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inhalt Hohe Hauben

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Der Herr der Riesen

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10 der berg ruft

44 Familienclan

Wenn schmale Alpenstraßen zu Spritztouren locken, die ersten frischen Kräuter wachsen und die Imster Burschen Palmlatten binden, muss es Frühling sein!

Mittenwald ist berühmt für seine Geigenbauer. In vielen Familien der bayerischen Marktgemeinde unter dem Karwendel wird das Handwerk schon seit fast 350 Jahren gepflegt. Wir stellen zwei von ihnen vor

Wäre er als junger Jäger nicht nach Argentinien gegangen, hätte Hans Neuner nie erkannt, welche Möglichkeiten die Tiroler Heimat bietet

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Alles wird Gurt

Gute Saiten, schlechte saiten

16 Heimkehrer

Holz für die Hütten in Vrin (S. 74) Foto: Andri Pol Alles dufte im Blütenreich (S. 32) Foto: Zoonar Junges Gemüse in der Bergbauernkuchl (S. 18) Foto: Gerald Klepka Ein Himmel voller Geigen in Mittenwald (S. 44) Foto: Heike Berger

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6 gründe, in die Berge zu gehen

Er Ging, Er Kam, Er bewegte viel

Titel:

Verduften!

18 Gastlichkeit Hohe Hauben Die kreative Metamorphose karger Bergbauernküche präsentieren drei Top-Köche in wenig fruchtbaren Gegenden Süd- und Osttirols

32 Kleine Fluchten In den Frühling verduften Botanische Gärten beamen Besucher direkt in den Frühling, lassen Schnee, Schmuddelwetter und lähmende Winterdepression vergessen. Die besten Beispiele liegen in Meran, im Lago Maggiore und in Monaco

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56 Zeitgeschichten Der Fluch des Waldes Als Luca Trincherini zum ersten Mal ins Val Grande kam, war er überwältigt von der Schönheit des Tessiner Hochtals. Erst nach und nach fand er heraus, warum dennoch niemand in den einst blühenden Dörfern wohnen wollte

64 Kreuchen & Fleuchen Rette Ihn, wer kann Der Grasfrosch ist ein echter Weltbürger – so anpassungsfähig, dass er überall leben kann. Er fühlt sich sogar in knapp 3000 Metern Höhe noch heimisch. Dennoch ist er gefährdet

66 Handgemacht Alles Wird gurt Die ganze Welt der Berg­ bauern auf einen Gürtel zaubern – das ist die große Kunst des Sebastian Fässler. Er ist einer der letzten traditionellen Gurtmacher im Appenzellerland

Fotos: Gerald Klepka (2), Die Gärten von Schloss Trauttmansdorff/www.tappeiner.it, Christian Grund

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Alpen-Übersicht dieser Ausgabe: Appenzell /Alles wird Gurt

Sils /Sympathie mit dem Abgrund Mittenwald /Gute Saiten, schlechte Saiten

Vrin /Strick ist schick

Hohe Tauern / Der Herr der Riesen

Val Grande / Der Fluch des Waldes Megève / 150 m2 Glück

München Salzburg

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Wien

Gute Saiten, schlechte Saiten

Genf

Mailand

Freienfeld /Innervillgraten / Venedig San Cassiano /Hohe Hauben Meran/Lago Maggiore /Monaco/ In den Frühling verduften

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Sympathie mit dem Abgrund

74 Architektur

Schweizerisches Literaturarchiv/Schweizerische Nationalbibliothek, Heike Berger, Imago

Heimweh

102 Schicksal

Strick ist schick Architekt Gion

Sympathie mit dem Abgrund

StandarDs

A. C ­ aminada machte das Graubündner Vrin zum Geheimtipp für S ­ chweizreisende – und zum Pilgerort für Architekten aus dem ganzen Alpenraum

Für Annemarie Schwarzenbach hatten Grenzen keine Geltung. Halt fand die Schweizer Autorin und Fotografin nur in der Oberengadiner Bergwelt

S. 04 S. 06 S. 08 S. 09

84 Wohnen Frischer Wind für Stubenhocker Das Designlabel „Stuben21“ sieht in traditionellen alpenländischen Möbeln wegweisende Formen

86 Wohnen 150 m2 Glück Hoch über Megève liegt das private Refugium der Unternehmerin Jocelyne Sibuet

94 unterwegs DEr Herr der Riesen Andreas Rofner führt als Nationalpark-Ranger naturbegeisterte Laien durch die faszinierende Welt der Hohen Tauern

100 Besser Leben Daheim ist’s doch am schönsten Schweizer Söldner gelten als „Erfinder“ des Heimwehs – fern von Bergen und Kühen wurden sie krank

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Inhalt Editorial Mitarbeiter Impressum

Kultur Die Straße des Absinth im Jura, ganz besondere Jugendherbergen in den Alpen, Bücher und Ausstellungen, wichtige Frühlingstermine

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Region Das Geld der Anderen hat Liechtenstein einen gewissen Ruf beschert – stolz ist man auf die eigene Produktion

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Notizbuch Reise- und Hotelinformationen, Wegbeschreibungen, Rezepte, Ausrüstungs­empfehlungen

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StrassenrandPerlen Entlang der Alpen-Magistralen gibt es Sehenswürdigkeiten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. ALPS macht Stopp

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Rette ihn, wer kann

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Gastlichkeit

E HAOH B N HUE

Seit Hummer und Austern selbst in entlegensten Tälern keine Sensation mehr darstellen, wächst in der Spitzenküche die Bedeutung einheimischer Produkte und Traditionen. Was aber, wenn die Böden am Standort so karg sind wie die örtliche Bergbauernküche? Deren kreative Metamorphose präsentieren drei Top-Köche in wenig fruchtbaren Gegenden Süd- und Osttirols

Grundlage für die Arbeit von Peter Girtler liefern die Felder, Gärten und Weiden der Umgebung. Auf dieser Basis kochte sich der gebürtige Sterzinger im Romantikhotel „Stafler“ in Mauls unweit vom Brenner zum ersten Stern.

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Waidmanns Dank! Franz Stromminger, Jäger in der fünften Generation, nach der Rückkehr von der Pirsch. Der Reiser am Hut verrät den erfolgreichen Schützen; das Reh bekam den letzten Bissen, einen Zweig der Pflanze, an der es zuletzt gefressen hat.

Wer bei den „Wilden Wirten“ einkehrt, bekommt ausschließlich Wild aus der Region. Und nur während der Jagdsaison

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Gastlichkeit

Zu

seinen Milchlieferanten hat Peter Girtler nicht weit: Auf der einen Seite der quer durch Mauls führenden, schmalen alten Staatsstraße zum Brenner hinauf liegt das „Stafler“, ein 800 Jahre alter Postgasthof – heute Romantikhotel –, in dem sich Girtler einen Michelin-Stern erkochte. Auf der anderen Straßenseite, etwas unterhalb, steht der zum Hotelgut gehörende Stall mit knapp hundert Kühen. Frische Kräuter pflückt der Spitzenkoch im Garten hinter dem Haus, Gemüse liefert eine Gärtnerei in der Umgebung, und Lammfleisch gibt es ausschließlich von einer alten Südtiroler Rasse, dem Villnösser Brillenschaf. Der Grundstock an lokalen Produkten, aber auch die Eigenheiten der Küche seiner Heimat sind aus den kreativen Menüs des 38-jährigen gebürtigen Sterzingers nicht wegzudenken. Dabei ist gerade diese Ausgangsbasis nicht eben breit gefächert: Wo die Berge hoch, die Böden karg und die Winter lang sind, bleibt die Palette dessen, was Bauern ihrem Land abringen können, überschaubar: Milch, ­Butter und Käse, ein wenig Getreide, ­K artoffeln, Kraut und Wurzelgemüse, dazu Nüsse und Pilze. Eine Küche, die auf diesen Zutaten aufbaut, ist schwer und deftig, um die Energie zu liefern, die die Bauern für die harte Arbeit auf den Feldern und steilen Wiesen brauchen. Dennoch war sie, wie auch die Bandbreite der darin verarbeiteten Produkte, vielfältiger, als es die je nach Region gängigen Klassiker wie Speckknödel, Schlutz- und Schlipfkrapfen heute Glauben machen. „Traditionelle Gemüsesorten, wie die bizarren Knollen des Crosnes oder die Zuckerwurz gerieten vollkommen in Vergessenheit“, stellt Girtler fest. Dabei steckt in ihnen genauso viel Potenzial wie in der vermeintlich schlichten Bergbauernküche. Seit letzten Dezember lotet Girtler auf zwei Ebenen aus, was sich damit anstellen lässt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten alle Gäste – egal ob sie extra wegen des Restaurants angereist waren oder zu den Hotelgästen gehörten – Girtlers ausgeklügelte Menüs gegessen, die zwangsläufig einen Kompromiss eingehen mussten zwischen Familienkost und Gourmetansprüchen. Selbst dieser Kompromiss war allerdings ambitioniert genug, um 2009 einen Michelin-Stern einzufahren – eine Auszeichnung, die das Publikum beim „Stafler“ einschneidend veränderte: „Viele Gäste sind nun bewusster, vorbereiteter; nicht wenige unternehmen wegen der Küche von München oder Norditalien aus einen Wochenendtrip zu uns.“ Da es daneben aber auch Hotelgäste gibt, die das „Stafler“ wegen seines

­ ellnessbereichs oder seiner KinderfreundlichW keit ­ansteuern, nicht aber wegen der Top-Cuisine, wurde die „Gourmetstube Einhorn“ aus dem allgemeinen Restaurant ausgegliedert. Seitdem agiert Girtler zweigleisig: Im „Romantik-Restaurant“ feiert er eine leicht verfeinerte Südtiroler Küche – mit Buchweizen-Nudeltaschen, Weinsuppe und Herreng’röstl. In der Gourmetstube lässt er seinen Ideen freien Lauf, mixt einheimische Zutaten mit ­Weitgereistem, traditionelle Rezepte mit Kniffen aus der Molekularküche. Kastanien-Schupfnudeln begleiten Hirschmedaillons in Maisbrot. Auf einem klassischen Kohlrabigemüse wird Alaska-Kabeljau serviert, dessen grünlicher Schimmer und intensives Aroma von vorsichtig gesetzten Infusionen mit Petersilienessenz herrühren. Das Dotter eines Wachteleis gibt zusätzlichen Schmelz; die hauchdünne, knusprige Fischhaut setzt, geschmacklich wie auch in ihrer Textur, einen krossen Kontrast. Kalbstatar serviert Girtler auf selbst gebackenem Brot aus Buchweizen und Bockshornklee-Samen, garniert es mit winzigen Rote-Bete-Baisers, halbierten Buschbohnenkernen, einem Streifen geliertem Karottensaft und einem Tüpfelchen Kaviar. „Wenn wir ein neues Menü entwickeln, knobeln wir oft eine Woche an einem einzigen Rezept“, resümiert Girtler den Entstehungsprozess mancher Gerichte. Und nicht selten ist die einheimische Küche mit ihren vielfältigen Variationen aus wenigen Produkten der Ausgangspunkt allen Experimentierens.

Text Claudia Teibler FOTOS Gerald Klepka

H

undert Kilometer östlich, im oberhalb des österreichischen Teils des Pustertals gelegenen I n ner v i l lg raten, sind die kulinarischen Experimente anderer Natur. Josef Mühlmann, 29, einer der drei Top-Köche Osttirols, probiert unermüdlich aus, was er im 1400 Meter hoch gelegenen Garten des „Gannerhofs“ an Obst, Gemüse und Kräutern zum Gedeihen bringen kann; Schweine mästet er selbst, die vier Monate alten Lämmer, die ein Markenzeichen ­seiner Speisekarte sind, stammen von einem Bauern aus dem Ort. Mit diesen Lämmern fing Mitte der Achtzigerjahre alles an. Damals entschlossen sich Mühlmanns Eltern, in ihrem Gasthof im Villgratental – das ruhige, ursprünglich gebliebene Seitental wirbt für sich mit dem treffenden wie zugkräftigen Slogan „Kommen Sie zu uns, wir haben nichts“ – nicht mehr auf Grillteller zu setzen, sondern auf Qualität. Der Anfang war zäh, heute 02 2011 . alps

Herzlich und behaglich geht es im „Gannerhof“ in Innervillgraten zu. Das absolut perfekte Lammfleisch für das Rückensteak mit gebratenem Fenchel liefert ein Bauer aus der Nachbarschaft.

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Rubrik Alpen

Die Pelargonien unter den Weinreben haben in den G채rten von Schloss Trauttmansdorff freien Blick auf die Kurstadt Meran.


Kleine Fluchten

in den Fr체hling

E D F E VRUTN Botanische G채rten beamen Besucher direkt in den Fr체hling, lassen Schnee, Schmuddelwetter und l채hmende Winterdepression vergessen. Die besten Beispiele liegen in Meran, im Lago Maggiore und in Monaco

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Text charlotte seeling

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E

s ist der Duft, der den Frühling ankündigt. Als süßes Versprechen dringt er über die Nase direkt ins Gehirn, wo er Glücksgefühle auslöst. Deswegen ist ein üppiger Blütenflor die beste Therapie gegen Wintermelancholie. Leider halten die meisten Gärten im Alpenraum langen Winterschlaf, und da die Gerüche bei Schnee und Eis wie versiegelt sind, fehlt es an frohen Botschaften. Da hilft nur eines: jene Botanischen Gärten besuchen, die dank ihrer bevorzugten Lage ein Mikroklima entwickeln, das vorgezogenen Frühling garantiert. Meran hat die mildesten Winter im gesamten deutschsprachigen Raum, und dort ist auch der einzige botanische Garten Südtirols. Die vielen schlanken Silhouetten echter Zypressen lassen ans Mittelmeer denken, von dort weht der warme Wind herauf, der die Gärten von Schloss Trauttmansdorff zum Pflanzenparadies prädestiniert. Den Hintergrund bilden schneebedeckte Gipfel, die sich bis zu 3335 Meter erheben und vor Niederschlägen und kalten Winden aus dem Norden schützen. Vor zehn Jahren erst wurde das zwölf Hektar große Areal zur Heimat von über 500.000 Pflanzen aus aller Welt, eine kurze Zeit für einen ­Garten, der Generationen von Menschen überdauern kann. Doch Trauttmansdorff präsentiert sich im Jubiläumsjahr 2011 ohne „Kinderkrankheiten“, die vier verschiedenen Gartenwelten, dem Wald, der Sonne, dem Wasser und der Südtiroler ­Kulturlandschaft gewidmet, sehen aus „wie gewachsen“. Nur Fachleute erkennen, welch pflegerische Arbeit dahinter steckt – schon 2005 wurde diese Anlage zum schönsten Garten ­Italiens gekürt, und nur ein Jahr später landete sie auf dem sechsten Rang aller botanischen Gärten in Europa. Das Versprechen „Die ganze Welt in einem ­Garten“ wird weitgehend erfüllt: Ob ­japanische oder englische, exotische oder mediterrane, ­Wasser- oder Terrassengärten – an den sonnenverwöhnten Hängen wurde alles realisiert. Außerdem haben Künstler in Anlehnung an das traditionelle alps . 02 2011

­ artenhäuschen elf ­Pavillons gestaltet, in denen G mit modernen Materialien wie Karbonfaser oder Plexiglas die Idee vom Garten heraufbeschworen wird – Diskussionen erwünscht. Zum zehnten Geburtstag öffnet Trauttmansdorff in dieser Saison seine mysteriöse Unterwelt: Ein 200 Meter langer Tunnel führt durch einen Felsen direkt zu den Wurzeln der Botanik; in eigens für den Anlass gesprengten Höhlen wird das Leben unter der Erdoberfläche multimedial vorgeführt. Bevor Flieder (Syringa) und echter oder ­falscher Jasmin (Jasminum und Philadelphus) in jedem Hausgarten für eine Aroma-Explosion ­sorgen und Pfingstrosen (Päonien) ihre üppigen Blüten öffnen – meist zum namengebenden Pfingstfest –, begegnet man in den Gärten von Schloss Trauttmansdorff diesen und noch vielen weiteren Stimmungsaufhellern, etwa Magnolien und Kamelien, die allein schon mit der Schönheit ihrer Blüten erfreuen. Das tun auch Rhododen­ dren und Azaleen, die ungewöhnliche Farbenpracht entwickeln – aber wenn sie überhaupt duften, dann sehr diskret.

D

ass ein Garten nicht nur Nase und Auge anspricht, daran erinnert der „Sinnesgarten“. Jeder weiß, dass der Geschmack dank zahlreicher Früchte auf seine Kosten kommt, aber wer setzt Gehör und Tastsinn ein? Dabei lassen sich sprudelnde Bäche und rauschende Wasserfälle kaum überhören. In der Meraner Anlage sind sie ebenso vorhanden wie verspielte Brunnen mit weiblichen Figuren, aus deren Brüsten Wasser spritzt. Aber auch das unterschiedliche Rauschen der Blätter gehört zum Gesamteindruck. In Trauttmansdorff gibt es einen Wald aus 40 verschiedenen Bambussorten, in dem es raschelt, flirrt und knistert. Am wenigsten werden Texturen beachtet, obwohl sie oft ausgesprochene Handschmeichler sind. Vor allem die jungen Triebe, Knospen und Blätter der Flaum­ eiche (Quercus pubescens) verleiten mit ihrer ­f ilzig-samtigen Behaarung zum Berühren. Dieser wärmebedürftige Baum war auf dem Gelände

Fotos: Anzenberger (3), Augenklick (1), Bildagentur Huber (1), dpa (1), imago (2), mauritius (1), topic media (1), xxpool (1), Die Gärten von Schloss Trauttmansdorff/www.tappeiner.it (1)

Kleine Fluchten


Vor der Silhouette von Schloss Trauttmansdorff entfalten sich spektakuläre Frühblüher wie der japanische Hartriegel (oben), aber auch bescheidene Gewächse wie ungefüllte Wildrosen oder Leberbalsam (unten rechts).

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DIE ZUKUNFT Ob Marlene, 10, und Anastasia, 7, einmal die Geigenbau足tradition der Familie Sandner weiterf端hren werden, ist noch ungewiss. Bisher spielen sie nur auf den Instrumenten, die in der elterlichen Werkstatt hergestellt werden.


Alpen FRubrik amilienclan

Anreisser Benton BU osside ten culparion uta eos nestem quiasit dus, soluptaquo perroum siti untera Equo invel eatint. Benton BU osside ten culparion uta eos nestem (links).

G UTE SAITEN C L C T AT N

S H E H ES I E

Mittenwald ist ber端hmt f端r seine Geigenbauer. In vielen Familien der bayerischen Marktgemeinde unter dem Karwendel wird das Handwerk schon seit fast 350 Jahren gepflegt. Wir stellen zwei von ihnen vor

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Familienclan

W

enn eine Straße und eine Statue auf einem

Text Sockel deinen Namen tragen, dann kann es sein, Eva Meschede dass man gelegentlich, wenn Erwartungen zu FOTOS hoch werden, eines klarstellen muss: „Ich bin Heike Berger nicht das Denkmal“, sagt Matthias Klotz. Nein, der junge Mann mit dem Lausbubengesicht, den glatten dunkelblonden Haaren und der Mountainbikeunfall-Narbe neben dem Auge ist sicher kein Denkmal, und man braucht schon viel Fantasie, um eine Ähnlichkeit mit dem in Bronze gegossenen Matthias Klotz vor der St. Peter und Paulkirche in Mittenwald zu entdecken. Dieser Metall-Matthias wirkt breitschultrig durchtrainiert, hat ein markantes Gesicht, eine wilde Bartund Lockenpracht, man möchte ihn für einen Krieger halten, bearbeitete er nicht eine Geige, eine „Mittenwalderin“. Mag sein, dass da um der Kunst willen ein wenig idealisiert wurde, denn dieser Matthias Klotz war schon fast 150 Jahre lang tot, als ihm 1890 das Denkmal gesetzt wurde, es gab noch keine Fotos und die Leute im Ort hatten jahrzehnte­ lang diskutiert, wie ihr hoch verehrter Star am besten dargestellt werden sollte. Etliche Entwürfe von Künstlern waren verworfen worden, bis der Münchner Ferdinand von Miller den Zuschlag erhielt. Der hatte sein monumentales Händchen schon mit der Kolossalstatue der ­bayerischen ­Patronin Bavaria bewiesen. Die zeitliche Entfernung von einem ­Matthias Klotz zum anderen lässt sich am besten mit der Silbe „ur“ messen: „Achtmal ur“, erklärt der 27-jährige Matthias, der Bronzemann vor der ­K irche ist tatsächlich sein Ururururururururgroß­ vater. „Neun Generationen, und acht davon waren Geigenbauer“: Stolz breitet Matthias eine Fotokopie seines Stammbaums aus, der beginnt 1653, mit der Geburt des Namensvetters, interessant zu werden. Sein berühmter Ahne hat nämlich das Leben in dem kleinen bayerischen Ort direkt unter den wuchtigen Felsen des Karwendels nachhaltig bis

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in die heutige Zeit verändert, er ist der Begründer der Mittenwalder Geigenbautradition. Der Sohn eines armen Schneiders war als Teenager in die Geigenbauerlehre nach Italien geschickt worden. 1683 kehrte er, 30-jährig, in seine Heimatstadt zurück, um kurz darauf seine eigene Werkstatt zu eröffnen. Eine genial innovative Geschäftsidee, ein Start-up mit perfektem Businessplan: Erstens wuchs das beste Material für das Produkt Geige, nämlich Fichtenholz aus mehr als 1500 Meter Höhenlage und Bergahorn, direkt in Ortsnähe. Zweitens war die Verkehrslage günstig, es gab die alte Handelsstraße von ­Augsburg nach Venedig und die Isar, auf der es per Floß abwärts nach München ging. Drittens war Konkurrenz in der Umgebung nicht vorhanden. Neben seinen eigenen Söhnen bildete Matthias Klotz auch andere junge Männer aus. 1750 soll es bereits 15 Geigenbauer im Ort gegeben haben. Der gute Ruf der Mittenwalder Schule verbreitete sich rasend schnell, und sogar Mozart spielte eine Geige aus der Klotz-Familie.

H

eute sieht man in Mittenwald überall Geigen: als Souvenirs in den Auslagen, auf Wegweisern zu einer der neun Meisterwerkstätten, in der Lüftlmalerei an den Häusern, als Kunstwerk, wie die große Geige gegenüber dem Geschenkehaus „Im Gries“, die aus einem Baustumpf wächst – und sogar die Putten in der Kirche fideln malerisch von der Decke. Vor dem Geigenbaumuseum hängt eine goldene Geige, und drinnen ist der jüngste Matthias Klotz mit Leidenschaft dabei, die Mittenwalder Geschichte zu erklären. Er kennt sich aus, er arbeitet auch ehrenamtlich hier. Da gibt es etwa die typische Originalwerkstatt der frühen Jahre, die immer am Fenster der Stube nahe dem Kachelofen platziert war, oder eine hölzerne Butte, in der


En ems h

Viele i h i i c e behaupten, der Spruch vom Himmel, der voller Geigen hängt, stamme aus M t e w l

i t n ad

die Geigenbauer ihre Werke in die Welt hinaus­ trugen oder auf der Isar gen Norden schipperten, und natürlich echte Matthias-Klotz-Geigen, ­darauf weist der junge Mann mit Ehrfurcht in der Stimme hin. Trotz des berühmten Namens war es nicht selbstverständlich, dass Matthias auch seinen ­Geigenbaumeister machen würde, denn ausgerechnet sein Vater ist der Einzige, der mit der Tradition der Generationen gebrochen hatte und als Beamter bei der Post arbeitete. Der Großvater, auch ein Matthias, war zwar auch Beamter geworden, aber nur, weil er den Beruf des Geigenbauers zwangsweise hatte aufgeben müssen, nachdem er im Zweiten Weltkrieg sein Gehör verloren hatte. Der Opa baute als Hobby aber weiterhin Geigen, erzählt Enkel Matthias, und als Kind habe er ihm gerne in der Werkstatt Gesellschaft geleistet, nicht nur zum Basteln, ihm hat vor allem eines gut gefallen: „Da war es so schön ruhig.“ So kristallisierte sich schnell heraus, dass er die alte Familientradition in der Gegenwart fortführen und in der renommierten Mittenwalder Geigenbauschule sein Handwerk lernen würde. Die Geigenbauschule wurde in den mehr als 150 Jahren ihres Bestehens immer wieder erweitert, heute sägen, schnitzen, hobeln, feilen und lackieren 42 Geigenbauschüler in drei Neubauwerkstätten, hinzu kommen zwölf Zupfinstrumenten- und sechs Blechblasinstrumentenbauer, zudem Berufsschüler, erklärt Vize-Direktor Georg Neuner. An einer Schautafel zeigt er den „Werdegang einer Geige“, der mit der Schablone für die Innenform beginnt, und an dessen Ende schließlich die „Weiße Geige“ steht. Die wird dann grundiert und darf eine Weile am schönsten Platz der Schule rasten, sie wird vor das lange Galeriefenster im „Sonnengang“ gehängt, um nachzudunkeln. Wer die zig Geigen dort im Licht der spätwinterlichen Sonnenstrahlen baumeln sieht, dem geht ein berühmtes Sprichwort durch den Kopf, und

es gibt nicht wenige Mittenwalder, die behaupten, die Redewendung stamme aus ihrem Ort. Denn früher hängten die Geigenbauer ihre Werke überall zum Bräunen auf – an Fenstern, auf Balkonen, auf Terrassen – zum Staunen der Touristen, die Daheim berichteten: „In Mittenwald hängt der Himmel voller Geigen.“

N

ach seinem Sonnenbad ist das Instrument noch lange nicht fertig, es folgt eine kunstvolle Lackierung, „die läuft manchmal über ein halbes Jahr“, sagt Neuner. Erst dann kann das glänzende Kunstwerk mit Wirbeln und Griffbrett spielfertig gemacht werden. Auch Neuner stammt aus einer örtlichen Geigenbaufamilie, hat in der Schule die geforderten sieben Geigen bis zur Gesellenprüfung gebaut und lehrt nun selbst seit fast 25 Jahren Schülern aus allen Kontinenten der Erde den Mittenwalder Geigenbau. „Heute sind mindestens fünfzig Prozent Mädels“, sagt er, eine Frauenquote braucht man hier nicht. Lena Sajaloli aus dem französischen Orléans ist im vierten Semester. Nach dem Abitur wollte sie etwas Handwerkliches lernen, erzählt die 20-Jährige, und da sie Cello spielte, habe sie es einfach mal in Mittenwald mit der Prüfung probiert. Ihr Instrument vorzuspielen war kein Problem, doch auch beim Zeichnen und beim Sägen in der handwerklichen Prüfung muss sie Geschick bewiesen haben: Sie wurde gleich genommen. „Ich bin glücklich, dass ich hier in den Bergen ein paar schöne Jahre verbringen darf“, auch wenn ein paar ihrer Mitschüler stöhnen: „Was für ein Kaff“. Lena fährt Snowboard, wandert, geht Bergsteigen. Auch dafür eignet sich der Alpenort vorzüglich, mal ganz abgesehen von der perfekten Lehre im Traumberuf. 02 2011 . alps

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Unterwegs

Der Herr der

I S N RE E

Mit Leidenschaft führt Andreas Rofner als Nationalpark-Ranger naturbegeisterte Laien durch die faszinierende Welt der Hohen Tauern. Privat ist er ein echter Bergfex: Er hat sämtliche Dreitausender Osttirols bestiegen – 241 an der Zahl

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Text Claudia Teibler FOTOS Gerald Klepka

Spektakuläre Natur gibt es überall zu beobachten: oberhalb von Lienz (unser Bild), im Gschlöss- oder im Ködnitztal.

D

a, schaut’s nauf!“ Während sich die Köpfe nach dem Vogel umwenden, den wir nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen hatten, rammt der Rofner ­A ndreas die Beine des Stativs in den weichen Frühjahrsschnee. Tatsächlich: Schon mit bloßem Auge wird beim genaueren Hinsehen klar, dass es sich hier nicht um einen „gewöhnlichen“ Raubvogel handelt. Das Tier ist riesig. Majestätisch segelt es in einsamen Höhen über dem Gschlösstal unterhalb der Felbertauernstraße. Per Fernglas ist der hellbraune Schimmer an der Unterseite der ausgespannten Flügel zu erkennen, mit dem Fernrohr auf dem Stativ sogar die rötliche Färbung am Bauch. Es ist einer der beiden Bartgeier, die letztes Jahr in den Hohen Tauern ausgesetzt wurden. „Habt Ihr ein Glück,

dass Ihr ihn gesehen habt“, freut sich Rofner. „Der gibt sich nicht oft die Ehre.“ Dabei sind wir erst eine gute halbe Stunde unterwegs auf unserer „Nature-Watch“-Tour, einem Programm, das im Nationalpark Hohe Tauern, aber auch anderswo in Nord- und in Osttirol angeboten wird: In kleinen Gruppen erkundet man unter Führung eines versierten Guides die Bergwelt. Doch nicht ums Gipfelstürmen geht es, sondern ums Entdecken all jener Wunder, die man allein übersehen würde. Im Nationalpark Hohe Tauern leiten diese Touren Ranger, die eine dreijährige Ausbildung in Biologie, Botanik und Klimakunde absolviert haben, Wege und Tierschlupfwinkel kennen wie ihre Westentasche und selbst den ausdauerndsten Fragern kompetent Rede und Antwort stehen. „Unser“ Ranger, Andreas Rofner, zählt zu den ungewöhnlichsten Köpfen im Team des

sind seit 2010 wieder in den Hohen Tauern daheim. Mit drei Metern Spannweite fliegen sie manchmal bis nach Italien.

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Lämmergeier


Foto: Š Franziska Fellerer


Schicksal

Sympathie mit dem

B R N AGU D Wetten, dass sich ihrer dunklen Umarmung auch heute noch niemand entziehen kann? Für Annemarie Schwarzenbach hatten Grenzen keine Geltung. Sie pendelte zwischen den Geschlechtern, Stimmungen und Kontinenten und erklärte das Leiden zur Lebenskunst. Halt fand die Schweizer Autorin und Fotografin nur in der Oberengadiner Bergwelt. Text Alexandra González

MÜDER ERZENGEL Melancholie hat noch nie betörender ausgesehen. Die österreichische Fotografin Margarethe Fellerer bringt mit ihrer Porträtserie, die 1937 in St. Moritz entsteht, Annemarie Schwarzenbachs düstere Eleganz auf den Punkt.

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Schicksal

WILDES WUNDERKIND Als Zehnjährige (ganz oben) kann sie die Balance noch halten. Daneben: Mutter und Tochter am Zürichsee, 1930. Familienporträt mit Vater, 1919 (Mitte). 1921 am GotthardPass (rechts). Alle Fotos aus dem Album Renée Schwarzenbachs.

Ein schlaksiges Mädchen mit Schwanenhals, das im Matrosenanzug herumtobt und wie der Großvater General werden will

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Fotos: Archiv Alexis Schwarzenbach (5), Schweizerisches Literaturarchiv/Schweizerische Nationalbibliothek (1), Sammlung Anita Naef (1)

I

hre großen, schlanken Hände umklammern den Fahrradlenker. So fest, dass die Knöchel durch die nikotinfleckige Haut schimmern. An diesem Frühherbsttag scheint die Sonne. Granitgipfel und Lärchen spiegeln sich im Silsersee. Er ist noch nicht aufgewühlt von der Brise, die später vom Malojapass herunterweht. Vielleicht löst sie die Hände vom Lenker, so wie früher als Kind. Vielleicht sieht sie den spitzen Brocken nicht, der da im Weg liegt. Sie stürzt und wird bewusstlos, Blut klebt an der Schläfe. Aus dem Koma wacht sie umnachtet auf. Zehn Wochen nach dem Unfall stirbt Annemarie Schwarzenbach. Die Schweizer Schriftstellerin, Journalistin, Fotografin, Antifaschistin und traurigster Spross eines schwerreichen Industriellenclans wird nur 34 Jahre alt. Sie war befreundet mit Erika und Klaus Mann, mit Therese Giehse, Carson McCullers, der Rennfahrerin Maud Thyssen, doch ihre Modernität stellt alle in den Schatten. Diese Frau hatte vor nichts Angst, außer vor dem Leben selbst – und dem Stillstand. Sie rumpelte im schicken offenen Ford über die Schotterpisten Afghanistans, streifte durch den von Armut geprägten Baumwollgürtel der USA und drang immer tiefer ein in Afrikas Herz der Finsternis, den Kongo. Nicht aus reiner Abenteuerlust, sondern mit einem sozialen und politischen Gewissen. In ihren Reisefeuilletons ist sie an den Menschen ebenso nahe dran wie an den Landschaften. Wenn es für Annemarie Schwarzenbach überhaupt einen Ruhepol gab, so war er das Engadin, ihre Wahlheimat. Und wer sich heute in Sils mit einem Buch dieser irrlichternden Gestalt blicken lässt, wird garantiert schnell Freundschaften schließen. Ihre Passionsgeschichte beginnt in Zürich, mit einem Schneesturm im Mai 1908. Nur selten werden einem Kind so viele Gaben in die Wiege gelegt: die Neugierde der Forscherin. Das Gespür für Sprache. Die zerbrechliche Schönheit, als wäre sie nicht von dieser Welt, später wird sie mit ihrer androgynen Anziehungskraft Männern wie Frauen den Kopf verdrehen. Der Wohlstand, gemehrt vom verständnisvollen Vater, dem Seidenfabrikanten Alfred Schwarzenbach. Sollte etwa Annemaries Mutter Renée Schwarzenbach die böse Fee in dieser Biografie sein? „Sie hat mich wie einen Buben erzogen, und wie ein Wunderkind“, sagte Annemarie. Tatsächlich war Renée Schwarzenbach ein Kontrollmensch durch und durch, als Tochter des Generals Ulrich Wille, der der Schweizer Armee preußischen Schliff verpasste, keine Überraschung. Ihre


Rubrik Alpen

Anreisser MIRO UND ERI Benton Während BUErika osside ten Mann culparion für dasuta eos „Schweizerkind“ nestem quiasit dus, mütterliche soluptaquo perroum Gefühle hegt, siti untera Equo stehtinvel die Jüngere eatint. Benton in Flammen. BU osside Durch ten dieculparion Geschwister uta eos Mann nestem wird aus (links). der privilegierten jungen Frau eine politische Person. 1932 ist die Welt auf der Terrasse des Hotels des Bains am Lido di Venezia für die Freundinnen noch in Ordnung.

Kindheit verbrachte Annemarie auf dem Familiengut Bocken bei Zürich. Ein schlaksiges Mädchen mit Schwanenhals, das im Matrosenanzug herumtobte und auch General werden wollte. Annemarie war bald 1,76 Meter groß, was ihre Mutter nicht davon abhielt, sie Zwerg zu rufen. Mit Mitte Zwanzig war sie immer noch Mamas „Zwerg“, aber das Verhältnis der beiden schon verkorkst. Renée Schwarzenbach ließ die Tochter nicht los, duldete nicht die Hingabe an das Schreiben, die anderen Frauen und fürchtete den Skandal. Wer wagte schon den Einwand, dass sie ja selbst mit der Sopranistin Emmy Krüger liiert sei? Alfred Schwarzenbach jedenfalls nicht, er hatte sich längst in der Seidenfabrik seinen Elfenbeinturm geschaffen.

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chreiben war der Gottesdienst ihres Lebens,“ wusste Annemaries spätere Reisegefährtin Ella Maillart, die beobachtete, wie sie „nacheinander sieben Bögen in die Schreibmaschine spannte, bevor ein bestimmter Satz die Vollkommenheit erlangt hatte, die allein sie befriedigen konnte“. Hatten Erika und Klaus Mann dem „Schweizerkind“ dieses Virus eingeimpft? Im Herbst 1930 war Annemarie frech genug, Erika einfach zu schreiben, dass sie sie kennenlernen wollte und saß bald darauf in München am Mannschen Mittagstisch. Weil im Kreis um die Geschwister Literatur zum Atmen gehörte, fühlte sich die Geschichtsstuden-

tin mit aller Macht zu ihnen hingezogen. Sie verliebte sich in Erika, schickte ihr schmachtende und an den Bruder viel subtilere Zeilen. Gezeichnet: Miro. Klaus war ihr Wesensverwandter und verewigte sie als knabenhafte Johanna in seinem Roman „Flucht in den Norden“, als Johanna von Orléans in „Symphonie Pathétique“. Ahnte Klaus Mann, welches Feueropfer noch bevorstand? Nach dem Tod ihrer Tochter verbrannte Renée Schwarzenbach große Teile ihres Nachlasses, darunter die Tagebücher und ihr Briefwechsel mit Klaus, Erika, Thomas Mann und der Fast-Geliebten Carson McCullers. Diese Zeugnisse einer maßlosen Andersartigkeit musste die Mutter vernichten. Annemarie saß wie in einer Schiffschaukel zwischen der Loyalität zur Familie und dem Freiheitsrausch, sie pendelte zwischen den Geschlechtern, Milieus und Seelenzuständen. Hinter der androgynen Fassade – rasierter Nacken, DandyAufzug in Hemd, Hose und Seidentuch, Zigarette – hätschelte sie das Leiden. Nie verfehlte ihr ­Erzengelgesicht seine 02 2011 . alps

IM VISIER DER ANTIFASCHISTIN „Die Jungen, die sich in die Hitlerjugend einreihen, tragen noch immer ihre weißen Bauernsocken“, kommentiert Schwarzenbach 1938 ihre Fotografie aus Salzburg.

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ALPS Magazine #4/2011 Preview