Mix aus Heimatstil, Expressionismus und Art déco keine Chance, Schule zu machen. www.schloss-ringberg.de Alexandra González

3 x Zirbelwirbel

Die magischste Zirbelstube steht auf einem bayerischen Hexenberg, die prächtigste versprüht den Duft der Macht und die minimalistischste fördert die Erinnerung. Alle drei eint: Klasse statt Kitsch

Pflegeheim Dornbirn, Vorarlberg Funktionsfreie Balkenimitate, mit Schnitzereien überfrachtete Paneele, Rustikalität auf Teufel komm raus. Die Zirbelstube, entstanden aus der historischen Trennung von Küche und Wohnraum im Bauernhaus, hatte lange mit ihrem Image zu kämpfen. Bis die junge Vorarlberger Architekturgarde der Holzbaukunst neues Leben einhauchte. Gleich sechs vollkommen entschlackte Versionen des „Zirbelstüble“ plante die Architektengemeinschaft Riepl Riepl und Johannes Kaufmann für ein Dornbirner Seniorenwohnheim. In purifizierter Umgebung entfaltet sich nun die beruhigende Wirkung der Zirbe. Vertrautes, kombiniert mit warmen Flächen und Düften, regt bei den Bewohnern das Kostbarste an: die Erinnerung. www.rieplriepl.com

Castel Thun, Trentino An der Schwelle zur Renaissance zog die Familie Thun in einem strategischen Netzwerk aus Schlössern und Festungsanlagen die Fäden. Herzkammer dieser Dynastie war die Stanza del vescovo auf Castel Thun. Kassettendecke, Boiserien und das Baldachinbett, in dem Pietro Vigilio Thun, der letzte Fürstbischof von Trient, 1800 starb, sind ganz aus Zirbelholz, das hier das Parfüm der Macht verströmt. Dies alles ist schwer atmende Geschichte, also genau der richtige Drehort für Michelangelo Antonionis „Geheimnis von Oberwald“ – eine düstere Romanze zwischen Alpenkönigin Monica Vitti und einem Anarchisten.

www.buonconsiglio.it

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Kalender juni/juli

www.bayerisches-nationalmuseum.de

Mein Freund, der Baum ■ Bis 31. Oktober DEUTSCHFEISTRITZ – Täglich öffnet das Österreichische Freilichtmuseum Stübing bei Graz mit 97 historischen Höfen und der Schau „Holzzeiten – der Baum als Lebensbegleiter über Jahrtausende“. Extras: Bioaktionstag (22.5.), Kindererlebnistag (5.6.), Vollmondführung (15.7.). www.stuebing.at

Fotos: www.mein-tegernsee.de (2), Carlo Gandolfo (1), Bruno Klomfar (1)

Die Reviere des Drachen ■ 21. Mai – 2. Oktober LUZERN – Der Vierwaldstätter See liefert das dramatische Panorama für „Shanshui“, eine Ausstellung über Landschaft in Chinas Gegenwartskunst aus der Sammlung des Schweizer ExBotschafters. Garant für eine originelle Auswahl im Kunstmuseum: Kurator, Aktivist und Superkünstler Ai Weiwei.

www.kunstmuseumluzern.ch

Hammerpreise! ■ 15. – 20. Juni BERN / LUZERN – Parallel zur Art Basel

finden Prestigeauktionen der Galerie Kornfeld im nahen Bern (16./17.7.; Cuno Amiet, Hodler, Giacometti) und bei Fischer in Luzern statt. Dort werden sechs Tage lang Bilder, Objekte, Möbel aufgerufen. Und Stammeskunst.

www.kornfeld.ch, www.fischerauktionen.ch

Super Illu ■ 22. Juni – 9. Oktober ZÜRICH – Analog oder digital? Egal. Der Schweizer Mode-Illustrator François

Aus der Fischer-Auktion am 20.6.: Holzfigur der Senufo, Sammlung Hans W. Kopp

Isarflimmern ■ 24. Juni – 2. Juli MÜNCHEN – Das zweitgrößte deutsche Filmfest kriegt eine neue Leiterin: Diana Iljine, 46. Vorher versucht die 200 Filme starke 29. Ausgabe noch, mit Kinderfilmfest, einem SchwedenSpecial und vielen Erstaufführungen wieder 70.000 Zuschauer anzulocken.

Corto Maltese in Lugano

■ Bis 31. Juli MÜNCHEN – „Prunkmöbel am Münchner Hof“ mit Oberflächen aus Schildpatt, Horn, Messing, Zinn. Im Zentrum der Schau des Bayerischen Nationalmuseums: barocke MeisterSchreibtische von Johann Puchwiser (1680–1744) aus Schongau, der in Wien zum Kunsttischler ausgebildet wurde.

www.museum-gestaltung.ch

www.filmfest-muenchen.de

Die Natur des Jazz ■ 1. – 16. Juli MONTREUX – Hier gehören Berg und Bühne seit jeher zusammen. Das Freiluftareal am Auditorium Stravinski verbindet Klangsuchen in Jazzgefilden zum 45. Mal mit der unvergleichlichen Atmosphäre von Genfer See und Walliser Alpen. Um die 100 Bands und Interpreten. www.montreuxjazz.com

Zum Zithern ■ 8. – 10. Juli POINT – Ein Tegernseer Freiluftfest lehrt zünftige Musiker das Fürchten: Die „Night of the Alps” bürstet Volksmusik gegen den Strich. Schräge Töne, jede Menge Elektro-Beat und Gäste wie ZiehGäuner, Kellerkommando.

Österreichisches Frei­ lichtmuseum Stübing, Steiermark

Nicht rustikal

Berthoud setzt Kleider, Schuhe, Taschen und Parfums für YSL oder Bulgari gleich gut mit Linolschnitt wie als Computergrafik in Szene. Werkschau im Museum für Gestaltung mit Hunderten Originalskizzen, Arbeitsproben und einem Filmporträt.

www.nightofthealps.de

Seebär und Goldmund

Johann Puchwiser, Bureau Mazarin von 1714, Bayer. Nationalmuseum

■ Bis 31.Juli MÜNCHEN – Wirtschaftsminis­ter und Architektenkammer loben den neuen Tourismus-Architektur-Preis „artouro“ aus. Ästhetisch anspruchsvolle Hotels, Lokale, Ausflugsziele oder Touristinfos kommen in Betracht. Auch mutige Behörden dürfen teilnehmen. Bewerbung bis Ende Juli, erste Vergabe im Herbst. http://artouro.byak.de

■ 9. Juli – 2. Oktober LUGANO – Der melancholische Corto Maltese, Kapitän ohne Schiff, trifft in einem berühmten Comic-Abenteuer sein Vorbild Hermann Hesse im Tessin. Die Episode ist Kern der Ausstellung über Malteses Schöpfer: „Die Welt von Hugo Pratt in den Reisen von Corto Maltese“. Originalblätter, alte Bände, neue Fotos. Im Museo d’arte moderna in der Villa Malpensata. www.mdam.ch

Huang Yan, Chinese Landscape Tattoo No. 8, 1999, Kunstmuseum Luzern

Architektourismus

Messen und Festivals: Art Basel, 15. – 19. Juni, www.artbasel. com, Biennale Venedig, 4. Juni – 27. November, www.labiennale.org, Bregenzer Festspiele, 20. Juli – 21. August, www.bregenzerfestspiele.com, Tiroler Festspiele, 7. – 31. Juli,

www.tiroler-festspiele.at

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Region

mein A L S WLI Wo Wein und Wort sich finden Als Kind empfand Hans Ruprecht das Wallis als exotisch und fast feindlich. Eine langsame Annäherung fand über den wunderbaren Wein statt, und wahre Liebe entwickelte sich aus der Begegnung mit dem Literaturfestival Leukerbad. Seit 2006 leitet Hans Ruprecht den dreitägigen Lesespaß, der jedes Jahr im Juli am Fuße der Gemmiwand inszeniert wird

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DIE WILDE BERGWELT

Foto: Wallis Tourismus (1)

wird durchschnitten vom Tal der Rhone, die das Wallis mit dem Kosmos des Mittel足 meeres verbindet.

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region

Direktor des Literaturfestivals Leukerbad

IDYLLISCHE DÖRFER wie Saillon und gepflegte Weinberge zeichnen das Rhonetal im Kanton Wallis aus.

diese meine anfängliche Fremdheit gegenüber dem ­ honetal. Aber die Schönheit des großen, wunR derbaren Tales blieb mir in meinem jugendlichen Ungestüm noch über Jahre verborgen. Der Lötschberg- und Simplontunnel mit der Zwischenstation Brig waren und sind heute noch die einzig sinnvolle Verbindung von Bern nach ­Italien. Somit wurde das Oberwallis zu einem ­„Transit-Teil“ meiner Italienreisen. Die kurzen Aufent­halte darin, mit dem von der ganzen Vorfreude auf ­Italien vollen Kopf, versperrten weiterhin den großzügigen Blick in das Rhonetal. Die spätere Rückreise war dann meistens in der Nacht: mit der entsprechenden Müdigkeit und dem Drang, nach Hause zu kommen. Mein Bild vom Wallis hat sich erst durch die Literatur erschlossen; und zwar mit den beiden großen Walliser Autoren Ferdinand Ramuz, dessen Werke damals in einer neuen Übersetzung ins Deutsche herausgekommen sind, und Pierre Imhasly. Vor allem die Ramuz-Romane „Samuel

Fotos: Wallis Tourismus (1)

Text Hans Ruprecht

F

ür mich als Kind, das in Bern aufgewachsen ist, hat das Wallis – auf der anderen Seite der Berner Alpen – seit jeher eine seltsame Faszination ausgeübt. Die verschiedenen Sprachen, die auf der anderen Seite der Berge gesprochen wurden, waren nicht nur unverständlich, sondern wurden auch noch von seltsamen Armbewegungen begleitet. Diesen ‚Rothäuten’, wie wir sie als Kinder nannten, ihrer roten Gesichtsfarbe wegen (den Fendant kannten wir damals noch nicht), gingen wir aus dem Weg. Sie seien streitsüchtig und stur hieß es. Für uns waren sie damals die Exoten der Schweiz: völlig fremd und mit unbekannten Sprachmelodien. Auf der damals klassischen Schulreise, der „Südrampe“, der Strecke vom Hohtenn nach Brig, meistens der Bahnstrecke entlang – habe ich zum ersten Mal freundliche Walliser Bergbauern kennengelernt. Und wenn ich konzentriert und aufmerksam zuhörte, wurde mir auch ihr Dialekt allmählich verständlich. Langsam verflog also


Belet“, „Derborence“ und natürlich die Geschichte des Falschmünzers Farinet begeisterten mich. Ramuz holte mich in eine vergangene Bergwelt, schilderte die kargen Lebensformen der Bergbauern mit viel Sorgfalt und Liebe zu den Menschen, aber ebenso die Sehnsucht nach dem damaligen Paris. Eine ebenso wunderbare Entdeckung war für mich der große Sänger Pierre Imhasly. Er bringt das Wallis durch die Rhone mit der Provence und dem Mittelmeer zusammen und verbindet das Rhonetal – die wilde Bergwelt des Wallis – mit dem Kosmos des Mittelmeeres, unter Verwendung eines eigenwilligen und gewaltigen Sprachausdrucks. Mit der Literatur erschließt sich auch eine besondere Weingegend. Im Wallis liegen die trockensten Zonen der Schweiz – weshalb die ­Bauern in dieser Region wohl auch mehr Durst haben als anderswo. Früher wurde von den großen Winzern leider Qualität mit Quantität verwechselt. So ist der verbreitete Chasselas unter der Bezeichnung „Fendant“ etwas in Verruf geraten. Aber die Qualität hat sich inzwischen sehr gesteigert. Der höchst gelegene Weinberg Europas liegt im Wallis oberhalb von Visp (Visperterminen), ein Weinberg zwischen 650 und 1200 m ü. M., der hervorragende Rot- und Weißweine mit dem Namen „Heida“ hervorbringt, auch die Perle der Alpenweine genannt. Die älteste Weinrebe Europas soll sich angeblich in Leuk, unterhalb von Leukerbad, befinden, obschon ich gestehen muss, diese Behauptung auch schon an anderen Orten Europas gehört zu haben.

S

o hat sich im Laufe der Zeit das Wallis mit seiner großartigen Literatur und seinem ebenso großartigen Wein endgültig in mein Schweizbild eingefügt. Richtig angekommen im Wallis bin ich aber erst durch das Internationale Literaturfestival Leukerbad. Ricco Bilger, gebürtiger Leukerbadner, begann mit geringen finanziellen Mitteln 1996 das erste Literaturfestival aufzubauen. Ich bin erstmals 1999, also zur vierten Auflage, zum Festival gereist, und das, wie ich mich erinnere, eher widerwillig und nur auf Drängen meiner Frau. Leukerbad als Badeort war für mich damals ein Ort, wo von der Krankenkasse verschriebene Badekuren stattfanden. Ich stellte mir ein Dorf vor, das wie überall touristisch verschandelt ist und in dem viele beleibte alte Menschen herumlatschen, die im Alter noch verspätet etwas in ihre Gesundheit investieren wollen. Das Dorf bestätigte in vielem meine Vorurteile, aber was Ricco Bilger mit der Literatur da oben veranstaltete, war ein großes

Das Walliserhaus wurde von Bergbauern auf steilem, felsdurchsetztem Boden nach jahrhundertealten Überlieferungen gebaut. Das typische Dorfbild war von eng aneinander geschmiegten Holzhäusern geprägt. Der Unterbau wurde in Trockenbauweise errichtet und enthielt den Keller, der teilweise unter der Erdoberfläche lag, um auch im Sommer die richtige Temperatur und Feuchtigkeit für Essvorräte zu garantieren. Dieser Steinsockel bildete das Fundament für die darüber liegenden Wohngeschosse, die aus rechteckig gesägten Lärchenholzstämmen „gestrickt“ wurden. Das charakteristische Detail dieser Bauweise waren die überkreuzten Balkenenden an den Gebäudeecken, da die Kanthölzer ineinander gesteckt und so zu einer Konstruktion ohne einen einzigen Nagel zusam-

mengefügt werden konnten. Diese Elemente blieben unbehandelt und erhielten im Laufe der Jahre durch intensive Witterungseinflüsse eine nahezu schwarze Patina. Da Land wertvoll war und der Schnee im Winter bis zu zwei Meter hoch auf den Dächern lag, musste eine möglichst kleine Grundfläche gewählt werden. Um allen am aufwendigen Hausbau beteiligten Mitgliedern genügend Lebensraum zu bieten, wurde in die Höhe gebaut, manchmal bis zu fünf Geschosse. Die einzelnen Familien erschlossen ihr jeweiliges Stockwerkeigentum durch außen liegende Treppen und Lauben. Um in diesen dicht gebauten Holzstrukturen ein gewisses Maß an Feuersicherheit zu erlangen, wurden das Satteldach und der hangseitig gelegene Küchenteil, das so genannte ‚Firhüs‘ ­(Feuerhaus), aus Stein gefügt. Tina Mott

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Region

Vor hundert Jahren etwa, so erzählt der Autor Bert Schöneich, baten Medizinstudenten, die auf der Durchreise im Walliser Hochland waren, an einer Haustür um etwas zu essen. Die Alte, die ihnen geöffnet hatte, rief ihrem Mann im Haus zu: „Xander, nimms Bilti und gibne.“ („Xander, nimm das Beil und gib ihnen.“) Die hungrigen Studenten ergriffen in Panik die Flucht. Sie konnten nicht ahnen, dass die Greisin grundgütig war und ihnen Brot geben wollte – sie wussten nicht, dass der Walliser Sauerteiglaib beim Lagern so hart wird, dass er nur mit Gewalt zu teilen ist. Roggen ist das einzige Getreide, das sich extremen Wetterbedingungen anpassen kann und prägt bis heute das Landschaftsbild des ­Wallis. Im oberen Teil auf

1400 m Höhe ist die Luft sehr trocken, dort wurde das Roggenbrot entwickelt, das man einige Wochen aufbewahren kann. Dann hat es eine rissige Kruste, eine graubraune Farbe und den typischen Geschmack von Sauerteig. Allerdings ist es so hart, dass man die Brocken vor dem Verzehren in Gerstenkaffee tunkte. In den offenen Speichern des Walliserhauses dörrten auch Brocken vom Rind, die als Trockenfleisch ein bis zwei Jahre halten, und Hobelkäse, der bis zu zehn Jahre durchhält – beides gehört auf den typischen Walliser Teller. Heute gilt das schwarze Brot der Armen als gesund und trägt als einziges Schweizer Brot das Gütesiegel AOC. Die Gemeinschaftsbacköfen dagegen, die es früher in jedem Dorf gab, gehören bald der Geschichte an.

Ereignis. Noch nie vorher wurde mir lebendige, zeitgenössische Literatur auf eine so charmante und liebevolle Weise präsentiert. Was Literatur vermag, wurde in Leukerbad auf so eindrückliche Art und Weise vorgeführt, wie ich es kaum für möglich hielt.

N

ach dieser schönen Erfahrung wurde ich zu einem regelmäßigen Besucher des Festivals. Gleichzeitig begann ich in Bern meine erste Lesereihe in der Dampfzentrale aufzubauen. Im Jahr 2005 veränderten sich meine literarischen Tätigkeiten Schlag auf Schlag. Ricco fragte mich, ob ich sein Festival übernehmen wolle und gleichzeitig stand ich in der Planung meines ersten ­Berner Literaturfestes. Das Jahr 2006 war ein Sprung ins kalte Wasser; zum ersten Mal führte ich das Literaturfestival in Leukerbad durch und zwei Monate danach das erste Berner Literaturfest. Die Einzigartigkeit des Literaturfestivals ­Leukerbad konnte ich bewahren und mit meiner europäischen Vernetzung inhaltlich verdichten. Das Besondere an diesem Festival ist die einmalige Lage im Talkessel am Fuße der imposanten Gemmi­wand. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit, dass die Leser und die Autoren auf eine angenehme Form zusammenkommen und sich in einer ruhigen Atmosphäre austauschen können. Die ­verschiedenen Leseorte habe ich beibehalten, wie der Alte Bahnhof, die legendäre Mitternachtslesung auf dem Gemmipass auf 2300 m ü. M., die Matinée-Lesung im Römisch-Irischen Bad. Neu dazu gekommen ist die Zusammenarbeit mit dem Literarischen Colloquium Berlin (LCB), das im Vorfeld des Festivals jeweils eine Übersetzungswerkstatt mit einem Schweizer Autor durchführt. Sowie die Schreibwerkstätten in den Walliser Schulen, die seit einem Jahr auch in Französisch geführt werden. Inzwischen wird das Festival von der Presse als das schönste der Schweiz betitelt und sein Ruf ist bei Autoren, Verlagen und Publikum groß. Was vor sechzehn Jahren noch ein Treffen von Freunden und eingeweihten Literaturliebhabern war, ist inzwischen zu einem einzigartigen und wichtigen Literaturfestival in Europa herangewachsen. Und ich habe mit meiner Liebe zur Literatur und zum Wein im Wallis eine zweite geistige ­Heimat gefunden. informationen: Das 16. Literaturfestival Leukerbad findet vom 8. bis 10. Juli 2011 statt; www.literaturfestival.ch und info@leukerbad.ch. 3-Tages-Festivalpass: CHF 150,- über Leukerbad Tourismus, Tel.: +41/27/472 71 71

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Fotos: Le Projet Maya Guesthouse (1), Wallis Tourismus (1), Prisma (1), Aura (1), Literaturfestival Leukerbad/Beat Schweizer (2)

roggenBrot


DER EINHEIMISCHE

Raclette Am offenen Feuer wird der halbrunde Laib eines Käses so lange geschmolzen, bis er abgeschabt werden kann. Entscheidend ist die Qualität des Käses – jedes Tal verwendet seinen eigenen, und so kann Raclette von Ort zu Ort anders schmecken. Auch das Holz spielt für das Aroma eine Rolle –

Lärche gilt als unübertroffen. Aber natürlich haben elektrische Geräte das romantische Feuer vielerorts längst abgelöst. Nach wie vor jedoch wird die Walliser Spezialität, auf die allerdings auch die Innerschweiz Urheberrechte anmeldet, überall mit Pellkartoffeln, kleinen sauren Gurken und Silberzwiebeln serviert.

Safran Er färbt die Finger gelb, macht den Kuchen gel und soll ein potentes Aphrodisiakum sein, und das nicht nur, wenn er vom Mittelmeer oder aus dem Iran kommt – nein, auch im Wallis gedeiht der kostbare Safran. Angeblich wurden die Knollen von Söldnern aus dem Orient nach Spanien geschmug-

gelt und von Jakobspilgern im 14. Jahrhundert ins Oberwallis gebracht. Im Bergdorf Mund wird der mühsame Anbau – um nur ein Gramm Safran zu ernten, braucht man ungefähr 400 Krokusse – noch heute als Kult betrieben. Das Gewürz verleiht vom Risotto bis zum Käse vielen Speisen seinen herb-bitteren Geschmack.

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Ricco Bilger (o. l.) gründete das Literaturfestival in Leukerbad 1996, zehn Jahre später legte er die Leitung in die Hände von Hans Ruprecht (u. r.). Ob bei Spaziergängen oder im Römisch-Irischen Bad, die Lesungen machen Autoren wie Christoph Simon oder Alissa Walser genauso viel Spaß wie den Zuhörern.

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PRomotion

Aufbruch in die Natur Das Tauern spa Zell am See – Kaprun als Base Camp für Naturerlebnisse

E

ingebettet in eine einzigartige Landschaft liegt das TAUERN SPA Zell am See – Kaprun zwischen Kitzsteinhorn und Zeller See. Der 1.836 km² große Nationalpark Hohe Tauern mit seinen 3.000ern und die sanften, grünen Pinzgauer Grasberge liegen direkt vor der Haustür. Die Natur bestimmt sowohl das architektonische Konzept als auch die inhaltliche Ausrichtung des neuen Resorts der VAMED Vitality World als Base Camp für Expeditionen in die Bergwelt rund um das Tauern Spa. Wandern, Biken, Wildtierfütterungen, Schiffsfahrten, Hochseilgarten, Klettern, Raften, Canyoning, Paragleiten – in der Region gibt es unzählige Möglichkeiten für Outdoorsportler und

Naturfreunde. Nach den NaturErkundungen gibt es natürlich auch Wohlsein par excellence für Körper und Seele in der exklusiven, modernen Bäder- und Thermenlandschaft des TAUERN SPA Zell am See – Kaprun. Der Natur auf der Spur Der Nationalpark Hohe Tauern mit seinen ­Bergen, Gletschern und Seen ist Lebensraum einer einmaligen Tier- und Pflanzenwelt, deren Schönheit und Ursprünglichkeit bewahrt werden sollen. Unter Führung eines Nationalpark-Rangers kann man beim Wandern faszinierende Entdeckungen machen. Der Guide weiß, wo man Steinböcke oder Bartgeier beobachten kann, er kennt alle botanischen Kostbarkeiten und erklärt an­schaulich die Zusammenhänge im Ökosystem Alpen. Spezialist für den Wohlfühl-Urlaub VAMED Vitality World ist Österreichs führender Betreiber von Thermen- und Gesundheitsresorts, der jährlich rund zwei Millionen Gäste begrüßt. Das TAUERN SPA Zell am See – Kaprun besteht aus einem 4-Sterne-Resort-Hotel mit exklu-

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sivem – den Hotelgästen vorbehaltenem – Panorama-Spa und einer öffentlichen Therme, der TAUERN SPA Wasserwelt mit Indoor- und Outdoorbereich auf rund 21.000 m 2 . So können sich die „Expeditions-Teilnehmer“ nach der Rückkehr ins „Basislager“ in einer der modernsten und schönsten Thermen der Alpen entspannen und dabei spektakuläre Ausblicke genießen. EXPEDITION BERGLUFT 2 Nächte / 3 ganze Tage im Doppel­zimmer Premium mit Base Camp ­Inklusivleistungen: Verwöhn-Halb­pension, täglich aufgefüllte, kostenlose Minibar mit erfrischenden Getränken, Eintritt in die SPA Wasserwelt und Saunawelt, exklusives Panorama SPA, und als Plus bietet das Tauern Spa zahlreiche kostenlose zusätzliche Entspannungs- und Aktivprogramme an. Wählen Sie zusätzlich eine der folgenden Inklusivleistungen: Expedition nach Innen bestehend aus einer Waldduftmassage (25 Min.) oder einem Ganzkörperpeeling Alpenquell (25 Min.). Expedition nach Außen bestehend aus einer Skikarte für den Kitzsteinhorn-Gletscher, einer geführten Mountainbiketour mit einem E-Mountainbike oder Greenfee für den 18-Loch-Meisterschaftsplatz Zell am See – Kaprun. € 298,- pro Person im Doppelzimmer Premium. Angebot gültig: Mai und Juni 2011 Infos und Buchung bei: TAUERN SPA Zell am See-Kaprun, Tauern Spa Platz 1, A-5710 Kaprun Tel.: +43 (0) 6547 2040-0, Fax: +43 (0)6547 2040-9900 office@tauernspakaprun.com, www.tauernspakaprun.com


den eigenen rhythmus finden.

Herzlich willkommen in Österreich, Ihrem Gastgeber von theALPS 2011: www.the-alps.eu. Informationen über Urlaub in Österreich auf www.austria.info oder telefonisch unter 00800 400 200 00.


notizbuch Am kühlen Grund

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Seesaiblinge stecken voller Genüsse, die nicht nur den Gästen von Spitzenrestaurants vorbehalten sind. Auch in der heimischen Küche machen sie eine gute Figur

Auch das wohl beste Fischrestaurant Österreichs, das mit drei Hauben ausgezeichnete ­„Sicher“ in Kärnten, 20 Autominuten östlich von Klagenfurt, arbeitet mit Saibling aus eigener Zucht, sowie mit goldenem Saiblingskaviar, den Küchenchef Michael Sicher persönlich aus seinen ­Saiblingen „melkt“ (die Fische dürfen ­danach munter weiterschwimmen …). Mühlenweg 2, Tainach, Tel. +43/42 39/26 38, www.sicherres­ taurant.at.

Restaurant Seeblick

Saiblings-Quellen

Im Hoteldorf Mondi Holiday, Archkogl 31, Grundlsee Tel. +43/36 22/84 77-0, www.grundlsee.mondiholiday.at

Köstlich geräuchert, aber auch frisch, ist der Grundlseesaibling in folgenden Geschäften zu bekommen:

Anfahrt: Die Zufahrt zum Hoteldorf und zum Res-

Fischerei Grundlsee, Mosern 19, Grundlsee (von Bad Aussee kommend gleich am Ortseingang links), Tel. +43/36 22/85 13 Fischverkauf Bad Aussee, Altausseerstraße 356, Bad ­Aussee, Tel. +43/36 22/537 60

taurant zweigt, von Bad Aussee kommend, von der Grundlseer Straße ab, noch bevor der See in Sicht kommt und der Ortseingang von Grundlsee erreicht ist.

Rezepte

Rollmops vom Grundlseesaibling

Gebratener Grundlseesaibling mit Knoblauch-Mandelbutter

Zutaten: Für 4 Saiblingsfilets:

Zutaten: Für 4 Saiblinge: 4 große Kartoffeln,

40 g Karotten­streifen, 20 g fein geschnittene Zwiebel, ¾ l Wasser, ¼ l Essig, 5 Korianderkörner, 2 Lorbeerblätter, 5 Pfefferkörner, ½ Zwiebel

200 g Butter, 50 g gehobelte Mandeln, 2–3 Knoblauchzehen, gehackte Petersilie

Zubereitung: Saiblingsfilet leicht plattieren, mit Karotten- und Zwiebelstreifen füllen und ein Röllchen formen. Mit Küchengarn oder einem Zahnstocher fixieren; ca. 3 Minuten dämpfen. Wasser, Essig, Gewürze und halbe Zwiebel aufkochen. Die Saiblingsröllchen noch heiß in eine Form geben, mit dem heißen Sud übergießen. Zugedeckt ca. 12 bis 14 Stunden im Kühlschrank ziehen lassen.

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Zubereitung: Saiblinge salzen und pfeffern, in Mehl wenden, in heißem Öl knusprig braun braten – wenn sich die Rückenflosse leicht herausziehen lässt, ist der Fisch durchgegart. Butter mit Mandeln und blättrig geschnittenem Knoblauch leicht bräunen. Kartoffeln schälen, in Salzwasser weich kochen, abseihen, mit Salz abschmecken, mit frisch geschnittener Petersilie bestreuen. Den Saibling anrichten und mit der heißen Mandelbutter überziehen.

Fotos: Gerald Klepka (4)

❦Gourmet-Fisch


Goethe am Gotthard

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Reisen – das war vor zweihundert Jahren mit mannigfaltigen Erfahrungen verbunden. Die Gotthard-Region bietet auch heute vielerlei Möglichkeiten, den Weg wieder zum Ziel zu machen Furka-Dampfbahn

❦Zurbrü­ Teufels­cke auf Suworows Spuren

Mit der Postkutsche über den Pass Von Andermatt nach Airolo im Tessin – durch den Gotthard-Straßentunnel dauert die Fahrt nicht einmal eine halbe Stunde. Die Gewaltigkeit des Gebirges, das durchquert wird, drängt sich allenfalls durch die immense Länge des Tunnels (16,9 km) ins Bewusstsein. Wie langwie­ rig – und eindrucksvoll – sich die gleiche Reise für Goethe und seine Zeitgenossen gestaltete, können Neugierige hautnah miterleben: bei einer Postkutschenfahrt über den GotthardPass, die mit mehreren Pausen einen ganzen Tag in Anspruch nimmt. In den 680 SFr Fahr­ geld sind, neben der Reise in einem luxuriösen Landau Coupé, unter anderem zwei Apéros, ein reichhaltiges Mittagessen im Gott­h ard-Hospiz und der Gepäcktransport in einem Begleitfahr­ zeug enthalten. Infos: Historische Reisepost, Tel. +41/88/800 05, www.gotthardpost.ch

Mit der Furka-Dampfbahn zum Rhone-Gletscher Etwas schneller, aber immer noch so beschaulich, dass im Mittelpunkt der Reise die gewaltigen Landschaftseindrücke stehen, verläuft eine Fahrt mit der Furka-Dampfbahn von Realp nach Oberwald – gut zwei Stunden brauchen die Züge mit den hundert Jahre alten Dampflokomotiven für die knapp 18 Kilometer lange, bis auf über 2100 Meter ansteigende Bahnstrecke, die sogar ­Ausblicke auf

den Rhonegletscher erlaubt – das Panorama, das dem berühmten Glacier-Express seinen Namen gab. Dessen Route allerdings führt hier seit 1982 nicht mehr vorbei – mit Fertigstellung des FurkaBasistunnels wurde die Strecke über den Pass stillgelegt und sollte abgerissen werden. Dass sie erhalten blieb und seit Sommer 2010 sogar wieder durchgängig befahren wird, ist unzähligen Freiwilligen zu verdanken, die die Gleise instand setzten und bis heute einen Großteil des Bahnpersonals stellen. Informationen und Fahrpläne unter www.furka-bergstrecke.ch sowie über Andermatt Gott­ hard Tourismus, Tel. +41/41/888 71 00.

1799 zog der russische General Suworow mit seiner Armee durch die Schweiz, um die Franzosen aus dem Land zu vertreiben. Seinen Spuren folgt heute ein in elf Etappen unterteilter Wanderweg von Airolo über den Gotthard, Altdorf und Glarus nach Ilanz. Besonders spektakulär ist der Weg durch die Schöllenenschlucht von Andermatt nach Wassen. Er führt auch zu der legendären Teufels­ brücke, die schon die Fantasie vieler romantischer Maler beflügelte.

Per Glacier-Express zu den Bergriesen Die Reise mit dem Eisenbahnklassiker, der über eine atemberaubende Bergstrecke in acht Stunden von Zermatt über Andermatt, Disentis und Chur nach Sankt Moritz oder Davos rattert, ist per se schon eine Erfahrung, die Wiederholungstäter generiert. Weitere Infos unter Tel. +41/27/927 77 77, www.glacierexpress.ch. Zu ausgewählten ­Terminen wartet heuer aller­d ings noch ein ­besonderes ­E rlebnis auf Zugfans: Dann befährt der Sonderzug „Swiss Alps Classic Express“ zwischen ­Z ermatt und Sankt Moritz erstmals wieder die historische Glacier-Route, die das Teilstück über den Furkapass (siehe auch Furka-Dampfbahn) einschließt – inklusive Rhone-Gletscher-Blick. Termine und Reservierungen unter Tel. +49/63 73/81 17-23, www.swiss-alps-classic-­express.de

Informationen und Pauschalangebote mit Übernach­ tungen und Gepäcktransport über Swiss Trails, Tel. +41/43/422 60 22, www.swisstrails.ch

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Teufelsbrücke


Equipment

Die Golf-Ausrüstung

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Das wichtigste Rüstzeug für Anfänger, lacht Sieglinde Knabl vom Golfplatz ­M ieminger Plateau bei Telfs, könne man nirgendwo kaufen: Freude am Sport und an der ­Bewegung im Freien. Alles andere gibt es für alle, die erst einmal einen Kurs zur Erlangung der Platzreife absolvieren, in den Golfschulen zu leihen. Erst nach und nach, meint die Expertin, die den Shop des 27-Loch-Platzes leitet (www.golfmieming.at), werden dann Anschaffungen sinnvoll.

❦demGlamour auf Golfplatz Sonnenschein bei Regengüssen: ­Riesenschirm von Birdiepal (über www.euroschirm. com). GolfschuhKlassiker in PopVersion: „fj icon“ von Footjoy (www.footjoy.de). Lässt vom Eis danach träumen: Lederhandschuh in Schoko und Pistaziengrün von Walter Genuin (www.walter-genuin. com). Rasenkosmetik mit „Bling“Faktor: Pitch-Gabel von Callaway (www. callawaygolf.com). Blumiger StandardSchlägersatz „XL Women’s Set“ von Topflite (www.topflite.com).

Schon zum Start: Der Handschuh Spätestens nach dem ersten Kurstag, meint Sieglinde Knabl, seien auch Neulinge, die den Golfhandschuh zuvor als Accessoire für stilbesessene Edelgolfer betrachteten, von seiner Notwendigkeit überzeugt. Dann nämlich sprießen die ersten Blasen an der ungeschützten Führungshand – bei Rechtshändern die Linke, bei Linkshändern die Rechte … Deshalb muss es nicht gleich ein sündteures Ledermodell sein. Auch ein Synthetikhandschuh für zehn Euro erfüllt seinen Zweck.

Nach der Platzreife: Schuhe Natürlich können die ersten Schläge auf der Driving Range ohne Weiteres in Sneakers absolviert werden, doch „richtige“ Schuhe steigern die Spielqualität und damit den Spaß beträchtlich: Plastik-Spikes in den Sohlen sorgen für besonders festen Stand. Wichtig vor dem Kauf, so Knabl, sei gründlichstes Probieren. „Schließlich sind Sie mit diesen Schuhen mehrere Stunden und Kilometer unterwegs.“

Keine reine Stilfrage: Die Kleidung Hier sind der persönlichen Freiheit gewisse, aber weit gespannte Grenzen gesetzt: Die internationale GolfEtikette schreibt nur ein paar grundsätzliche Standards vor – etwa, dass Oberteile Kragen haben sollten, oder

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wie kurz Shorts sein dürfen. Daneben gelten praktische Erwägungen. „Jeans sind O. K.“, meint Knabl, „aber vielleicht etwas unbequem. Hosen mit Elasthan erlauben mehr Bewegungsfreiheit.“

Kein „Muss“: eigene Schläger Denn die können auch zu günstigen Tarifen am Platz geliehen werden. Wer lieber mit einem eigenen Schlägersatz unterwegs ist: Einige Hersteller haben Anfänger-Sets ab etwa 300 Euro im Programm, die es in Damen- und Herrenausführung mit jeweils einheitlichen Schaftlängen gibt. Knabl: „Wer intensiver einsteigt, merkt von ganz allein, wann ihm die Standardqualität nicht mehr ausreicht. Erst dann ist es sinnvoll, in maßgefertigte Schläger zu investieren.“

Für alle Wetter Wer golft, ist stundenlang draußen unterwegs – und dabei der Witterung mehr oder weniger schutzlos ausgesetzt. Gerade im Gebirge kann zudem die Witterung so schnell umschlagen, dass man das Clubhaus nicht mehr rechtzeitig erreicht, bevor das Gewitter losbricht. Deshalb sind in der Golfbag nicht nur Sonnencreme und Kappe Pflicht, sondern auch ein guter Regenschutz – mit Jacke und Hose oder Schirm.


Gute Geister Wer Michil Costas Heimat kennenlernen will, trifft auf zwei höchst verschiedene Facetten des eindrucksvollen Badia-Tals – die Nobeldes­t i­ nation wie das Bauerndorf

Fotos: Bildagentur Huber (1), Mauritius Images (1)

Edel genießen Costas Hotel La Perla ist eine der besten Adressen im DolomitenHochtal Alta Badia. Die Gegend mit ihrem Hauptort Corvara entwickelte sich in den letzten 15 Jahren zum Mekka auch für Wellnessfans und Fein­schmecker. Eines der drei Spitzenrestaurants im Tal, die mit ­einem Michelin-Stern ausge­zeichnete Stüa da Michil, gehört zum La Perla. Das Hotel trägt durch und durch Costas Handschrift, erkennbar an der stilsicheren Verquickung von Tradition und modernem Komfort (Strada Col Alt 105, 39033 Corvara in Badia, Tel.: +39/04 71/83 10 00). Ursprünglich leben Seres, der Standort von ­Costas Bauernhaus, zeigt noch die stille, natürliche und bisweilen raue Seite des von DolomitenRie­sen überragten Tals. Als ­Unterkünfte empfehlen sich der Bauernhof Lüch de Vanc (Zimmer mit Frühstück und Ferienwohnungen, Tel. +39/04 74/59 01 08, www.vanc.it) sowie die ­Pension Odles (Tel.: +39/04 74/59 01 08, www.odles.it). ­Einen Ort wei­ ter bietet sich die Möglichkeit, intensiv in Kultur und Geschichte der Ladiner einzutauchen: im aufwendig gestalteten Museum im Schloss ­Ciastel de Tor oberhalb von Sankt Martin in Thurn. Dort gibt es gelegentlich sogar Grundkurse in Ladinisch (Tel. +39/04 74/52 40 20, www.museumladin.it).

Artikel auf seite 86 La Perla

Illaria della Mea, Sous-Chefin der Stüa da Michil

Collie

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Border Collies sind ausgezeich­ nete Hütehunde, und deshalb perfekte Begleiter für ­Landund Bergbewohner. Ihre ­Besitzer halten sie auf Trab – sie brauchen viel Bewegung Die Statur der seit 1976 vom internationalen Hunde-Dachverband FCI anerkannten Rasse ist etwas länger (ca. 56 cm) als hoch – die Widerristhöhe bei Rüden liegt bei 53 cm. Der Border Collie ist ein ­lernfähiger, sehr aktiver Hund, der von seinem Besitzer aller­dings eine konsequente Erziehung verlangt, um sein ganzes Potenzial auszu­nutzen; gerade junge Hunde brauchen klare Kommandos. Seriöse Züchter finden sich am besten über die nationalen Verbände für Hundewesen: in Deutschland über den VDH (www.vdh.de), in

❦Zum Knuddeln

Border Collies sind charmant und anmutig, sportlich und klug, haben ein liebenswertes Wesen und einen anhänglichen Charakter.

Museum im Schloss Ciastel de Tor

Österreich über den OEKV (www.oekv.at) und in der Schweiz über den SKG (www.skg.ch). Wer sich erst einmal lesend mit dieser quirligen Rasse vertraut machen will, dem sei das nur in Englisch erhältliche Buch des Schafhirten David Kennard empfohlen: „A Shepherd’s Watch – Through the Seasons with One Man and His Dogs“, als Hardcover und Taschenbuch über den Buchversand Amazon erhältlich (www.amazon.de).

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Ab auf die Alp

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Den Traum vom abgeschiedenen, naturverbundenen Leben auf der Alm hegen viele. Abenteuerlustige wagen den Realitätstest.

❦Almbrevier

Warum man nie vor einer Kuh unter einem Elektrozaun durchkrabbeln sollte? Weil sie es in Kürze nachmacht. Mit solchen und ähnlichen „Hirten­ tipps“, einer Melk­ anleitung und einem Älplerglossar würzt der Wiener Journalist Tobias Micke sein witziges „Almhandbuch für Stadtmenschen“, das nach einem Sommer als Senn entstand. „Kuhl“, Knaur Taschenbuch, 9,95 €.

Senn für eine Saison Almkarrieren beginnen meist im Winter: Im ­Januar finden in der Schweiz, in Deutschland und ­Österreich Älplertreffen statt, bei denen Neu­ linge, die keine sennenden Bekannten haben, Kontakte knüpfen können. In der Almwirtschaft werden die meisten Stellen unter der Hand vergeben. Die wichtigsten Zusammenkünfte: auf dem Plantahof in Landquart, Schweiz, Tel.: +41/81/257 60 00, www.plantahof.ch; beim Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften der Uni Kassel in Witzenhausen, Deutschland (nicht wenige Älpler sind „Flachlandtiroler“), Tel.: +49/554/298-12 11, www.uni-kassel.de/agrar/; beim Älpler-Frühstück der Universität für Bodenkultur in Wien, Tel. +43/1/476 54-0, www.boku.ac.at; weitere Termine auf den Web-Sites www.ig-alp.org und www.zalp.ch. Letztere – sie gehört zur gleichnamigen ­S chweizer Älpler-Zeitschrift – ist für Einsteiger eine Fundgrube an nützlichen Informationen: Lohntabellen, Musterarbeitsverträge, Fortbildungsangebote und viele Stelleninserate.

Auszeit auf der Alm Wer einen Urlaub lang Alm-Feeling schnuppern, die Seele baumeln lassen, intensiv die Berge genießen, zum Wandern morgens schon von einem höheren Ausgangspunkt aus starten will, hat die Qual der Wahl – unzählige Almen und Hütten

Kemater Alm

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­ ieten Unterkünfte verschiedensten Komforts, b vom Matratzenlager bis zur großzügigen Fami­l ienSuite. Eine Übersicht bieten nicht nur regionale Almführer in Buchform; eine Liste mit Almen zum Einkehren und Übernachten in Bayern, Nord- und Südtirol, beispielsweise die Kemater Alm am Kalkkögel im Senderstal nahe Axams (unten links), findet sich auf der Website www.almenrausch.at.

Tagestrip ins Älplerleben Auch wer sich unten im Tal einquartiert, kann den naturverbundenen, bisweilen harten Alltag einer Sennerin hautnah kennenlernen: bei der „Steirer­k as-Roas“ und dem „Ennstaler Alm-­D iplom“ auf einer der sieben authentischen ­A lmen der Region Schladming-Dachstein, die alle von Frauen bewirtschaftet werden. Bei der Reise zu den Ursprüngen des g’schmackigen Steirerkäses wird dessen aufwendige Herstellung fachgerecht präsentiert. Und beim Alm-­ Diplom geht’s ans Eingemachte: Die Kandidaten ­lernen viel über Almpflanzen und Tiere, werden ins Buttern und Käsen eingeführt und dürfen eige­ne Melk­versuche an der „Gummiliesl“ unternehmen. Mit ins Tal nimmt man Spaß, Wissen – und Respekt vor der Arbeit der Sennen. Weitere ­Informationen: Region Schladming-Dachstein, Tel. +43/36 87/233 10, www.schladming-dachstein.at.

Steirerkas-Roas

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Seit 1841

Adler Dolomiti

Alpen-Kenner Sie kommen viel in den Bergen herum? Dann sind Sie bestens gewappnet für unsere drei Fragen …

Wie heißt der größte oberitalienische See? a) Comer See b) Gardasee c) Lago Bianco Wann fuhr der erste Glacier-Express von ­ Zermatt nach St. Moritz? a) 1930 b) 1940 c)1950 Wie viele Gletscher gibt es in Deutschland? a) 3 b) 5 c) 7 Und das ist der Preis: ein Short-Stay (Donners­ tag bis Sonntag oder Sonntag bis Donnerstag mit ­Halbpension für zwei Personen) im Adler ­Dolomiti Spa & Sport Resort in St. Ulrich in Gröden (www.adler-dolomiti.com), mit traumhafter Hanglage und zugleich in unmittelbarer Nähe zum idyllischen Ortskern. Ein besonderes Highlight: der im Preis eingeschlossene, einmalige Besuch der zum ADLER Spa gehörenden Salzgrotte mit unter­ irdischem Salzsee. Der Gewinn-Gutschein kann ein Jahr lang nach Verfügbarkeit eingelöst werden. Eine Postkarte mit den richtigen Lösungen senden Sie bitte an ALPS Magazin, Hildegardstr. 9, 80539 München. Oder Sie antworten online, unter www.alps-magazine.com. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die unterirdische Salzgrotte des Adler Dolomiti

Modell 163 V von Oleana

Bei Radspieler: Mode und Einrichtung Eine Sehenswürdigkeit in München Glücklicher Gewinner Die Lösungen des Rätsels zu unserer letzten Ausgabe ­lauten: Lüftlmalerei – Klein-Matterhorn-Bahn – Nationalpark Hohe Tauern. Der Gewinner ist Roland Lang aus ­München, er darf sich auf zwei Übernachtungen zu zweit im Almdorf Seinerzeit in den Kärntner Nockbergen freuen.

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Strassenrandperlen Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es Sehenswürdigkeiten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. Wir nehmen uns die Zeit und besuchen sie Text Alexander Hosch . Foto Sabine Berthold

Das Barock-Duett am Irschenberg Objekt St. Marinus und Anianus mit Veitskapelle Adresse Wallfahrtskirche Wilparting, D-83737 Irschenberg Koordinaten N 47° 49.324´ E 011° 55.185´ Bauzeiten 1373 (gotischer ­Korpus), 1724 (barocke Gestalt) Bau-Grund Verehrung des Bischofs Marinus und seines ­Diakons Anianus Aktuelle Nutzung Dorfkirche; am Patroziniumstag (15.11.) sammeln sich die Pilger bei der Linde Öffnungszeiten Tgl.; Kapellenschlüssel nebenan („Moarwirt“) Schönster Augenblick Wenn sich in der Frühe die Nebel lichten

Warum man immer dran vorbeifährt:

Die stille Gewalt des Panoramas schockt: Unter der Autobahn hebt sich die Silhouette eines Kuppel-Duos vor dem Mangfallgebirge ab. Währenddessen ist man selbst mal wieder mit dem Stau am Irschenberg beschäftigt.

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss! Die Grabkirche der Glaubensboten, die zur Mission an den Irschenberg kamen, ist eine uralte Kultstätte – seit über 1000 Jahren kommen Wallfahrer her. Ihr heutiges Aussehen bekam sie nach einem entschiedenen Facelift im Jahr 1724. Innen drängeln sich die Hingucker: Außer dem erstaunlichen Hochgrab der beiden Heiligen (1778) gibt es am Eingang zwei steinerne Tumba-Bildnisse aus der ­Spätgotik, einen barocken „Kerker-Heiland“ und die Rokokokanzel von Andreas Hagn aus Miesbach. Dazu Prozessionsstangen und Votivtafeln im Altarraum. Den erschreckendsten Schatz birgt die Veitskapelle unter der Kuppel des Zimmermanns Andreas Hauser: eine Figur des Veit im Topf, vor naiv-buntem Malgrund. Vor rund 1300 Jahren soll er mit siedendem Öl gequält worden sein. Wer den Armen sieht, glaubt zu verstehen, woher der Ausdruck „Veitstanz“ rührt. Stimmt wohl auch. Wie man hinkommt: Von der A8 München – Salzburg die Ausfahrt Irschenberg nehmen; von den vielen Einfahrten zu McDonalds und den Tankstellen nicht irritieren lassen, sondern souverän, parallel zur Autobahn, circa zwei Kilometer der Beschilderung nach Wilparting folgen.

Die nächste Ausgabe von ALPS erscheint am 20.07.2011 130

alps . 03 2011


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ALPS Magazine #5/2011