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inhalt Schwein gehabt!

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Fast wie daheim

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10 DER BERG RUFT

56 WERDEN UND VERGEHEN

Im neuen Sterne-Lokal speisen, ökologisch Ski fahren und sich noch einmal so richtig beim Langlauf verausgaben – wir warten aufs Frühjahr und genießen derweil die letzten Wintertage in den Alpen

Da entwickelt die Topfpflanze ihre wahren Qualitäten als unermüdlich blühendes Alpenveilchen

Siebzigerjahren: Flaine und Les Arcs waren die ambitioniertesten Ski-Architekturen für jedermann, die je in Savoyen entstanden sind

28 WOHNEN ROSENSTOLZ Die Designerin Susanne Bisovsky setzt auf das Hüten und Bewahren von Dingen, die es bald nicht mehr geben wird – sie haben einen festen Platz in ihrem Wiener Wohnatelier, wo aus Altbekanntem zeitlose Kleiderkunst entsteht

40 MYTHOS DANTES WELTEN Am Triglav begegnen sich Himmel und Hölle, Legende und Wirklichkeit, Geschichte und Gegenwart. Wie kein zweites Symbol steht der Gipfel für Sloweniens Identität 4

Gefährliche Liebschaft

WEG VOM FENSTER ... und ab in die Natur!

16 ARCHITEKTUR

Rosenstolz S. 28 Foto: ANDREAS VON EINSIEDEL Schwein gehabt! S. 76 Foto: FRIEDER BLICKLE

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8 GRÜNDE, IN DIE BERGE ZU GEHEN

AUFTRAG SUPERSTATION Zu Besuch in den TITEL:

Rosenstolz

ALPS . 02 2012

58 FAMILIENCLAN DER TRADITION ENTHOBEN Über das bodenständige Handwerk der Ledergerberei hat sich die zweite Generation der Frauenschuhs weit hinausgewagt – das Kitzbüheler Familienunternehmen erobert den internationalen Markt für mondäne Sportmode

68 ZEITGESCHICHTEN I GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFT Die Muse, die Millionen und die Macht – aus diesen Zutaten kann man Weltliteratur zaubern. Aber das hier ist das echte Leben. Mit nichts Geringerem haben die Zürcher Patriziertochter Lydia Welti-Escher und der Künstler Karl Stauffer-Bern ihre Amour fou bezahlt

76 GASTLICHKEIT SCHWEIN GEHABT! Das Los des Schweins ist die Lust des Genießers. Und die ist groß angesichts der Delikatessen, die in Südtirol, San Daniele und Sauris aus den Keulen gefertigt werden

Fotos: Frieder Blickle, Andreas von Einsiedel, Maria Dorner, Florian Bachmeier, Sabine Berthold

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Der Tradition enthoben

Fliegende Steine

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88 10 GEBOTE DER GASTLICHKEIT DIREKTOR FÜRS UNNÖTIGE Das Waldhaus Sils ist seit fünf Generationen Familienbesitz – die sechste lernt gerade laufen. Die Gästekartei enthält weltberühmte Dichter, Philosophen, Maler, Komponisten. Der größte Schatz des Hotels ist unsichtbar: 103 Jahre Erfahrung im Umgang mit Gästen

94 ZEITGESCHICHTEN II FAST WIE DAHEIM In einem verborgenen Tal in den peruanischen Anden wagte vor gut 150 Jahren eine Gruppe mutiger Tiroler einen Neuanfang. Das Ergebnis kann sich noch heute sehen lassen

100 PORTFOLIO FLIEGENDE STEINE Die Land-Art-Installationen von Renato Tagli stecken voll paradoxer Überraschungen. Steine schweben, Äste verknoten sich zu poetischen Skulpturen, die in klirrenden Winternächten zu eisigen Gespenstern mutieren

Auftrag Superstation

Dantes Welten

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KULTUR Regisseur Ulrich Seidl sucht das „Paradies“, Postkarten grüßen aus dem letzten Jahrhundert, Künstler Tal R zeigt neue Arbeiten aus Grönland. Filme, Ausstellungen, Musik und wichtige Termine im Frühling

STANDARDS S. 04 S. 07 S. 08 S. 09

Inhalt Editorial Mitarbeiter Impressum

120 FUNDSTÜCKE SPITZEN-SPOTT Seit 150 Jahren nehmen Karikaturisten Alpinisten aufs Korn. Trendsportler oder Massentourist – keiner wird verschont

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NOTIZBUCH Reise- und Hotelinformationen, Wegbeschreibungen, Rezepte, Ausrüstungsempfehlungen

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3, 2, 1 ... meins

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STRASSENRANDPERLEN Entlang der Alpen-Magistralen gibt es Sehenswürdigkeiten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. ALPS macht Stopp

110 KUNST 3, 2, 1 ... MEINS Alpenländisches hat Hochkonjunktur – auch auf Auktionen. Wir verraten, welche Werke das Mitbieten lohnen 02 2012 . ALPS

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WOHNEN

EINE EIGENE WOHNWELT Die Couch mit Gobelinkissen und -decken, das falsche „Blumengemälde“, die Wandborte und Rosen in Serviettentechnik, alles haben Susanne Bisovsky und Joseph Gerger selbst gemacht, nur die Lampen sind Originale aus den 1950er-Jahren. Rechte Seite: Der Rosenrock ist ein Unikat aus dem Haute-CoutureEnsemble „Wiener Chic“.

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RUBRIK ALPEN

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Statt dem stets Neuen hinterherzurennen, setzt die Designerin Susanne Bisovsky auf das Hßten und Bewahren von Dingen, die es bald nicht mehr geben wird – sie haben einen festen Platz in ihrem Wiener Wohnatelier, wo aus Altbekanntem zeitlose Kleiderkunst entsteht

ROSEN

STOLZ


RUBRIK WOHNEN ALPEN

Im Uhrzeigersinn von o. l.: Die original FünfzigerjahreStühle sind mit Tüchern aus Leningrad bezogen. „Von tausend Omas in Handarbeit hergestellt“, sagt Joseph Gerger über den Strauß aus meist gehäkelten Blumen. Die Lampen tragen noch den Originalstoff aus den 1950er-Jahren. Das trachtige Wams ist ein Unikat aus alter Petit-Point-Stickerei.

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ALPS . 02 2012


RUBRIK ALPEN

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TROPHÄEN JAHRELANGER JAGD Im Uhrzeigersinn von o. l.: Die tschechischen Kaffeehaferl sind herdtauglich. Auf rosigem Hintergrund hebt sich Susanne Bisovsky stets schwarz gekleidet ab. Dosen verschiedenster Provenienz liefern Ideen für Stoffmuster. Fundstücke aller Art machen die Kommode zur Schatztruhe.


MYTHOS

DANTES WELTEN Am Triglav begegnen sich Himmel und Hölle, Legende und Wirklichkeit, Geschichte und Gegenwart. Wie kein zweites Symbol steht der Gipfel, der auch die Landesfahne schmückt, für Sloweniens Identität

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GÖTTERDÄMMERUNG Der Gipfel des Triglav – hier von Stara Fuˇ zina am Bohijner See aus gesehen – soll der Thron einer Gottheit mit drei Köpfen gewesen sein.

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MAGISCHE WESEN In Ukanc am Bohijner See wartet eine Bronzefigur des legendären Gämsbocks Zlatorog bis heute auf die Gefährtinnen aus der Sage, die „weißen Frauen“. Wenn die Nebelschwaden über dem See tanzen, heißt es, träten sie für einen Moment hervor.


MYTHOS

Der Tag verschwand, es nahm der dunkle Äther den Lebewesen allen auf der Erde die Lasten ab … (Göttliche Komödie, Inferno, Zweiter Gesang)

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MYTHOS

TEXT Claudia Teibler FOTOS Florian Bachmaier

SCHRECKENSVISION Für seine „Göttliche Komödie“ fand Dante Alighieri vor 700 Jahren im Süden des Triglav mannigfaltige Inspiration. Er durchwanderte die Schluchten der Tolminka und entdeckte dort eine tiefe Höhle: den Ort seiner in mehreren Kreisen aufgebauten Hölle.

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ür Menschen mit Hang zur Klaustrophobie misst die Vorhölle knappe zehn Kilometer: Wegen Bauarbeiten schieben sich die Autos aus dem Kärntner Nebel im Schneckentempo in den Schlund des Karawankentunnels. Lkws nehmen mit der Sicht auf den Verlauf der Straße auch den Hoffnungsschimmer, das Ende der Röhre irgendwann wenigstens erahnen zu können. So brennt sich der Blick in die blaue Ladetür des Vordermanns, und bei jedem passierten Fluchtweg-Schild machen sich vor der inneren Windschutzscheibe Bilder von Massenunfällen und Feuersbrünsten breit. Plötzlich Licht. Sonne. Jenseits der Autobahn funkelt die Silhouette des Triglav wie eine himmlische Verheißung. „Am Triglav verbinden sich, schon der Sage nach, Hölle und Paradies“, klärt Janez Faijfar auf. „Ein Gott mit drei Häuptern – manche sagen, die höchste slawische Gottheit, der Kriegsgott Triglav – soll auf dem Gipfel seinen Thron gehabt haben und mit einem Kopf den Himmel, mit dem zweiten die Erde und mit dem dritten die Unterwelt beherrscht haben.“ Fajfar, der Bürgermeister des östlich des Triglav gelegenen Luftkurorts Bled, sitzt vor dem Kachelofen der Kneipe „Gostilna Pri Planincu“, die fast so alt ist wie der Tourismus in der Gegend, und kommt ins Erzählen. Sagen gehören zu den vielen Passionen des studierten Volkskundlers, dem ein paar kritische Bemerkungen über den Kommunismus im sozialistischen Jugoslawien die Universitätskarriere verhagelten. Fajfar wechselte daraufhin in die Hotelbranche und leitete zwanzig Jahre lang die „Villa Bled“, vormals Residenz des jugoslawischen Staatschefs Josip Broz Tito, seit Mitte der Achtzigerjahre ein Luxushotel. Als vor acht Jahren der Besitzer wechselte, warf Fajfar hin und kandidierte für das Bürgermeisteramt. Geblieben ist ihm seit Studententagen das leidenschaftliche Interesse für alles, was den Geist und die wechselvolle Geschichte seines Volkes ausmacht. „Wir haben noch eine zweite Legende: die Geschichte ALPS . 02 2012 2011

vom ,Zlatorog‘, dem weißen Gämsbock mit den goldenen Krucken, der mit wundertätigen ,weißen Frauen‘ im ,Tal der sieben Seen‘ direkt unter dem Triglav lebte. Ein Jäger wollte den Zlatorog töten, weil ein venezianischer Händler um sein Mädchen warb. Er hoffte, mit den goldenen Hörnern des Zlatorog den Zugang zu dessen sagenhaftem Schatz und damit zum Herz der Geliebten zu erringen. Er traf den Zlatorog tödlich – aber wo dessen Blut auf den Boden tropfte, wuchs eine Blume, die Triglav-Rose. Das mit dem Tode ringende Tier fraß die Blüte und genas. Der Zlatorog blendete den Jäger mit dem Glanz seiner Krucken, sodass dieser in eine Schlucht stürzte, und riss mit seinen Hörnern die üppigen Weiden auf, bis nur noch zerklüftete Felsen übrig waren. Dann verschwand er für immer und die ,weißen Frauen‘ mit ihm. Nur manchmal, wenn sich der Nebel über dem Bleder See lichtet und kleine weiße Wölkchen über dem Wasser schweben, dann sagen wir: Die ,weißen Frauen‘ sind zurückgekehrt.“ Weil seine Zuhörer, die am Nachmittag die geisterhaften Nebelstimmungen am Bleder See beobachten konnten, ziemlich still geworden sind, lacht Janez Fajfar herzlich. Seine braunen Augen blitzen voller Schalk hinter der Brille hervor, der graue Spitzbart zittert ein bisschen.

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ie berühmteste Legende Sloweniens passt, wie viele Sagen im Alpenraum, perfekt in die Gegend, aus der sie stammt: Sowohl zur paradiesischen Schönheit der weitläufigen, sonnendurchfluteten Täler, der glitzernden Seen, der hell türkis leuchtenden, westlich des Triglav entspringenden Soˇ ca, als auch zu den finsteren Klammen, den dichten Wäldern und gewaltigen Wasserfällen, die hier schon mal fünfzig oder siebzig Meter in die Tiefe rauschen. Die suggestive Kraft dieser Landschaft hat viele Dichter inspiriert. Der berühmteste: Dante Alighieri, der während seiner Exiljahre Anfang des 14. Jahrhunderts die im Süden des heutigen Triglav-Nationalparks gelegene Schlucht der Tolminka besucht haben soll. Dort fand er für seine „Göttliche Komödie“ mannigfaltige Inspiration: ein tiefes, lichtloses


FAMILIENCLAN

Über das bodenständige Handwerk der Ledergerberei hat sich die zweite Generation der Frauenschuhs weit hinausgewagt – mit rasanten Schnitten und einem Hauch von Luxus erobert das Kitzbüheler FamilienTEXT unternehmen den internationalen Charlotte Markt für mondäne Sportmode Seeling ANREISSER Benton BU osside ten culparion uta eos nestem quiasit dus, soluptaquo perroum siti untera Equo invel eatint. Benton BU osside ten culparion uta eos nestem (LINKS).

DER TRADITION ENTHOBEN


VOLLZÄHLIG Auf der Terrasse des Hauses von Kaspar Frauenschuh (4. von rechts) versammeln sich (von links nach rechts): seine Schwester Resi und ihr Mann Peter, Kaspars ältester Sohn Jakob, seine Frau Andrea, rechts neben Kaspar der Sohn Simon und die Tochter Lauren, im Vordergrund Tochter Marie und rechts außen Resis Tochter Elisabeth.


FAMILIENCLAN

TEXT Max Scharnigg FOTOS Maria Dorner

STILVOLL Das FrauenschuhLogo (u.) hängt als Illustration an der Tür des Modeladens, der ebenso wie der Firmensitz gerade renoviert wurde. Resi (rechte Seite) assistiert ihrem Bruder „Kaschpar“ von Anfang an dabei, die passende Ware von internationalen Top-Designern nach Kitzbühel zu bringen.

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uchino Visconti ist schuld. Der exzentrische Regisseur war in den 60er-Jahren nicht nur Teil jenes Jetsets, der Kitzbühel seinen Weltruf als Wintersportort bescherte. Der Mailänder war damals auch Kunde in der Ledermanufaktur Frauenschuh, wo man die besten Wintermäntel bekam. Er wollte aber nicht den Standard-Lammfellmantel der Frauenschuhs kaufen, der nun mal eines der wenigen Teile war, die beim Dorfgerber im Laden hingen – die Frauenschuhs waren fleißige Handwerker, die zwar auf die Qualität ihrer Produkte achteten, aber nicht unbedingt auf zeitgemäßen Chic. Visconti jedoch wollte einen Mantel gemacht bekommen, wie man ihn in Kitzbühel noch nie gesehen hatte. Er bekam ihn schließlich, auch wenn die Einheimischen darüber feixten. Daran erinnert sich Kaspar Frauenschuh fünfzig Jahre später noch gut, denn dieser Begebenheit verdankte er als Bub zum ersten Mal eine Ahnung von Stilbewusstsein sowie die wichtige Erfahrung, dass die Tradition durchaus mal über den Haufen geworfen werden darf. Während er davon erzählt, steht der heutige Patron der Firma Frauenschuh, den seine Mitarbeiter lustig „Kaschpar!“ rufen, vor der aktuellen Kollektion im neuen Firmensitz an der Josef-Pirchl-Straße. Immer wieder holt er mitten im Satz und impulsiv einzelne Teile vom Kleiderständer und breitet sie hingebungsvoll auf einem riesigen Tisch aus, der ganz mit Hirschleder-Segmenten bezogen ist. Das raumgreifende Möbel verkörpert viele wichtige Grundsätze der Firma Frauenschuh: die Exklusivität einer Manufakturarbeit, das „Made in Austria“, die Schönheit des naturbelassenen Leders und eben jenen Hauch Luxus, der auch jedem Stück anzusehen ist, das Kaspar Frauenschuh gerade vorzeigt. Die Materialien für die neuen Skijacken und Pullover, Mäntel und Hosen bestimmen den Charakter der Frauenschuh-Kollektion. Walkfilz, Hirschleder und das hochfunktionelle Schoeller-Stretch aus der Schweiz finden etwa auf einer einzigen Hose Verwendung, kunstvoll kombiniert, manches in aufwendiger Handarbeit vernäht – damit ist man auf der Skipiste auf jeden Fall dem NylonEinerlei enthoben. Dazu kommen ALPS . 02 2012

interessante Nahtführungen und Schnitte, mit denen Frauenschuh eindeutig gegen die übliche legere Sportswear anschneidert – seine Models zeigen damit derart elegante Linien und scharfkantige Silhouetten, dass sie den Figuren auf Bildern von Alfons Walde ähneln, dem großen Kitzbüheler Schneemaler. Ausschnitte von WaldeGemälden schmücken folgerichtig auch Wände hier und drüben im Geschäft. „Eigentlich wurde der Anorak ja hier erfunden“, sagt Kaspar Frauenschuh mit Blick auf die alten Wintersportler und sortiert die Jacken wieder ein. „Es gibt eine große Sportmode-Tradition in Kitzbühel, viele der Marken kennt man heute aber gar nicht mehr.“ Dass der Gerbersohn einmal an diese Entwicklung der Sportmode anknüpfen und seine markanten Entwürfe in über hundert Geschäften weltweit zu kaufen sein würden, darauf deutete zunächst nichts hin. Denn die Visconti-Episode und die mondäne Welt, die sich regelmäßig vor seiner Haustür traf, veranlassten den jungen Kaspar Frauenschuh 1974 zunächst dazu, zusätzlich zur Gerberei ein Modegeschäft zu eröffnen. Er begann zu reisen und als Einkäufer in New York und Italien bei den besten Schneidern vorstellig zu werden. Das Wissen um herausragende Qualität, das er in der Gerberei anerzogen bekommen hatte, und die Lust auf neue Mode waren dabei seine besten Ratgeber – und sind es bis heute. Armani und Co. brachte er als Erster nach Kitz, und der Laden avancierte unter seinem Einfluss zu einer der Top-Adressen für die illustre Kundschaft.

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ieses Geschäft und die Kundschaft gibt es bis heute, jeder im Ort, egal ob Einheimischer oder einer der vielen Zweitwohnsitzler, kann den Weg „zum Frauenschuh“ weisen. Bevor Kaspar Frauenschuh an diesem Winternachmittag, an dem die bleigrauen Wolken nicht weit über der Kelchalm stehen, das Geschäft präsentiert, bleibt er vor dem Schaufenster stehen und streicht über den Rahmen – der Anblick ist noch ungewohnt. Fassade und Räume wurden erst vor Kurzem


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Die Ü D schöner Werkstoffe kommt bei Frauenschuh innen und außen zur WIRKUNG – da vertraut Schwester Resi ganz auf Bruder Kaspar


FAMILIENCLAN

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Wie sich das Traditionsmaterial E E zeitgemäß verarbeiten lässt, zeigen Kaspar Frauenschuh und Frau Andrea mit ihrer Kleidung

BLICK AUFS KAISERGEBIRGE Andrea und Kaspar Frauenschuh in hauseigener Mode im Garten ihres Hauses. Rechte Seite von l. o. im Uhrzeigersinn: Schwester Resi mit Mann Peter und Tochter Elisabeth vor ihrem Haus; Blick auf einen Bauernhof von Kaspars Garten aus; Detail eines Fensters an Resis und Peters Haus; Kaspars Tochter Marie mit Katze in der Küche.


FAMILIENCLAN

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GASTLICHKEIT

SCHWEIN GEHABT!

Das Los des Schweins ist die Lust des Genießers. Und die ist groß angesichts der Delikatessen, die in Südtirol, San Daniele und Sauris auf ganz verschiedene Weise aus deren Keulen gefertigt werden

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NUR GLÜCKLICHE TIERE liefern perfekten Speck. Auf dem Niedermair-Hof oberhalb von Kastelbell dürfen sie sogar mit den Hühnern spielen.

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AUS DER RÄUCHERKAMMER ZUM KNÖDEL Der handgemachte Speck von Paul Stabinger vom Kinigerhof bei Sexten ist ein Magnet für die Gäste seines Hofschanks.

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GASTLICHKEIT

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o stellt man sich das Paradies für Schweine vor: Bei Sonnenschein laufen sie draußen mit den Hühnern um die Wette. Bei schlechtem Wetter kuscheln sie mit den Artgenossen im geräumigen Stall. Sie feiern den ersten Geburtstag. Und selbst das jähe Ende findet gnädig beim örtlichen Metzger statt und führt direkt in den „Bauernhimmel“, wie in Südtirol früher die Speckkammern genannt wurden. Reichlich bestückt waren diese nie. „Im Gebirge können Sie im großen Stil keine Schweine mästen“, sagt Paul Stabinger vom Kiniger Hof in Sexten. „Die Böden sind karg, da wächst kein Getreide, das Sie verfüttern könnten.“ Deshalb nahmen die meisten Bauern im Sommer ein, zwei Schweine mit auf die Alm, gaben ihnen Küchenabfälle und die Molke, die beim Käsen zurückblieb. Im Winter wurden die Tiere geschlachtet, ein Teil des Fleisches gegessen, das meiste aber als Speck oder Wurst haltbar gemacht – mit Methoden, die sich innerhalb kurzer Entfernungen frappierend unterscheiden: Zwischen Pustertaler Speck, Schinken aus dem friulischen Gourmetmekka San Daniele und Schinken und Speck aus Sauris, einer deutschen Sprachinsel oberhalb des Quellgebiets des Tagliamento, besteht ein himmelweiter Unterschied. Dabei beläuft sich die größte Entfernung zwischen diesen Orten auf gerade mal 120 Kilometer. Gemeinsam ist allen, dass der Herstellungsprozess dem Lauf der Jahreszeiten folgt: Zuerst wird das Fleisch eingesalzen und ruht dann mehrere Monate kühl, bevor es bei milden Temperaturen trocknet. Paul Stabinger, der gerade einen neuen Stall für 16 Schweine gebaut hat, um stets

TEXT Claudia Teibler FOTOS Frieder Blickle ausreichend Speck und Kaminwurzen für seinen Hofschank zu haben, lernte die hohe Kunst des Räucherns und Reifenlassens von einem alten Mann, der früher von Hof zu Hof zog und den Bauern beim Wursten und Speckmachen half. Er verriet Stabinger, dass alles Fleisch, das zu Speck verarbeitet werden soll – neben den Keulen zum Beispiel auch Nacken und Karree – am besten mit einer Mischung aus Salz, Pfeffer, Piment, Knoblauch und Lorbeer eingerieben wird. Oder dass sich für das Räucherfeuer Buchenholz besonders gut eignet, weil es nur wenig Harze enthält, die bei Hitze unerwünschte Aromen freisetzen könnten, dass aber etwas Kranebitt (Wacholder) im Feuer den Fleischgeschmack des Specks wunderbar abrundet. Nach dem Räuchern reift und trocknet das Fleisch noch mindestens acht Monate, bevor es auf dem Speckbrett oder in der Knödelsuppe landet. Einen aromatischeren Speck als den bei den Bauern in kompletter Handarbeit hergestellten gibt es nicht. Allerdings kommen in diesen Genuss vor allem die Gäste der Hofschanken. Nur wenige Südtiroler Bauern, etwa Ernst Kaserer vom NiedermairHof bei Kastelbell, verkaufen solche fleischlichen Kostbarkeiten ab Hof. „Bauernspeck“ ist trotzdem in ein paar Südtiroler Metzgereien zu finden – so heißt auch eine Qualitätsmarke des Speckkonsortiums: Das Fleisch dafür stammt ausschließlich von Südtiroler Schweinen. „Wäre das bei jedem Stück Speck der Fall, das hier hergestellt wird, dann müsste Südtirol vom Brenner bis nach Bologna reichen“, lacht Joseph Steiner über die, zugegeben, reichlich naive Frage. Steiner gehört eine von nur vier Metzgereien, die „Bauernspeck“ im Programm haben. Daneben

produziert der Chef eines Familienbetriebs mit zwei Filialen im Antholzer Tal auch „Hausspeck“ mit Keulen aus Deutschland und Holland. Für den „Bauernspeck“ dagegen kommen die ganzen Schweine ins Haus, „die wir auch komplett verwerten“, erklärt der Speckexperte Werner Beikircher, der vom Branchengiganten Senfter zu Steiner wechselte, weil ihn die handwerklichere und traditionsgebundenere Vorgehensweise des kleinen Betriebs reizte. „Wie bei den Bauern machen wir auch aus Nacken oder Karree

GEWÜRZE UND RAUCH sind das Geheimnis des „Bauernspecks“ aus der Metzgerei von Josef Steiner in Rasen-Antholz. Er wird ausschließlich von Schweinen gemacht, die aus der Region kommen – sie allein könnten aber die immense Nachfrage nach Südtiroler Speck niemals decken.

SPECKKNÖDELSUPPE Für ca. 35 Knödel: ½ kg Knödelbrot, 175 g Speck (Speck und Bauchspeck gemischt), 75 g Kaminwurze, 100 g Schnittlauch, 80 g Mehl, 12 Eier, 400 ml Milch Speck und Kaminwurze fein würfeln, den Schnittlauch in Röllchen schneiden. Alles mit Mehl vermengen. Eier mit Milch verquirlen, über die Brotmasse gießen und gut durchkneten. Den Teig etwa eine halbe Stunde ziehen lassen, anschließend zu runden Knödeln formen, im kochendes Salzwasser einlegen, die Hitze herunterschalten und die Knödel etwa fünf Minuten ziehen lassen. Anschließend mit heißer Fleischbrühe übergießen und servieren.

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GASTLICHKEIT

DIE SINNLICHKEIT DES SCHINKENS wird in der kleinen Manufaktur von Dante Bagatto in San Daniele auf Schritt und Tritt erfahrbar. Mitarbeiterin Fernanda Molinaro (o.) massiert eine Schweineschmalz-Paste auf die Teile der Keulen, an denen das Fleisch bloß liegt, damit während des Reifens keine Keime eindringen können. Der Hausherr selbst nimmt bei sämtlichen Schinken die „puntatura“ vor, eine Geruchskontrolle, die mit einem Pferdeknochen durchgeführt wird (r.). Neben dem Stempel hat ein echter San Daniele immer noch ein weiteres Erkennungszeichen: Die Schinkenkeule kommt stets komplett mit Schweinefuß.

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KUNST

3, 2,1... meins Alpenländisches hat Hochkonjunktur – auch auf Auktionen. Wir verraten, welche Werke bereits Spitzenpreise erzielt haben und welche jetzt zum Aufruf kommen und das Mitbieten lohnen

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GIPFELSTÜRMER Die Arbeiten des Kitzbüheler Schneemalers Alfons Walde erreichen Spitzenpreise: „Der Aufstieg“ erzielte im Mai 2011 im Wiener Dorotheum 582.300 Euro. Linke Seite: Als aufstrebender Künstler erweist sich Richard Klingshirn. Sein fotorealistisch gemalter „Almhirte“ wird im Auktionshaus Quittenbaum auf 2.400 Euro geschätzt.


KUNST

LORENZO QUAGLIOS Kunst, die schon Kรถnig Max I. Joseph


von Bayern liebte, ist bei vielen Sammlern wieder BEGEHRT

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iefschnee und strahlend blauer Himmel, das sind die Sujets, mit denen der Maler Alfons Walde weltbekannt wurde. Die mondäne und gleichzeitig dörflich-traditionelle Welt seines Heimatortes Kitzbühel brachte der 1958 gestorbene Tiroler so plakativ auf die Leinwand, dass er das Bild Tirols als verschneites Bergland prägte. Die Gemälde des Künstlers sind gefragt. 2011 erzielte das Skifahrer-Motiv „Aufstieg“ Waldes bisherigen Preisrekord mit 582.300 Euro. Versteigert wurde das begehrte Bild beim traditionsreichen Wiener Auktionshaus Dorotheum. Rund sechshundert Auktionen finden jährlich in dem 1707 gegründeten Unternehmen statt. Seit knapp zwanzig Jahren hat sich am Wiener Markt ein weiteres Auktionshaus etabliert, das sich seit seinem Umzug in das

fürstliche Palais Kinsky auf der Freyung „Im Kinsky“ nennt. Das Haus hält einen Großteil der Auktionsrekorde der 100 wichtigsten österreichischen Künstler. Von Max Weiler, der Österreich 1960 auf der Biennale in Venedig vertrat, kommt dort in der nächsten Auktion am 6. März das abstrakte Bild „Morgenfrühe“ zum Aufruf (Schätzpreis 70.000 Euro). Weilers Werke sind bekannt für ihre tiefe Verbindung von Naturerfahrung und Spiritualität. In München ist das Auktionshaus Neumeister, mitten im Kunstareal und geführt von Katrin Stoll, immer eine gute Adresse für qualitätvolle Malerei des 19. Jahrhunderts. Lorenzo Quaglios „Wirtshausszene“ aus dem Jahr 1825 spielte dort in der letzten Auktionssaison 37.500 Euro ein. Das Bild, ein typisches Werk des Münchner Genremalers, zeigt Lenggrieser Bauern vor einem idyllischen Bauernhaus im

oberbayerischen Fischbachau. Schon König Max I. Joseph von Bayern war von Quaglios liebevollen und detailreichen Schilderungen so begeistert, dass er dem Künstler eine Staatspension verlieh.

TEXT Ute Strimmer

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leich um die Ecke hat sich das Auktionshaus Quittenbaum auf das 20. Jahrhundert spezialisiert. Für Einsteiger lockte hier am 14. Februar Richard Klingshirns fotorealistisch gemaltes Bild eines modernen Almhirten ALT UND NEU (Schätzpreis 2400 Euro), der Altmeisterliches wie eine Gaskartusche in seiner Kraxe auf den Gipfel trägt. die Muttergottes (o.) Der Münchner Künstler ist vor und „Bauern vor dem Wirtshaus“ (linke allem bei jungen Sammlern Seite) sind ebenso und Kreativen begehrt, sagt gefragt wie die FotoQuittenbaum-Experte Arthur kunst der jungen Floss: „Klingshirn ist ein süd- Berlinerin Silke Lauffs deutscher Lokalmatador mit (Panorama g. o., Wurzeln in München und im Sammlung Dr. Fünfseenland. Seine von der Günther Engler). 02 2012 . ALPS

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