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Hermès, zeitgenÜssisches Kunsthandwerk seit 1837.

Informationen unter: Tel. 089/55 21 53-0 Hermes.com


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Echt und ehrlich

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Hier spielt die Musik (S. 42) Im Reich des Dionysos (S. 54) Foto: MARIA DORNER

DER BERG RUFT

Eine Frau zum Adlerstehlen

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Im Reich des Dionysos

MYTHOS

IM REICH DES DIONYSOS Auf dem verwunsche-

Wald erleben, von Sturm zu Sturm wandern, dem Nachtwächter durchs abendliche München folgen, Südkärntner Museen entdecken, im Karst klettern … Nie sind die Alpen so vielseitig wie im Herbst

nen Ansitz Dolomytos hoch über Bozen lebte ein verschrobener Professor sein Ideal: Er suchte nach dem Geheimnis des absoluten Weins

GASTLICHKEIT

ECHT UND EHRLICH Warum nur läuft allen bei Südtiroler Spezialitäten das Wasser im Mund zusammen? Auf vier Bauernhöfen zwischen Ultenund Antholzer Tal ist die Antwort schnell gefunden

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PORTFOLIO

VERTRAUTER DSCHUNGEL Selten kam uns die Natur im Bild so nah. Der Fotograf Mat Hennek zeigt den Betrachtern die Baumwelten seiner Umgebung und führt uns zu neuen Einsichten über bekannte Alpenpässe

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VOIXMUSIK

HIER SPIELT DIE MUSIK Die „junge Volksmusik“ versammelt eine quicklebendige Szene mit einer verblüffenden Vielfalt an Stilen

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10 GRÜNDE, IN DIE BERGE ZU GEHEN

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Voixmusik

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KREUCHEN UND FLEUCHEN

EHETIPPS VOM BIBER Vom immer wieder verfolgten Biber können Umweltschützer und Landschaftsarchitekten einiges lernen – vor allem aber Paare, die lebenslang miteinander glücklich sein wollen

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VIEL GLÜCK

BERGE VON GESCHENKEN ALPS feiert Jubiläum, unsere Leser feiern mit. Den ersten Geburtstag begehen wir mit einem Gewinnspiel, bei dem mehr als 100 wertvolle Geschenke verlost werden

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ZEITGESCHICHTEN

EINE FRAU ZUM ADLERSTEHLEN Hohe Berge, Schicksal, Liebesschmerz: „Die Geierwally“ ist der Inbegriff der alpenländischen Heimatschnulze. Dabei hat die Romanfigur aus dem 19. Jahrhundert ein reales Vorbild, das sich ein für damalige Verhältnisse ungewöhnlich emanzipiertes Leben erlaubte


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Vertrauter Dschungel

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Web-Designer

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Gletscherdämmerung

UNTERWEGS

GLETSCHERDÄMMERUNG Bei seiner Alpenquerung von Chamonix nach Bozen machte sich unser Autor auf die Suche nach den Resten dessen, was früher einmal „Ewiges Eis“ hieß

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VISION

SCHAFFT ENDLICH DIE GRENZEN AB! Mehr Verständnis für die speziellen Anliegen der Alpenregion wünscht sich Marcella Morandini von den nationalen Regierungen. Sie arbeitet für das Ständige Sekretariat der Alpenkonvention

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WOHNEN

WEB-DESIGNER Ob Wollstoff oder HightechFaser: Wer wissen will, wie und wo außergewöhnliche Interior-Stoffe entstehen, muss dorthin blicken, wo sie kreiert werden – in engagierten Familien alpiner Textilmanufakturen

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Hauptsache Charakter

ARCHITEKTUR

HAUPTSACHE CHARAKTER Bei der Renovierung ihres Bauernhof-Ensembles im Zillertal wagten die Besitzer einen Mix aus traditionellem Handwerk und ausdrucksstarker Moderne

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REGION ALLGÄU Filmemacher und Autor Leo Hiemer hegt für seine Heimat gemischte Gefühle – das Allgäu ist ihm Sehnsuchtsort und Abschreckung zugleich. Wer also wäre besser geeignet, über die „undefinierte Gegend“ zwischen Schwaben, Baden Württemberg und Österreich zu reden?

STANDARDS S. 04 S. 07 S. 08 S. 09

Inhalt Editorial Mitarbeiter Impressum

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KULTUR Der Andreas-Hofer-Mythos auf DVD, Schicksale des Klimawandels in Fotoporträts, Garmisch-Partenkirchen im Krimi, Dichterhäuser als Alpenrefugien, Filme, Musik, Ausstellungen und wichtige Termine im Herbst

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NOTIZBUCH Reise- und Hotelinformationen, Wegbeschreibungen, Rezepte, Ausrüstungsempfehlungen

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STRASSENRANDPERLEN Entlang der Alpen-Magistralen gibt es Sehenswürdigkeiten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl kaum einer je dort angehalten hat. ALPS macht Stopp

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Ehetipps vom Biber

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EDITORIAL

Spuren, die der Wind verwehen kann

Foto: Florian Seidel

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eder Mensch hinterlässt Spuren. Und sei es nur in der Erinnerung Weniger oder – besser noch – im Herzen eines einzigen Menschen. Jene jedoch, die sich unbedingt in die Geschichtsbücher einschreiben wollen, hinterlassen neben einem großen Namen meist auch blutige Spuren und Verwüstungen. Besser also, man fragt sich beizeiten, welche Spuren sinnvoll sind. Im Moment ist die Menschheit dabei, kollektiv und namenlos verbrannte Erde zu hinterlassen. Unser „ökologischer Fußabdruck“ ist so groß geworden, dass darunter vielleicht kein Gras mehr wächst. Was der viel zitierte Klimawandel anrichtet, wird bei einer Alpenwanderung augenfällig, an deren Ende das Fazit steht: Gletscher verzweifelt gesucht (Seite 82). Manche halten die Warnrufe für übertrieben: Erderwärmung und Gletscherschmelze habe es immer wieder gegeben, und auch diesmal würden die Auswirkungen nicht so verheerend sein, wie Umweltschützer vorhersagen. Selbst wenn die Optimisten recht hätten – schaden kann es auf keinen Fall, wenn wir uns einschränken, um die Ressourcen zu schonen. Je flacher unser Fußabdruck, umso besser für unsere Nachkommen. In den Sand geschrieben, statt in Stein gemeißelt, so sollten Denkmäler heute sein. Oder so wohlschmeckend wie der Wein des Professor Zierock, der hoch über Bozen nach den Regeln der antiken Griechen seine Reben pflegte (Seite 54). Seine Produkte und seine Geheimnisse verbarg der Wein-Alchimist auf einem verwunschenen Ansitz; zwei Jahre nach seinem Tod wird der Schatz jetzt gehoben – und wenn einst die letzte Flasche des perfekten Dolomytos-Weins geleert wird, bleibt die Bewunderung für seinen Schöpfer. Starker Abgang. Einen starken Auftritt legte ALPS im ersten Jahr hin: Wir konnten den Ostschweizer Medienpreis und auch sonst sehr viel Lob einheimsen. Zum Geburtstag preisen wir unsere Leser: Mehr als 100 Sachgewinne verlosen wir in diesem ersten Jubiläumsheft (S. 70) – spielen Sie mit und bleiben Sie mit uns auf Erfolgskurs.

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MITARBEITER DIESER AUSGABE Sandra Gottwald / Autorin ■ Web-Designer, S. 94

Dank einer Fahrt über die Alpen fand Sandra Gottwald ihr großes Glück. Eigentlich wollte sie in Südtirol nur ihr Traumauto, einen Alfa Romeo GT 1300, abholen, aber dann verliebte sie sich in den Vorbesitzer des Wagens, mit dem sie mittlerweile nicht nur verheiratet ist, sondern auch die Designgalerie Edith führt – zunächst in Köln, wo Sandra das Ressort Guide des Wirtschaftsmagazins Capital leitete, und seit einigen Monaten in München, wo sie einst bei Vogue ihre Karriere als Wohnredakteurin begann. Für ALPS porträtierte sie die kreativen Familien, die hinter großen alpinen Textilmanufakturen stehen.

Silvia Petersen / CvD

All die unangenehmen Themen, mit denen Kreative sich nicht so gern herumschlagen – Termine und Finanzen –, betreut ab dieser Ausgabe Silvia Petersen bei ALPS. Das Rüstzeug dafür hat sie sich als Managing Editor bei AD und als geschäftsführende Redakteurin bei Emotion geholt. Privat ist die studier te Dolmetscherin und Übersetzerin eher den schönen Dingen zugetan; die Traditionalistin mit Hang zur Melancholie strickt wahnsinnig gern und sieht sich bei dieser Tätigkeit eher als Künstlerin denn als Handwerkerin. Beim Mountainbiken dagegen radelt sie sehr sportlich durch die geliebte Natur.

Frieder Blickle / Fotograf ■ Echt und ehrlich, S. 18

Der in Hamburg lebende Fotograf liebt es, wenn es hoch hinauf geht – seien es Wolkenkratzer oder Berge. Davon zeugen seine Bücher „Mein New York, von Paul Auster“ und „Meine Südtiroler Küche“. Da er es doppelt gut findet, wenn es auf der Höhe auch noch interessant schmeckt, hat er jetzt einen Band über die Küche Südtiroler Bäuerinnen fotografiert, der im Folio Verlag erscheint. „Wenn jemand nah an den Produkten ist, sind es die Bäuerinnen“, sagt er. Da hat er sich gern überraschen lassen und einfach nur „Mäuschen gespielt“: „Meine Arbeit war genussvolles fotografisches Topfgucken ...“

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Quirin Leppert / Fotograf ■ Hauptsache Charakter, S. 102

Der gebürtige Münchner war in seiner Jugend oft zum Skifahren unterwegs, aber erst als er nach einer Karriere fern aller Berge (in London und Hamburg) vor 15 Jahren in seine Heimatstadt zurückkehrte, entdeckte er den Reiz der Alpen. Am liebsten ist er dort mit dem Rennrad unterwegs – immer aber hat er eine Kamera dabei, da ihn jegliche Form von Bauwerk interessiert, das auf die Besonderheiten der Bergwelt Bezug nimmt. So wurde er zum Spezialisten für alpine Architektur. Privat lebt er seit sieben Jahren mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen am Starnberger See.

Gero Günther / Autor ■ Wen das Allgäu umtreibt, S. 112

Als Kind verbrachte der Journalist viele Monate im Ostallgäu, und wenn er heute einen Moorbach sieht, der in Schlangenlinien durch die Allgäuer Gegend gurgelt, dann ist das für ihn das schönste Landschaftsbild der Welt. Mit seinem Interviewpartner, dem Allgäuer Filmemacher Leo Hiemer, war er nach fünf Minuten per Du – und einen Emmentaler haben die Beiden auch gleich gemeinsam verzehrt. Natürlich waren sie sich auch einig darin, dass das Allgäu eine Fundgrube an interessanten Geschichten ist, da geht der Stoff für Filme und Bücher nie aus.


Herausgeberin und Chefredakteurin: CHARLOTTE SEELING Artdirector: ALEXANDER ACZÉL

Text: Grafik: Bildredaktion: Mitarbeiter dieser Ausgabe:

CvD: Schlussredaktion: Herstellung: Anzeigen:

Marketing und Kooperationen:

BARBARA HARTL, DR. CLAUDIA TEIBLER ANTJE BLEES HEIKE BERGER ANDREAS ACHMANN, FLORIAN BACHMEIER, SABINE BERTHOLD, FRIEDER BLICKLE, MARIA DORNER, GERHARD FITZTHUM, ALEXANDRA GONZÁLEZ, SANDRA GOTTWALD, GERO GÜNTHER, RUTH HÄNDLER, MONIKA HELD, MAT HENNEK, ALEXANDER HOSCH, QUIRIN LEPPERT, ISOLDE VON MERSI, EVA MESCHEDE, CHRISTIAN RAUCH, CLAUDIA TEIBLER, JENNIFER VAHLBRUCH SILVIA PETERSEN ANTJE BLEES WOLFGANG GOLLING STEPHANIE FÖRSTER (Leitung), KATHRIN BUST, SABINE JOCHUMS Tel. +49/89/24 20 75-03 SASSAN VARASTEH

Vertriebsmarketing: JOSEF ZACH Geschäftsführende Gesellschafterin:

ANDREA LINDNER-VARASTEH

Verlag:

ALPS erscheint zweimonatlich in der APART Verlag GmbH Hildegardstraße 9, 80539 München Tel. +49/89/24 20 75-05 Fax +49/89/24 20 75-04 E-Mail: contact@apart-verlag.com www.apart-verlag.com

Litho und Bildbearbeitung:

Frank Kreyssig, Heartwork Studios Limesstr. 101, 81243 München

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Zurzeit gilt die Anzeigenliste 3 vom 1.10.2011. Alle Rechte vorbehalten. Die Zeitschrift und alle darin enthaltenen Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich geschützt. Mit Ausnahme der gesetzlich zugelassenen Fälle ist eine Verwertung ohne Einwilligung des Verlages strafbar. Für unverlangt eingesandtes Text- und Bildmaterial wird keine Haftung übernommen. ISSN-Nr. 2191-043X


DER BERG RUFT

10 Gründe, jetzt in die Berge zu gehen Wald erleben, von Sturm zu Sturm wandern, im Afro-Dirndl dem Nachtwächter durchs abendliche München folgen, Südkärntner Museen entdecken, im Karst klettern … Nie sind die Alpen so vielseitig wie im Herbst

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1 Um auf Holz zu klopfen Häuser – wäre die Kulturlandschaft im Alpenraum nicht denkbar. Einen eindrucksvollen Überblick über verantwortungsbewusste Waldarbeit und die Abläufe in einem historischen Sägewerk bietet die Mühlauersäge in Fusch an der Großglockner Straße (www.muehlauersaege.at, Tel. +43/65 46/217). Ein typisches Waldprodukt allerdings lässt sich nicht per Säge herstellen: Latschenkiefernöl. Wie der nachwachsende „Rohstoff“ in den Steilhängen der Lienzer Dolomiten geschlagen, gehäckselt, erhitzt und zu duftendem Öl destilliert wird, lässt sich im „Vitalpinum“ (links oben) gleich neben dem Sitz der Firma Unterweger, der ersten Latschenölbrennerei Tirols in Assling, hautnah miterleben (www.vitalpinum.at, Tel. +43/48 55/810 09). Fotos: Stan Shebs (1), logosol (1)

Die Natur sorgt mit der Laubfärbung schon von sich aus für einen fulminanten Ausklang des „Jahrs der Wälder“ (Veranstaltungstipps von der Naturführung bis zum Holzhandwerkskurs unter www.wald2011.de, www.wald2011.ch und www.jahrdeswaldes.at). Doch auch sonst gibt es viele ungewöhnliche Perspektiven, um gerade im Herbst mitzuerleben, was im und mit dem Wald passiert. Eine der spektakulärsten: der „Glemmtaler Baumzipfelweg“ (links) in Saalbach. Auf schwindelerregenden 42 Metern Höhe führt der einen Kilometer lange Steig durch die Tannenwipfel, die sich immer wieder zu eindrucksvollen Ausblicken auf die Pinzgauer Gipfel öffnen (www.baumzipfelweg.at). Ohne die Bergwälder, die schonende, sorgsame Waldwirtschaft und die vielfältige Verarbeitung der gefällten Bäume – zuvorderst zu Bauholz für die regionaltypischen g yp

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DER BERG RUFT

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Wegen der Krebse

Einst waren sie eine Delikatesse der kleinen Leute, dann raffte eine Seuche die meisten ihrer Art dahin. Aus dem Bayerischen Stein- und Edelkrebs wurde eine Rarität, die während der kurzen, im September beginnenden Saison nur noch in TopRestaurants zu haben ist.

Weil Sturm-Wandern Spaß macht Wenn die Klapotetz genannten Windräder rattern, um die Vögel von den Trauben fernzuhalten, und die Nebel in den Tälern hängen, dann wissen die Steirer, was sie tun: Die Wanderstiefel schnüren, entlang der Südsteirischen Weinstraße gemütlich von Buschenschank zu Buschenschank wandern und den Sturm probieren – so heißen dort Federweiße und Federrote. Weite Strecken sind nicht zu befürchten: Die meisten Weingüter haben zu dieser Jahreszeit einen kleinen Schankbetrieb; über kaum befahrene Straßen oder Feldwege sind es gerade zwei, drei Kilometer, dann ist die nächste Weinlaube erreicht … Zu den jungen Weinen werden Räucherfleischspezialitäten und Schafskäse mit Kernöl serviert; viele Weinbauern haben sich kulinarisch gewappnet und bieten auch Rindfleisch- und Gemüsesulzerl oder Räucherforelle an. Für die Feinschmecker gibt’s Güter mit exquisiten Restaurants – beispielsweise das Mahorko (www.mahorko.at, Tel.: +43/34 54/70 90) in Glanz, wo man in einer neu gebauten Lounge meint, über den Weinbergen zu schweben. Und wer vom SturmWandern nicht genug bekommen kann, für den bieten viele Winzer Zimmer mitten im Weinberg an. Weitere Infos: www.suedsteirischewein strasse.at, Tel. +43/34 54/70 70 10.

Fotos: Steiermark Tourismus/Wolf (1), Blickwinkel (1)

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4 Fürs Gipfelglück

Auf welchen Berg als Nächstes? Wen ständig diese Frage quält, der kann zu Hause schon mal vorüberlegen: mit 80 eineinhalb Meter breiten Faltpanoramen der Münchner Hausberge, die sich auch prima an die Wand pinnen lassen (Edition Panorama, 48 Euro)

5 Um Landgasthöfe zu entdecken Der Zürcher Verleger Richi Spillmann liebt Geheimtipps – so sehr, dass er vor gut zehn Jahren anfing, Empfehlungen für Schweizer Landgasthäuser zu sammeln, selbst auszuprobieren und zu bewerten. Inzwischen ist die fünfte Auflage seines „Landbeizli Guide“ erschienen; sie umfasst nicht weniger als 1071 idyllische Gasthöfe und Weinschenken. Zu jeder Adresse gibt’s, kompakt gebündelt, die wichtigsten Informationen und besten Gerichte. In der Wirtschaft Bären Urwaldhaus (unten) in Rehetobel südlich des Bodensees empfiehlt Spillmann hausgebeizten Lachs (www.landbeizli.ch, 35 Fr).

6 Damit Körper und Geist gefordert sind Eine anspruchsvolle dreitägige Rundwanderung verbindet östlich vom Klopeiner See drei kulturelle Juwelen Südkärntens. Vom malerischen Sankt Paul im Lavanttal führt die erste, sechsstündige Etappe nach Bleiburg zum Werner-Berg-Museum mit g dem Lebenswerk des Expressionisten,, der ab 1931 im Kärntner Unterland lebtee (Werner Berg, 1904–1981, unten: „Häu-ser unterm Berg“). Im Skulpturengarten n sind Werke des Kärntner Bildhauers Oth-mar Jaindl (1910–1982) zu sehen (rechts:: „Umfassung“). Die zweite Etappe führtt zum kühnen Bau des zweitgrößten Pri-vatmuseums für zeitgenössische Kunstt Österreichs, dem Museum Liaunig in n Neuhaus mit österreichischen und inter-nationalen Werken. Schon die Architekturr allein ist einen Besuch wert: Das Museum m erstreckt sich als 160 Meter langer, unter-irdischer Betontunnel, der in einer überr einem Hügel aufragenden Terrasse mün-det. Die dritte Etappe führt zurück nach h Sankt Paul mit seiner barocken Stiftskir-che und seiner Sammlung Alter Meisterr von da Vinci bis Rubens. Informationen:: Tourismusregion Klopeiner See, Tel. +43/422 39/22 22, www.klopeinersee.at.


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7 Jeder Partymuffel sucht zur Wies’n-Zeit das Weite. Allnächtlich und überall wird lederhosenselig gebechert, gesungen und getanzt. Doch selbst in diesen tollen Tagen haben die Nächte auch ein romantisches Gesicht. Und das kennt keiner besser als Aloysius Kipferl, hochamtlicher Nachtwächter, solange es in München Stadtmauern gab – bis 1796 –, der vor fünf Jahren aus dem Paradies zurückkehrte, um noch einmal nach dem Rechten zu sehen. Im richtigen Leben heißt Kipferl Alexander Müller, ein Stadtführer, der inzwischen über fünfhundert Mal mit staunenden Gästen seine abendliche Runde drehte. Er weiß Schlupfwinkel, wo sich die leuchtende Stadt selbst beim größten Trubel noch in aller Stille genießen lässt. „Mein Lieblingsplatz ist der Zwingerhof. Man biegt zwischen Dallmayr und Manufactum von der Dienerstraße ab und landet, bevor man zum Alten Hof kommt, in dem idyllischen Geviert, wo man an den Tischen des Vinorant auch eine Kleinigkeit essen oder trinken kann.“ Für den schönsten Blick über den Viktualienmarkt und auf die Heilig-Geist-Kirche empfiehlt Müller die Rückseite des Alten Peter. Und an einem weiteren Ort, der sich nachts als Oase der Ruhe entpuppt, lässt Müller stets seine Nachtwächtertour enden: im Theatinerhof, über dem die beleuchtete Kuppel der Theatinerkirche malerisch in den tief dunkelblauen Himmel ragt. Wer die Nachtwächtertour als Ganzes miterleben möchte: Kipferl und seine Kollegen beginnen ihren Wachgang täglich um 21 Uhr an der Mariensäule. Weitere Infos: Weis(s)er Stadtvogel, www.weisserstadtvogel.de, +49/89/203 24 53 60. 14

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Foto: Su Ludwig

Wegen der Münchner Nächte


DER BERG RUFT

8 UM GANZ PERSÖNLICHEN TIPPS ZU FOLGEN Diesmal von Mauro Buffo, Küchenchef im edlen Vigilius Mountain Resort Um in die Berge zu kommen, muss er von seinem Arbeitsplatz nur ins Freie treten: Seit einem Jahr bestimmt der Kreativkoch den Kurs des Restaurants in Matteo Thuns Designjuwel auf dem Vigiljoch hoch über Lana in Südtirol. Damit tauschte der gebürtige Veronese die nimmermüde Quirligkeit New Yorks, wo er zuvor arbeitete, gegen die totale Stille. Wenn er frei hat, zieht’s ihn ins Tal. RADELN AN DER ETSCH: In der Talstation der Vigiljoch-Seilbahn wartet immer mein Fahr rad; der Etsch-Radweg ist nur wenige Kilometer entfernt. Dann heißt es: bergab brausen und staunen. Gerade die Etappe nach Trient hinunter ist unglaublich eindrucksvoll – sie führt vorbei an den vielen Schlössern rund um Bozen, zum Kalterer See und durch die wunderschöne Landschaft des Trentino. BURGEN ERKUNDEN: Ich bin in Soave aufgewachsen und habe als Kind immer geträumt, eines Tages als König auf der dortigen Scaligerburg zu leben. Seitdem liebe ich Burgen – und hier in der Gegend gibt es unzählige, die besichtigt sein wollen. Meine Favoriten: die Haselburg oberhalb von Bozen, das Castel Beseno zwischen Rovereto und Trento und die Burg von Malcesine am Gardasee. KUNST INHALIEREN: Hier in der Umgebung leben viele Künstler, die ich zur Inspiration für meine eigene Arbeit gerne in ihren Ateliers besuche. Die meisten habe ich auf Vernissagen kennengelernt, zum Beispiel im Museion in Bozen, das wegen seiner spannenden Aus-stellungen zur zeitgenössischen Kunst immer wieder einen Besuch wert ist (www.museion.it). 16

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10 Um im Karst zu klettern Wenn es in den nördlicheren Alpenregionen langsam frisch wird, ziehen die Steilwand-Fans nach Süden, in die Karstfelsen an der italienisch-slowenischen Grenze. Dort ist das Klima milder, und der Karst speichert die Wärme selbst der kurzen spätherbstlichen Sonnentage. Spektakuläre, aber sehr schwere Routen gibt es beim gleich hinter der Grenze gelegenen Örtchen Osp, in der weiteren Umgebung finden sich aber auch gemäßigtere Klettergebiete, häufig mit traumhaftem Blick auf die Adria. Bei Triest liegen einige Wände sogar unmittelbar an der Küste. Weitere Infos in dem Führer „Klettergebiete ohne Grenzen“ von Sidarta Guides, zu bestellen über www.rocksports.de.


RUBRIK ALPEN

Seit 1841

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Fotos: vario (1)

Weils bunte Trachten gibt

Die Dirndl der Schwestern Marie Darouiche und Rahmée Wetterich aus Kamerun sind Kunstwerk und Hingucker in einem: traditionelle Schnitte, doch aus knallbunten afrikanischen Stoffen – die Verbindung lag für die Designerinnen auf der Hand: „Die Natur macht uns vor, wie wir Farben kombinieren können – und Dirndl sind eine Einladung zum Leben.“ (www.nohnee.de, Tel. +49/89/88 98 12 70)

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GASTLICHKEIT

ECHT UND EHRLICH Warum nur läuft allen das Wasser im Mund zusammen zusammen, wenn sie an Südtiroler Spezialitäten denken? Auf vier Bauernhöfen zwischen Ulten- und Antholzer Tal ist die Antwort schnell gefunden

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TRADITION UND LIEBE prägen die Küche von Anna Moosmair, der Altbäuerin vom Niedersteinhof im Passeiertal. Nicht weit von dem Hof, in den sie einheiratete, ist sie aufgewachsen, und seit sie denken kann, steht sie mit Hingabe für die aufwendigen Spezialitäten ihrer Heimat in der Küche.


GASTLICHKEIT TEXT Isolde von Mersi FOTOS Frieder Blickle

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enn Anna Moosmair aus dem Küchenfenster schaut, kann sie ihren Heimatweiler Platt sehen. Er gehört ebenso zur Gemeinde St. Leonhard in Passeier wie die 900 Meter hoch gelegene Höfesiedlung Schlattach, in die sie eingeheiratet hat. Gern schaut sie hinüber zum Kindheitsort, während sie an ihrem Holzfeuerherd steht. Und da steht sie oft. Denn die Altbäuerin vom Niedersteinhof kocht mit so großer Leidenschaft, dass sie sich sogar einen Konditorbackofen zugelegt hat, um für den weihnachtlichen Bauernmarkt in St. Leonhard möglichst professionelle Bauernzelten zu machen, das traditionelle Südtiroler Weihnachtsfrüchtebrot. Anna ist fest verwurzelt in der bäuerlichen Kochtradition. Sie macht Brotkiechl, Strauben und Ochsenaugen – Raritäten, die es nur noch selten in Südtirol gibt. Das ist einer der Gründe, warum sie zu den neun Bäuerinnen gehört, die für das BildKochbuch „Schneemilch und Pressknödel“ ausgewählt wurden; es erscheint im November im Bozener Folio-Verlag. Neben ihrer Traditionsverbundenheit ist Anna Moosmair, die so wunderbar kochende Bergbäuerin aus dem Passeier Tal, aber auch experimentierfreudig: „Ich gehe in die Bergwiesen, hole Brennnesseln oder

OCHSENAUGEN (für sechs Personen) Für den Teig: 4 Eier, 1 Pckg. Backpulver, 350 g Mehl, ½ l Milch, abgeriebene Schale einer unbehandelten Zitrone, 1 EL Zucker, 1 EL Obstler, Salz. Für die Füllung: 750 g geschälte Kastanien (aus dem Supermarkt), 1,5 l Wasser, 1 Scheibe Zitrone, 2 EL Zucker, 1 Msp. Zimt, abgeriebene Schale einer Zitrone, 1 EL Walnusslikör (am besten Südtiroler Nusseler). Außerdem: Öl oder Butterschmalz zum Ausbacken. 20

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Löwenzahn – und dann fällt mir ein, das könnte ich jetzt einfach in den Erdäpfelblattlteig hineinmischen“, erzählt sie. Als Anna vor mehr als 30 Jahren anfing, drei Zimmer zu vermieten, waren die Nachbarn schwer dagegen. Aber die Gäste kamen – obwohl es damals nur einen Schotterweg zum Hof gab –, und sie blieben. „Ich habe sehr viele Stammgäste“, freut sich die Gastgeberin. Seit ihr Sohn Walther den Erbhof übernommen hat, ist vieles neu auf Niederstein, dem 1357 erstmals urkundlich erwähnten Gehöft, das seit mehr als 200 Jahren im Besitz der Familie Moosmair ist. Walther ist Biobauer und wurde zum „innovativsten Jungbauern Italiens“ gekürt, sowie in Südtirol für „die zweitschönste Blumenwiese im Land“ prämiert. Er hat hoch über dem Hof zehn Hektar Bergwiesen, auf denen bis zu 130 Bergkräuter und -blumen ungedüngt gedeihen. Dort erntet er zertifiziertes Bergwiesenheu, das er verkauft: für Heuanwendungen an führende Südtiroler Wellnesshotels, lose als Tierfutter, verpackt als Heukissen und -matten. Seine innovative Mutter hat aus dem Bergblütenheu auch eine Cremesuppe gekocht, für die es eine Zeit lang die Heumischung nebst Rezept zu kaufen gab. Das ist vorbei. Denn nach den Lebensmittelgesetzen der EU müsste Walther alle 130 Kräuter und Blüten austesten lassen,

Die Eier trennen. Backpulver und Mehl vermischen, mit Eigelb, Milch, Zitronenschale, Zucker, Obstler und Salz zu einem Teig verrühren. Eiweiß steif schlagen und vorsichtig unterheben. Für die Füllung die Kastanien mit Wasser und der Zitronenscheibe 30 Minuten kochen, anschließend pürieren. Mit Zucker, Zimt, Zitronenschale und dem Nusslikör gut verrühren. Aus der Füllung kleine Kugeln formen, mithilfe eines Löffels durch den Teig ziehen und im heißen Öl schwimmend goldgelb ausbacken. Auf Küchenpapier abtropfen lassen und mit Puderzucker bestreuen. Tipp: Die Teigmasse darf nicht zu flüssig sein, damit die Ochsenaugen nicht „davonlaufen“, d. h. einen zu dünnen Teigmantel bekommen.


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GASTLICHKEIT

DAS BERGBLÜTENHEU, das Walther Moosmair auf seinen über 1700 Meter hoch gelegenen Wiesen erntet, ist nicht nur in den umliegenden WellnessHotels hoch begehrt. Seine Mutter kocht daraus auch eine wunderbare Cremesuppe. Leider darf sie die nur noch der eigenen Familie vorsetzen. Sonst müssten, laut einer EU-Verordnung, alle 130 Kräuter und Blumen auf giftige Substanzen getestet werden.

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GASTLICHKEIT

DER HAUSHERR SELBST macht den würzigen Graukäse, für den die Eggerhöfe weithin bekannt sind. Er ist Experte: Bevor er mit seiner Frau das historische Gehöft übernahm, war Christian Leitgeb elf Jahre lang Senn auf einer Alm hoch über dem Antholzer Tal.

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Schlutzkrapfen sind eine individuelle Sache. Jeder Hof im Pustertal macht sie ANDERS um amtlich sicherzustellen, dass sie keine giftigen Substanzen enthalten. Solche Tests kosten Geld, das Bergbauern wie Walther nicht haben. Schweren Herzens haben er und seine Mutter daher darauf verzichtet, die Suppenmischung zu verkaufen und die Suppe bei den Hofbesichtigungen und bei der Hofwanderung auf die Alm anzubieten. „Vielleicht besinnen sich die Bürokraten ja eines Tages“, hofft Walther. Seine Mutter Anna bleibt gelassen, schließlich gibt es mit Gerstsuppe, Speckknödel, Schweinsbraten und Gebackenem auch noch viele andere Köstlichkeiten, die sie Hofbesuchern vorsetzen kann.

A

uch in den Eggerhöfen im Antholzer Tal – einem vor allem wegen seiner Weltcup-Loipen bekannten Seitental des Pustertals– ist es vor allem die Mutter des Bauern, die hinter den im Hofschank aufgetischten Spezialitäten steht. „Die Oma ist unverzichtbar – sie ist unsere Schlutzkrapfen-Expertin“, sagt Marlies Leitgeb, die als Ahrntalerin die Zubereitung vieler Pustertaler Gerichte erst lernen musste. Mit ihrem Mann, einem gebürtigen Antholzer, kaufte sie die aus dem 12. Jahrhundert stammenden Hofgebäude, restaurierte sie und fügte einen Anbau hinzu, in dem heute vier Ferienwohnungen und ein Käsekeller untergebracht sind; auch der Hofschank gehörte von Anfang an zum Konzept. Die zeitintensive Zubereitung der „Schlutzer“, die dort serviert werden, liegt bis heute in der Hand von Marlies’ Schwiegermutter Theresia Leitgeb. Schlutzkrapfen sind die Leibspeise der meisten Pustertaler.

SCHLUTZKRAPFEN MIT GRAUKÄSE Teig: 150g Roggenmehl, 100g Weizenvollkornmehl, ½ TL Salz, 1 Ei, 1 TL Öl, 50–60 ml Wasser; Füllung: 150 g blanchierten Spinat, 50 g Zwiebeln, ½ Knoblauchzehe, 1 EL Butter, 100g Topfen, 1 EL Graukäse, 1 EL Schnittlauchröllchen; zum Anrichten: 2 EL Graukäse, Schnittlauchröllchen, 40 g Butter Aus Mehl, Salz, Ei, Öl und Wasser einen Nudelteig kneten, 20 Min. ruhen lassen. Spinat ausdrücken, hacken. Zwiebeln und Knoblauch fein würfeln, in Butter anschwitzen, mit Spinat mischen. Topfen auspressen, mit Käse und Schnittlauch unter den Spinat rühren, mit Muskat, Salz und Pfeffer abschmecken. Teig dünn auswellen, Kreise ausstechen. Auf deren obere Hälfte etwas Füllung setzen, unteren Teil darüberklappen, Ränder gut festdrücken. In kochendem Salzwasser 3 bis 4 Minuten sieden. Mit der Schaumkelle herausheben; mit zerbröseltem Graukäse, Schnittlauch und zerlassener Butter servieren.

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GASTLICHKEIT

GLÜCKLICHE SCHWEINE Ihr freies Leben auf dem für seine Fleischqualität berühmten Falschauerhof im Ultental ist paradiesisch. Zwar ist auch ihr Ende unausweichlich, doch würdig. Als Schinken, Speckseiten oder hausgemachte Würste landen sie im „Bauernhimmel“, der hofeigenen Rauchkuchl.

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Koche mit den Jahreszeiten, nimm hochwertige Zutaten, würze MIT FREUDE UND FANTASIE ROM UND BOZEN, das sind die beiden Pole, zwischen denen die Küche von Benedikta Zwerger pendelt. Sie lebt im Weindorf Signat am Ritten; ihre Mutter stammt aus der Ewigen Stadt.

Lokalpatrioten sind stolz und skeptisch zugleich, seit ihr Talgericht auch in den Küchen des Eisack- oder Etschtals einen Siegeszug angetreten hat. Denn die „echten“ SchlutzkrapfenKöchinnen achten eifersüchtig auf Individualität. Die einen haben eine geheime Mehlmischung. Die anderen treiben mit dem Nudelholz jedes Teigblättchen einzeln aus und verachten alle, die einen Ausstecher zu Hilfe nehmen. Bei den Eggerhöfen ist es der hofeigene Graukäse, der die besondere Note ausmacht: Er ergänzt den Topfen für die

Füllung und ersetzt den geriebenen Parmesan zum Darüberstreuen. Christian Leitgeb ist in dessen Herstellung Experte: Bevor er mit Marlies seine Familie gründete, war er elf Sommer lang Senner auf der hoch über dem Tal gelegenen Grentenalm. Dort hat er das Käsen nach der überlieferten Methode gelernt: Die Kuhmilch wird zum Buttermachen entrahmt, die übrig bleibende Magermilch dann zu einem Käse verarbeitet, der mit nur zwei Prozent Fett das Herz kalorienbewusster Schlemmer höher schlagen lässt. Jährlich Anfang Mai, wenn die Skisaison vorbei ist, während der er und Marlies als Skilehrer arbeiten, nimmt Christian die GraukäseProduktion wieder auf, die nur während der Weidesaison möglich ist. Dann ist auch der Hofschank der Leitgebs geöffnet, in dem die würzige Käsespezialität die Hauptrolle spielt: Graukäse kommt in die Pressknödel und in die Kasnocken, er würzt die Spinatknödel. In erster Linie aber schmeckt er pur, nur mit Schnittlauch oder hauchfeinen Zwiebelringen bestreut.

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SPANFERKELKEULE MIT KARTOFFELN (FÜR 6 PERSONEN) 1 Spanferkelkeule, grobes Salz, 2 Knoblauchknollen, 1/8 l Öl, 4 -5 Zweige Rosmarin, 1,5–2 kg festkochende Kartoffeln, Rosmarinsalz, Schweineschmalz Backofen auf 250 °C vorheizen. Fleisch salzen. Knoblauchknollen halbieren. Öl in einen Bräter gießen, Fleisch, Knoblauch und Rosmarin hineinlegen und den Bräter ins Rohr schieben. Fleisch anbräunen, dann Temperatur auf 150–180 °C senken, gut zwei Stunden weiterbraten. In der Zwischenzeit Kartoffeln waschen, bürsten, 30–40 Minuten kochen, in Würfel schneiden, mit Rosmarinsalz bestreuen. Gegen Ende der Garzeit Backofen nochmals auf höchste Stufe schalten, damit der Braten schön knusprig wird; Kartoffelwürfel in Schweineschmalz goldbraun braten.

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ie Urlärchen bei St. Gertraud im Ultental sind Unesco-Weltnaturerbe: über 2000 Jahre alte Bäume, fast 30 Meter hoch, mit bis zu acht Metern Stammumfang. Zehn Gehminuten von den Baumriesen entfernt, auf 1350 Metern, liegt der Falschauer genannte Hof von Sepp Gruber und seiner Frau Elisabeth Schweigl. Mitte der 1990er-Jahre zog die gebürtige Meranerin zu Sepp ins Ultental. Ihr neues Zuhause fand sie auf dem Bergbauernhof, der seit dem 14. Jahrhundert urkundlich dokumentiert ist.

Heute ist der Falschauer ein Hofschank. Elisabeth und Sepp bewirten in ihren getäfelten Stuben ganzjährig bis zu zwanzig Personen mit ländlichen Menüs. „Aber nur auf Vorbestellung“, betont die Köchin, „mit der ganzen Hofarbeit wäre es sonst zu viel für uns!“ Die beiden sind ein gut eingespieltes Team. Elisabeth steht am Herd, Sepp assistiert ihr bei den Küchenarbeiten, er deckt die Tische und serviert. Draußen im Stall züchtet Sepp Rinder und Schweine, er hält Hühner und Gänse, er schlachtet, selcht und surt das Fleisch und macht auch alle Würste selbst. Das rußgeschwärzte Gewölbe der ehemaligen Küche hängt voller Speckseiten. „Den Speckkeller nennt man ‚Bauernhimmel’“, sagt Sepp stolz. Seinen Gästen erklärt er gern die komplizierte und zeitaufwendige Zubereitung der Köstlichkeiten aus der Räucherkammer. Elisabeths Reich ist der Bauerngarten. Dort zieht sie Lauch, Mangold und Zucchini, Karotten, Kräuter und Kraut. In den Wiesen hinter dem Garten sammelt sie wilde Kresse, Löwenzahn oder „Guten Heinrich“, einen zarten Wildspinat. Am Holzfeuerherd ist sie in ihrem Element. Aus dem Fleisch vom eigenen Hof, aber auch aus den Lämmern und Ziegen von Nachbarn macht sie schmackhafte Braten, dazu viererlei Gemüse, das im Sommer aus dem eigenen Garten kommt. Sepps Selbstgeräuchertes und -gepökeltes verarbeitet sie zu delikaten Vorspeisen. Brotsuppe und rohes Rindscarpaccio, Teigröschen und Spinatnocken, Bauerngröstl und Saltimbocca – das Rezeptrepertoire vom Falschauer hat drei Inspirationsquellen: Bodenständiges aus Südtirol, Mediter ranes aus Italien und die österreichische Mehlspeisenküche.


GASTLICHKEIT

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GASTLICHKEIT

EIN STÜCK PARADIES können sich die Gäste vom Hof Kinig immer mitnehmen – Äpfel gibt’s pur, als Saft, im Strudel, Kuchen oder als Kiachel …

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SCHLEMMEN wie vor hundert Jahren: Weizenmus mit Hollunderkompott löffeln alle aus dem Topf Und Elisabeth Schweigls drei Gebote: „Koche mit den Jahreszeiten, nimm hochwertige Zutaten und würze alles mit Freude und Fantasie.“

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her eklektisch“ sei ihre Auswahl von Gerichten für den Buschenschan k, meint Benedikta Zwerger, seit Beginn der 1990er-Jahre Bäuerin auf dem Hof Kinig über Bozen. Früher, als sie nur für die vier Kinder, ihren Mann Werner Pechlaner und für die Erntehelfer das Essen machte, habe sie italienisch gekocht – wie ihre aus Rom stammende Mutter und ihre zia Gio, die Tante Giovanna, sagt die Bäuerin, die in einem früheren Leben eine auf Ölgemälde spezialisierte Restauratorin war. Seit ein paar Jahren studiert, probiert und serviert sie auch Rezepte aus dem Fundus ihrer Südtiroler Verwandtschaft, denn die Familie beschloss, auf ihrem jahrhundertealten Hof in Signat, einem beliebten Weindorf auf halbem Weg zwischen Bozen und dem Ritten, auch einen Buschenschank zu eröffnen. Der Rotwein kommt aus den tiefer gelegenen Rebgärten in St. Justina, der Apfelsaft aus den Obstgärten rund um den Hof. Und die Speisen aus Benediktas experimenteller Küche landen direkt auf den Tischen im Garten unter Apfelbäumen oder in der wunderschönen alten Stube. In alten Südtiroler Urkunden taucht der Hofname „Kinig“ auch als „Künig“ oder „König“ auf, er deutet auf Landwirtschaft für die lokale Aristokratie hin. Wegen seiner einmaligen Wasserzufuhr auf den trockenen Bergflanken des Rittens war der Hof um 1700 weitum bekannt für besonders gutes Mehl aus

der eigenen Mühle. Diese wurde jüngst restauriert und auf elektrischen Betrieb umgerüstet; seitdem wird dort das Mehl fürs eigene Brot gemahlen. Die Schwerpunkte der Produktion liegen freilich bei Wein, auf der Viehzucht – und bei Äpfeln. Benedikta verwertet sie als Saft – in Flaschen mit selbst gemalten Etiketten –, in Kiacheln, Strudeln oder als Kuchenbelag, etwa bei der „Zufallstorte“, deren bildschöner zweifarbiger Belag schlicht daraus entstand, dass einmal die reifen Zwetschgen für eine ganze Torte nicht ausreichten und mit Äpfeln ergänzt werden mussten. Sie macht, als Kind zweier Kulturen, bikulturelle Gemeinschaftsessen, bei denen alle wie seit alters her aus einer Pfanne oder von einer Platte löffeln: das Woaznmuas mit Hollermulla – Weizenmus mit Holunderkompott, ein typisches, traditionelles Bauernessen vom Ritten –, danach den sahnig süßen Kastanienberg „Monte Bianco“ aus Italien. Zwei mediterrane Kräuter sind es, die Benediktas Küche kulinarisch und symbolisch zusammenhalten: Rosmarin und Lorbeer, die sie fast das ganze Jahr über frisch parat hat. „Signat ist eine vertikale Streusiedlung mit verschiedenen Klimazonen“, erklärt die gebildete Bäuerin, „und die Kräuter bekomme ich von einer Freundin, die am Talende von Signat wohnt, wo die Temperaturen besonders mild sind.“ Es ist eben, neben der enormen kulinarischen Handwerkskunst der Bäuerinnen, auch die Vielfalt des Klimas und damit der regionalen Produkte, die die Südtiroler Küche so ganz besonders macht. INFORMATIONEN: Adressen und noch mehr Rezepte finden Sie im Notizbuch auf S. 124

WOAZNMUAS MIT HOLLERMULLA Für das Kompott: 1 kg reife Holunderbeeren, 2–3 Äpfel, 2–3 EL Zucker. Für das Mus: 500 ml Milch, 1 Prise Salz, 70 g Weizenvollkornmehl, Butter Holunder heiß entsaften. Äpfel schälen, klein schneiden, mit Hollersaft und Zucker auf kleiner Flamme kochen, bis eine marmeladenartige Konsistenz erreicht ist. Für das Mus Milch in einer Eisenpfanne erhitzen, salzen, Mehl einrühren, sanft köcheln, bis sich am Pfannenboden eine braune Kruste bildet. Mit zerlassener Butter und Hollermulla servieren.

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PORTFOLIO

VERTRAUTER

S H N E DC U G L Selten kam uns die Natur im Bild so nah. Der Fotograf Mat Hennek zeigt den Betrachtern die Baumwelten seiner Umgebung und führt uns zu neuen Einsichten über bekannte Alpenpässe

CHIEMSEE, MON AMOUR „Es ist in jeder Beziehung eine romantische Aufnahme“, sagt Mat Hennek über sein frühes Naturpanorama. „Wir hatten mal ein Haus am Chiemsee, und mein Vater sagte, wie Väter das so sagen: ,Du musst den See unbedingt mal von dort drüben aufnehmen.‘ Irgendwann habe ich es einfach gemacht.“ Pigmentprint von 2003, 239 x 110 cm, Auflage: 5.

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TEXT Alexander Hosch

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at Hennek betritt am Tag nach der Vernissage gegen Mittag die durchaus feudale Galerie Bernheimer samt coffee to go in der linken Hand. Er wirft einen Blick auf meine blauen Turnschuhe. Zwanglos also. Er lächelt zustimmend, zieht das Sakko aus und reicht die andere Hand. „Ich bin Mat.“ Der deutsche Fotograf, der in der Schweiz und bei Westchester nördlich von New York lebt, wählt die lässige amerikanische Variante seines internationalen Vornamens: Määät.


Bernheimer in München ist eigentlich eine Altmeistergalerie. Und Hennek war mal hauptsächlich Porträtfotograf. Für Rockstars, für Klassik-Heroen. Der Dirigent Esa Pekka Salonen ist auf der Website zu sehen, auch Lang Lang, Rufus Wainwright, Rolando Villazón, Rammstein. Und die Pianistin Hélène Grimaud, dazu später mehr. Aber die Zeiten ändern sich. Und wie Konrad Bernheimer vor Jahren seiner Tochter Blanca das zeitgenössische Programm mit Fotografie anvertraute, so wandelte sich Hennek vom Studio- zum Naturfotografen. „Früher betrieb ich einen Rie-

senaufwand für Werbung und Porträts“, erzählt er selbstironisch. „Da musste alles groß, grell, laut sein, mit vielen Leuten und Lichtern. Und ich war egozentrisch und eigenbrötlerisch.“ Nun sitzt er in der Beletage an der Briennerstraße stolz und ruhig zwischen den Aufnahmen der „Woodlands“ und „Alpenpässe“. Die Serien haben ihm diese erste Einzelschau in Deutschland eingebracht. (Inzwischen sind „The 2 Circles“ nach Zürich weitergewandert; Hammer Gallery, bis 15. 10.) Die rund 50 großen Bilder in der geräumigen Galerie springen einem förmlich entgegen. 05 2011 . ALPS

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BERGWALD I, CH, 2010 Hennek verzichtet bei der Pr채sentation der beiden Serien, anders als die meisten Kollegen, auf distanzierendes Glas. Das matte, unverspiegelte Finish verleiht den Bildern zus채tzlich eine bestechende Pr채senz. Das passt zur Rauheit und erdigen Aura des Holzes.

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PORTFOLIO

NEURUPPIN I, D, 2008 Neben der Schweiz und South Salem in den USA fotografiert Hennek für die Serie „Woodlands“ auch immer wieder rund um Berlin. Zum Beispiel in der Kemnitzer Heide, in Radikow, in Gollin oder hier, in der Nähe von Neuruppin, in Brandenburg.

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PORTFOLIO

ALBULAPASS II, CH, 2009 Oft steigt Hennek einfach in seinen Jeep, bis er nach zwei, drei Stunden Fahrt auf einer Schweizer Passhöhe steht. Dann geht es zu Fuß weiter. „Ich missbrauche die an sich dokumentarische Annäherung und gestalte, ohne einzugreifen, mit etwas schon Existierendem meine eigene Farb- und Formwelt.“ Hier der Albulapass im südlichen Engadin, unweit der italienischen Grenze.

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FURKAPASS VI, CH, 2009 Die Fotografien der Alpenpässe entstehen meist im Frühjahr oder Herbst – kurz nachdem die Straßen geöffnet oder bevor sie geschlossen werden. Mat Hennek gefällt es, wenn die Reliefs durch seinen besonderen Blickwinkel zweidimensional werden – und der Betrachter die Orientierung verliert.

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PORTFOLIO

ÜBER-DIMENSIONAL Mat Hennek unterscheidet das eher dreidimensionale Herangehen für die „Woodlands“ von der grafischeren Darstellungsweise für die „Alpenpässe“ eigentlich genau. Zuweilen kommen sich, wie man sieht, die Serien jedoch faszinierend nah. Oben zwei winterliche Waldaufnahmen (Bruhst I und II, CH, 2008), unten Lukmanierpass I und Nufenenpass III (beide 2010).

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GANZ TIEF IN DEN WÄLDERN Es geht um direkte Umgebung. Wo er lebt oder Zeit verbringt, schießt Hennek Baumwelten. Hier aus der Woodlands-Serie im Uhrzeigersinn (von o. r.): „Kanzem II“ (2009), „Weißenhorn I“ (2010), „Verbier I“ (2008), „Radikow I“ (2009). Motive aus „Woodlands“ und „Alpenpässe“ in den Größen 63 x 63 cm und 110 x 110 cm, ab circa 2100 Euro. www.bernheimer.com; www-mat-hennek.com

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PORTFOLIO

Das liegt an der Technik, am Papier, an der Tiefenschärfe, am Kontrast, am Format, an allem. Hennek macht daraus kein Geheimnis. „FotoNotizen“ nimmt er per Leica auf – davon abgesehen arbeitet er stets bei natürlichem Licht mit Kodakfilm, Empfindlichkeit 100 ASA, und immer nämlichem 120mm-Objektiv, das auf einer analogen Hasselblad-Kamera sitzt. Mittelformat, quadratisch. Hennek scannt jedoch die Negative ein und bearbeitet dann Kontrast, Farben und Lichtwirkung am Computer. Er nennt diesen digitalen Eingriff „intensiv, aber oberflächlich. Ich retuschiere nicht und gehe nie in Details“. Am Ende landen die Naturbilder per Tintenstrahldrucker auf Büttenpapier. „Das Korn des Negativs im Zusammenspiel mit der Papierstruktur gibt einen tollen Effekt – wie mit dem Pinsel gemalt.“ Die Waldserie folgt einer genauen Versuchsanordnung, die Hennek über die Jahre entwickelte. Alles fing 2004 mit einem Baumbild in Tschechien an, bei dem er mit Verfremdungen experimentierte. Es ist bis heute das abstrakteste Werk. Hennek trug es lange mit sich herum, ohne es auszustellen. Dann zog es ihn immer tiefer in den Bann. „Ich wollte was mit Bäumen machen. Das war sehr esoterisch. Ich wanderte stundenlang im Wald, ohne die Kamera auch nur zu

heben. Es klappt nur an bestimmten Orten, stellte ich dabei fest. Und mit mir muss emotional etwas passieren, damit ich da arbeiten kann.“ Irgendwann hatte er seinen Blickwinkel. Seither sucht er sich in vielen Ländern rote, braune, grüne, weiß verschneite Waldmotive. Er findet stets eine erhöhte Position und fotografiert dann mit dem 120er nach unten, das lässt die Linien der Holzriesen schön gerade stehen. Den Boden schneidet er mit der Kamera oft ab, den Himmel auch. Man soll keinen Horizont sehen, höchstens ahnen. „Die Bäume ergeben so fast sakrale Räume, die in die Tiefe gehen. Man hat den Eindruck von Endlosigkeit.“ Es ist egal, ob es regnet, schneit oder ob die Sonne scheint. Das Licht spielt immer eine Rolle – nicht aber, welches Licht herrscht. Mat Hennek nimmt jedes und macht damit sein Foto. Kindheitserinnerungen, verträumte und märchenhafte Ansätze können für „Woodlands“ entscheidend sein – je nach Motiv auch das Klischee vom finsteren Wald, der ausgrenzend ist und bedrohlich. Es geht nicht um Exotik. Sondern um den Wald nebenan. „Du fährst zehn Minuten raus und bist da.“ Was einen umschließen soll, ist: der vertraute Dschungel. „Ich bin tief im Wald, wenn ich fotografiere. Und der Betrachter soll es auch sein.“ Minutiös hat Hennek die 110-Zentimeter-Quadrate wegen ihrer Idealwirkung ausgesucht. Wir gehen durch die Schau. Die Wälder werden haptisch. Man kann sich in die Bilder hineinfallen lassen. In der Kemnitzer Heide bei Berlin stehen die Bäume dürr und eng, in South Salem, USA, werden die Stämme von Blättern oder den lichtgrünen Wedeln der Farne umflirrt, der Chilenwald in der Schweiz ist sehr mystisch aufgefasst. Nur bei Kanzem an der Saar (wo er aufwuchs und nach langer Abstinenz extra zum Fotografieren zurückkam) klingt die Beschreibung anders. Da wollte er mit der düsteren Nadelbaumstimmung, die von oben ein lichtes Strahlen bekommt, ein Statement abgeben. „Das ist eine Arbeit über mich und den Ort. Da habe ich subjektiv Gas gegeben und das Licht hervorgeholt.“ Die Fortführung dieser intensiven Auseinandersetzung mit der Natur stellt die 2009 begonnene Serie „Alpenpässe“ dar. Hennek sieht sie als „inhaltlich und formal noch konsequenter“. Im Gegensatz zu den quasi internationalen Baumwelten sind alle fotografierten Pässe in der Zentralschweiz und maximal einen halben Tag vom

Ich bin tief im Wald, wenn ich fotografiere. Und der Betrachter soll es auch sein 40

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heimischen Vierwaldstätter See entfernt. „Ich spiele da mit Ein- und Aufsichten, fotografiere über ein Tal hinweg in die andere Bergwand hinein. Auch wieder ohne Himmel und ohne begrenzenden Boden. Man verliert die Orientierung.“ Die überraschenden Ergebnisse sind flächig, bewusst zweidimensional. Viele Bilder sind im Frühjahr oder Herbst gemacht, in der kurzen Phase voller Veränderungen, bevor die Passstraßen geschlossen oder geöffnet werden. Ganz früher oder ganz später Schnee ist dort zwischen Heidegras und Steinen zu sehen. In den Galerien sind manche Pass-Bilder zu Triptychen oder Viererreihen arrangiert. Die Fotos wirken dadurch noch grafischer.

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ennek arbeitet in Zeitblöcken. Manche Wochen gehören Ausstellungen oder Reisen. Wenn er sich eine Fototour vorgenommen hat, fährt er auf jeden Fall, bei jedem Licht und Wetter. Er zwingt sich. Oft startet er von daheim und fährt einfach zwei, drei Stunden im Jeep. Das ist eine gute Distanz, um die schönsten Pässe – Furka, Flüela, Grimsel, Lukmanier – zu erreichen. „Am Ende geht es zu Fuß weiter. Ich habe nur kleines Gepäck, etwas Verpflegung und meinen Schäferhund dabei. Wenn man ohne gutes Bild zurückkommt, kann das sehr einsam und frustrierend sein. Zuweilen übernachte ich deshalb draußen.“ Das viele Fußgeld und die Anstrengung sind dabei so sehr Schmerz wie Reiz. Und der beglückendste, der magische Moment ist, wenn Mat Hennek weiß: Jetzt genau kommt das richtige Bild in den Kasten. Ein einziges Foto in der Schau ist ganz anders. Als größtmöglicher Kontrast zu den Motiven der zwei grafischen, künstlerischen Serien dient das monumentale Panorama der Chiemseelandschaft. Ein Zitat vom Beginn seiner Landschaftsaufnahmen, entstand es Jahre vor den anderen Naturbildern. Querformatig, über zwei Meter breit. Es ist ein körniges Bild, klassisch, sehr weich gezeichnet, eigentlich altmodisch. Ein Bild, das auf die Tradition verweist. „Es ist wunderschön.“ Hennek sagt das oft von einer Arbeit, wenn wir gerade davorstehen, was ungewöhnlich ist, aber bei ihm überhaupt nicht angeberisch klingt. Darum geht es ihm wirklich: das Archivieren von Schönheit. „Es wird“, kündigt er an, „wohl nicht bei den zwei Zirkeln über Baum- und Passwelten bleiben. Wahrscheinlich kommt nun etwas mit Wasser, dann mit Wüste. Es geht darum, wo und wie wir leben.“ Der sensible Betrachter kann in den Fotos daher auch Baumschäden oder Erosion entdecken.

Es gibt noch einen anderen wichtigen Aspekt im Leben dieses Fotografen. Sie hört auf den Namen Hélène Grimaud – wir erinnern uns. Ihre Abbildung auf Henneks Website entsprang also keinem gut dotierten Porträtauftrag – sondern der reinen Zuneigung. Die Französin ist seit 2007 Henneks Lebensgefährtin und als bekannte Pianistin – wie er – ein Globetrotter. „Zum Glück schaffe ich es manchmal, in Paris oder London Vernissagen zu haben, während Hélène parallel ein Konzert gibt.“ Etwa die Hälfte der Zeit leben sie sonst in der Schweiz. „Aber 2011 waren wir mehr in den USA.“ Wenn das Klavier schweigt, geht es bei Hélène Grimaud um Wölfe. In Westchester, wo sie leben, hat sie vor Jahren ein Wolf Conservation Center gegründet. Mittlerweile gibt es fünf Betreuer, 34 Tiere und 30.000 Besucher im Jahr. Es geht um Aufzucht, Auswilderung bedrohter Arten, Arbeit mit Schulkindern. „Ich habe natürlich schon Wolfsaufnahmen gemacht. Aber mit sehr viel Respekt. Wenn man Wölfe nicht mit der Milchflasche aufgezogen hat, kommt man nie mehr an sie ran. Aber darum geht es auch nicht. Es sind ja wilde Tiere.“ Hier schließt er sich, der Kreis der Natur. Wir sitzen jetzt wieder wie anfangs an dem Tisch in einem Zimmer, das zum Hof führt. Sommerliches Streiflicht kommt durch das geöffnete Fenster. „Ich könnte jetzt hier ein wunderbares Bild von dir machen“, sagt er plötzlich. „Ohne Blitz, ohne Stativ, vier Sekunden Belichtung, einfach aus der Hand. Das geht nicht, sagen sie an den Fotoschulen. Aber alles geht. Man muss es einfach machen.“ Das ist Mat Hennek heute: nichts mehr erzwingen wollen, lieber nur dem Gefühl folgen. 05 2011 . ALPS

KUNST UND NATUR ALS PAAR Hélène Grimaud und Mat Hennek sind seit 2007 Lebensgefährten. Oft reisen sie allein – weshalb sie ihre Freunde eher irgendwo in der Welt treffen als bei sich. Zu Hause sind die beiden in Hélènes Wolf Conservation Center bei New York (Foto o. li.) und am Vierwaldstätter See.

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VOIXMUSIK

HIER SPIELT DIE

MUSIK Vor dreißig Jahren waren Musiker wie Haindling oder Hubert von Goisern Exoten, die mit Tuba und Dialekt gegen die Eisfestung des internationalen Elektropop anspielten. Heute versammelt die „junge Volksmusik“ eine quicklebendige Szene mit einer verblüffenden Vielfalt an Stilen

HMBC

Begnadete Blasmusiker sind sie alle, die Jungs von der Band mit dem unaussprechlichen Namen „HolstuonarMusigBigbandClub“. Einzig Leadsänger Philipp Lingg passt hier nicht hundertprozentig ins Bild – er spielt Gitarre und Akkordeon. Ansonsten sind die Biografien ähnlich: Alle fünf HMBC-Mitglieder wuchsen im Bregenzer Wald auf, nur wenige Kilometer voneinander entfernt. Und alle hielten mit ihren Familien von Kindesbeinen an die einheimische Musiktradition hoch, verbunden mit einer umfassenden Instrumentalausbildung, der es nur an einem fehlte: an Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung. „So hammer des immer g’spielt, so spiel mer’s weiter“, zitiert HMBC-Trompeter Bartholomäus Natter die indignierten Kommentare seines Vaters, wenn der Sohn mal wieder aus der Reihe tanzte. Doch da suchten Bartholomäus und vier Spezln mit ähnlichen Erfahrungen längst nach Möglichkeiten, andere Musik zu machen, und trotzdem der eigenen Herkunft treu zu bleiben. Nicht umsonst nennt sich die Band nach dem Holstuon, einer nahegelegenen Alm – die auch Namen gebend für die traditionelle Volksmusikgruppe des Vaters zweier Bandmitglieder ist. HMBC pendeln fröhlich und frei irgendwo zwischen klassischer Volksmusik, Funk, Blues

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TEXT Claudia Teibler FOTOS Florian BAchmeier PER ANHALTER zum Plattenerfolg. Der Song „Vo Mello bis ge Schoppernou“ über den Heimweg nach einer durchzechten Nacht bescherte HMBC aus Vorarlberg einen solchen Erfolg, dass während eines Events im Juli an die 2000 Leute die im Lied beschriebene Route abmarschierten.

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VFOIXMUSIK AMILIENCLAN

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HÖHEN UND TIEFEN des Lebens wie seines Instruments kleidet Herbert Pixner mit seiner handgefertigten steirischen Ziehharmonika in wunderbar zeitlose Melodien.

und Jazz. Doch selbst die frechsten Improvisationen sind irgendwo in den waldigen Vorarlberger Hängen verankert, dank der sägenden Tuba, gelegentlicher Posaunenintros, gewiefter Bläsersätze und des Dialekts. Vor HMBC wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, Vorarlbergerisch als lässig zu bezeichnen – Sänger Philipp Lingg beweist das Gegenteil. Im Überraschungshit „Vo Mellau bis ge Schoppernou“ spielt er so geschickt mit der Sprache, dass man sich an die Bregenzer Ache versetzt fühlt – und gleichzeitig an den Mississippi.

HERBERT PIXNER

Sein Metier ist die kleine Form. Doch die reizt er meisterhaft aus, bis an die Grenzen des Machbaren. Gerade einmal drei Musiker wirken mit beim „Herbert Pixner Projekt“, und zwar in ganz traditioneller Besetzung: steirische „Ziach“, Harfe, Bass. „Wir hatten auch schon eine größere Formation probiert – das war aber nix für uns“, sagt Pixner. Auch musikalisch sind die Möglichkeiten limitiert: „Auf der diatonischen Ziehharmonika gibt es vier Tonarten, mit denen muss ich arbeiten.“ Klassischer Jazz, Modulationen, bestimmte AkkordTypen, all das verbieten die Beschränkungen des Instruments. Bleiben: Blues, Volksmusik anderer Länder und natürlich Melodien im traditionellen Stil seiner Heimat – Pixner, der heute in Tirol lebt, stammt aus dem stillen Passeier Tal. Erst mit 16 brachte er sich selbst das Ziehharmonikaspielen bei – gleichzeitig verbrachte er den ersten von insgesamt 15 Sommern als Senner auf der Alm. „Letztes Jahr habe ich damit aufgehört, weil zu viele Leute kamen. Es hatte sich herumgesprochen, dass ich oft die Ziehharmonika auspacke …“ Auch große Konzerte sind nicht unbedingt sein Metier: Pixner spielt meist in kleineren Sälen, die auf seine „leise“ Besetzung besser zugeschnitten sind. Der Auftritt bei Night of the Alps, dem zweitägigen Treffen vieler Geheimtipps der Szene auf der Point am Tegernsee im Juli, war für ihn die Open-AirPremiere. Er meisterte sie mit Bravour. Während bei vorangegangenen Acts kaum Ruhe unter den Zuschauern einkehrte, wird es bei Pixner mucksmäuschenstill. Die Läufe der Ziehharmonika funkeln und glitzern bei Pixners zeitlosen Walzern, und beim Blues grooven Bass und Harfe, als wäre dies ihr ureigenstes Metier. Mehr braucht es nicht, um Zuschauer in Bann zu ziehen; die Congas und E-Gitarren der Vorgänger wirken fast wie überflüssiger Tand. Nur das Schlichte, doch perfekt gemachte, hat auch in der Musik eine Kraft, der sich wirklich keiner entziehen kann. 05 2011 . ALPS

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VOIXMUSIK

DAHOAM IN KUBA fühlen sich die Cubaboarischen um Frontmann Hubert Meixner (Mitte) längst. Mit ihrer überraschenden Melange aus bayerischen Volksweisen und kubanischer Tanzmusik, die unmittelbar ineinandergreifen, haben sie Fans erobert, die sie sogar auf ihre jährliche Kubareise begleiten.

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DIE CUBA-

BOARISCHEN Über Kuba können sie immer noch staunen. Seit zehn Jahren fahren die sieben „Cubaboarischen“ jährlich zu diesem Wunderhorn der lateinamerikanischen Musik, um neue Impulse zu bekommen und noch tiefer in die kubanischen Rhythmen einzutauchen; hier wurde auch die Idee geboren, die die traditionellen „Dorfmusikanten“ um den Kirchenmusiker und Volksmusik-Pfleger Hubert Meixner in eine der gefragtesten Bands auf der „neuen Volksmusik“-Bühne verwandelte. Die Idee ist immer noch die gleiche, nur die Ausführung wird von Album zu Album (inzwischen sind’s drei) immer noch raffinierter: Bayerische und kubanische Musik verschmelzen, die Übergänge sind fließend, vom Rumba zum Klarinettenmuckel und zurück. „Die große Hürde waren am Anfang nicht die Harmonien – die sind oft verblüffend ähnlich –, sondern die Rhythmik“, erklärt Hubert Meixner. „Aber wir tauchen mit jeder Reise noch tiefer in diese Musik ein und bewundern das Improvisationstalent der Kubaner: Händeringend haben wir zum Beispiel ein Jahr lang nach schwarzen Trommelfellen gesucht, die wir drüben gesehen hatten, und die ganz scharf klangen, fast wie Goaßlschnalzer – und dann hat sich herausgeALPS . 05 2011

stellt, dass die Musiker in der Not alte Röntgenaufnahmen auf ihre Congas gespannt hatten.“ Weitere, tief beeindruckende Erlebnisse sind die Begegnungen mit den alten Musikern der „BuenaVista-Social-Club“-Generation. „Viele von ihnen werden auf Kuba nicht so geschätzt, wie man sich das wünschen würde. Es gibt auch dort einen Trend hin zu simpler, schlecht gemachter Popmusik; für die große Kunst der Alten interessieren sich die Jungen kaum“, erzählt Meixner und meint lachend: „Vielleicht gehören wir eines Tages zu denen, die nicht nur die bayerische, sondern auch die kubanische Musiktradition bewahren helfen.“

MARLON PRANTL

Wer im Ötztal Musik macht, dem haftet auch heute noch etwas von einem Rebellen an: „Bis in die Fünfzigerjahre hinein war von den Kirchenoberen her Musik im Tal verboten“, erklärt Marlon Prantl, Frontmann der Band „Tyroll“, die mit ihrem Mix von Rock, Jodeln, Dialekt und Volksmusik im positivsten Sinne stark an den jungen Hubert von Goisern erinnert. „Wegen des Musikverbots gab es keine musikalische Tradition, auf die ich hätte zurückgreifen können“, sagt Prantl: keine Musikschulen, die schon kleine Kinder an das musikalische Erbe der Heimat herangeführt hätten, keine Vorbilder, an denen er sich hätte


orientieren können, aber auch niemand, der die Grenzen der Tradition über die Experimentierfreude gestellt hätte. Prantl selbst hatte mit seiner Band zunächst Rock ‘n’ Roll gemacht – „wenn man so will, sind Rock und Pop ja auch längst Volksmusik. Jeder kennt’s, jeder singt’s …“ –, dann hat er das Jodeln für sich entdeckt. Wer Musik von ihm hören möchte, muss bislang einen Liveauftritt besuchen – als „Konserve“ gibt es lediglich zwei, allerdings wunderschöne, Songs zum Download auf iTunes. Im Winter aber soll endlich ein ganzes Album folgen.

LA BRASSBANDA

Das Bayerisch ist schuld. Jeder, der die Fünf aus Übersee am Chiemsee hört, verortet schon wegen der Texte die musikalischen Ursprünge der Band irgendwo bei einer Chiemgauer Blaskapelle. Weit gefehlt. „Unser Bass kommt vom Techno, der Schlagzeuger vom Indie, Manuel, der Posaunist, ist Jazzer, und die Tuba und ich haben klassische Musik studiert“, lacht Frontmann und Sänger Stefan Dettl. Irgendwann vor fünf Jahren hörte er die Blasmusik der quicklebendigen Balkanszene und suchte sich die passenden Leute, um in diesem Stil Musik zu machen. Dass sich sprachlich alles auf Bayerisch abspielen würde, war klar: „Es ist einfach die Sprache, die am besten zu mir

passt.“ Ansonsten gibt’s musikalisch keine Grenzen. „Wir machen Tanzmusik – das kann alles sein. Es gibt nur eine Regel: Die Leute auf der Tanzfläche müssen’s hören wollen. Was bei ihnen ankommt, passt.“ Und zwar seit mittlerweile drei Jahren richtig gut: Bekannt wurde die Band, als sie 2008 mit Mopeds und Traktor zum Endspiel der Fußball-Europameisterschaft nach Wien tuckerte und unterwegs Platzkonzerte gab. Seitdem sind La Brassbanda sehr gefragt, tourten durch Russland, Simbabwe und die USA. Wie war im Ausland die Reaktion auf die bayerischen Texte? „Das hätte genauso gut eine Fantasiesprache sein können – was die Stimmung der Leute nicht im Geringsten beeinträchtigt hat. Ich würd’s eher so sagen: Die Texte sind für die, die sie verstehen, ein ExtraSchmankerl – mehr aber auch nicht.“ Haben sie mit einer gewissen Heimatverbundenheit zu tun? „Die liegt in der Musik. Jede Musikform hat mit Heimat zu tun, und jeder Musiker sucht seine musikalische Heimat – oder schafft sie sich.“

ALS URSCHREITHERAPIE empfindet Marlon Prantl (vorne rechts) das Jodeln. Mit seinem stimmungsvollen AlpinRock ist der junge Ötztaler ein echter Rebell: Bis in die Fünfzigerjahre hinein war Musik in seinem Heimattal verpönt; die Auswirkungen sind bis heute spürbar.

ELIANA BURKI

Auch wenn man längst weiß, dass Eliana Burki die Frau mit dem Alphorn ist, staunt man immer wieder, wenn die kleine, zierliche Schweizerin auf die Bühne steigt und mit dem riesigen Instrument Töne produziert, die mühelos die nächste Alm 05 2011 . ALPS

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VOIXMUSIK

„Wir hatten eine Kindheit wie im PARADIES, obwohl wir sehr BODENSTÄNDIG R O E wurden“

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BAYERN TRIFFT BALKAN Stefan Dettl (2. v. li.) und La Brassbanda ließen sich von der Blasmusik des Balkans zu wilder Tanzmusik inspirieren, die vor allem eins tun soll: Spaß machen.

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EIN GRÖSSERES INSTRUMENT hätte sie kaum finden können: Seit sie sechs ist, spielt die Schweizerin Eliana Burki Alphorn. Heute ist sie damit ein Fixstern in der internationalen Jazzszene.

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VOIXMUSIK

erreichen würden. Die typische Alphorn-Literatur ließ Burki aber schon mit dreizehn hinter sich. Das Mädchen, das mit sechs die Liebe zum größten aller Naturinstrumente entdeckt hatte, wollte lieber Boogies spielen. Inzwischen ist sie eine feste Größe in der Jazz- und Weltmusikszene, tourt durch Europa, die USA und Fernost, hat neben ein paar wunderschönen Holzalphörnern eines aus Karbon und entwickelte ein spezielles Mundstück, das „Burkiphon“, mit dem sie das eng begrenzte Tonspektrum des Naturinstruments erweitern und musikalisch flexibler machen kann. Neben feinen Jazznummern spielt sie bei jedem Konzert mindestens ein Stück mit Naturtönen, wie sie sich die Senner als Botschaften zubliesen. „Schließlich möchte ich, dass mein Publikum auch begreift, was das eigentlich für ein Instrument ist, mit dem ich arbeite.“ Und was passiert, wenn dieses Publikum in einem völlig anderen Kulturkreis lebt, zum Beispiel in Hongkong? „Auch dann“, sagt Burkis Manager Daniele Bürli, der bei allen Konzerten dabei ist, „wird es auf einmal ganz still. Diese Töne schlagen in uns etwas an, dem sich keiner entziehen kann.“

G.RAG

Dass Andreas Stäbler, Kopf der Münchner Formation G.Rag & die Landlerg’schwister, bei der Blasmusik landete, hatte pragmatische Gründe. „Mit einer anderen Band, G.Rag y los Hermanos Patchekos, haben wir die Musik für die Fernsehserie ,München 7‘ gemacht und dabei festgestellt, dass man furchtbar unmobil ist, wenn man von der ganzen Elektronik abhängt.“ Und so entdeckte der ursprünglich dem Punkrock verhaftete Stäbler die Vorzüge von Tuba und Trompete, mit denen sich die Tanzböden ebenso gut aufmischen lassen wie mit E-Gitarren-Gewittern – vielleicht sogar besser. Denn die Band ist beweglich, und das nicht nur in physischer Hinsicht. Zum Repertoire gehören, neben Volksmusik-Gassenhauern, die hier so derb und schräg klingen, dass es eine Lust ist, Hip-Hop-Songs oder Elektropop-Klassiker wie das „Model“ von Kraftwerk. Bei Gesangsbedarf greift Stäbler zum Megafon und erzeugt einen so abgründigen Klang, dass Tom Waits vor Neid erblassen würde. Wer in solchen musikalischen Anleihen aber den totalen Bruch mit der Tradition wittert, liegt falsch, findet Stäbler. „Es hat immer zum Wesen der Blasmusik gehört, andere Richtungen aufzugreifen, die gerade im Trend waren – das war vor hundert Jahren nicht anders als jetzt.“ Er selbst empfindet das, was er macht, auch nicht

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LAUT UND MOBIL ist das Motto von „G.Rag & die Landlerg’schwister“ um Andreas Stäbler (am Megafon). Bei schrägen Landlern oder Hip-Hop rockt hier die Blasmusik – und bleibt doch ihren Wurzeln treu.

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VOIXMUSIK

als neu, „weil es immer Leute gegeben hat, die mit den musikalischen Traditionen frech umgegangen sind – bestes Beispiel: die Biermösl Blos’n“. Wichtig sei das Frische, Spontane und Nicht-Synthetische. Nicht umsonst lautet das Motto von Stäblers eigenem Plattenlabel „Gutfeeling Records“: „Freunde handgemachter Unterhaltung“. Bei den Landlerg’schwistern bürgt dieses Handgemachte allemal für mehr Authentizität als das detailgetreue Nachspielen eines uralten Ländlers.

NICHT VON DIESER WELT sind die Wassergeister der Dolomitensagen, nach denen sich Ganes benannt haben. Auch der Gesang der drei Südtirolerinnen hat irdische, manchmal aber auch überirdische Züge.

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GANES

Miteinander musiziert haben die beiden Schwestern Marlene und Elisabeth Schuen und ihre Cousine Maria Moling, alle drei aufgewachsen im landschaftlich berauschend schönen Südtiroler Gadertal, von Kindesbeinen an. Dass alle drei die Musik zu ihrem Beruf machen würden, war auch bald klar. Doch erst eine gemeinsame Tour in der Band von Alpinrock-Urgestein Hubert von Goisern machte den Dreien klar, dass sie sich

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zusammentun könnten. Seitdem firmieren sie als „Ganes“ – so heißen in den Dolomitensagen Wassergeister, die den Menschen die Sinne verwirren, von denen aber niemand genau weiß, ob sie schön sind oder hässlich. Die Musik dieser Wassergeister lässt sich in keine Schublade einordnen – irgendwo zwischen Jazz, italienischem Pop und südamerikanischen Klängen. Rückgriffe auf die Volksmusik, mit der sie aufgewachsen sind? Fehlanzeige – „außer bei mehrstimmigen Rufen, die wir öfters verwenden“, klärt Elisabeth Schuen auf. Und die Texte, die beim ersten Hören klingen wie brasilianisches Portugiesisch, machen es nicht leichter, Ganes zu fassen. Dabei ist deren Sprache für die drei Südtirolerinnen, die inzwischen längst in München und Salzburg leben, das Naheliegendste überhaupt: Ladinisch. „Für uns gibt es nichts anderes. Wenn wir miteinander reden, sprechen wir Ladinisch. Bei unserem Leben lässt sich nicht mehr so einfach definieren, wo wir uns zu Hause fühlen. Aber die Sprache ist unsere Heimat.“


PROMOTION

Foto: Monika Hoefler

„Holst du mal die Karte aus dem Seitenfach“

MIT DER NATUR IM EINKLANG In den fünf Tiroler Naturparks und dem Nationalpark Hohe Tauern kann man die Natur hautnah erleben. Bei geführten Wanderungen und Vorträgen erfährt man mehr über die Vielfalt der Tiroler Flora und Fauna. Besonders spannend sind die Nature Watch Touren, bei denen man mit einem Swarovski Optik Fernglas ausgestattet und einem Guide ganz neue Seiten von Tirol entdeckt. Alle Infos zu den Tiroler Naturparks, dem Nationalpark Hohe Tauern und Nature Watch unter: www.natur. tirol.at oder www. nature-watch.at

Foto: Matthias Ziegler

stapfen oder sich an einer Viehtränke erfrischen. Je nachdem. Mit klammen Fingern falte ich die Karte auf. Die Landschaft umfängt mich wie ein nasser Waschlappen. Wahrscheinlich, vermute ich, während Jakob auf die Karte starrt, suchen wir ja gerade das hier oben im Hochgebirge: dieses Wilde, Unkontrollierbare, Ungezähmte. Dass einem der Regen ins Gesicht peitscht oder der Schweiß in die Augen läuft. Schließlich ist die Natur kein Themenpark und kein Freilichtmuseum. „Ich glaube wir sind falsch“, meint Jakob und faltet die Karte wieder zusammen. „Frag doch mal die Männer da.“ „Halloooo“, ruft Jakob laut, aber die beiden Almbauern hören ihn nicht und sind mit riesengroßen Schritten bereits wieder von der Bildfläche verschwunden. Hoffentlich, denke ich, löst sich die Frau, die gerade noch in der Tür der Hütte stand, nicht auch noch in Luft auf. „Ich habe beim besten Willen keine Ahnung, wie wir hier gelandet sind!“, grinst Jakob und küsst mich.

Foto: Joerg Koopmann

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anz schön kalt, dieser Wind. Vielleicht sollte ich doch Handschuhe anziehen. Jakob hat seine Wollmütze schon seit zwei Stunden auf. „Adler werden wir heute wohl keine sehen“, sagt er. Zu trüb ist das Wetter, zu feucht, zu böig. Macht nichts, wir werden noch ein paar Tage im Nationalpark unterwegs sein, und das Fernglas steckt sowieso immer griffbereit in der Deckeltasche seines Rucksacks. Bartgeier, Birkhühner und Murmeltiere haben wir bereits gesichtet und gestern jede Menge Gämsen. Irgendetwas findet Jakob sowieso immer am Wegesrand. Enzian und Frauenschuh, Lungenflechten oder irgendwelche „superseltenen Moose“. „Holst du mal die Karte aus dem Seitenfach“, bittet mich mein Freund. Schon wieder so ein eisiger Windstoß. Aber, so ist das eben im Gebirge: Man bekommt die Elemente am eigenen Leib zu spüren. Ganz direkt und unmittelbar. Und dann muss man vielleicht eine Weile unter einem Felsvorsprung kauern, durch den Schnee

Im letzten Sommer schickte die Tirol Werbung sieben internationale Landschaftsfotografen auf die Reise. Das war riskant, weil zeitgenössische Fotografie anders sieht als das Werbebild. Am Ende aber erschloss „Sight-Seeing“ einen neuen Zugang zum Sehen des Landes im Gebirge. Der Text ist eine Mini-Erzählung von Reise-Autor Gero Günther, inspiriert von den Bildern.

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MYTHOS

IM REICH DES N S S I DO Y O Auf dem verwunschenen Ansitz Dolomytos hoch 端ber Bozen lebte ein verschrobener Professor sein Ideal: Er bestellte seine Reben wie im antiken Griechenland und suchte nach dem Geheimnis des absoluten Weins

AUS EINER ANDEREN WELT Dolomytos ist ein Ort von ungeheurer Kraft. Seit der das Gut leitende Weinexperte Rainer Zierock 2009 starb, regieren dort die Pfauen.

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MYTHOS

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TEXT Claudia Teibler FOTOS Maria Dorner

GRALSHÜTER Dallmayr-Einkaufsleiter Stefan Weiß (oben) und Wein-Consultant Walter Schullian versuchen, die grandiosen Weißweine, die Zierock hinterlassen hat, einer behutsamen Vermarktung zuzuführen. Zu dessen Lebzeiten waren Besucher auf dem Gut absolut unerwünscht.

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iele Mythen brauchen den Lauf der Jahrhunderte, um sich der menschlichen Sphäre völlig zu entziehen und sich ins Magisch-Rätselhafte zu wandeln. Manchmal genügen für einen solchen Prozess auch zwei Jahre. Das spürt jeder, der das Weingut Dolomytos unterhalb von Unterrinn am Ritten besucht. Auf Schritt und Tritt gibt es seinen Besuchern Rätsel auf. Bis 2009 war dies das Reich von Professor Rainer Zierock, eines weltweit gefragten Weinexperten, der sich hierher zurückgezogen hatte, um einem Ideal nachzujagen: dem absoluten Wein, der ohne jegliche technische oder chemische Hilfsmittel produziert wurde. Einem Wein, der die Aromen der Seidenstraße in sich trug, über die der Weinbau vor Urzeiten nach Europa gekommen war. Einem Wein von vollkommener Harmonie, die Zierock wie auch die von ihm verehrten Alten Griechen im Fünfeck, dem Pentagon, versinnbildlicht sah, und im fünfzackigen Stern, dem Pentagramm. Nicht umsonst ließ er an das typische Südtiroler Haus, das auf dem Weingut stand, einen mehrstöckigen Terrassenanbau in Form eines Pentagons anlegen, Innenräume in fünfeckige Zimmer umgestalten und einen fünfeckigen Weinkarton für seine Bouteillen entwerfen. Probieren durfte deren Inhalt allerdings kaum ein gewöhnlicher Sterblicher. Das große Holztor des Guts war fest verrammelt, Besucher wurden seltenst vorgelassen, und kaum ein Außenstehender hatte eine Chance, eine Flasche Dolomytos zu kaufen. Denn Zierock dachte bis zu seinem Tod vor zwei Jahren nicht im Traum daran, seinen Wein zu vermarkten. „Er betrachtete jedes einzelne Fass als eines seiner Kinder“, erklärt Stefan Weiß, Weinexperte und Leiter des Zentraleinkaufs beim edlen Münchner Feinkosthaus Dallmayr. Üblicherweise werden vor der Abfüllung des Weines jene Fässer aussortiert, die sich nicht den Vorstellungen des Winzers entsprechend entwickelten. Der Inhalt der verbleibenden Fässer wird zu einer Cuvée

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vermischt, die eine große Anzahl von Flaschen mit einheitlicher Qualität garantiert. „Rainer Zierock dagegen“, so Stefan Weiß, „wollte jedem einzelnen Fass seinen Charakter belassen, selbst wenn es nicht so ,wohlgeraten‘ war. Jedes Fass wurde einzeln abgefüllt – mit nur hundert Flaschen gleicher Qualität können Sie aber kaum einen Handelspartner ins Boot holen. Und wenn Zierock ein Jahrgang gar nicht zusagte, schüttete er ihn einfach weg.“ Weiß kam zum ersten Mal 2002 mit Dolomytos in Berührung; damals war er bei Dallmayr noch Chef-Weinhändler. In diesem Jahr hatte Zierock seinen ersten Jahrgang abgefüllt, einen schweren, unglaublich intensiven Weißwein, auf dem auch in den folgenden Jahren Zierocks Hauptaugenmerk lag, selbst wenn er auch Rotweine kelterte. Obwohl Weiß wusste, dass ein solcher Wein für das Gros seiner Kunden viel zu speziell sein würde, war er auf Anhieb fasziniert. Ein Jahr später gelang es ihm, das Weingut besuchen zu können – Zierock hatte sich gerade für zwei Jahre nach Griechenland zurückgezogen; ein Weinhändler von Dallmayr wäre für seine Maßstäbe viel zu kommerziell orientiert gewesen.

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as war die Zeit, in der Dolomytos für Stefan Weiß zur Herzensangelegenheit wurde. Fast monatlich besuchte er den Ansitz, und versuchte mit dessen Besitzerin, Margrit Hubman, eine Vermarktungsstrategie zu entwickeln, die den Besonderheiten von Zierocks Weinen entgegenkam und dennoch einen gewissen monetären Ertrag ermöglicht hätte. Die Pläne gediehen nur bis zu Zierocks Rückkehr. Bei der ersten Begegnung zwischen beiden fehlte nicht viel, und der Wein-Professor hätte den höflichen, zurückhaltenden Weiß mit der Schrotflinte vom Hof gejagt. Dolomytos fiel wieder in den Dornröschenschlaf, die Weinproduktion behielt ihren Laborcharakter, verursachte immense Kosten, aber brachte nichts ein. Trotzdem betrachtet es Margrit Hubman, die in einem Bozener Patrizierhaus lebt, bis heute als Wink des Schicksals, dass sie Zierock begegnete.


MYTHOS


MYTHOS

D OLOMYTOS steht f체r das Streben nach

vollkommener HARMONIE, repr채sentiert durch das Pentagon. Selbst ein Erweiterungsbau wurde als F체nfeck gestaltet


SCHWER WIE DER WEIN war die Gedankenwelt seines Meisters. Zierocks Zeichen und Zeichnungen – oben links ein Etikett, unten rechts eine von ihm entworfene Skulptur – geben Rätsel auf.


FAMILIENCLAN

VERKOSTUNG EINES VERMÄCHTNISSES Damit der Jahrgang 2011 überhaupt geerntet werden kann, muss der Inhalt vieler Fässer abgefüllt und verkauft werden. Experte Stefan Weiß gerät darüber immer wieder ins Schwärmen. „Dieser Wein zeigt keinerlei Alterserscheinungen, er ist perfekt.“

„Ich hatte das Weingut 1992 gekauft und seitdem Sommer um Sommer da oben geschuftet. Die Ernte haben wir dann zum Keltereiverband gefahren, wo ich mir jedes Jahr anhören konnte, wie mäßig die Qualität meiner Trauben sei. Und ich dachte mir: Wenn ich da oben schon so hart arbeite, möchte ich, dass aus meinen Mühen auch etwas ganz Besonderes wird. Jedes Jahr habe ich gehofft, jemandem zu begegnen, der mir die entscheidende Idee geben könnte, immer sind meine Hoffnungen enttäuscht worden.“ Bis 1998 Zierock in der Nähe von Hubmans Bozener Haus herumstreunte und sich herausstellte, dass er ein Zimmer suchte. Margrit Hubman quartierte ihn bei sich ein, und Zierock skizzierte ihr eine Idee, die er schon eine ganze Weile mit sich herumtrug: Einen ganz besonderen Wein zu produzieren, der nicht anders hergestellt wurde, als dies auch in der griechischen Antike möglich gewesen wäre.

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r erzählte auch von anderen Gedanken: Von seiner Philosophie vom Urgewächs, was nichts anderes hieß, als dass der Mensch eine Pflanze gedeihen lässt, ohne auf sie einzuwirken und ihr zu schaden. Vom Ideal des Strebens nach absoluter Harmonie, im Leben, im Umgang mit der Natur, vor allem aber in jenem Wein, den er nach den uralten Methoden anbauen wollte. Hubman hatte für ihr Weingut ihren Mentor gefunden, Zierock eine Mäzenin. Nun wurde Dolomytos umgekrempelt: Neue Reben wurden gepflanzt; Zierock bestand auf einer Bandbreite von an die hundert Sorten. Fässer wurden bestellt, bei Taransaud, einer der renommiertesten Küfnereien weltweit – nicht allerdings in der üblichen Barrique-Größe von 225 Litern, sondern in einer 150 Liter fassenden, von Zierock nach mittelalterlichen Fässern entwickelten Sondergröße, dem „Cigarillo“. Und jedes dieser Fässer orderte er mit extra starker Tostung (dem Ausbrennen des Fassinneren), wie sie sonst nur bei Cognac- und Branntweinfässern üblich ist. Für den Weinbau verbietet sie sich – eigentlich –, weil ein normaler Wein so starken geschmacklichen Impulsen gar nicht standhalten könnte; die Raucharomen würden

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MYTHOS

Der Weinkeller wurde Rainer Zierock rasch ZU KLEIN. Also lieĂ&#x; er per Hand einen Stollen in den E S treiben

F L


DIE SPUREN Rainer Zierocks sind auch zwei Jahre nach seinem Tod noch so pr채sent, dass es den Anschein hat, als kehre der Professor jeden Augenblick zur체ck.


MYTHOS

SR BE

Zierock T E T nach einem Leben in absolutem EINKLANG mit der Natur – ein Ideal, das er auch im Weinberg verwirklichte alles überdecken. Doch Zierock wusste genau, was er wollte und was er tat. Er ließ eine steinerne Handkelter installieren; eine mechanische Presse wurde erst angeschafft, als die Handkelter Jahre später defekt war. Er entwarf eine Weinflasche, die ein Quastenflosser zierte, ein Urfisch aus jenen Zeiten, als sich über dem heutigen Südtirol noch ein Meer ausbreitete. Er pflanzte Brennnesseln und Ackerschachtelhalme und kochte aus ihnen einen Sud, den er bei bestimmten Mondphasen auf dem Weinberg ausbrachte – Brennnessel während des Wachstums, Ackerschachtelhalm während des Reifens der Reben. Und er ließ von Arbeitern per Hand einen 50 Meter langen Stollen in den Fels treiben, um den Weinkeller zu erweitern.

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er Tod Rainer Zierocks traf Margrit Hubman wie ein Schlag, auch wenn er sie in seinen letzten Monaten in seine Methoden im Weinkeller eingeweiht hatte. Ein renommierter Südtiroler Wein-Consultant, Walter Schullian, bestimmt seitdem das Geschick auf dem Ansitz Dolomytos, im Bemühen, im Sinne Rainer Zierocks zu handeln und doch durch den Weinverkauf wenigstens geringe Erträge zu erwirtschaften. Ansonsten hat sich dort oben nichts verändert; alles erweckt den Anschein, als hätte der Professor nur eine lange Reise angetreten. Und jede seiner Spuren gibt Rätsel auf. Da ist die Badewanne, ein massives Marmorstück aus dem 18. Jahrhundert, in der Napoleon gebadet haben soll – Zierock bemalte sie mit bunten Szenen aus der Odyssee. Draußen stolzieren Pfauen herum, und ab und an grunzt Wollschwein Susi, die letzte ihrer Art – Zierock hatte ursprünglich zwanzig der steirischen Schweine gehalten, einige aber waren dem Abgrund zum Opfer gefallen. Hoch über dem Garten schwebt eine Eisenskulptur, ein von hinten erstochener Mann – Michael Geismair, der ermordete Bauernführer aus dem 15. Jahrhundert, der den Südtiroler Landwirten zu besseren Lebensbedingungen verhelfen wollte. Warum beschäftigte sich Zierock mit ihm? Sah er eine Parallele zu der Situation heutiger Südtiroler Bauern, die zu einem großen Teil nur noch im Nebenerwerb von ihren

Höfen leben können – oder aber sich der Massenproduktion verschreiben müssen? Zierock unterrichtete Weinbauern, hoffte, ihnen seine Ansichten und Methoden nahezubringen, konnte sich wegen seiner Verschrobenheit aber nur bedingt Gehör verschaffen. Die eigenartige Skulptur im Garten entwarf er selbst, ebenso wie die Etiketten für seine Weine. Jeder hatte einen eigenen Namen und ein eigenes Dekor. In einem großen Raum mit traumhafter Aussicht sind alle Dolomythos-Etiketten ans Fenster geklebt. Besonders ins Auge fällt eines für den Jahrgang 2001. „Selbstporträt“ steht darunter, und „Prometheus, triumphierend“. Verstand sich Rainer Zierock als Prometheus, der der griechischen Sage nach erst die Menschen erschuf und ihnen dann, sehr zum Groll der Götter, das Feuer brachte? Sah er sich so, weil es ihm gelungen war, den Göttern und seinem Weinberg einen wirklich vollkommenen Wein abzuringen? Auf alle diese Frage wird es nie mehr eine Antwort geben.

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enigstens ein anderes Rätsel, das dieser Raum aufgibt, lässt sich lösen: In den Parkettboden sind in hellerem Holz fünfzackige Sterne eingelassen – ihre Form ist jedoch nicht ganz regelmäßig; meist schießt eine Zacke stärker in die Länge. „Das hat mit einem Verkostungsschema für Wein zu tun, das Zierock entwickelt hat“, schmunzelt Stefan Weiß. „Zierock empfand das Schema, nach dem Weine üblicherweise bewertet werden, als unbefriedigend, weil hier nur einzelne Qualitäten untersucht und in Punktzahlen gefasst werden, die man zum Schluss zusammenaddiert. Zierock dagegen ging es um die Harmonie eines Weins. Deshalb suchte er nach einer Methode, die die einzelnen Komponenten zueinander in Beziehung setzt.“ In einem fünfeckigen Schema werden verschiedene Eigenschaften eines Weins – Bouquet, Säure, Tannine, Extrakt (damit meint Zierock die Intensität des Geschmackseindrucks) und Harmonie – festgehalten; anschließend wird anhand der Werte ein Pentagramm gezeichnet. Je stärker der Eindruck, desto länger wird die Zacke. Der ideale

der DolomytosWeine ist der in die Flaschen eingeprägte Quastenflosser: ein Urfisch, der in Südtirol lebte, als das Land noch von Meer bedeckt war. Er ziert auch das Eisentor am Eingang.

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DAS ERKENNUNGSZEICHEN


DIE GESCHÖPFE DES PROMETHEUS Auf einem Etikett des Jahrgangs 2001 stellt sich Rainer Zierock als jene griechische Sagengestalt dar, die dem Mythos nach den Menschen erschuf. Der Professor betrachtete jedes Fass Wein als eines seiner Kinder.

Wein hat fünf gleiche Zacken. Die guten Dolomytos-Weine kommen diesem Ideal ziemlich nahe – auch wenn die eine oder andere Schlüsselqualität immer etwas länger ausschert. Und genau das ließ sich Zierock in seinen Parkettboden einlegen: die Verkostungsresultate seiner Lieblinge. „Diese Weine sind für mich bis heute ein absolutes Faszinosum“, sagt Stefan Weiß, als er mit Walter Schullian wieder einmal im Weinkeller von Dolomytos steht. „Sie sind ungeheuer intensiv – und sie weisen keinerlei Alterserscheinungen auf. Da sind Weißweine dabei, die zehn Jahre alt sind – die müssten anderswo längst getrunken sein, hier sind sie nach wie vor perfekt.“

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uch wenn der Verkauf nicht unbedingt in Rainer Zierocks Sinn gewesen wäre: Walter Schullian hat keine andere Wahl. Denn bald steht die Ernte an – alle Fässer aber, und auch die Regale für die abgefüllten Flaschen, sind voll. So nutzt Stefan Weiß die Gunst der Stunde, um einige der Rosinen herauszupicken – wohl wissend, dass es sich dabei auch um Rainer Zierocks Vermächtnis handelt, das auf diese Weise aber wenigstens an ein Publikum herangeführt wird, das dieses zu schätzen weiß. Denn was die Zukunft von Dolomytos anbelangt, ist Weiß skeptisch. „Auch wenn man bemüht ist, ganz in Zierocks Sinn weiterzuarbeiten: Man wird nicht darum herumkommen, wenigstens in bescheidenem Umfang Cuvées zu machen, weil sich das Gut ja wenigstens zum Teil über den Verkauf des Weins refinanzieren muss. Und es macht einen Unterschied, ob jemand regelmäßig, doch in Abständen, die Arbeit am Weinberg kontrolliert, oder ob jemand Tag und Nacht dort oben ist, exakt nach seinem Gespür arbeitet, experimentiert und für nichts anderes lebt.“ Die Zeit wird schließlich die Spuren Rainer Zierocks auf Dolomytos verwischen. Was bleibt, ist sein Wein. FÜR ALPS-LESER, die den Dolomytos-Wein probieren möchten, gibt es bei Dallmayr ein Verkostungspaket mit drei herausragenden Jahrgängen: 2001, 2004 und 2007 zum Sonderpreis von 79,90€ inkl. Versand. Zu bestellen unter Tel. +49.89.21 35-130 oder www.dallmayr.de

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KREUCHEN UND FLEUCHEN

Ehetipps vom Biber Vom immer wieder verfolgten Biber können Umweltschützer und Landschaftsarchitekten einiges lernen – vor allem aber Paare, die lebenslang miteinander glücklich sein wollen

TEXT Eva Meschede

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Als ich ein Kind war, hielt ich ihn für ein exotisches Tier. Wie Elefant, Giraffe oder Tapir muss er irgendwo in einem fernen Land zu Hause sein, dachte ich, denn ich hatte den Biber nur im Bilderbuch gesehen. Er war im gesamten Alpenraum ausgestorben. Schon 1867 wurde der letzte in Bayern erschossen. Mittlerweile ist er wieder da, wer durch die Alpen fährt, kann an Bächen, Seen oder Flüssen prächtige Biberburgen bewundern. „Er wurde wieder eingebürgert in seiner alten Heimat aus ALPS . 05 2011

Ländern wie Russland und Polen“, sagt Gerhard Schwab, Wildbiologe vom Bibermanagement Südbayern. Heute darf der Biber nur noch mit Ausnahmegenehmigung geschossen werden. Doch schon erzählen Menschen wieder Storys von gefällten alten Bäumen, gefluteten Maisfeldern, feuchten Mauern und defekten Kläranlagen. Dabei ist der Biber nicht nur einer der besten Umweltschützer, er könnte dem Menschen auch ein Vorbild beim Thema Familie und Partnerschaft sein.


Bis dass der Tod euch scheidet

Beim Biber ist das ernst gemeint. Wenn sie sich einmal gefunden haben, bleiben Bibermann und Biberfrau ein Leben lang, bis zu 15 Jahre, zusammen. „Sie führen eine monogame Ehe“, sagt Christof Angst von der Biberfachstelle Schweiz. Im Winter paaren sich die Biber Bauch an Bauch schwimmend im Wasser, drei Monate später kommen zwei bis vier 600 Gramm schwere Junge zur Welt, die bereits kleine Nagezähne haben. Sie werden zuerst im Bau gesäugt, können aber bereits nach einem Monat schwimmen und sich selbstständig um ihre vegetarische Nahrung kümmern. Kräuter und Gräser sind ihre Lieblingsspeise, im Winter auch Bäume. Weil er gerne die Baumkronen frisst, aber nicht klettern kann, fällt der Biber kurzerhand den Baum, den er ja auch noch zum Bauen gebrauchen kann.

Wandere, warte und kämpfe für deine Liebe

Bis zu drei Jahren leben die Jungen im schützenden und sorgenden Familienverband. Dann gehen die pubertierenden Biber auf Wanderschaft, um eine eigene Familie aufzubauen. Dabei gelangen sie zwangsläufig in fremde Territorien, die von den Ansässigen buchstäblich mit Haut und Haaren verteidigt werden. Die ansonsten friedliebenden Tiere werden brutal; wenn es darum geht, das Familieneigentum zu schützen, kann es auch zu tödlichen Verletzungen kommen. Findet der

Wanderbiber ein geeignetes freies Plätzchen, lässt er sich nieder, beginnt mit den Bauarbeiten. Und wartet, dass Traumfrau oder -mann vorbeikommt.

Baut fleißig zusammen am Traumschloss

Was nicht passend ist, wird passend gemacht, der Biber gestaltet seine Umwelt wie kein anderes Tier. Die Nager brauchen mindestens 60 Zentimeter Wassertiefe, damit die Eingänge zu ihren Bauten so weit unten liegen, dass die Tiere bei Gefahr abtauchen können, und im Winter davor geschützt sind, dass das Gewässer durchfriert und Eis die Eingänge verstopft. Ist das Wasser nicht tief genug, reguliert der Biber das mit einem Damm. Dieser kann bis zu mehreren Metern Höhe messen. Typische Bauwerke sind seine Wohnung in Erdbauten, Mittelbauten, Burgen, Fluchtröhren und Kanäle zum Schwimmen. Für das Menschenauge sieht diese Landschaftsarchitektur ungewohnt unordentlich aus. Doch die Biber sind Meister in umweltfreundlicher Denaturierung, wofür andern Ortes reichlich Geld ausgegeben wird. „Er schafft Lebensräume für viele Arten“, sagt Experte Schwab. Vogelarten verdoppeln sich, Forellen und andere

Fische kehren in Gewässer zurück. Der Biber war übrigens nicht, wie so viele Tierarten, wegen der Kultivierung der Landschaft ausgestorben, sondern weil er extrem gejagt wurde. Das warme Fell des bis zu einem Meter langen und dreißig Kilo schweren Tieres war ebenso begehrt wie sein Fleisch. Zumal die katholische Kirche das Säugetier wegen seines kellenförmigen Schwanzes theologisch zum Fisch erklärt hatte und freitags Biber auf den Tisch kam. Obendrein wurde das Bibergeil, ein Sekret, mit dem der Biber sein Revier markiert, als Heilmittel gehandelt.

VERLEUMDET, verjagt und als Fisch verzehrt – das alles führte zum Aussterben des Bibers. Jetzt ist er im Alpenraum wieder ansässig, aber schon beginnt aufs Neue die unfaire Jagd auf ihn.

Wenn du fremdgehst, lass dich nicht erwischen

Mit der Monogamie ist das so eine Sache, auch beim Biber. Das hat die Genforschung aufgedeckt. „Trotz lebenslanger Partnerschaft gibt es auch in Biberfamilien Kuckuckskinder“, sagt Experte Angst. Eigentlich ist der Seitensprung ein Ding der Unmöglichkeit, da die Paarungszeit im Winter liegt, also in einer Zeit, in der Biber nicht auf Wanderschaft sind und die Familien es sich im Bau gemütlich machen. Wie und wo die nachtaktiven Biber trotzdem Gelegenheit zur Untreue fi nden, bleibt ihr Geheimnis. 05 2011 . ALPS

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B ERGE VON GESCHENKEN ALPS feiert Jubiläum, unsere Leser feiern mit. Den ersten Geburtstag begehen wir mit einem Gewinnspiel, bei dem mehr als 100 wertvolle Geschenke verlost werden – als Dankeschön für ein erfolgreiches Jahr FOTO Andreas Achmann

Von links nach rechts: 2 Bettwäschesets „Alpentraum“ aus feinstem Mako-Satin von WHITE FACTORY in Weiß mit alpinen Stickereien (135x200/80x80), im Wert von 560 Euro. Wolljacken von GIESSWEIN aus Schurwolle in Braun für die Frau und in Grau für den Mann, im Wert von je ca. 225 Euro. 3 CDs „Lieble“ der österreichischen Band HOLSTUONARMUSIGBIGBANDCLUB (siehe S. 42, Voixmusik), im Wert von je 17 Euro. MALOJA Thermo Bottle und Bag Mellow Schlafsack, im Wert von 160 Euro. LEICA V-Lux 30 Digitalkamera, macht Fotos, Videos und speichert per integriertem GPS-Modul die geografischen Koordinaten, im Wert von 600 Euro. 3 Parfumflakons AURA by SWAROVSKY – LIMITED Luxury Edition N°1, Eau de Parfum (50ml) im Wert von 180 Euro. 3 x Ki-Gesichtscrème + Crème Tendre Gommage der Marke KIBIO, je eine Tagescreme + Geschichtspeeling im Wert von 40 Euro.

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Dunkelblaues Halstuch mit silbernen Stickereien und Strassapplikationen der Designerin ANINA W, im Wert von 180 Euro. Roter K-WAY Regenblouson – der Klassiker unter den Regenjacken! Im Wert von 80 Euro. 5 stilvolle Smartphone-Taschen aus Filz von ALMWILD, 100% Handarbeit, im Wert von 25 Euro. Blau-schwarzer Rockface3 DLX von MAMMUT für den Mann oder die Frau, der ideale Zustiegsschuh für Bergsportler, im Wert von 140 Euro. 3 x CLARINS Sérum Capital Lumière (50ml), hochwertiges Anti-Aging-Serum im Wert von 80 Euro. 5 Gourmetpakete mit nachhaltig produzierter Wildwurst von BERGWILD, u. a. mit Hirschsalami und -schinken, im Wert von je 59 Euro. 10 VICTORINOX Offiziersmesser Huntsman. Der Klassiker unter den Taschenmessern, im Wert von 27 Euro. Hiking-Rucksack Ascent 26 Alpindonna für Frauen von SALEWA, im Wert von 90 Euro. Rot-weißes Plaid


VIEL GLÜCK

mit floralem Muster von OLEANA aus dem Hause RADSPIELER, aus feinster Schurwolle, im Wert von 290 Euro. Yellow Boot von TIMBERLAND für die Frau und für den Mann, im Wert von je 190 Euro. KOA Damenski von FISCHER mit Bindung, im Wert von 600 Euro. 10 Ausgaben des Alpenkrimis „Josefibichl“, vom Autor Marc Ritter handsigniert, im Wert von 10 Euro. 3-teiliges Herrenset der MANUFAKTUR GRASEGGER, bestehend aus dunkelgrüner Stehkragenjoppe, Stehkragenweste und weißem Leinenpfoad, im Wert von 540 Euro. Armbanduhr Orion 33 von NOMOS GLASHÜTTE, Eleganz für jeden Tag mit weiß versilbertem Zifferblatt und Stahlboden, im Wert von 1200 Euro. 10 x original Alpen-Echo Tremolo Mundharmonikas von HOHNER, im Wert von 34 Euro. Pinkfarbener Boot von SUPERGA aus Veloursleder mit vulkanisierter Gummisohle, im Wert von 125 Euro. GPSmap 62s von GARMIN für alle Out-

door-Sportler incl. Deutschlandkarte im Wert von 500 Euro. 3 luxuriöse Halstücher von RÖCKL, aus einem edlen Gemisch von Kaschmir, Wolle und Seide mit figurativem Ornamentdruck, im Wert von 389 Euro, 229 Euro und 199 Euro. 3 Familientickets für 2 Erwachsene mit 2 Kindern für die Garmisch-Classic-Rundfahrt inkl. Besuch der Aussichtsplattform ALPSPIX der Bayerischen Zugspitzbahn, im Wert von je 56 Euro. Wintermütze von STETSON aus Schweinsleder und Hasenfell, im Wert von 100 Euro. 5 Wintervorratspackungen RICOLA Kräuterbonbons der Sorten Mixed Berry und Honig-Kräuter, bestehend aus 36 Tüten, im Wert von 54 Euro. Kette von FEINSCHMUCK mit Kuhglockenanhänger, handgefertigt aus massivem Sterlingsilber an grüner Kordel, im Wert von 180 Euro. 5 handsignierte Ausgaben des Bildbandes „Hoibat“ mit Texten im Oberallgäuer Dialekt aus dem BERGWEGVERLAG im Wert von je 39 Euro.

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2 Übernachtungen mit Verwöhn-Frühstück für 1 Person im ARLBERG HOSPIZ HOTEL, Tirol, im Wert von 500 Euro 1 Woche Aufenthalt in einem der 26 Südtiroler FAMILIENHOTELS für 2 Erwachsene und 2 Kinder: Naturpädagogisch ausgebildete Betreuerinnen sorgen für das Wohl der Kinder, während die Eltern entspannen können, im Wert von 3000 Euro

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RUBRIK 2

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RUBRIK 3

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TEXT Charlotte Seeling

DIE ECHTE Anna StainerKnittel, die Malerin, die als Vorbild für den Roman „Die Geierwally“ diente, auf einem Selbstporträt aus dem Jahr 1896. Es hängt im Museum im Grünen Haus in Reutte/Tirol.


ZEITGESCHICHTEN

EINE FRAU ZUM

DLER A STEHLEN

Hohe Berge, Schicksal, Liebesschmerz: „Die Geierwally“ ist der Inbegriff der alpenländischen Heimatschnulze. Dabei hat die Romanfigur aus dem 19. Jahrhundert ein reales Vorbild, das sich ein für damalige Verhältnisse ungewöhnlich emanzipiertes Leben erlaubte

M

TEXT Christian Rauch

it wehenden Röcken steht ein Mädchen auf einem senkrechten Felsabsatz und blickt über die Berge und Täler ihrer Ötztaler Heimat. Über ihrem braun gebrannten Gesicht mit den vollen, roten Lippen strahlen der klarblaue Himmel und die blendend weißen Gletscher. In ihrer Hand hält sie einen Hirtenstab, auf ihrer Schulter breitet ein mächtiger Geier seine Schwingen aus. Schon als Kind war das Mädchen mutiger und stärker als jeder Bursch

gewesen. Ihr Name: Wallburga Stromminger, genannt „Geierwally“. Mit vierzehn Jahren ließ man sie am Seil eine senkrechte Felswand hinab, um das Nest eines Lämmergeiers auszunehmen. Keiner aus dem Dorf hatte sich das zugetraut, doch furchtlos nahm die Wally das Küken aus dem Nest, verteidigte sich gegen den Altvogel und kehrte mit blutenden Händen und ihrer Beute am Seil zurück. Stolz war ihr gestrenger Vater, der reichste Bauer vom Dorf, der doch so auf einen Sohn gehofft hatte. 05 2011 . ALPS

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ZEITGESCHICHTEN

Doch als die Wally sich weigert, den Vinzenz vom Nachbarhof zu heiraten, zerbricht das Verhältnis zwischen Vater und Tochter. Die stolze Wally geht in die Verbannung und verbringt kalte Sommer in der unwirtlichsten Hirtenhütte knapp unter den eisigen Gletschern des Ötztals. Der Geier, den Wally einst aus dem Nest geholt und anschließend aufgezogen hatte, „Hansl“, ist mittlerweile erwachsen geworden und ihr einziger Begleiter. In ihrer Einsamkeit kann sie nur mehr an eines denken: an den Hagenbacher-Joseph, in den sie sich schon vor Jahren unsterblich verliebte. Der Joseph ist der schönste und kräftigste Bursch im Dorf. Von der Wally will er nichts wissen. Als sie vom Berg zurückkehrt, der Vater ist mittlerweile gestorben, wird Wally zur reichen Erbin, doch durch ein Missverständnis wird sie vom Joseph öffentlich verhöhnt. Im Zorn schwört sie ihm bittere Rache und Joseph wird vom eifersüchtigen Vinzenz um ein Haar umgebracht. Todesmutig lässt sich Wally an bunt zusammengeknüpften Stricken in die tiefe Schlucht hinab und rettet ihren Geliebten. Die Geierwally und der Bärenjoseph, am Ende sind sie glücklich vereint und schreiten Arm in Arm einer gemeinsamen Zukunft entgegen.

E

in typischer Heimatroman. Nicht mehr. Wäre da nicht der Erfolg der in elf Sprachen übersetzten „Geierwally“. Das Werk der Münchner Schriftstellerin Wilhelmine von Hillern (1836–1916) landete bald auf Theaterbühnen, auf dem Opernparkett und in den Filmstudios. Ob im Stummfilmzeitalter, als NS-Propagandafigur, in den heimatverliebten Fünfziger- und Sechzigerjahren unter anderem mit Barbara Rütting, ob in einer Parodie von Walter Bockmayer oder zuletzt modern durch Christine Neubauer verkörpert – sechs Filme wurden bis heute der Wallburga Stromminger gewidmet. Dabei gab es die Geierwally wirklich. Nur hieß sie nicht Wallburga, sondern Anna StainerKnittel und war auch nicht im Ötztal, sondern im Tiroler Lechtal zu Hause. In Elbigenalp wurde sie 1841 geboren und wuchs als braves Mädel auf, half beim Brotbacken, Spinnen und Stricken. Viel lieber jedoch zeichnete sie und besuchte regelmäßig den Unterricht des Lechtaler Lithografen und Heimatforschers Anton Falger. Obgleich die Mutter der Meinung war, dass „das Malen nix is für die Lechtaler Weibsleit“, überzeugte Falger die Eltern, der Begabung der Tochter nicht im Wege zu ste-

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Im Horst angekommen, packte sie das Jungtier behände, LIEBKOSTE ES und beförderte es in ihren Rucksack. Dann stieß sie einen Juchzer aus und ließ sich wieder hinaufziehen hen und sie zur weiteren Ausbildung nach München zu schicken. Ihrem berühmten Großonkel, dem Maler Joseph Anton Koch, wollte Anna es gleichtun, und der Vater zweifelte nicht an ihrer Entschlossenheit. Als Siebzehnjährige hatte sie diese ein Jahr zuvor beeindruckend unter Beweis gestellt. Der Vater hatte im benachbarten Alberschonertal, im steil aufragenden Saxerg’wänd ein brütendes Adlerpärchen entdeckt.

S

teinadler waren damals im Alpenraum noch häufig und wurden, da sie gerne junge Lämmer rissen, von Bauern und Jägern verfolgt. Als regelrechte Heldentat galt das „Ausnehmen“ eines Adlerhorstes. Dabei nahm man das Jungtier aus dem Nest, tötete es jedoch nicht, sondern verkaufte es später an Falknereien und Tiermenagerien. Da sich Adlernester jedoch meist in steilsten Felswänden befanden, geriet das Ausnehmen oft zu einer höchst gefahrvollen Aktion. Als Annas Vater keinen Burschen für den Horst im Saxerg’wänd fand, der mutig genug gewesen wäre, erklärte Anna kurzerhand, sie sei „der Mann dazu“. Am Seil ließ man sie anderntags hinab, und Anna erfüllte ihre Aufgabe. Fünf Jahre später, im Jahre 1863, wiederholte sie die Aktion. Wieder nisteten Adler im Saxerg’wänd, und wieder bot sich Anna an, den Horst auszunehmen. Auf Bitten des Reiseschriftstellers Ludwig Steub schrieb sie das Abenteuer von „Annele im Adlerhorst“ später nieder, sodass viele Details dieser zweiten Aktion erhalten sind: So tauschte Anna in der Sennhütte kurzerhand ihren Rock gegen die Hosen und Stiefel ihres Bruders, band ihr „Kopftüchel kühn hinauf“ und ließ sich schließlich in die Wand abseilen. Mit einem zweizinkigen Grießbeil stieß sie sich beim Herabgleiten immer wieder von den „schartigen wüsten Felsen“ ab, und fand zwischendurch sogar Zeit, eine prachtvolle Steinnelke aus der Wand zu pflücken. Im Horst angekommen, packte sie das Jungtier behände, liebkoste es und beförderte es in ihren

LÄMMERDIEBE Weil die im 19. Jahrhundert noch zahlreichen Steinadler den Bauern die Lämmer stahlen, wurden ihre Nester ausgehoben und die Jungtiere an Falknereien verkauft. Titelbild der Erzählung „Annele im Adlerhorst“ von 1863.


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ZEITGESCHICHTEN

Rucksack. Dann genoss sie noch eine Weile die überragende Aussicht, stieß einige Juchzer aus und ließ sich wieder hinaufziehen. Ein Jahr später, Anna war von ihrem Malstudium aus München zurückgekehrt und bewährte sich als Porträtmalerin in Elbigenalp und Innsbruck, hielt sie ihr Abenteuer auch auf der Leinwand fest. Lebensgroß, auf 174 x 123 Zentimetern, bannte sie ihren Aufenthalt im Adlerhorst in Öl. Das „Adlerbild“ blieb in ihrem Besitz und fand einige Jahre später seinen Platz im Schaufenster des Innsbrucker Gipsformers und Andenkenhändlers Engelbert Stainer, der zwischenzeitlich Annas Ehemann geworden war. Just an diesem Laden flanierte wenig später die Schriftstellerin Wilhelmine von Hillern vorbei. Sie war von dem Bildnis so beeindruckt, dass sie sich von Anna die ganze Adler- und Lebensgeschichte erzählen ließ. Für die Dichterin war sofort klar: Das ist der perfekte Stoff für einen dramatisch-schönen Heimatroman! Aus dem Lechtal machte sie das touristisch bekanntere Ötztal, aus dem Adler wurde ein noch größerer Geier und die verzweifelte Liebe der emanzipierten Wally zum Bärenjoseph wob sie zu einer Geschichte aus Sehnsucht, Intrige und Happy End.

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iel hatte die „Geierwally“ mit Anna Stainer-Knittel am Ende nicht mehr gemein, doch in einem liegt der Roman ziemlich richtig: im unbeugsamen Stolz der Lechtalerin, die sie zu einer Vorkämpferin weiblicher Selbstbestimmung machte – in einem abgelegenen, streng katholisch und bäuerlich geprägten Bergdorf des 19. Jahrhunderts. Als Anna sich nämlich in Innsbruck in Engelbert Knittel verliebte, riskierte sie – wie die fiktive Wally – den endgültigen Bruch mit ihren Eltern: Die sehen in dem anfangs verschuldeten Ladenbesitzer, der überdies noch für ein uneheliches Kind zahlen muss, keinen adäquaten Ehemann für ihre Tochter. Annas Vater möchte gar eine Liaison mit einem reichen Burschen im Dorf herstellen und droht der Tochter, sie aus dem Haus zu jagen, sollte sie den von ihm favorisierten Schwiegersohn nicht heiraten. Doch Anna Knittel lässt sich nicht verjagen, sie verlässt umgehend das Elternhaus und fährt zu ihrem Geliebten. Der empfängt sie mit einem Frühstück in der mit Blumenstöckln verzierten

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Aus dem Lechtal machte die Dichterin das touristisch bekanntere ÖTZTAL, aus dem Adler einen größeren Geier, und die verzweifelte Liebe der emanzipierten Heldin wob sie zum HAPPY END Stube. „Welch ein Glück, und doch wieder das bitterste Weh“, schreibt Anna später, denn ein Brief des Vaters rät der „bößen, ungerathenen Tochter“ nach Hause zurückzukehren – andernfalls würde sie enterbt. Aber Anna kriecht nicht „zu Kreiz“, wie ihr die Mutter empfiehlt, und trifft Hochzeitsvorbereitungen mit ihrem Engelbert. Und da geschieht das Wunder: Nach einem weiteren bitteren Streit gibt der Vater seinen Widerstand endlich auf. Anna und Engelbert gründen eine Familie, bekommen vier Kinder und bestreiten beide erfolgreich ihren Beruf und gemeinsam ihren Lebensunterhalt – für die damalige Zeit eine Ausnahme. Als 1871 Kaiser Franz Joseph I. Innsbruck besucht, wird Anna Stainer-Knittel beauftragt, für den Empfang ein lebensgroßes Porträt zu malen. Dem Kaiser gefällt sein Bildnis gut, und als er fragt, ob Anna denn öfters male, entgegnet die, mit völlig unzeitgemäßem Kurzhaarschnitt: „Jawohl Majestät, denn Malen ist mein Beruf!“ INFORMATIONEN Wie die Geierwally sonst noch verfilmt, vertont und zu Romanen verarbeitet wurde, erfahren Sie im Notizbuch auf S. 125

DIE SCHÖPFERIN Wilhelmine von Hillern schrieb die Lebensgeschichte der Anna Stainer-Knittel alias Geierwally 1875 auf. Bis heute wird der Roman immer wieder aufgelegt und neu verfilmt. Motiv aus der Zeitschrift „Die Gartenlaube“.


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Fotos: Antony Gormley, Horizon Field, August 2010 – April 2012, © Antony Gormley und Kunsthaus Bregenz (1); Simon Toplak (1); Hans Wiesenhofer (2)

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ie Luft wird immer klarer. Im Grün der Nadelwälder leuchten die goldgelben Tupfen der Lärchen. Nebel ziehen durchs Tal. Doch wenn sie sich gelichtet haben, ist der Blick wegen der im Herbst besonders guten Fernsicht atemberaubend. Das Kleinwalsertal ist zu jeder Jahreszeit eine Reise wert – im Herbst aber präsentiert es sich gerade für Wanderer und Genießer von seiner schönsten Seite. 185 Kilometer Wanderwege im Haupttal und in den romantischen Seitentälern warten darauf, erkundet zu werden – für jeden Geschmack ist etwas dabei: leichte Spazier- und Rundwanderwege mit schönen Ausblicken, Panoramawege, die über Bergbahnen und Sessellifte gut zu erreichen sind. Oder längere Touren, die zwar nicht übermäßig schwierig sind, aber Kondition erfordern – dafür aber zu den eindrucksvollsten Punkten der Region führen. Bei einer ALPS . 05 2011

von ihnen kann man nicht nur die spektakuläre Landschaft bewundern, sondern auch Kunst hautnah erleben. Auf dem Weg zum Widderstein, dem höchsten Berg des Kleinwalsertals, hat der britische Künstler Antony Gormley einige Figuren seiner 150 Quadratkilometer umspannenden Installation „Horizon Field“ aufgestellt. Schweigend blicken die Eisen-Giganten in die Ferne – zum Staunen, aber auch zum Vergnügen der Vorübergehenden, die die Metallmänner schon mal mit Hüten und Jacken dekorieren. Dieser Herbst ist eine der letzten Gelegenheiten, das Kunstprojekt zu erleben: Im


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Die schönste Zeit im Kleinwalsertal April 2012 werden die Figuren abgebaut. Ein weiterer schöner wie bizarrer Höhepunkt ist das Gottesacker-Plateau unterhalb des Hohen Ifen. Der Sage nach soll das zerklüftete KalkfelsenFeld aus einer blühenden Alpe entstanden sein. Ein Bettler habe

dort um eine Gabe gebeten und die Alpe verflucht, als er abgewiesen wurde. Kaum dass er zu Ende gesprochen hatte, so will es die Sage, zerriss ein Erdbeben den festen Grund, und Sturm und Regen rissen Wälder und Erdreich mit sich fort … Zum Glück für alle Besucher sind die heutigen Walser nicht so abweisend wie die Älpler der Sage. Im Gegenteil: Gastfreundschaft wird großgeschrieben, und auf die Köstlichkeiten, die die eigene Heimat bereithält, sind Bauern und Wirte gleichermaßen stolz. In den vielen Hütten, aber auch in den Restaurants im Tal, gibt es Spezialitäten, die aus Milch und Fleisch aus dem Tal zubereitet sind, oder mit den unzähligen Kräutern, die hier wachsen. Auf dem wöchentlichen Bauernmarkt oder direkt bei den Erzeugern und Landwirten kann man solche Produkte auch kaufen – als sinnliche Erinnerung an einen herbstlichen Traumurlaub.

ATEMBERAUBENDE AUSSICHTEN bietet das Kleinwalsertal im Herbst (v. l. oben im Uhrzeigersinn): Gottesackerplateau, Widderstein, herbstliches Bergpanorama, Horizon Fields, Obere Walmendinger Alpe. Weitere Informationen: Tel. +43/55 17/51 14-0, www.kleinwalsertal.com.

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UNTERWEGS

WIE LANGE NOCH? Mehr Eis als an jedem anderen Ort der Alpen liegt im Talkessel, der zum Schweizer Jungfraujoch aufsteigt: Der Aletschgletscher ist 23 Kilometer lang und bis zu 900 Meter dick.

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GLETSCHER DÄMMERUNG

Die Horrormeldungen zum Klimawandel nehmen kein Ende. In der Antarktis schmilzt das Eis bedrohlich schnell und in den Alpen verschwinden die Gletscher. Bei seiner Alpenquerung von Chamonix nach Bozen machte sich unser Autor auf die Suche nach den Resten dessen, was früher einmal „Ewiges Eis“ hieß


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TEXT UND FOTOS Gerhard Fitzthum

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chon seltsam bei hochsommerlichen Temperaturen auf einen fast tausend Meter dicken Eispanzer hinunterzuschauen, und das mitten in Europa! Um diese bizarre Aussicht zu genießen, genügt eine kurze Seilbahnfahrt vom Oberwalliser Feriendorf Fiesch aufs 2927 Meter hohe Eggishorn. Obwohl dieses ein 360-Grad-Panorama bietet, schaut man doch vor allem nach Nordwesten, in den zum Jungfraujoch aufsteigenden Talkessel, in dem mehr Eis liegt als an jedem anderen Ort der Alpen – der Aletschgletscher. Vor 15.000 Jahren, während der letzten Eiszeit, schauten sogar nur die Spitzen der Viertausender heraus, sagt unser Bergführer Uberto Piloni. Die Gneispyramide des Eggishorns wäre dann nur eine Spitze unter dem Eisberg gewesen. Noch kurioser ist eine zweite Geschichte, die uns der erfahrene Mittvierziger erzählt. Sie handelt von einer Art hochalpiner Flaschenpost – einer Schatulle aus Messing, die irgendwo dort unten, tief im Innern des Eises liegt. Ein Bergführer-Witz? Mitnichten: Als man die Jungfrau-Aletsch-Region vor zehn Jahren zum Weltnaturerbe erklärte, wurde das Behältnis medienwirksam in eine Gletscherspalte geworfen. Es enthält eine Kopie des Schutzvertrags, den die beteiligten Walliser und Berner Gemeinden miteinander ausgehandelt hatten. Der Sinn dieser ungeALPS . 05 2011

wöhnlichen Botschaft? Unsere Nachfahren sollen einmal nachlesen können, wie man zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Natur retten wollte. Was mit so viel Euphorie begann, könnte freilich als Blamage enden. Denn womöglich taucht das Dokument schon Ende dieses Jahrhunderts wieder auf. Dann nämlich, wenn der größte Gletscher der Alpen zu einem kleinen Häufchen zusammengeschmolzen ist – als Folge der vom Menschen verursachten Klimaerwärmung. Dass dieser unheilvolle Prozess längst begonnen hat, steht für Laudo Albrecht außer Frage. Der Leiter des Walliser Pro Natura Zentrums hat auf dem Gletscherrücken eine Messstelle einrichten lassen. „Allein in diesem Sommer hat hier das Eis sieben Meter an Dicke verloren“, sagt er mit einer Eindringlichkeit, die einem noch lange im Ohr nachklingt. Zwar habe es Gletscherrückgänge im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder gegeben, aber keiner hätte sich mit so besorgniserregender Geschwindigkeit vollzogen. Dass Handlungsbedarf besteht, scheinen auch die Kantonspolitiker begriffen zu haben. Herbert Volken, der in Fiesch lebende Regionalpräfekt des Obergoms, fuhr in dieser Sache letztes Jahr eigens zu Papst Benedikt. Mitte des 19. Jahrhunderts, in der sogenannten Kleinen Eiszeit, hatten sich die Bewohner der Gemeinde vom vorstoßenden Gletscher bedroht gefühlt und ein Gelübde abgelegt. Sie versprachen, einmal im Jahr an einer Bittprozession


zur Kapelle Maria hilf teilzunehmen, wenn nur das Dorf vom Eis verschont bliebe. Herbert Volken versicherte dem Papst nun, dass man die Prozession weiterhin durchführen würde, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen – fürbittend, dass die wichtigsten Wasserspeicher des Tals doch weniger schnell abschmelzen mögen.

T

rotz der düsteren Aussichten, mit denen wir auf unserer Tour konfrontiert werden, sind wir keine Katastrophentouristen. Vielmehr nehmen wir an einer „umweltpolitischen Alpenreise“ teil, die das Ständige Sekretariat der Alpenkonvention in Innsbruck ausgeschrieben hat. Das gleichnamige Vertragswerk wurde bereits 1991 von den acht Alpenstaaten gemeinsam mit der EU beschlossen. Es verpflichtet alle Beteiligten zum Umsteuern auf eine nachhaltige Entwicklung, die die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der Bergbevölkerung berücksichtigt, ohne den Natur- und Landschaftsschutz zu vergessen. Leider lassen sich die Politiker mit der Umsetzung der Einzelprotokolle viel Zeit. Um den öffentlichen Druck zu erhöhen, kam Projektleiterin Marcella Morandini (vgl. Interview S. 90) auf die Idee, unter dem medienwirksamen Namen „SuperAlp!“ Alpenüberquerungen für Journalisten mit jeweils wechselnden Themenschwerpunkten durchzuführen – und das unter

ausschließlicher Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln. Schließlich ist der überbordende Autoverkehr eines der gravierendsten Probleme des Alpenraums. Statt bloß mit Argumenten zu überzeugen, will sie die Teilnehmer am eigenen Leibe erfahren lassen, wie spannend es sein kann, das europäische Hochgebirge mit nachhaltigen Verkehrsmitteln zu bereisen – mit Bahn, Bus, Boot, Seilbahn oder per Rad und zu Fuß. Nicht umsonst gilt die Schweiz als Schlaraffenland der sanften Mobilität. Von unserem Ausgangspunkt im französischen Chamonix ging es mit dem spektakulären Mont-Blanc-Express nach Martigny im Schweizer Kanton Wallis und weiter nach Zermatt. Dort stiegen wir am nächsten Morgen in das rote Züglein der Matterhorn-Gotthard-Bahn, das uns nach Fiesch brachte. Pünktlich, komfortabel, die Schaffner freundlich und hilfsbereit. Bei dieser fünften Auflage der „SuperAlp!“ sind wir aber vor allem zu Fuß unterwegs – ein Dutzend Medienvertreter aus aller Welt, begleitet von zwei Bergführern und Mitarbeitern der Alpenkonvention. Unterwegs erhalten wir nicht nur umfassende Informationen über Bedeutung und Zustand der Gletscher, sondern lernen sie auch hautnah kennen. Jeder Teilnehmer hatte neben Bergerfahrung und Kondition auch Steigeisen, Pickel und Hüftgurt mitzubringen. Der durchschnittliche Gletscherbesucher braucht diese Ausrüstung nicht. Er schaut sich das

ENDZEITSTIMMUNG

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Sieben Meter an Dicke hat der Aletschgletscher allein in diesem Sommer verloren. Wenn es so weitergeht, bleibt am Ende des Jahrhunderts nur ein kleines Eishäuflein. Die Teilnehmer der SuperAlp!-Tour begutachten den Rückgang (oben).


RUBRIK ALPEN

GLETSCHERRESTE Von l. o. im Uhrzeigersinn: am Aletschgletscher; mit Schmelz wasser gefüllte Gletscherspalte; auf dem Weg zum Similaun, rechts die Endmoränen des einstigen Gletschers; Gletschersee zwischen Pers- und Morteratschgletscher; nackter Fels am Similaun; Ende des Persgletschers; mit dem Führer über eine Gletscherspalte; Blick auf die Reste des Persgletschers; Gletscherflöhe; Abstieg zum Morteratschgletscher; beide Bilder Mitte: kurz vor der Similaunhütte.


Das Alpenvolk vom Val Grande ist untergegangen wie einst die Maya Das Schmelzwasser in Südamerika sammelt sich in unterirdischen Seen, die ausbrechen und ÜBERSCHWEMMUNGEN verursachen können


UNTERWEGS

Am altehrwürdigen Niederjochferner liegt nicht einmal mehr GENUG EIS, um eine Gletscherleiche zu bedecken Eis aus sicherer Entfernung an. Im Montblanc-Massiv traversierten wir den Glacier du Géant direkt unter der Gondelbahn, die von der Aiguille du Midi zur Pointe Helbronner hinüberschwebt – beobachtet und fotografiert von japanischen Turnschuhtouristen, die sich überall dort einfinden, wo man von technischen Aufstiegshilfen in spektakuläre Aussichtspositionen getragen wird. Auch am Zermatter Theodulgletscher hätten wir uns die Sache einfach machen können – wenn wir uns eine Tageskarte für das Sommerskigebiet gekauft hätten. Der vom Breithorn herunterfließende Eisstrom sieht aus, als würde er von den Liftkabeln zusammengehalten, mit denen er erschlossen ist. Von Gletscherspalten keine Spur. Sie werden jedes Jahr aufs Neue von der Bergbahngesellschaft zuplaniert. Wir beobachteten einen Bagger, der Eis vom Gletscher losfräste, um es auf die bereitstehenden Pistenraupen zu verladen. Die schaffen es dann dorthin, wo es der modernen Sport- und Spaßgesellschaft am nützlichsten ist.

NACH SÜDTIROL Der Similaun war vom Ötztal her gesehen vor wenigen Jahren noch eine spitze weiße Pyramide. Jetzt schauen überall die kahlen Nordhänge heraus (rechte Seite). Fünf Gletscher in zehn Tagen: die Strecke des SuperAlp!5“ (unten).

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n Fiesch steigen wir in den langsamsten Schnellzug der Welt, den legendären Glacier Express. Fünf Stunden braucht die Schmalspurbahn von hier ins Oberengadin – durch grüne Täler, wilde Schluchten und über hohe Pässe. Ihrem Namen macht sie allerdings kaum noch Ehre: Um irgendwo noch einen Gletscherrest zu entdecken, muss man sich weit aus dem Fenster lehnen. Im Oberengadin soll der MorteratschGletscher begangen werden, der einstmals bis in die Hochebene von Pontresina hinunterzüngelte. Heute indes muss man von der Bergstation der Diavolezza Hunderte von Höhenmetern absteigen, um aufs Eis zu kommen. Konnte man sich an Aletsch, Glacier du Géant und Theodulgletscher noch damit beruhigen, dass man den Jahrmillionen alten Eisströmen ihre Agonie noch nicht unmittelbar ansieht, so ist die Katastrophe hier offensichtlich. Denn auf 2500 Metern liegt kein Schnee mehr, der die Abschmelzprozesse gnädig verdecken könnte. Die schmutzig graue Oberfläche des Pers-Gletschers schmatzt unter den Schritten. Schlimmer noch: Alle paar Meter fließt ein Bächlein herab. Manch eines ist bereits so groß, dass man nach Engstellen suchen muss, an denen man trockenen Fußes auf die andere Seite kommt. Viele Rinnsale ALPS . 05 2011

verschwinden plötzlich in einem Loch oder einem Riss in die Tiefe. „Dort unten sammelt sich das Wasser zu unterirdischen Seen, die irgendwann ausbrechen und für Überschwemmungen sorgen können“, sagt unser Bergführer Uberto. „Molto grave“ findet er das – sehr schlimm. Kein Zweifel, dass er recht hat. Die Gletscherspalten sind dagegen keine ernste Gefahr: Weil kalte Luft aus ihnen aufsteigt, haben sich an ihrem oberen Rand noch Schneereste erhalten – weiße Warnstreifen im tristen grau in grau des Gletschers. Beim Verlassen der Eisfläche betritt man wieder den Aktionsraum der Japaner. Von der Bahnstation Morteratsch kommen sie heraufgepilgert, stellen einen Fuß auf das Gletscherende und lassen sich mit lachendem Gesicht fotografieren. Sie müssen jedes Jahr weiter laufen, wie den Infotafeln am Wegrand zu entnehmen ist. Vertraut man den hier notierten Zahlen und Daten, so hat sich das Eis allein im letzten Jahr um 200 Meter zurückgezogen. Das ist genauso viel wie in der gesamten Zeitspanne zwischen 1900 und 1920. Der letzte Tag beginnt mit einer Überraschung: Fünf Minuten vor dem Abmarsch zur Similaunhütte heißt es plötzlich, dass wir Steigeisen und Hüftgurt wieder wegpacken können. Unser gerade verabschiedetes Führerduo hatte nicht gewusst, dass man für den historischen Übergang vom Tiroler Ötztal nach Südtirol keine technischen Hilfsmittel mehr braucht. Zum Glück haben wir mit Luis Pirpamer, dem Seniorchef unseres Hotels in Vent, einen erfahrenen einheimischen Guide. Er ist Ehrenpräsident des internationalen Bergführerverbands, war Hunderte Male auf den Gletschern seines Heimattals und hat Ötzi höchstpersönlich aus dem Eis gegraben. Mittlerweile 78 Jahre alt (und doch schneller als wir alle) ist er der ideale Zeitzeuge. Als Neunjähriger war er erstmals mit seiner Mutter über den Niederjochpass ins Schnalstal hinübergegangen. Mit Wehmut zeigt er uns die Stelle, an der man damals bereits Eis unter den Füßen hatte. Wir wollen es kaum glauben. Die Similaunhütte ist schon zum Greifen nahe, als wir endlich den Gletscher erreichen. Gerade mal 200 Meter breit und ebenso lang, lässt er an eine ins Gebirge verwehte Düne denken, über die ein Ascheregen niedergegangen ist. Gestern Abend hatten wir noch gescherzt, dass wir beim Aufstieg einen zweiten Ötzi finden würden. Was für ein Blödsinn das war, sehen wir aber erst jetzt: Am altehrwürdigen Niederjochferner liegt nicht einmal mehr genug Eis, um eine Gletscherleiche zu bedecken. INFORMATIONEN Mehr zu Gletschertouren und -ausrüstung im Notizbuch ab S. 126


02 2010 . ALPS

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VISION

„Schafft endlich die Grenzen ab!“ Mehr Verständnis für die speziellen Anliegen der Alpenregion wünscht sich Marcella Morandini von den nationalen Regierungen. Sie arbeitet für das Ständige Sekretariat der Alpenkonvention mit Hauptsitz in Innsbruck INTERVIEW Monika Held

Acht Alpenländer und die EU stehen hinter der sogenannten Alpenkonvention, einem völkerrechtlichen Vertrag über den umfassenden Schutz und die nachhaltige Entwicklung der Alpen. Die Italienerin Marcella Morandini, 33, gehört als Fachreferentin zu dem Team, das die Umsetzung der Konvention begleitet. Teil ihrer Aufgaben ist die Organisation medienwirksamer Gletscherbegehungen (vgl. „Gletscherdämmerung“, S. 82), die die Probleme der Alpen einer breiteren Öffentlichkeit vor Augen führen sollen. Wir fragten die Alpenexpertin nach ihrer ganz persönlichen Prognose. Sie haben 2011 den renommierten italienischen Bergbuchpreis „Premio itas“ erhalten. Worum geht es in ihrem Buch? Ich konzentriere mich darin auf Italien, weil ich mich dort am besten auskenne – aber generell gilt das, was meine Vision ist, für alle Alpenländer. Die italienischen Alpen haben unglaubliche Probleme mit der Entvölkerung der Bergregionen. Die Leute gehen weg. In den kleinen Dörfern wohnen nur noch Alte. Kann man diese Dörfer retten – oder sollte man sie einfach aussterben lassen? Natürlich soll man sie retten. Man muss sie retten! Nicht nur aus kulturellen oder

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historischen oder romantischen Gründen – wenn die Bevölkerung die Kulturlandschaft Alpen nicht mehr pflegt, dann verkommt alles, dann rauschen die Lawinen direkt in die Täler. Die Rettung der Dörfer ist eine Investition in die Zukunft. Kulturlandschaften sind von Menschen gemacht worden. Sie sind seit Jahrtausenden gehegt und verändert worden. So eine Landschaft geht kaputt, wenn sie nicht gepflegt wird. Und ist für den Tourismus verloren? Auch das. Was wir als Touristen lieben, ist nicht die wilde Ursprungslandschaft. Was wir lieben, ist die von Menschen kultivierte Landschaft. Die Formel ist ganz einfach: Ohne Berglerwirtschaft gibt es keine Kulturlandschaft und ohne Kulturlandschaft keinen Tourismus. Und der Wohlstand der Menschen in der Alpenregion hängt vom Tourismus ab ... Ich sehe das genau anders herum. Es sind die Bauern, die die Landschaft pflegen. Weil sie das tun, können sie mit dem Tourismus Geld verdienen. Es ist eine Kette, die nur funktioniert, wenn man sie begreift. Wenn Sie alles, was Sie in den Alpenregionen lieben, nicht mehr vorfinden, dann kommen Sie auch nicht mehr, oder? Dann ist es besser, Sie fliegen nach Dubai.

In den italienischen Alpen scheinen die Probleme besonders groß zu sein. Warum? Ein Beispiel: Innerhalb von sechs Jahren hat das sogenannte Mittelberggebiet in der Provinz Belluno siebenundzwanzig Prozent der Bevölkerung verloren. Siebenundzwanzig Prozent! Das ist weder in der Provinz Südtirol noch im Trentino passiert – warum in Belluno? Weil die Provinz zur Region Veneto gehört. Venedig macht die Politik für Belluno, während Südtirol und Trentino autonom sind. Sie sind hundertprozentige Berggebiete und machen Gesetze und Politik für sich selber, für ihre eigenen Interessen. Das Geheimnis des Erfolgs ist also die Autonomie?


„MACHT ES WIE DIE SCHMUGGLER UND DIE SCHAFE!“,

Unbedingt. Wenn die Politik sich nicht für die Berggebiete interessiert, dann gibt es auch keine Investitionen. Und wenn es keine Investitionen gibt, haben die jungen Leute keine Möglichkeit, dortzubleiben. Sie können nichts lernen. Es gibt keine Schulen, sie finden keine Arbeit. Sie gehen weg. Die Menschen, die bleiben, sind alt. Und so schließt sich der Kreis, weil es dann wirtschaftlich erst recht nicht mehr interessant ist, dort zu investieren. Ergebnis: keine Schule, keine Post, keine Bank, keine Läden. In zwanzig Jahren lebt dort keiner mehr, das Dorf ist tot. Es gibt bei uns in Italien die Redewendung ,La montagna frana a valle‘. Das heißt: Die Berge rutschen ins

Tal. Zuerst gehen die Menschen weil sie keine Perspektive mehr haben und dann verabschieden sich die Berge, weil sie nicht mehr gepflegt werden. Gibt es Gebiete, wo vernünftig für die Bergwelt gearbeitet wird? Gut machen sie es wie gesagt in Südtirol und im Trentino. Weil dort, wo die Entscheidungen getroffen werden, auch die Provinzhauptstadt liegt. Alles, was in Bozen entschieden wird, alles, was in Trient entschieden wird, fördert die Berggebiete. Es gibt nicht wie im Veneto die Flachlandwirtschaft und die Berglandwirtschaft – es gibt nur die Berglandwirtschaft. Man denkt und plant für die Berge. Und man kann handeln, weil man autonom entscheiden darf.

Das klingt logisch. Ist es auch, man muss es nur machen. Man muss den Regionen Autonomie geben. Die Berge sind ein Mehrwert, sie produzieren Reichtum. Sie haben selber die Kraft, sich am Leben zu halten. Das braucht Zeit und Geduld. Die Hänge sind steil. In den Bergen geht nicht alles. Aber wenn wir immer nur sagen: Unsere Berggebiete sind arm, sie sind marginal, sie sind behindert, weil sie so steil sind, dann geben wir sie auf. Mit ein bisschen Geld aus der fernen Hauptstadt ist den Bergen nicht geholfen. Was kann sie dann retten? Eine Entwicklung, die sich den Problemen anpasst. Die nicht von oben aufgedrückt 05 2011 . ALPS

rät Marcella Morandini, der es bei ihren Alpenwanderungen egal ist, ob sie sich gerade auf einer Schweizer oder einer österreichischen Bergwiese ausruht. Morandini ist Italienerin und stammt aus dem Fleimstal (italienisch Val di Fiemme) in den Dolomiten. Sie hat Geografie und Literaturwissenschaft an der Universität Verona studiert und Geoinformatik an der Uni Salzburg.

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VISION

PREISWÜRDIG Für ihr Buch über die Probleme italienischer Alpendörfer hat Marcella Morandini 2011 den renommierten italienischen Bergbuchpreis „Premio ITAS“ erhalten. (Marcella Morandini, Sergio Reolon: „Alpi regione d’Europa – Da area geografica a sistema politico“).

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wird, sondern von den Menschen vor Ort ausgeht. Ich will nicht sagen, dass die Bösen in der Ebene wohnen und die Guten in den Bergen – ich will nur sagen, dass sich beide Landschaften voneinander unterscheiden und verschiedene Bedürfnisse haben. Punkt. Ohne Autonomie lassen sie sich nicht adäquat befriedigen. Wie wollen Sie die nötigen Veränderungen erreichen? Mit einer Vision und viel Wissen. Wir müssen die Alpen als Ganzes sehen, als eine Region, in der zwar vierzehn Millionen Menschen in acht verschiedenen Ländern leben, aber doch in einer Region: Sie leben in und mit den Alpen. Der italienische Autor Mario Rigoni Stern hat einmal gesagt: Es gibt eine Gruppe von Menschen, für die die Grenzen nie ein Problem waren, die die Alpen schon immer als Ganzes gesehen haben – das waren die Schmuggler. Wir brauchen also ein bisschen Schmugglermentalität? (Lacht) Nein, das nicht. Aber auch die Schafe gehen über die Grenzen, ohne sich um sie zu kümmern. Für sie sind die Alpen ein Gebiet. So sollte es auch für uns sein. Bedenken Sie, dass die Alpen im Mittelalter die reichste Gegend Europas waren! Die Nationalstaaten haben ein Gebiet, das zusammengehört, zerstückelt, die Politik hat es geteilt. Worin bestand der Reichtum der ganzheitlichen Alpenregion? Die Alpen liegen im Herzen Europas. Sie sind und waren durch die Verkehrsflüsse miteinander verbunden. Der Verkehr im Mittelalter war langsam, man konnte nicht über die Alpen rasen, sie auch nicht einfach überfliegen – man musste anhalten, übernachten, die ALPS . 05 2011

„Im Mittelalter waren die Alpen DIE REICHSTE REGION EUROPAS. Die Nationalstaaten haben ein Gebiet zerstückelt, das zusammengehört“ Pferde wechseln, essen, trinken, Vorräte aufnehmen. Fremdenverkehr und Wirtschaftsaustausch waren der Reichtum der Alpen – auch im kulturellen Sinne. Soll heißen? Die Menschen in den Bergen haben der Republik Venedig gesagt: Wir wollen kein Geld von Euch, wir wollen Kultur. So konnten im siebzehnten Jahrhundert jedes Jahr drei junge Leute aus einem kleinen Dorf der Lombardei in Venedig studieren. Anschließend sind sie zurückgekommen und haben in ihre Region Kultur gebracht. Was für eine wunderbare Idee! Zu Ihrer Vision von Autonomie gehört auch Geld. Natürlich. Zum Beispiel macht die Region Belluno zwanzig Prozent der Region Veneziens aus – stellt aber nur 4,7 Prozent der Bevölkerung. Deshalb bekommt Belluno von Venezien nur 4,7 Prozent des gesamten Budgets. Das ist nicht gerecht, weil sie mit diesem Budget zwanzig Prozent des Landes mit der gesamten Infrastruktur pflegen müssen. Was muss geschehen, damit eine andere Politik möglich wird? Noch einmal: Autonomie ist das Schlüsselwort. Die Bergregionen müssen wieder für sich selber entscheiden können, was für sie wichtig ist. Die Alpenkonvention arbeitet seit über zehn Jahren daran, dass die Alpen als Ganzes gesehen werden. Wir verfügen über alle für eine vernünftige Entwicklung notwendigen Instrumente. Man muss das Rad nicht neu erfinden, es ist schon alles da. Wir

müssen die Alpen aber anders schützen als bisher, nicht so als wären sie nur ein Naturpark. Wer hindert Sie daran, das durchzusetzen? Die Politik. Sie ist an den Berggebieten nicht sehr interessiert. Nicht einmal aus böser Absicht – nur versteht sie nicht, was Berge sind. Das erstaunt mich immer wieder. Die größte Schwierigkeit ist, dass die Entscheidungsträger glauben, sie kennen die Berge, weil sie in Cortina Ski gelaufen sind. Aber sie sind nicht dort aufgewachsen. Sie wissen nicht, was es heißt, morgens um fünf Uhr aufstehen zu müssen, um in eine weit entfernte Schule zu fahren. Sie bräuchten eine spezielle Weiterbildung, zum Beispiel an einer Universität, die sich nur dieser Thematik widmet. Was macht Ihnen Hoffnung? Die jungen Leute im Alpenraum. Sie finden keine Arbeit und erfinden deshalb neue Jobs für die Berggebiete. Und sie verbinden Tradition und Innovation. Sie nutzen die Möglichkeiten des Internets. Sie verrichten die traditionelle Arbeit auf moderne Weise. Was wir brauchen, ist die systematische Entwicklung der Bergregionen. Sonst bleiben nur Flecken, die nicht miteinander verbunden sind. Das ist zu wenig. Die jungen Leute sollten also im Dorf bleiben? Nein! Alle müssen weggehen, um sich als Menschen zu entwickeln. Wanderjahre sind notwendig. Aber danach ist es schön, zurückzukommen und mit dem neuen Wissen die Gemeinden weiter zu entwickeln. Wenn die jungen Leute


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in den Städten keine Arbeit finden, haben sie hier eine Chance. Um zum Beispiel was zu tun? Die Gemeinden brauchen Ingenieure, Architekten, Lehrer. Die Alpen brauchen Historiker, Schriftsteller, Buchhändler, Ärzte, Maler – wichtig ist die Verbindung mit der Region. Niemand möchte heute noch so hart arbeiten wie Eltern und Großeltern. Natürlich nicht. Die Zukunft ist natürlich modern. Es gibt neue Formen der Landwirtschaft, die müssen wir erfinden und zielstrebig ausbauen. Wir dürfen uns von der modernen Technik nicht erschlagen lassen, wir müssen sie benutzen. Andernfalls? Dazu ein Beispiel aus der Heimat meines Mannes. Er stammt aus der Provinz Belluno. Dort liegt das kleine Dorf Cencenighe. Bis in die 1960erJahre haben dort noch fast hundert Menschen gewohnt. Heute sind der Onkel und die Tante meines Mannes die einzigen Bewohner. Wir haben uns von ihnen den Schlüssel für das Haus geben lassen, in dem der Vater meines Mannes geboren wurde. Als wir es aufschlossen, war der Schreck groß: Die Betten waren gemacht, die Kleider hingen im Schrank, die Töpfe standen auf dem Herd ... als wären die Menschen völlig unvorbereitet vor einer Katastrophe geflohen. Auf dem Tisch lag noch eine vergilbte Zeitung. Sie sind fortgegangen und haben alles stehen und liegen lassen, weil ihr Leben dort zu Ende war. Die anderen Häuser dort werden höchstens noch am Wochenende von Leuten aus der Stadt bewohnt, aber die Landschaft verwildert. Wenn das so weitergeht, wird der Schriftsteller Mario Rigoni Stern recht behalten. Er hat prophezeit: Wenn der letzte Einwohner die Berge verlassen hat, werden die Brennesseln bis auf den Markusplatz nach Venedig hinunterwachsen. INFORMATIONEN über die Alpenkonvention unter www.alpconv.org

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n Gröden ragen die mächtigen Felsen wie Türme aus den Tiefen empor; die Luft kristallklar, die Gipfel von Langkofel, Plattkofel, Sella und der Puez-Geisler-Gruppe wie zum Greifen nahe, auf den Almwiesen duftende Bergkräuter und in den drei Hauptorten St. Ulrich, St. Christina und Wolkenstein ein farbenfrohes AktivWochenprogramm – so bunt wie die Herbstfarben. Genau richtig also, um gemeinsam mit der Familie noch einmal Bergluft und milde Sonnenstrahlen zu tanken, inmitten des UNESCO-Weltnaturerbes Dolomiten. Noch bis zum 9. Oktober sind die komfortablen Aufstiegsanlagen in Betrieb. Gemütliche Wanderwege haben ohne große Höhenunterschiede zahlreiche Aussichtspunkte mit Panoramablick zum Ziel. In den Almhütten verführen grödner Spezialitäten zum Naschen und Schlemmen vor der atemberaubenden Bergkulisse. Schon der Anblick der bizarren Felswände nährt die Lust auf vertikale Abenteuer. Schnupperkurse im Klettern machen fit für die Begegnung face-to-face. Gröden ist ein Naturparadies – auch für Kinder. Sagenwege und Naturerlebnispfade führen zu den geheimnisvollen Schauplätzen der Dolomitensagen. Nicht selten zählen versteinerte Muscheln und silber-schimmernde Steinchen zur streng gehüteten Beute aus dem Reich der „bleichen Berge“. Märchenhafte Erlebnisse bietet Gröden auch im Winter, wenn ein weißes Glitzerkleid das Tal überzieht und die romantische Atmosphäre der Vorweihnachtszeit Einzug hält. Nicht nur durchtrainierte Skiprofis fühlen sich wohl auf den hervorragend präparierten Pisten. 2010 wurde Gröden auch als Top-Skigebiet für Familien, Anfänger und Fortgeschrittene ausgezeichnet (skigebiete-test.de), mit Kinderparks und Anfängerliften sowie rund 500 Pistenkilometern aller Schwierigkeitsgrade. Feriental Gröden | Tel. +39 0471 777 777 | www.valgardena.it Valgardena Card: noch bis zum 9.10.2011 mit der preisgünstigen Mobilitätskarte zwölf Aufstiegsanlagen und alle Grödner Linienbusse beliebig oft benutzen. Val Gardena Activ mit Kinderprogramm: Buntes Wochenprogramm noch bis zum 9.10.2011 und dann wieder ab 3.12.2011 mit Schneeschuhwanderungen, Eislaufen, Schnupperklettern, Wildbeobachtungen, Fackelwanderungen und bunter Unterhaltung. Val Gardena SuperPremière (03.12 - 23.12.2011): 4 Tage Aufenthalt, 4 Tage Skipass und 4 Tage Verleih der Skiausrüstung zum Preis von 3! Ab 3 bezahlten Urlaubstagen gibt es bei allen teilnehmenden Betreiben einen Gratis-Tag dazu, ab 6 Tagen bekommen Sie sogar 2 Tage. Vergünstigungen gibt‘s auch in den Skischulen.


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W EB Desıgner Ob Wollstoff oder Hightech-Faser: Wer wissen will, wie und wo außergewöhnliche Interior-Stoffe entstehen, muss dorthin blicken, wo sie kreiert werden – in engagierten Familien alpiner Textilmanufakturen TEXT Sandra Gottwald Die Betreiber der Firma Dedar: Nicola und Elda (linke Seite), Raffaele und Caterina (rechte Seite) Fabrizio.

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ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

FARBENFROH UND NONCHALANT BEDIENT SICH DEDAR HISTORISCHER MOTIVE – UND ÜBERSETZT DIESE INS ZEITGENÖSSISCHE

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ie sehr wir sie beneiden: um ihre Esskultur, die tollen Bars, ihren Stil, sich zu kleiden. Und um die Nonchalance, mit der die Italiener Tag für Tag höchste Qualität genießen. So bedurfte es wohl auch einer engagierten Comasker Familie, um die Welt der Einrichtungsstoffe zu revolutionieren. Was Farbigkeit und Muster, aber auch Gewebekombinationen angeht, bietet Dedar das schillerndste Stoffrepertoire, das die Welt des Interior Designs momentan zu bieten hat: Baumwolljacquards, Leinen und vor allem Seide, Seide und nochmals Seide. Die mutigen Stoffkreationen mit Namen Nonchalente, eine mit Viskose bestickte Shantungseide, Louis, ein Baumwoll-Seiden-Jacquard mit Ikat-Effekt, oder Twiggy, ein Baumwolltrikot mit eingewobenem Metallgarn, entstehen im Art Department in Appiano Gentile. „In Italien gab es lange Zeit nur klassische Stoffe, im Sinne der großen Tradition“, erzählt Artdirector Raffaele Fabrizio. „Trends wie in der Mode gab es nicht, dabei hatten sich die Möbel längst verändert.“ Also gründeten Elda und Nicola Fabrizio 1976 Dedar, eine aus dem Italienischen abgeleitete Abkürzung von Design d’Arredamento. Mit selbst entworfenen Teppichen, Bezugsstoffen und Accessoires boten sie Interior Designern erstmals die Möglichkeit, im zeitgemäßen Stil

zu arbeiten. Der Erfolg war phänomenal. Heute entwirft Raffaele Hand in Hand mit seiner Mutter Elda die Kollektion, während Vater Nicola die Geschäfte führt. Schwester Caterina verbreitet neben den neuesten Kreationen auch die Philosophie des Hauses. Dedars Wunderwaffe ist das spannungsreiche Zusammenspiel von Farbe, Muster und Materialien. Viele Designs trägt Raffaele bereits seit seiner Kindheit in sich. Als Junge wurde er geprägt von ausgedehnten Familientrips, die ihn und seine Schwester Caterina auf Routen entlang der Seidenstraße, durch Indien und die Türkei führten, immer auf der Suche nach historischen Motiven auf Teppichen und Textilien. Die Reisen haben sein Auge geschult, verfeinert hat er es schließlich während seines Architekturstudiums in Mailand. Seit Raffaeles Einstieg in den elterlichen Betrieb 1997 hat sich Dedar den Markt der Luxusstoffe erobert – im ganz großen Stil; um genau zu sein, in einer Stoffbreite von 330 Zentimetern. Allein vom Bestseller „Pallade“, einer Shantungseide in 83 Farben, wurden in den letzten zehn Jahren 70.000 Meter verkauft. Auch die Costes-Brüder, die erfolgreichen Hotelmogule aus Paris, waren darunter. Für Frankreich hegen die Fabrizios eine besondere Vorliebe. Nun produzieren sie für das Haus Hermès die erste Kollektion von Interior-Stoffen. „Frankreich bedeutet Luxus“, sagt Caterina, „Italien bedeutet Forschung und Entdeckung.“ Dedar hat beides. 05 2011 . ALPS

MUTIGE STOFFE FÜR MUTIGE MÖBEL Als Nicola und Elda Fabrizio 1976 ihre Firma Dedar gründeten, war das noch ein Affront gegen die italienische Klassik. Für ihre Kinder Raffaele und Caterina ist das Spiel mit Farben etwas ganz Selbstverständliches. Viele der gewagten Muster lassen sie sogar in der begehrten XLBreite von 330 Zentimetern weben.

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GAAS ASTLICHKEIT STTLLIICCHKEIT

LA TOILE C’EST MOI!

PATRICK FREY MACHTE AUS DEM KONSERVATIVEN TEXTILUNTERNEHMEN SEINES VATERS EIN INTERNATIONALES STOFFIMPERIUM

Patrick Frey und Söhne – Pierre (links) und Vincent (rechts).

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ein erstes Paar Ski bekam Patrick Frey im Alter von fünf Jahren geschenkt. Von da an glitt der Spross einer eleganten Pariser Familie so selbstverständlich die Berge hinab, als wäre er am Fuße des Montblanc aufgewachsen – und nicht mit Blick auf den Eiffelturm. Doch der junge Patrick eroberte nicht nur die Berge. Ziel- und stilsicher übernahm er 1976 das florierende Textilunternehmen des Vaters. Dieser hatte sich ganz der Herstellung und Reedition historischer Stoffe und Muster verschrieben – streng nach französischer Tradition. Sohn Patrick ging noch einen Schritt weiter. Er schlug den Bogen zur Moderne, druckte klassische Toile-de-Jouy-Szenen in frechen Farben, kombinierte Jagdmotive mit lederähnlichen Texturen und geprägten Fellimitaten. Er ließ Szenen aus einem historischen Gemälde, das er in der verborgenen Ecke eines Châteaus entdeckte, als Jacquard aufleben oder rückte ein Palmenmotiv aus dem Empire auf Seide gedruckt in den Mittelpunkt. Er ließ Teppiche weben und ergänzte das Stoff- und Tapetenrepertoire um Kissen und Plaids, entwarf Polstermöbel, Leuchten und Accessoires und brachte – fi nalement – Pariser Chic in die raue Stubigkeit alpiner Chalets. Beruhigt kann Frey nun auf sein Imperium blicken. Das Familienunternehmen ist zu einer Maison de luxe geworden. Zu der rund 7000 Artikel umfassenden Kollektion gehören auch die Luxusmarken Braquenié, Fadini Borghi und Boussac. Die Kreation ist Chefsache. Somit passiert jeder einzelne der rund 50 neuen Stoffe, die pro Saison das Haus verlassen, das strenge Auge und die versierte Hand des Meisters. Mit seinen Söhnen Pierre, Vincent und Matthieu an der Seite kann der Papa gespannt in die Zukunft blicken. Zwei von ihnen sind bereits ins Unternehmen eingestiegen: Pierre, der den Namen seines Großvaters trägt, kümmert sich um die Überseemärkte, während Finanzexperte Vincent die Entwicklung und das Marketing dirigiert. Mit Leidenschaft, Sportsgeist und ihrem Sinn für höchste Qualität scheinen die engagierten JuniorChefs ihren Vater bald überholt zu haben. Vincent als Snowboard-Meister weiß, wie rasant das manchmal gehen kann. Der Papa wohl auch.


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DIE STOFFALCHEMISTEN

VOM KÄSELEINEN ZUR HIGHTECH-FASER ODER DIE 125-JÄHRIGE ERFOLGSGESCHICHTE VON CRÉATION BAUMANN

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s begann mit den Karos: Fritz Baumann kam auf die Idee, die Gläsertücher, die im väterlichen Betrieb ausschließlich mit roten Längs- und Querstreifen gewebt wurden, neu zu gestalten. Dafür beschaffte er sich grünes Garn und machte Muster mit grünen Streifen. Als sein Vater, der Firmengründer der Leinenweberei Friedrich Baumann, dies bemerkte, bekam er einen Wutausbruch. Ob er im Sinn hätte, die Firma in den Konkurs zu treiben? Mit der Weltwirtschaftskrise 1929 blieb Baumann Junior gar nichts anderes übrig, als neue Wege zu gehen. Endlich konnte er Leinengarne mit Noppen, Raupen und Flammen weben lassen. Er konzentrierte sich ganz auf die Entwicklung neuer Garne, bis er 1962 die schwedische Designerin Edna Lundskog einstellte. Zusammen mit ihr entstanden knallbunte Stoffe, die genau den Zeitgeist trafen und reißenden Absatz fanden. Vor allem Franzosen und Amerikaner waren verrückt

nach den „Lins de Langenthal“. Die Kollektion war so erfolgreich, dass das sonst eher bodenständige Unternehmen am Ende dieser Mode Schwierigkeiten hatte, das Hippie-Image wieder abzulegen. Jörg Baumann regelte das. Mit neuen Visionen übernahm er 1974 das Art Department samt Geschäftsleitung von seinem Vater Fritz. Er experimentierte mit neuen Drucktechniken, holte Stars wie Ettore Sottsass zu Workshops ins Haus, schätzte aber auch die unverblümten Ideen junger Künstler und Designstudenten. Immer wieder lud er Kreative ein, sein Stofflabor mit frischen Ideen zu bereichern. Hierfür baute er in den 1980erJahren ein Anwesen nahe Bergamo zum Kreativcamp um. „Nur ein Bruchteil aller Erfi ndungen bringt einen kommerziellen Erfolg“, so Baumann. Trotzdem zwackte er Jahr für Jahr zwischen 50.000 und 100.000 Franken für freie Projekte ab. Mit Erfolg. Das inzwischen 125 Jahre alte Unternehmen aus Langenthal zählt zu den innovativsten Webereien Europas. Neben wegweisenden Stoffqualitäten entwickelten die Schweizer Flächenvorhänge, experimentierten als Erste mit Lasercut-Technologien und dem Webstuhldruck. Die letzte, preisgekrönte Errungenschaft – ein Stoff namens Gecko, der selbstständig auf dem Fensterglas haftet – geht auf das Konto des jüngsten Junior-Chefs Philippe. Ob er wohl auch jenes revolutionäre Baumann-Gen in sich trägt? Und ob. 05 2011 . ALPS

ERFOLG MADE IN SWITZERLAND In vierter Generation leitet Philippe Baumann nun die Firmengeschicke des Langenthaler Unternehmens, das für seine Stoffinnovationen berühmt ist. Dazu gehörte der Einsatz von Lasercut-Technik ebenso wie die Entwicklung von Akustik- oder selbsthaftenden Stoffen.

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WOLLE, WOLLE UND NOCHMALS WOLLE: Tina Wendler und Katrin Hielle-Dahm führen die Webmanufaktur im bayerischen Geretsried ganz im Sinne ihrer Großmutter Marga Hielle-Vatter. Katrins Mann Philip Dahm leitet das Unternehmen.

VON WEGEN ÜBERFLIEGER!

WÄHREND IHRE STOFFE DURCH DIE GANZE WELT JETTEN, GLÄNZT DAS ROHI-TEAM DURCH BODENSTÄNDIGKEIT. ES GIBT SCHLIESSLICH NOCH VIEL ZU TUN

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chade, dass der Flug nach München nur eine Kurzstrecke ist. In einer Langstreckenmaschine aus Asien oder den Staaten könnte man die Qualität des Sitzbezugs bereits spüren. „Wolle ist ein Klimawunder“, erklärt Tina Wendler von Rohi Stoffe, „sie kühlt bei Hitze und wärmt bei Kälte.“ Seit den 70er-Jahren fertigt die von ihren Großeltern gegründete Webmanufaktur Textilien für das Interieur internationaler Fluggesellschaften, darunter Lufthansa, Cathay Pacific, Emirates und Singapore Airlines. Im gläsernen Pavillon der Manufaktur entwickeln Katrin Hielle-Dahm und ihr Team ausschließlich Stoffe aus reiner Schurwolle. Das Talent erbte die preisgekrönte Textildesignerin von ihrer Großmutter.

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Den jüngsten „red dot“ gab es für Chameleon, ein körniges Doubleface-Gewebe, das je nach Lichteinfall farblich changiert. Während eines Jahres wird Wolle von rund 177.000 Schafen verwoben. Bereits bei der Auswahl der Fasern gelten strenge Qualitätskriterien. „Die Herkunft des Schafes gibt Faserdicke, -länge und -kräuselung vor”, erklärt Hielle-Dahm. Die Garne, die über die computergesteuerten JacquardWebstühle laufen, sind zumeist Spezialkonstruktionen aus neuseeländischer und südamerikanischer Wolle. Gefärbt wird vor dem Verweben. Und da nur ein bis ins Innere durchkoloriertes Garn ein beständiges Garn ist, findet das Färben ebenfalls in der Manufaktur statt. Noch nach Jahren der Beanspruchung behält die Wolle so ihre Lichtechtheit und Farbbrillanz. Dass Rohi individuelle Strukturen und Farben weben kann, macht die kleine Manufaktur für große Möbelhersteller wie Cassina, Knoll International und Vitra besonders attraktiv. 2009 entwickelte das Designteam zusammen mit Cor den Bezug für eine Sitzlandschaft. Mehr als 600 Farbstellungen wurden hierfür auf drei Gewebevarianten angewebt. Der Aufwand hat sich gelohnt: Cor bekam den perfekten Stoff zum Möbel. War es nicht die Großmama, die schon sagte: „Ein guter Designer entwickelt Gestaltung im Sinne der Aufgabenstellung.“ Eben. Und das gilt fürs Designersofa wie für den Sessel in der Business Class.


KOSMOPOLITISCHE PAARUNG

MICHAEL UND CAMILLA FISCHBACHER ERWEITERTEN IHREN HORIZONT IN LONDON UND HONGKONG, BEVOR SIE IHR VEREINTES WISSEN IN DIE ENTWICKLUNG NEUER TEXTILIEN STECKTEN

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ls es noch zur kultivierten Lebensart gehörte, Taschentücher aus Stoff zu benutzen, da wurde der Name Christian Fischbacher zum Begriff – keiner bot feinere Gewebe für empfindliche Nasen an. Knapp 200 Jahre später spielt Fischbacher immer noch in der ersten Liga, wenn es um Textilien geht. Längst wurden die kleinen weißen Vierecke abgelöst von größeren Stoffbahnen: Fischbacher gilt als Spezialist für anspruchsvolle Bettwäsche und hochwertige Einrichtungsstoffe – und seit Anfang dieses Jahres auch für ungewöhnliche Teppiche. Seit drei Jahren zeigt sich das qualitätsbewusste Schweizer Unternehmen überraschend designfreudig. 2008 übernahm Michael Fischbacher in sechster Generation die Leitung des Familienbetriebes, und seither ist seine Frau Camilla zuständig für die Artdirection. Das Ehepaar lernte sich beim Studium in London kennen, wo er unter anderem Chinesisch belegt hatte und sie Politik und Geschichte des Nahen Ostens. Gemeinsam gingen sie zunächst nach Hongkong, wo Michael Fischbacher als Investmentberater tätig war. Seine Frau, halb Amerikanerin, halb Iranerin, stattete Showrooms aus, machte PR und arbeitete als Fotografin. Dieser internationale Hintergrund und das breit gefächerte Wissen um die Geschichte verschiedener Kulturen bestimmen heute den Auftritt von Fischbacher. Kosmopolitisch, modern und farbenfroh präsentieren sich die von Camilla edierten Kollektionen. Wenn die Produzenten, meist aus Italien oder Frankreich, ihre Ware vorstellen, gefällt Camilla mal die Struktur eines Stoffes, aber nicht das Muster; mal ist das Design super, aber der Griff nicht – es ist ihre Aufgabe, ein Fischbacher-typisches Produkt daraus zu entwickeln. Im Moment liebäugelt sie mit frischen Farben: „Die sind im Kommen, wenn es auch nicht so

FRISCHER WIND schnell geht wie in der Mode, wo man spontan die Hose wechseln kann. Es dauert ein paar Jahre, bis Blau und Brombeer auch in die Häuser einziehen werden.“ Privat verzichtet sie weitgehend auf Farben und Muster: „Unser Haus ist ein 50er-Jahre-Bau aus Holz und Glas, die Einrichtung muss sich dieser starken Architektur unterordnen.“ Außerdem gibt es drei Kinder, Katzen und einen Hund – da sind auswechselbare Hussen, die man waschen kann, eine ideale Lösung. Aber auf einigen antiken Möbelstücken und im Gästezimmer gibt es farbige Seidenstoffe, Drucke und Blumen ...

Seit drei Jahren bereichern Michael und Camilla Fischbacher das Textilangebot des fast 200 Jahre alten Familienunternehmens um mutige Muster und kühne Farbkombinationen. Ihr neuester Coup sind Teppiche in freier Form, die sich passgenau zusammenstellen lassen.

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ARCHITEKTUR

Hauptsache CHARAKTER Bei der Renovierung ihres Bauernhof-Ensembles im Zillertal wagten die Besitzer einen Mix aus traditionellem Handwerk und ausdrucksstarker Moderne und ernteten daf端r viele Preise


EIN STARKES DUO Das 端ber hundert Jahre alte Bauernhaus und das neue Ferienhaus mit der Stall-Optik passen perfekt zusammen.

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ARCHITEKTUR

TEXT Ruth Händler FOTOS Quirin Leppert

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s gab eine Zeit, da bekamen die Erben des Ramsauer Brizerhauses schnell mal den wohlmeinenden Rat: „Weg damit!“ Schöner war das über hundert Jahre alte Anwesen im Ortskern natürlich nicht geworden in den Jahren ohne Bewohner. Aber deshalb aufgeben, abreißen? „Der alte Hof ist unsere Heimat“, sagt Nathalie Kröll. Mit dem Elternhaus des Vaters verbindet sie viele Erinnerungen, denn „als Kinder waren wir oft hier bei den Verwandten.“ So lag für sie die Antwort nahe, als in der Familie diskutiert wurde, was geschehen sollte mit dem Bauernhaus. „Ich würde es gerne sanieren“, hat Nathalie Kröll erklärt. „Aber wenn, dann machen wir das g’scheid, mit einem Architekten.“ Heute sitzt Nathalie Kröll in der holzgetäfelten Küche, in der sie als Mädchen viel Zeit verbracht hat, schaut durch die Kastenfenster hinaus in ihren Rosengarten – und erzählt, dass sie ursprünglich einen ganz anderen Wohnstil angepeilt hat. Gemeinsam mit dem Lebenspartner Walter Bliem war ein neues Haus am Waldrand ihres Geburtsortes schon fix und fertig geplant. Weil es so lange dauerte mit den Genehmigungen, disponierte das Paar um und kaufte einen Neubau, ebenfalls im Zillertal, im nahen Stumm. Eine wertvolle Erfahrung: In den Jahren hinter großen Glasflächen, in offenen Räumen reifte die Erkenntnis, „dass wir doch lieber das Gemütliche, Kleinteilige wollen. Ein Haus mit abgeschlossenen Räumen, wo man sich auch mal zurückziehen kann.“ Wie das Brizerhaus eben. Den bewährten Grundriss des Zillertaler Bauernhauses mit den Zimmern zu beiden Seiten des Mittelflurs haben Nathalie und Walter Bliem-Kröll bei der Renovierung beibehalten. Doch heute wirken die historischen Räume zeitlos schön. Edelstahlküche und Herrgottswinkel, alte Stühle und moderne Polstermöbel und Kaminöfen passen hier wunderbar zusammen. „Es braucht viel Idealismus und Willenskraft und Ausdauer, um sensibel zu sanieren und nicht verkitscht“, erklärt Nathalie Kröll. Und es braucht auch den richtigen Architekten für ein solches Unternehmen. Der Bruder einer Freundin war die erste Wahl: Martin Feiersinger, ebenfalls Tiroler, kommt aus Brixlegg, hat in Wien studiert und dort sein Architekturbüro gegründet: „Mit dem Martin hat es sofort gepasst.“

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Um das Gebäude wieder fit zu machen, war zunächst eine größere Operation nötig. Das marode Erdgeschoss musste erneuert und dazu das Haus aufgeständert und neu fundiert werden. Viel Energie und Zeit steckten die Hausherrn von Anfang an in die Suche nach Handwerkern, die noch die traditionellen Techniken beherrschen. Etwa den hellen Spritzputz an der Außenfassade des Erdgeschosses, der mit der Hand aufgeworfen wird und einen schönen Kontrast bietet zu der dunklen Holzfassade des Ober- und Dachgeschosses. „Im Oberland“, erzählt Nathalie Kröll, „haben wir einen Handwerker gefunden, der den Spritzputz mithilfe eines Beraters vom Landesdenkmalamt so ausführen konnte, wie man es ursprünglich gemacht hat. Da muss nämlich jeder Wurf gleich sein.“ Was erhaltenswert war, wurde gerettet. Abgewaschen wie das hölzerne Fassadenkleid, das im Obergeschoss nun auch befreit ist von einer später angebrachten Putzschicht. Abgetragen, renoviert und wieder eingebaut wie die Zirbenholztäfelungen in Küche und Stube. „Wir haben sehr viel wiederverwendet im Haus“, sagt Nathalie Kröll. Überall erkennt man das Gespür der gelernten Dekorateurin und Schaufenstergestalterin für die Balance zwischen Alt und Neu. Die neue Massivholzplatte des Küchentischs lagert auf dem alten Gestell. Im offenen Dachraum mit der neuen Lärchenschale, zu dem nun eine bequemere, flachere Stiege hochführt, stehen verschiedene Charakterstühle aus dem Bauernhaus um einen neuen Tisch.

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n den Kastenfenstern, die neu angefertigt wurden nach dem traditionellen Vorbild, hängen die alten, handgewebten Leinenvorhänge, und die Bezüge der Kissen auf den Bänken darunter, die haben einst die Großmutter und ihre Schwester bestickt. „Ich mag Dinge mit Geschichte“, erklärt Nathalie Kröll. Ein Shopping-Fan sei sie nicht: „Lieber stöbere ich beim Trödler oder auf Antikmärkten oder kaufe einer Bäuerin eine Handarbeit ab.“ Aus einer Innsbrucker Altbauwohnung hat sie den hohen Kachelofen bekommen, der einen starken Akzent im Büro setzt. Die Stube schmückt eine bemalte Truhe, ersteigert im Wiener Dorotheum. Die Schar der inbrünstigen Bozner Keramikengel


„Es braucht viel Idealismus und Willenskraft und Ausdauer, um SENSIBEL zu sanieren und nicht verkitscht“ auf der Kommode kündet ebenso von der Freude am regionalen Kunsthandwerk wie die historische Weihnachtskrippe, die Nathalie Kröll auf dem Innsbrucker Trödelmarkt für Vincent, 5, fand und die im Dachraum auf den weihnachtlichen Einsatz in der guten Stube wartet. „Mein Sohn hat sich schon mit drei Jahren eine Krippe gewünscht. Aber da mussten wir ihm sagen: Mit drei Jahren kriegst noch keine Krippe. Mit vier Jahren hat er sich wieder eine Krippe gewünscht, und dann hab’ ich diese hier gefunden. Die hat er letztes Jahr zu Weihnachten bekommen, und am liebsten hätte er sie immer unten in der Stube stehen.“ Weil die Devise ‚Weniger ist mehr’ einem Lausbuben noch nicht richtig einleuchten kann, bleibt Vincents Reich ausgeschlossen von Mutters Dekorationsregel Nummer eins. Zwischen dem bequemen Familiensofa mit Liegetiefe und der Stubenbank darf Vincent seine Spielsachen flächendeckend ausbreiten. Nur für den ALPS-Fotografen hat er kurzfristig alles weggeräumt. Noch während Nathalie und Walter BliemKröll das Haus für die eigene Familie umbauten,

haben sie sich mit ihrem Architekten ans Meisterstück gewagt. Zum Bauernhof-Ensemble gehört der große alte Stall, der seit Jahrzehnten verwaist war: Auch in Ramsau ist die Kuh längst nicht mehr im Dorf daheim, sondern an dessen Rändern, in neuen Wirtschaftsgebäuden. Es bot sich an, das Gebäudepaar mit dem zu ergänzen, was zum Tourismus des Hinteren Zillertals passt: mit Ferienwohnungen. Zumal Nathalie und Walter Bliem-Kröll ausgewiesene Gastgeber sind: Zehn Jahre waren sie Pächter in der Lamsenjochhütte des Alpenvereins München und Oberland im Karwendelgebirge, die in den Sommermonaten Unterkunft bietet für 150 Wanderer, Bergsteiger und Kletterer. „Bewirtung vom Frühstück bis zum Abendessen à la carte“, erzählt Nathalie Kröll. „Ich möchte diese Zeit nicht missen. Man muss die Arbeit aber sehr gerne machen, sonst ist man da oben fehl am Platze.“ Für die vier großen Ferienwohnungen haben Nathalie und Walter Bliem-Kröll zusammen mit ihrem Architekten Martin Feiersinger die perfekte Hülle ersonnen. So, wie der Stall sich früher zum 05 2011 . ALPS

MULTITALENT Nathalie Kröll, hier mit Sohn Vincent, 5, hat mehrere Berufe erlernt, die ihr nun als Gastgeberin zugute kommen

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DAS GUTE BEWAHREN Überlieferte Bauweisheit harmoniert im Brizerhaus mit schönen Naturmaterialien und zeitgemäßen Accessoires. Am hellen Streifen in der Fassade des Bauernhauses (rechts unten) erkennt man, dass bei der Renovierung eine später angebrachte Putzschicht wieder entfernt wurde.


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„Die Madonna ist ein Geschenk meiner Eltern. Die bemalte Truhe habe ich im Wiener Dorotheum entdeckt und mich sofort in sie VERLIEBT“

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MIT PATINA Die restaurierte Zirbenholztäfelung in der Stube (links) gehört ebenso zum originalen Bestand des Brizerhauses wie die schönen Ausschnitte an Balkon und Dach.


ARCHITEKTUR

Drinnen regiert, in den Wohnungen mit den schönen Namen Dolomit, Bergkristall, Amethyst und Granat, der Luxus des Echten, Geradlinigen, Hochwertigen: „Wir mögen alles sehr schlicht, eher japanisch“, sagt Nathalie Kröll. „Und wir mögen natürliche Materialien – Vollholz, Stein, Loden, Seide.“ Es gibt gemütliche Kachelöfen, die von einer Zentralheizung befeuert werden. Modern ausgestattete Küchen. Genügend Raum zur Entfaltung im Urlaub. Ein Kontrastprogramm zur allgegenwärtigen „Wir-hättensnoch-etwas-üppiger-Folklore“, die vielerorts im Zillertal wuchert.

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PLATZ FÜR NEUES Wie die übrigen modernen Kunstwerke im Haus bekommt auch die Steinskulptur des Bildhauers Werner Feiersinger immer mal einen anderen Standort.

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Wohnhaus fügte, passt jetzt das neue Appartmenthaus zum Familiendomizil. „Wir wollten“, erklärt Nathalie Kröll, „etwas Modernes und Eigenständiges, das sich aber gut ins Ortsbild fügt und von außen keine Konkurrenz ist zum Bauernhaus.“

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ange haben sie getüftelt an der Fassade des Neubaus, der die gleichen Maße hat wie der frühere Stall, haben Schindeln erwogen, neues Holz: „Doch dann haben wir uns für Altholz entschieden, weil es am besten ausschaut und immer schöner wird.“ Die Bretter vom alten Stall sowie von einem Hintertuxer und anderen Ställen, die sie bei Altholzhändlern sammelten, bilden das dunkel-samtige Kleid des Ferienhauses. Von der Straße aus gesehen tritt es einen Schritt zurück hinter das Wohnhaus. Während sich am Bauernhaus die Balkone mit den Geranienkästen nach außen brüsten, springen beim Ferienhaus die Loggien in die Fassade zurück. Wenn nach der Ferienzeit alle Gäste ausgeflogen sind, schließen die Holzläden die glänzenden Fensteraugen – und zurück bleibt: „Der Stall – so sagen heute noch viele im Dorf“, meint Nathalie Kröll lächelnd, „ich nehm’s als Kompliment.“ ALPS . 05 2011

us Holland und England, aus Deutschland und Belgien kommen Drei-Generationen-Familien oder größere Gruppen in die Apartments, die Platz bieten für bis zu vierzehn Personen. Dass Nathalie Kröll neben ihrer Koch- und Kellnerausbildung und neben der Ausbildung zur Dekorateurin auch noch Einzelhandelskauffrau ist – „weil ich immer gerne gelernt habe und weil man in Zukunft nicht mehr weit kommen wird mit nur einem Beruf“–, ist beim Vermietungsgeschäft auch kein Fehler. „Unser Haus hat viel Aufmerksamkeit erhalten“, sagt sie. Auf einer Plakette kann man die nationalen und internationalen Architekturpreise ablesen. Noch immer wieseln von Zeit zu Zeit Grüppchen von schwarz gekleideten Menschen, also Baumeister auf Exkursion, um das Gebäudeensemble unterhalb des Dorfbrunnens. Für die Architekturkenner gibt’s bald etwas Neues zu sehen in Ramsau. Am Waldrand, da, wo Nathalie und Walter Bliem-Kröll einst ihr modernes Einfamilienhaus errichten wollten, hört man abends in einem Neubau mit markantem Natursteinsockel Zwei im ernsten Männergespräch. Der kleine Bauleiter Vincent und der große Bauleiter Walter haben alle Hände voll zu tun. Schließlich soll zur Wintersaison das neue Waidachhaus mit einem Ferienappartment für zwölf Personen fertig sein. Für die Stadeloptik und Innenausstattung zeichnet wiederum Architekt Martin Feiersinger verantwortlich. Auch im Hinteren Zillertal gilt das Erfolgsrezept: Never change a winning team. INFORMATIONEN: www.brizerhaus.at Architektonisch interessante Ferienhäuser finden Sie im Notizbuch auf S. 128


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REGION INS ALLGÄU VERGUCKT Die in Kempten lebende junge Fotografin Jennifer Vahlbruch war nach ausgedehnten Wanderungen immer enttäuscht, dass auf den Fotos das Erlebnis des Weitblicks fehlte. Erst die digitale Technik ermöglichte ihr, aus meist sieben Hochformaten vier Meter lange Breitwandbilder zusammenzustellen: oben der Forggensee mit dem Tegelberg, unten der Große Biberkopf.

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Filmemacher und Autor LEO HIEMER hegt für seine Heimat gemischte Gefühle – das Allgäu ist ihm Sehnsuchtsort und Abschreckung zugleich. Wer also wäre besser geeignet, über die „undefinierte Gegend“ zwischen Schwaben, Baden Württemberg und Österreich zu reden?

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REGION

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Statt das Allgäu endgültig hinter sich zu lassen, wie er es eigentlich vorhatte, kehrte Leo Hiemer zurück und versucht seither, mit kritischen Heimatfilmen auf Distanz zu gehen.

ls Leo Hiemer 1954 das Licht der Welt erblickte, besaßen seine Eltern „zwei Arbeitspferde, einen Wagen und eine Pschüttpumpe“ zum Verteilen der Gülle auf den Wiesen. Erst später kamen der Traktor dazu, die Heuwender und das Auto. „Die Industrialisierung der Landwirtschaft erlebte ich am eigenen Leib“, sagt der Filmemacher und Bauernsohn aus Maierhöfen, einer kleinen Gemeinde zwischen Kempten und Lindau. Heute, so Hiemer, verbringen viele Bauern drei Stunden ihres Arbeitstages vor dem Computer. Heute gibt es riesige Rundballenpressen, Melkroboter und Traktoren, die mit 390 PS, Joysticks, Bildschirmen und Digitalkameras ausgestattet sind. „Das Allgäu ist ein Sehnsuchtsort“, meint der Regisseur, „aber wenn ich mich dann auf die konkrete Suche nach Locations begebe, die wirklich so aussehen, wie man sich das vorstellt, wird es mitunter ganz schön schwierig.“ Der

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TEXT Gero Günther

es ging. „Mama, ich hab halt so viele Hausaufgaben.“ Stattdessen klebte er vor dem Fernseher. Die Flimmerkiste war sein Tor zur Welt. „Da gab es Fury und Lassie und nicht dieses blöde Jungvieh, das ich zwischendrin holen musste.“ Das Bäuerliche wollte er mit aller Macht abschütteln. „Und das hab ich dann ja auch geschafft.“ Hiemer studierte Geschichte in Tübingen und Göttingen. Weit weg von daheim. Und dann? Ja, dann hat er Filme gemacht. Filme über das Allgäu, die Bauern und den Mist. „Heimat“, sagt Hiemer, „ist wohl das, was man nicht los wird. Man versucht es abzuschütteln, aber es geht nicht.“ Und so ist das natürlich auch mit der Heimat Allgäu. Vielleicht ist das Allgäu gerade deshalb so faszinierend, vermutet Hiemer, weil es hier keine definierten Grenzen gibt. Es ist eben kein untergegangenes Reich, kein eigentliches Territorium, sondern eine kleingliedrige Gegend voller Querschädel. Geschäftstüchtig, eigensinnig und frei-

Fotos: Wallis Tourismus (1)

MIT WISSENDEM BLICK

56-Jährige trägt es mit Humor und einer lauten Lache. Er gehört nicht zu den Menschen, die an den Niedergang der Heimat oder den Weltuntergang glauben. „Alles ist immer in Bewegung, alles geht immer kaputt, und für uns heute ist das Allgäu eben etwas anderes als für die Menschen früher.“ Und so wohnt der Filmemacher auch nicht auf einem alten Bauernhof, sondern in einem Neubau am Rande Kaufbeurens. Volkstümliches sucht man in seinem Haus vergebens. Einziges Zugeständnis an die bäuerliche Herkunft ist die Verlattung der Fassade mit unbehandelter Fichte, deren baldiger Verwitterung Hiemer entgegenfiebert. „Das Holz wird dann silbergrau mit so einem leichten Flaum wie bei einem Allgäuer Heustadel.“ Als Bub wollte er weg. Raus aus dem Allgäu. Weg von den Kühen, dem Mist, dem Heu und der Familie. Bloß nichts mit dieser stumpfsinnigen Landwirtschaft zu tun haben! Er hat sich vor dem Stall gedrückt, so oft


heitsliebend. Hiemer nennt seine Region eine „Zurechnungsgemeinschaft“, denn die Allgäuer sind großzügig. Es darf sich jeder Allgäuer nennen, der mag. Wer’s tatsächlich ist, das wissen die Allgäuer sowieso. Der Bekannteste unter Hiemers Filmen ist ein wahrer Kultfilm des Allgäus: „Daheim sterben die Leut“ aus dem Jahr 1985. Ein Antiheimat-Film, Allgäuer Underground, gedreht mit minimalem Budget mit Laien und Freunden. Das ganze Team habe damals zusammen in einem Bauernhaus gelebt, erinnert sich Hiemer, und dieser Hof sei Büro, Küche, Matratzenlager, Kommandozentrale und Motiv in einem gewesen. Buch und Regie teilten sich Leo Hiemer und sein Allgäuer Studienfreund Klaus Gietinger, die sich den bösen Schwank über renitente Bauern, geschäftstüchtige Wunderheiler und zynische Politiker im fernen Göttingen ausgedacht hatten. „Wir schraubten die Story aus Zeitungsausschnitten, Erinnerungen und den Kuriositäten zusammen, die unsere freakigen Berliner Freunde immer so beeindruckt hatten.“ „Daheim sterben die Leut‘“, von der Kritik in höchsten Tönen gelobt, wurde von den Allgäuern selbst mit gemischten Gefühlen aufgenommen: Für die einen waren die jungen Filmemacher Nestbeschmutzer, die anderen freuten sich darüber, wie genau die Handlung die Seele ihres Allgäus wiedergab. Aus der Westallgäuer Filmproduktion (WAF), wie sich die alternativen Filmemacher damals nannten, sind noch andere kritische Filme hervorgegangen: „Land der Räuber und Gendarmen“ oder „Schön war die Zeit“ mit Stars wie Gottfried John und Ottfried Fischer. Der ganz große Erfolg blieb aus. Die

Wege der beiden Freunde trennten sich. 1994 drehte Leo Hiemer „Leni“, einen Film, der im Dritten Reich spielt. Leni, Kind einer Jüdin und eines deutschen Offiziers, wird von Allgäuer Bergbauern aufgenommen und auf deren Hof aufgezogen. Dem faschistischen Bürgermeister ist das Judenkind ein Dorn im Auge, er lässt das kleine Mädchen zu den Nonnen nach München bringen. Als der alte Bauer seine Pflegetochter heimholen will, sind die Kinder bereits deportiert. So eine Geschichte passt nicht in das Klischee der idyllischen bäuerlichen Welt, sagt Hiemer, und wirke gerade deshalb besonders intensiv beim Zuschauer nach. „Die Leute sind schockiert darüber, dass in unserer hübschen Puppenstube so etwas passieren konnte.“ Lieblich und sanft habe das Allgäu zu sein, geprägt vom Bergblick, den Hügelketten und kleinen Ortschaften.

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en lyrischen Blick auf die alpinen Motive überlässt Hiemer seit jeher seinem polnischstämmigen Kameramann Marian Czura. Der hat Malerei am Städel in Frankfurt studiert und ein viel besseres Auge für die Einödhöfe, Tobel und Moränen als ein Allgäuer selbst. „Für uns sind die Landschaften hier ja selbstverständlich. Das ist wie beim Einheimischen, der das Heimatmuseum besucht und sagt: ‚So a altes Klump hatten wir auch mal daheim.‘“ Entstanden ist das Drehbuch zu „Leni“ nach einer wahren Geschichte, die der Regisseur bis ins Detail recherchiert hat. Über den kurzen Lebensweg des realen Vorbilds, eines Mädchens

GASTHOF ZUR TRAUBE Da, wo sich die Hauptstraße zwischen Heimatmuseum und Hausbach durch den malerischen Marktflecken im Westallgäuer Rothachtal zwängt, steht seit über 200 Jahren das Gasthaus zur Traube, früher die Posthalterei. Heute ein gediegenes Speiselokal mit historischem Flair. Als Mitglied der Landzunge-Vereinigung werden hier Spitzenprodukte einheimischer Produzenten zu feinen Allgäuer Gerichten mit Schweizer Einschlag verarbeitet – kein Wunder: Der Inhaber und Küchenchef Ernst Rohner ist Schweizer. Wechselnde Kunstausstellungen machen die „Traube“ zum Erlebnis. 88171 Weiler im Allgäu, Tel. 083 87/991 20, www.traube-weiler.com

GRÜNTENHAUS Einst als nobles Berghotel erbaut, in dem Champagner serviert wurde und es eine erlesene Bibliothek gab, ist das Grüntenhaus heute eine Wandererunterkunft mit Berghüttencharakter (sprich Matratzenlager und ein Viererzimmer). Nach wie vor kann das auf 1535 Metern über dem Meeresspiegel gelegene Haus nur zu Fuß erreicht werden, und so ist das erste Berghotel der Allgäuer Alpen vermutlich das letzte, das keine Autostellplätze hat. Geblieben ist natürlich auch der großartige Blick, den der solitäre Berg als „Wächter des Allgäus“ bietet. Einmal im Monat gibt es „Kultur am Berg“, außerdem werden Seminare und Workshops angeboten. Tel. 083 21/33 72, www.grüntenhaus.de

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REGION

ZWEISCHNEIDIGER KULT Mit seinem ersten Film „Daheim sterben die Leut’“ (unten ganz rechts) erntete Leo Hiemer Kritikerlob, aber auch Publikumsschelte. Ähnlich waren die Reaktionen auf „Leni“ (Mitte), die wahre Geschichte eines jüdischen Mädchens, das Schutz bei Bergbauern fand, aber vom faschistischen Bürgermeister der Deportation ausgeliefert wurde. So viel kritische Töne sind der Karriere nicht förderlich. Für sein Filmprojekt über den Allgäupionier Carl Hirnbein fehlt Hiemer bis heute die Finanzierung, bisher reichte es nur für eine TV-Dokumentation mit Maxi Schafroth als Hirnbein (links).

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namens Gabriele Schwarz, soll es demnächst übrigens eine Ausstellung geben, die Hiemer gerade vorbereitet. Die Spurensuche, das Bibliografieren, Wühlen und Exzerpieren liebt Leo Hiemer fast genauso wie das Filmemachen selbst. Überhaupt ist er ein vielseitiger Mann. In der Biografie finden sich neben den Spielfilmprojekten auch Fernsehdrehbücher, Dokumentation, Vorträge, Bücher, Theaterproduktionen und sogar „Image-Reels“ für den Regierungsbezirk Schwaben oder die Stadt Füssen. „Dass ich mal für die Füssen-Tourismus drehe, hätte ich mir zu Zeiten von ‚Daheim sterben die Leut‘ natürlich nie träumen lassen.“

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eit elf Jahren wohnt der Regisseur, der in Baden Württemberg, Hessen und Niedersachsen gelebt hat, mit einer Holsteinerin verheiratet ist und dessen Töchter Hochdeutsch sprechen, wieder im Allgäu, und seit beinahe ebenso vielen Jahren beschäftigt er sich intensiv mit Carl Hirnbein, einem fast vergessenen Pionier der Region. Einen großen Spielfilm möchte Hiemer ihm widmen; einen Dokumentarfilm mit dem Allgäuer Kabarettisten Maxi Schafroth als Spurensucher hat er 2010 bereits gedreht. Hirnbein, 1807 als Sohn eines wohlhabenden Großbauern auf die Welt gekommen, wurde mithilfe seiner Agrarreformen zum mächtigsten Grundbesitzer im Allgäu. In einer Zeit, als die Region in einer tiefen Krise steckte und der weitverbreitete Flachsanbau längst keine Profite mehr abwarf, begann Hirnbein mit der groß angelegten Produktion von Käse. Durch diesen

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Wandel vom vormals „bunten“ Allgäu aus Getreide-, Kartoffel- und Flachsfeldern, Wiesen und Wäldern, entstand erst das „grüne“ Allgäu der Milchwirtschaft, wie wir es heute kennen. Die Rezepte für seinen Käse, die Geräte und landwirtschaftlichen Methoden hatte Hirnbein sich aus Belgien, Holland, England und der Schweiz abgeguckt, aber innerhalb kürzester Zeit etablierte der clevere Großbauer seine Allgäuer Limburger und Emmentaler auf dem Markt. „Hirnbein normierte die Produktion, um Handelsartikel mit festen Qualitätsstandards anbieten zu können“, erklärt Hiemer: „Ein Hirnbein-Käse schmeckte immer gleich, nicht so wie der Käse, den die Senner bisher auf ihren Alpen ganz ohne Thermometer und Uhr hergestellt hatten.“ Und so wurden aus Käsesorten, die ursprünglich aus Holland und der Schweiz stammten, „Original Allgäuer Käse“. „Das ist ja ein Zeichen dafür, wie findig die Allgäuer waren“, meint Hiemer: „Sie haben einfach den

Gebrauchsmusterschutz ignoriert und ein erfolgreiches Produkt erfolgreich nachgebaut, also genau das gemacht, was man den Japanern immer unterstellt.“ Und bis heute ist dieser Copy-Käse ein Image-Produkt für das urwüchsige Allgäu. Leo Hiemer freut sich diebisch über solche Widersprüche. Gerade jetzt, wo er wieder einmal „auf dem historischen Trip“ ist. „Geschichte ist kein abholbares Produkt mit einer klaren Botschaft“, sagt er. Und der Hirnbein sei halt eine besonders schillernde Figur, über die man herrlich streiten könne. Einerseits als blitzgescheiter „Notwender“ verehrt, andererseits als skrupelloser und machthungriger „Zwingherr“ dämonisiert. Der als „Alpkönig“ titulierte Carl Hirnbein war ein Liberaler, der sich in der Revolution von 1848 für die Grundrechte und ein geeintes Deutschland einsetzte, und dessen Vorbild stets die freie Schweiz war. Die Eidgenossen, ja, die hatten das Fürstenjoch abgeschüttelt und es


durch ihre Tüchtigkeit zu Wohlstand gebracht. Hirnbein, so Hiemer, war ein moderner Mensch mit Weitblick und Weltoffenheit. Genau das Gegenteil also vom üblichen Klischee des Bauern. „Er war ganz und gar nicht bodenständig und beschränkt.“ Auch der Tourismus im Allgäu, so Hiemer, begann mit Carl Hirnbein. Auf dem Grünten, dem „Wächter des Allgäus“, ließ er 1854 das erste Alpenhotel bauen, nach dem Vorbild der erfolgreichen Gasthäuser auf dem Rigi bei Zürich. Immer mehr Hirnbein sprudelt aus Leo Hiemer heraus. Kein Wunder, schließlich ist er dabei, ein Buch über den berühmten Allgäuer zu schreiben, das in den kommenden Monaten erscheinen soll. Und der Spielfilm? Für den fehlt nach wie vor die Finanzierung, obwohl sich prominente Unterstützer wie CSU-Politiker Theo Waigel und der Münchner Medizinprofessor Georg E. Vogel gefunden haben. Derweil bastelt der unermüdliche Allgäuforscher bereits an neuen Themen. Einen Film

über die 76-jährige Oberstdorfer Kult-Imkerin Maria Hornik möchte er machen. Im Waisenhaus aufgewachsen kam sie als Magd auf einen Bauernhof bei Oberstdorf. Nachdem sie jahrzehntelang für den kauzigen Besitzer gearbeitet hatte, vermachte er Maria nicht nur den Hof, sondern auch die Bienen. Einzige Bedingung: Sie müsse die Bienen genauso behandeln, wie schon der Vater und Großvater es getan hatten. Und so ist Maria heute eine „Naturfrau“, zu der Fachleute aus nah und fern strömen, um herauszufinden, warum die Oberstdorferin kaum Probleme mit den grassierenden Bienenkrankheiten hat. Überaus energisch sei Maria Hornik, erzählt der Filmer, „eine Frau, die jeden Talkshow-Master gegen die Wand reden kann“. Oberstdorf? Schon wieder das Allgäu? Das Allgäu treibe ihn eben um, sagt Hiemer, der seine Heimat einfach nicht abschütteln kann. Die Landwirtschaft, die Kühe und der Stall. Sie werden ihn wohl immer verfolgen.

OBERE SCHWANDALPE An der Südseite des Grüntens liegt die Obere Schwandalpe auf 1330 Metern. 50 Stück Jungvieh und sieben Milchkühe verbringen ihren Sommer hier oben. Wer durch die Starzlachklamm zum Grüntengipfel wandert, kommt direkt bei ihnen vorbei. Auf der Sonnenterrasse werden zünftige Mahlzeiten, Kuchen und Getränke serviert. Und natürlich werden auf der Alpe hervorragender Bergkäse, Limburger und Romadur gesennt, den Leo Hiemer aus voller Überzeugung empfehlen kann. www.schwandalpe.de

MARIA HORNIK Unter Imkern ist die ehemalige Magd Maria Hornik eine Art Guru. Jeden Samstag verkauft Hornik ihre Honigprodukte auf dem Wochenmarkt in Oberstdorf. Jeden zweiten Mittwoch im Monat bietet an,, eine eine Ve Veran ra sie „Bienenführungen““ an Veranmer „Bienen-Teachstaltung, die Leo Hiemer in“ nennt. Neben ihrem Kulthonig gibt es bei der 76-jährigen Imkerin auch traditionelle Heilmittel wie Propolis zu kaufen. Am Burgstallsteig 2, Oberstdorf, Tel. 083 22/ 39 56, www.home.mnet-online.de/hornik

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kultur CHE GUEVARA DER ALPEN Andreas Hofer (u.) taugt auch zum Posterboy des Tiroler Aufstands. Der Film „Bergblut“ (re.) ergreift Partei für den Volkshelden. Das Drama ist jetzt auf DVD zu haben, Sunfilm Entertainment, 12,99 €.

Patriotendämmerung Darf die Tiroler Geschichte auch im Film tirolerisch erzählt werden? Der Andreas-Hofer-Mythos und die heikle Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit zwischen Innsbruck und Bozen

Die Gewehrsalven der Schützenkompanien zerfetzen die Luft. Im Wind flattern weißrote Fahnen und am Ende des jährlichen AndreasHofer-Gedenktags wird „Tirol“ in Flammenschrift über St. Leonhard in Passeier leuchten. Noch 200 Jahre nach dem letzten Atemzug ihres Nationalhelden bangen die Südtiroler um ihre Identität. Auf der Alpen-Nordseite wirbt das Tiroler Landesmuseum mit dem Slogan „Am Bergisel geht es wieder rund“ für ein seit Neuestem in schicke Architektur gepacktes Schlachten-Cyclorama, als könne man nahtlos an die dramatischen Ereignisse von 1809 anknüpfen: der Freiheitskampf – festgehalten auf 1000 Quadratmetern wie ein heilsgeschichtliches Geschehen. Hofers Volksaufstand ist eine janusköpfige Angelegenheit. Was war es wirklich? Antimoderner 118

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Alpen-Talibanismus? Oder edle Rebellion gegen napoleonische Fremdherrschaft? Philipp J. Pamer, ein junger Regisseur aus Hofers Heimat, hat sich an den prekären Stoff gewagt. Nun erscheint sein umstrittener Film „Bergblut“ auf DVD. Es ist die Geschichte einer bayerischen Arzttochter, die in eine bitterarme Passeirer Bergbauernfamilie einheiratet – eine rückwärtsgewandte, karge Welt voller Ressentiments. Sie muss barfuß durch viele Kuhfladen waten, bevor sie von ihren Leuten ins Herz geschlossen wird. Hofer ist zunächst eine Randfigur, doch immer stärker reißen er und die Aufständischen die Story an sich. Bis Hofers letzte Worte bei seiner Hinrichtung erklingen: „Franzosen, was schießt ihr schlecht!“ Das ist nicht historisch verbürgt, macht aber den Märtyrertod vollkommen. Alexandra González


„Sie war entkommen. Von Boston und ihrem Haus mit Dienstboten, von ihrem Mann und seiner gesellschaftlichen Stellung, von dem ganzen Horror dieses MittelklasseMilieus hatte sie sich losgerissen, und sie saß in einer großen Gaststube in einem halb verlassenen Gasthaus am Fuße der bayerischen Alpen und atmete den uralten, halbwilden Geruch von Schnee und Leidenschaft in der Luft.“

D. H. LAWRENCE (1885–1930) verarbeitete 1921 in dem autobiografischen Roman „Mr. Noon“ seine im Isartal durchlebte Affäre mit „Johanna“ – in Wirklichkeit Frieda von Richthofen. Lawrence traf sie in den Jahren 1912 und 1913 in Wolfratshausen und in einem Gasthof in Beuerberg. Sein Welterfolg „Lady Chatterley’s Lover“ wäre ohne diesen Vorläufer undenkbar.

Fotos: Sabine Berthold (1), Süddeutsche Zeitung Photo (1)

ERSEHNTE SCHWESTER Während im berühmten Erler Passionsspielhaus Opernsänger, Chor und Orchester Pause machten, eilten vergangenen Juli neugierig die „Tannhäuser“-Gäste im Gala-Gewand nach nebenan. Dort wurde im Abendlicht extra für das Festspielpublikum die leuchtende Baustelle geöffnet. Denn das alte Musiktheater von 1959 hat keine Heizung. Und Ende 2012 wollen die Tiroler Festspiele ihr Debüt im eigenen Winterfestspielhaus geben. 70 Tonnen Steine sind aus dem Fels gesprengt, das Richtfest ist lange vorbei, der bald größte Orchestergraben der Welt schon in seinen Ausmaßen sichtbar. Der Edel-Rohbau wächst. Und die Erler können sich allmählich ernsthaft auf die exzentrische Flugform und das glänzende Finish freuen, welches die Wiener Architekten Delugan Meissl der auf 36 Millionen Euro Baukosten und 862 Sitzplätze veranschlagten Architektur geben werden. Dann hat das winzige Erl – nur 45 Autominuten von München, Salzburg und Innsbruck – schon zwei Architektur-Ikonen. ah

AN DER KLIMAFRONT Die ökologische Katastrophe nehmen wir als Zahlenkolonne war – Erwärmungsgrade, Gigatonnen CO2-Ausstoß, Milliardenschäden. Es gibt aber auch die Gesichter zum Klimawandel. Wir finden sie in dem neuen Bildband des Schweizer Fotografenpaares Mathias Braschler und Monika Fischer. Acht Monate schleppten die Fotojournalisten das Equipment für ihr episches Projekt „Schicksale des Klimawandels“ durch sechzehn Nationen. Entstanden LEID-LOGBUCH sind erschütternde Protokolle und perfekt ausgeleuchtete Porträts Tauender Permavon Menschen, denen Fluten, Brände, Stürme, Dürre die Lebens- frost bringt Famigrundlage raubten. Zum Beispiel Awetik Nasarian. Der Busfah- lie Nasarians (o. r.) rer lebt mit Frau und Tochter im sibirischen Yakutsk, der kältesten Welt ins Wanken. Christian KaufStadt der Welt. Jedes Jahr versinkt ihr Haus tiefer im tauenden Permafrostgrund. Mehrmals mussten sie wegen mann am schwindenden GrindelÜberschwemmungen den Fußboden erhöhen. Jetzt waldgletscher, hocken sie wie Riesen in einem feuchten Puppenheim Flutopfer Yang und erinnern an die Freaks auf den Bildern von Diane Gengbao und Arbus. Nur dass hier nicht die Gesellschaft die Gezeich- Huang Lianfeng – neten an den Rand gedrängt hat, sondern die Natur. ag globales Unglück,

Mathias Braschler, Monika Fischer: „Schicksale des Klimawandels“, Hatje Cantz, 29,80 € 05 2011 . ALPS

dokumentiert von M. Braschler und M. Fischer.

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Die heimlichen Alpenfilme (VI) PIZZA-HUT

ECHO PARK Ein schäbiges Viertel von Los Angeles, nahe Downtown, fast nur von Latinos bewohnt. Im gleichnamigen Low-Budget-Film erscheint Echo Park als Ort mit sehr passendem Namen. Denn Der Standard – die Künstler und Musiker, die Der Österreichische hier ihren Jobs nachgehen, leben Film, Band 17. nur einen fernen Nachhall ihres Traums. Sie sind Verlierer, die indes lebhaft von ihren Wunschlebensläufen begleitet werden. Der Pizzabote schreibt Songs und möchte Komponist werden. Die Partykellnerin und alleinerziehende Mutter hoff t auf die Mimenkarriere. Und der Bodybuilder aus dem Dachgeschoss sieht sich als Schwarzeneggers Nachfolger. Die Flucht vor der drohenden Zukunft in der Alpenheimat als Fleischhauer beim Vater – kein Idyll, ein Trauma – hat ihn bis nach Kalifornien getrieben. 1986 drehte der zwischen Wien und L. A. pendelnde Robert Dornhelm seinen so skurrilen wie komischen Erstling. Ein charmant hingerotzter Mix aus Trash-Movie, Miami-Vice-Großspurigkeit und Sozialstudie. Es geht um das Scheitern von Lebensentwürfen, aber auch um Neubeginn in der Normalität und nie endende Hoffnungen auf eine andere Chance an einem anderen Ort. So sind Mae, August und Jonathan (so bezaubernd wie vergessen: Tom Hulce) keineswegs Tagediebe, sondern Menschen, denen vom Leben die Zeit gestohlen wird. Sie sind einfach (noch) nicht stark genug. Am Ende ist im Schatten Hollyah woods mehr als ein Gipfel in Sicht.

Tom Hulce erobert zuerst L. A. per Pizza auf dem Dach – und die Alpen dann im Nachspann. DVD: Edition

DIE ALPENJAZZERINNEN Die drei von Netnakisum sind auf Österreich-Tour.

LÄRMBIENEN Verkehrt herum kann völlig richtig sein. Das dachten sich die drei steirischen Diandln Magdalena Zenz, Marie-Theres Härtel sowie deeLinde samt ihren Streichinstrumenten und nannten ihre Band vor sieben Jahren: Netnakisum. Das hört sich an, als wären sie Inuit, ist aber nur die Umkehrung von: Musikanten. Mit ihrem komischen Namen waren sie auf Tour in China, den USA oder Algerien, wo sie – wie auch in Europa – begeisterten. Sie mischen Adagio und Vibrato von Geige, Cello, Bass mit deutschem Fifties-Schlager, Pop, Kitsch, Hardrock, Jazz, Neuer Musik und Komik. Und damit, wie sie das machen, könnten sie jederzeit Hauptgruppe beim noch zu erfindenden Alles-erlaubt-Festival sein. Wer nicht weiß, ob er ins Konzert soll: einfach mal auf der Website Highwaystar von der dritten CD „Das Geheimnis der Alpenstuben“ (Live) anklicken. ah

21.10. Hard, 22.10. Mürzzuschlag, 22.10. Adelsbuch, 8.11. Wien, Konzerthaus, 21.11. Zwettl, 22.11. Hallein, 23.11. Wörgl , 24.11. Zell am See, 25.11. St. Pölten, Festspielhaus, 25.11. Ried im Innkreis. www.netnakisum.at; www.divertedmusic.at

MORDS-GAUDI GENUG VON GAP Marc Ritters Debütkrimi „Josefibichl“ gibt’s bei Piper, 9,99 € .

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Marc Ritter ist Medienprofi, Hornschlittenfahrer und legt nun seinen ersten Alpenkrimi vor. Wie sein Held, der abgehalfterte Polizeireporter Gonzo Hartinger, hegt er eine Hassliebe zur Heimat Garmisch-Partenkirchen. „Den Lederhosenmenschen kenne ich gut“, sagt er, und es klingt fast wie eine Drohung. Während Hartinger in der braunen Vergangenheit der DopALPS . 05 2011

pelstadt wühlt, kehrt Ritter mit einer charmanten Idee in die Region zurück: Im Herbst 2012 soll das erste Festival der Bergliteratur stattfinden. Für Lesungen schweben ihm Schauplätze wie der „Türkische Saal“ von Ludwigs Schachen-Schloss vor. Romantikalarm? Aber nicht in seinem Thrillerdebüt. Da seziert Ritter à la Feuchtwanger korrupten Provinzialismus. ag


Alpenwohnen mit Ethik

Fotos: © Matteo Thun & Partners (1); Zeichnungen: Matteo Thun

Er ist in Bozen aufgewachsen. Das hat den Architekten Matteo Thun, der sein Büro in Mailand hat, früh gelehrt, die Berge zu achten. Vor allem, wenn er dort baut. Neue Alpenhotels zum Beispiel ...

Matteo Thun ist ein in den Alpen bauender Architekt, der sagt, man solle dort am besten gar nicht bauen ... Wie er den Widerspruch auflöst, erzählte uns der Schöpfer des Vigilius Mountain Resorts bei Meran anhand aktueller Hotelpläne in Österreich, Südtirol und der Schweiz. Sie äußerten jüngst, das Boutique-Hotel sei tot.

Was ist das, ein Boutique-Hotel? (Wir glauben, durchs Telefon ein sanftes Lachen in der Stimme zu hören.) Im Ernst – Hotelqualität hat nichts mit Zimmergröße, goldenen Wasserhähnen oder riesigem Flatscreen zu tun. Im Vigilius von 2003 gibt es gar kein TV. Das braucht man da auch nicht. Klingt nicht nach herkömmlichem Luxus. Wie plant man angemessene Hotels in den Alpen?

Man sollte erst mal viel Zeit da verbringen, um Mikroklima und Sonnenstände zu untersuchen, die ganze Interaktion vor Ort. Und der Architekt muss kritisch prüfen, ob der Bauplatz überhaupt geeignet ist. Ich bin da reserviert. Die Alpen sind gefährdet, sensibel. Man braucht ethische Prinzipien. Lassen Sie uns Ihre Ideen für Alpenwohnen auf Zeit mal durchgehen. Das Klimahotel in Trafoi ...

Der frühere Skirennläufer Gustav Thöni plant am Stilfser Joch ein Kinderhotel mit mir. Gerade war Baubeginn. Ende 2012 soll alles fertig sein. Der Klimahotel-Standard wird, so hoffen wir, als ganzheitliche Zertifizierungsnorm bald das Sterne-System ablösen. Das macht heute keinen Sinn mehr. Am Katschberg haben Sie Ferientürme gebaut.

Das wirkt dem Flächenverbrauch entgegen. Die Edelweiss Residencen bieten für 66 Wohnungen in zwei Rundhochhäusern Anschluss an ein sehr gutes Hotel. Alles spielt sich zwischen Schafweiden und Skiliften ab. Ich habe mich geweigert, dort ein Resort zu bauen: Hier ist die vertikale Lösung besser, wie sie die Agnellis vor 80 Jahren in Sestriere umsetzten – so findet keine Zersiedlung statt.

GRÜNE FERIEN Der Südtiroler Matteo Thun (u.) stellte jüngst zwei Türme an den Katschberg. G.o. seine Skizze mit Hang-Suiten für ein Klimahotel. Li. Gäste-Heustadel für Goms (Wallis). „Das Projekt nutzt alte Bausubstanz und vermeidet große Volumina.“

Apropos: Was ist ein „vertical village“?

Wir können beim Bauen viel von meinen Vorbildern, den Walsern, lernen. Die Strategie „weniger ist mehr“ wurde von ihnen über der Waldgrenze, in einer Überlebenssituation, sehr gesund interpretiert. Das „vertikale Walserdorf“, in dem wir für Zermatt auf neun Etagen 50 edle, schlichte Suiten vorschlagen, ist das Gegenteil zu vordergründiger Chalet-Gemütlichkeit. Und Sie planen auch noch Gesundheitshotels.

Alle in der Schweiz! Das erste kommt bis 2014 in Bürgenstock am Vierwaldstätter See. Wollen Sie den Zauberberg neu erfinden?

Fast! Wir entwickeln Häuser mit bestem Hotelkomfort für die zweite Wellness-Generation. Es geht darum, angenehmer gesund zu werden. Mit wohnlichem Medizingerät und Betten auf Rädern, die wie private Betten aussehen. www.matteothun.com Interview: Alexander Hosch 05 2011 . ALPS

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3 x Dichterhaus

Hermann-Hesse-Haus, Gaienhofen TEXT Alexandra González

Wir müssen uns Hermann Hesse als Bio-Pionier vorstellen. Kein Kunstdünger, stattdessen Kompost auf die Beete, eine Sonnenblumenallee und ein Hoch auf den Selbstversorgergarten. „… wir hatten damals die Erdbeeren und Himbeeren, den Blumenkohl und die Erbsen und den Salat im Überfluss.“ Nach dem Spontanerfolg „Peter Camenzind“ kündigte der Dichter den Job im Basler Buchhandel und ließ 1907 für seine junge Familie ein Landhaus im Geist der Lebensreform bauen – frei gegliederte

Fassade, Erker, mintgrüne Holzschindeln, eine frühe Villa Kunterbunt. Kalkuliert ungezwungen auch der Garten: „... in den Blumenrabatten verteilen wir voraussehend die Farben und Formen, häufen Blau und Weiß, schmettern ein lachendes Rot dazwischen …“ Bis 1912 währte das naturnahe Glück am Bodensee, dann flüchtete Hesse vor der bürgerlichen Enge nach Indien. Die aktuellen Besitzer haben Räume und Garten originalgetreu restauriert. Besucher willkommen! www.hermann-hesse-haus.de

Thomas-Bernhard-Haus, Ohlsdorf

Il Vittoriale degli Italiani, Gardone Riviera Faszination und Abscheu bleiben treue Begleiter, wenn man die Souvenirstände mit Mussolini-Devotionalien passiert hat und den „Vittoriale“ betritt. Der Super-Exzentriker und symbolistische Schriftsteller Gabriele d’Annunzio legte die Zitadelle hoch über dem Gardasee ab 1921 als größenwahnsinnige Soldatenfantasie an. Wasserläufe, Park, Mausoleum, in den Berg gerammtes Schlachtschiff und Amphitheater gruppieren sich um die historische Villa „La Prioria“. Von seinem eigenen Ende besessen – es kam 1938 – inszenierte er in dem mit Dekor überfrachteten Wohnhaus Werden und Vergehen. www.vittoriale.it

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Wie er vorgehen solle, um Thomas Bernhard auf dem Vierkanthof einen Besuch abzustatten, fragte der Autor Hermann Burger die Nachbarin in Obernathal: „Am besten überfallsmäßig, sonst fährt er Ihnen in Richtung Mondsee davon … Oder verbarrikadiert sich in der Speisekammer.“ Bernhardianer haben es heute leichter. Sie können ohne Voranmeldung ungestört in den penibel aufgeräumten Räumen zwischen Antiquitäten und Selbstgezimmertem die Witterung nach dem 1989 Verstorbenen aufnehmen. Im Schrank hängen noch die Anzüge, im Bad wartet das Rasierwasser. Schon zu Bernhards Lebzeiten sah es in seinem oberösterreichischen „Existenzkerker“ so proper aus, als mache man gleich die Wohnungsübergabe, besenrein. Vielleicht hatte der geniale Grantler insgeheim doch ständig mit Gästen geliebäugelt. www.thomasbernhard.at Von Ostern bis 31.10., Sa., So. und Feiertage 14–18 Uhr und nach Vereinbarung, Tel. +43/76 12/470 13 oder 471 81

Fotos: Thomas Bernhard Nachlassverwaltung (1); Erika und Wieland Schmied, „Thomas Bernhard. Leben und Werk in Bildern und Texten“, Residenz Verlag, 49,90 €; „Bildnis Hermann Hesse“, Ernst Würtenberger, 1905

Hermann Hesse führte am Bodensee ein alternatives Landleben. Gabriele d’Annunzio trug in Gardone dick auf. Und Thomas Bernhard gab im Traunviertel den Landwirt. Ihre Häuser sind heute noch so voller Poesie, als wären die Literaten nur kurz zum Bäcker gegangen


Fotos: Christopher Thomas (1); Emil Nolde, „Berglandschaft“, angeboten von Kunsthandel Thole Rotermund

www.buonconsiglio.it

Die Sprache der Gewalt ■ 23. September – 20. November LJUBLJANA – Die 29. Auflage der progressiven „Biennial of Graphic Arts“ untersucht nicht nur Zeichen oder Schriften. Ausstellungen, Diskussionen sowie ein Symposion wollen helfen, die Ausdrucksmittel aktueller Kunst zu lesen. Themenbereiche: „Gewalt“, „Großzügigkeit“, „Leere“, „Die Suche nach Weihe und Kult“. Sehr ambitiös!

www.mglc-lj.si

Tonfabrik ■ 1. – 9. Oktober CAROUGE – Es wird gebrannt, performt, gefilmt. Geredet, geworkshopt, um Preise gerungen. Und an zwanzig Orten ausgestellt. Ein regelrechtes Keramikfeuerwerk brennen Künstler aus 14 Nationen beim 12. Parcours Céramique Carougeois nahe Genf neun Tage lang ab.

www.parcoursceramiquecarougeois.ch

Pittoreske Passion ■ 13. Oktober – 31. Dezember MÜNCHEN – Der Fotograf Christopher Thomas begleitete die Proben für das Oberammergauer Passionsspiel 2010. Seine stark körnigen Darstellerporträts sind an Malerei von Caravaggio, Zurbarán und Rembrandt orientiert. Im Kirchensaal des Bayerischen Nationalmuseums. www.bernheimer.de

Christopher Thomas, „Hohepriester“ aus dem „Passions“-Zyklus von 2010, Bayerisches Nationalmuseum

■ Bis 13. November TRIENT – Die Alpenpfade zwischen Mittelmeer und Zentraleuropa. 400 Funde aus der Prähistorie bis zur Römer-Ära prägen die Schau „Le grandi vie delle civiltà“ im Castello del Buonconsiglio. Waffen, Handwerkszeug, Götterstatuen. Ab 15. 12. in der Archäologischen Staatssammlung München.

www.bergfilm-festival-tegernsee.de

Glanzlichter ■ 21. – 30. Oktober MÜNCHEN – Das Publikum aus den Alpenländern ist Hauptadressat der „Highlights“ im Haus der Kunst. Doch 55 der besten Händler Europas für Möbel und Gemälde von der Antike bis zur Moderne arbeiten daran, die kleine feine Kunstmesse bald weltweit zu etablieren. www.munichhighlights.com

Manhattan am Attersee

Noldes „Berglandschaft“ bei T. Rotermund, Highlights

Die Wege sind das Ziel

■ 19. – 23. Oktober TEGERNSEE – Die Extrareihe beim 9. Internationalen Bergfilm-Festival Tegernsee gehört dem „Wasser in den Bergen“. Dazu: ein Wettbewerb und 100 Filmabenteuer zwischen Eis und Fels in sechs Vorführsälen – vom Spielfilm zur Wissenschaftsdoku. Und wem’s doch mal zu viel Kino wird: Vor der Tür und hinterm See liegen die Hauptdarsteller in natura – die nördlichen Alpengipfel.

■ 2. November NEW YORK – Die halbe Upper East Side hängt am Central Park gerade probeweise das Sofabild ab. Passt da vielleicht ein Gustav Klimt hin? In einer Sotheby’s-Auktion wäre das Juwel „Litzlberg am Attersee“ aus der Sammlung Zuckerkandl zu haben. Einziges kleines Problem: die Taxe von 25 Millionen Dollar. www.sothebys.com

Leonhardi-Ritt in L Alta Badia

www.kunstmuseumluzern.ch

Das Wilde, so nah

Erntedank auf Hufen ■ 6. November SAN LEONARDO – Ursprünglich ging’s

mal um Wotan. Später wurde ein christlicher Brauch zu Ehren des Schutzpatrons der Tiere draus: der Leonhardi-Ritt. Das Besondere am Festumzug von Alta Badia im Herzen der Dolomiten: ladinische Trachten und heimische Haflinger. www.altabadia.org

„Origami“-Keramik von Ann van Heoy in Carouge

■ Bis 13. November LUZERN – „Der Moderne Bund“ gründete sich 1911 in Weggis. Mit dem berühmten, parallel formierten „Blauen Reiter“ verband die Künstlergruppe nicht nur das Doppelmitglied Paul Klee – sondern unbedingter Wille zur Avantgarde. Außer Klee waren Hans Arp, Walter Helbig, Wilhelm Gimmi, Oscar Lüthy und Hermann Huber dabei. Im Kunstmuseum.

Nicht ohne meine Sarah! ■ Ab 6. November MENTON – Eine alte Zitadelle im Hafen. Der hochpoetische Jean Cocteau wählte sie einst für sein Spätwerk. Nun kriegt sie Gesellschaft: noch ein Cocteau-Museum. Sammler Severin Wunderman ließ dafür tausend Kleinodien aus Kalifornien umziehen: Gedichte, Bilder, Plastik seit 1910 – und viel Theatralisches zu Sarah Bernhardt.

Das neue CocteauMuseum in Menton

Schweizer Sixpack

Pferdestatue auf Rädern im Castello del Buonconsiglio, Trient

Kalender oktober/november

www.tourisme-menton.fr 05 2011 . ALPS

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notizbuch Echt und ehrlich

ARTIKEL auf seite 18

Wer sich nicht sattsehen kann: Mehr Geschichten, Bilder und Rezepte von Südtiroler Bergbauernhöfen finden sich in Isolde von Mersis Buch „Schneemilch und Pressknödel“, folio Verlag

Schwarzplententorte (Eggerhöfe) Zutaten: 250 g weiche Butter, 250 g Puderzucker,

❦ADRESSEN

1 Pkg. Vanillezucker, 6 Eier, 250 g gemahlene Nüsse, 250 g Schwarzplent- (= Buchweizen-)Mehl, 2 EL Stärkemehl, 1 Pkg. Backpulver, 2 EL Kakao, 2 geriebene Äpfel, Preiselbeermarmelade

Bauerngröstl (Falschauer Hof) Zutaten: 1 kg rote Kartoffeln, 1/8 l Öl, 150 g Butter, 2 gewürfelte Zwiebeln, 1 fein geschnittene Knoblauchzehe, 5–6 Lorbeerblätter, ½ kg gekochtes Rindfleisch

Zubereitung: Kartoffeln kochen, auskühlen lassen, schälen und in Scheiben schneiden. Öl und Butter erhitzen, Zwiebeln und Knoblauch anschwitzen, Kartoffeln zugeben, beidseitig gut anbraten. Salzen, pfeffern, Lorbeerblätter zufügen. Gekochtes Rindfleisch in Streifen schneiden, untermischen und fünf Minuten mitbraten.

Apfelstrudel (Kinighof) Zutaten: Strudelteig: 250 g feines Mehl, 1/8l lauwarmes Wasser, 1–2 EL Sonnenblumenöl, 2 Eigelb. Füllung: 100 g gedörrte Zwetschgen, 8 mittelgroße Äpfel (z. B. Jonagored oder Golden Delicious), 100 g gehackte Walnüsse, abgeriebene Schale einer Bio-Zitrone, etwas Zitronensaft, 50 g Semmelbrösel, 1 TL Zimt, 50 g Zucker. Außerdem: 50 g zerlassene Butter

Zubereitung: Für den Teig das Mehl auf eine Arbeitsfläche sieben, eine Grube hineindrücken, darin Wasser, Sonnenblumenöl und

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Zubereitung: Butter schaumig rühren. Abwechselnd Puderzucker, Vanillezucker und Eier zufügen, bis eine sehr feine Masse entsteht. Die Nüsse, das Schwarzplent-Mehl, die Stärke, Backpulver und Kakao mischen und unter die Masse heben. Zum Schluss die geriebenen Äpfel zufügen. Den Teig in eine Springform (28 cm Ø) füllen und im vorgeheizten Backrohr bei 180° C ungefähr eine Stunde backen. Die Torte auskühlen lassen, quer halbieren. Die Schnittfläche mit Preiselbeermarmelade bestreichen, das obere Kuchenteil wieder aufsetzen und die Torte mit Puderzucker bestäuben. Tipp: Das Kakaopulver durch die gleiche Menge geriebener Schokolade ersetzen.

Eigelbe verrühren, zu einem sehr weichen Teig verkneten. Zu einer Kugel formen, mit Öl bepinseln und unter einem heiß ausgespülten Topf eine Stunde ruhen lassen. Danach auf einem bemehlten Tuch ausrollen, mit den bemehlten Handrücken unter den Teig greifen und von der Mitte aus zu den Tuchkanten vorsichtig ausziehen, bis der Teig dünn wie Papier ist. Für die Füllung die Zwetschgen klein schneiden, in warmem Wasser einweichen. Äpfel schälen und würfeln, mit Zwetschgen, Walnüssen, Zitronenschale und -saft, Semmelbröseln, Zimt und Zucker mischen. Füllung 30 Minuten ruhen lassen, dann auf dem Teig verteilen. Mithilfe des Tuches aufrollen, die Enden umklappen und gut festdrücken. Strudel auf ein gefettetes und bemehltes Backblech setzen, mit zerlassener Butter bestreichen und im vorgeheizten Backrohr bei 170°C bis 180°C ca. 40 Minuten backen.

Fotos: Frieder Blickle (3)

Eggerhöfe, Antholz Mittertal, Tel. +39/04 74/49 30 30, www.eggerhoefe.it; Buschenschank, Ferienwohnungen Falschauerhof, St. Gertraud 14, Ultental, Tel. +39/ 04 73/79 01 91; Buschenschank, auf Vorbestellung Kinighof, Signat 187, Ritten, Tel. +39/ 04 71/36 50 47, Buschenschank, Verkauf von Apfelsaft Niederstein, Schlattach 6, St. Leonhard im Passeier, Tel. +39/335/105 01 61, Zimmer mit Frühstück, Verkauf von Bergwiesenheu.


❦DAS ORIGINAL

Als Buch, „in dem richtige Menschen das Richtige sagen und das Richtige tun“, lobte kein Geringerer als Theodor Fontane den berühmtesten aller Heimatromane. Derzeit erhältlich ist die Ausgabe des Rosenheimer Verlagshauses (14,95 Euro).

Die Geierwally

ARTIKEL auf seite 74

Seit Wilhelmine von Hillerns Roman 1873 erstmals erschien, beflügelt er Komponisten und Regisseure, Dramatiker, Satiriker und Kabarettisten immer wieder aufs Neue

Von der Heldin zur Hupfdohle Im Film hat die Geierwally viele Gesichter. Besonders einprägsam sind zwei: Das erste gehört Heidemarie Hatheyer, Hauptdarstellerin der Verfilmung von 1940. Auch wenn der Stoff im Sinne der Nazi-Ideologie interpretiert wird – das intensive Spiel der Hatheyer und die bestechend schönen Landschaftsaufnahmen von Kameramann Richard Angst machen den Film auch heute noch sehenswert. Ein Leckerbissen für alle Trashfans dagegen ist die „Geierwally“-Version, die Walter Bockmayer 1988 als Persiflage auf TV-Kitschserien und 50er-Jahre-Heimatfilme drehte, u. a. mit der Komikerin Elisabeth Volkmann und der SubkulturIkone Barbara Valentin. Da blieb kein Klischee verschont.

Vom Naturkind zur Diva

Vom Bierernst zum Jux Meinen sie’s jetzt ernst oder nicht? Das weiß man bei der schweizerisch-deutschen Musikkabarett-Gruppe Geschwister Pfi ster nie so genau. Den schmalen Grat wahren sie auch bei ihrem köstlichen „Geierwally“-Hörspiel, für das sie sich Unterstützung der schrä-

gen Wiener Bläsercombo Mnozil Brass holten. Ein Hörgenuss irgendwo zwischen Heimatdrama und Ironie (siehe auch rechts).

Von der Bühne ins Wirtshaus In Elbigenalp, der Heimat von Geierwally-Vorbild Anna StainerKnittel, ist die unbeugsame Romanheldin noch in ganz anderer Form präsent: Jedes Jahr im Sommer werden dort auf der „Freilichtbühne Geierwally“ anspruchsvolle, moderne Heimatstücke präsentiert. Federführend ist die Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Claudia Lang, die 1993, als die Freilichtbühne eröffnet wurde, bei einer Geierwally-Version des Tiroler Dramatikers Felix Mitterer in der Titelrolle auf der Bühne stand (www.lechtal.at/geierwally, Tel. +43/56 34/53 15-12). Im ebenfalls in Elbigenalp gelegenen Restaurant „Zur Geierwally“ lassen sich nicht nur während der Freilichtsaison, sondern auch zu jeder anderen Jahreszeit Tiroler Spezialitäten genießen (www.zur-geierwally.com, Tel. +43/56 34/64 05).

Fotos: dpa (1), ddp (1)

19 Jahre nach dem Erscheinen von Wilhelmine von Hillerns Roman hatte die Opern-

version an der Mailänder Scala Premiere: „La Wally“ von Alfredo Catalani, einem Komponisten, der ähnlich wie Verdi und Puccini in seinen Opern die menschlichen Seiten an großen tragischen Inhalten darzustellen suchte und für sich in der „Geierwally“ eine ideale Vorlage entdeckte. Gespielt wird seine Oper heute so gut wie nicht mehr – eine Arie daraus allerdings wurde weltbekannt: „Ebben? Ne andro lontano“. Sie gehört nicht nur bis heute zu den Bravournummern großer Sopranistinnen, sondern war auch Leitmotiv von Jean-Jacques Beineix’ Kinoklassiker „Diva“ von 1981.

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❦ARIENGENUSS

Die beste derzeit erhältliche Gesamtaufnahme von Catalanis „La Wally“ mit den Opernlegenden Renata Tebaldi und Mario del Monaco ist bei Decca erschienen. Wer nur die berühmte Arie hören möchte: Die Callas-Version ist unerreicht.

❦HÖR-SATIRE

Offiziell wird die Geierwally der Geschwister Pfister nicht mehr im Hörbuch-Programm von Patmos Audio geführt. Über www.amazon.de (oder die entsprechenden Adressen in Österreich und der Schweiz) ist die CD aber noch neu oder antiquarisch zu bekommen.

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Gletscherwanderungen

ARTIKEL auf seite 82

Vielen hochalpinen Regionen geht es nicht länger darum, den Gästen nur die heile Welt vorzuführen: Spannende Programme führen mitten hinein in den greifbaren Klimawandel

Audioguide an der Jungfrau Wer es nicht so sportlich angehen möchte, für den wurden in der Jungfrauregion sieben themengebundene Spazierwege und leichte Wanderungen zu Punkten eingerichtet, an denen die Veränderungen besonders markant sichtbar sind: den Grindelwaldgletscher, den Eigergletscher oder das Wintersportmekka Wengen. Für S m a r t pho ne - B e s it z e r gib gibt es eine KlimaguideAp App mit multimedial au aufbereitetem Hintergr grundwissen (www.jungfra frau-klimaguide.ch, Tel. +4 +41/33/854 12 40) Le Lehrpfad am M Morteratsch In der Engadiner Bernin nagruppe ist durch den R Rückzug des Morterratschgletschers eine völli lig neue Landschaft

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Aletsch-Gletscher

Luis Pirpamer

MorteratschGletscher

zum Vorschein gekommen. Jeden Montag gibt es von Pontresina aus eine geführte Tageswanderung zu einem Gletscherlehrpfad, die sich auf die geologischen Veränderungen in den Steinwüsten entlang des alten Gletscherbetts konzentriert, und auf die Pionierpflanzen, die sich als Vorboten der Vegetation in der ehemaligen Eiswüste ansiedeln (Anmeldung bei der Pontresina Tourist Information, Tel. +41/81/838 83 00, www.pontresina.ch). Der Lehrpfad ist auch Teil einer sehr anspruchsvollen und berühmten Tour: Sie führt von der Bergstation der DiavolezzaBahn über den Persgletscher und den Morteratschgletscher hinunter zum Bahnhof Morteratsch. Die Tour ist nur für versierte Gletscherkenner geeignet; Führungen können bei der Bergsteigerschule Pontresina gebucht werden (Tel. +41/81/842 82 82, www.bergsteiger-pontresina.ch). Berglegende im Ötztal Wer die Veränderungen im Ötztal hautnah kennenlernen will, quartiert sich am besten im Hotel Post in Vent ein, dem hintersten Dorf im Tal. Kaum einer kennt die umliegenden Gletscher so gut wie der dortige Hotelier. Luis Pirpamer ist gleichzeitig Bergführer – und eine Bergsteigerlegende. Mit 78 ist er immer noch unermüdlich, wenn es darum geht, den Gästen die Schönheit, aber auch den sich gerade vollziehenden einschneidenden Wandel seiner Heimat nahezubringen (Tel. +43/52 54/81 19, www.venthotel-post.com).

Fotos: picture & publicity (1), carofoto (1), Aura (1)

„Gletscherweekend“ am Aletsch Das Pro-Natura-Zentrum Aletsch in Riederalp bietet geführte Tageswanderungen zum flächenmäßig größten Gletscher des Alpenraums an; ein Schwerpunkt ist ein Ausblick auf die Zukunft der Gletscher. Die Wanderung ist für Laien mit normaler Kondition gut zu bewältigen. Für die zu bestimmten Terminen angesetzten, dreitägigen „Gletscherweekends“ dagegen, mit Tagespensa von fünf bis zehn Stunden, sollte man etwas trainierter sein (Informationen: +41/ 27/928 62 20, www.pronatura.ch).


Die richtige Ausrüstung Das Wichtigste, was man auf den Gletscher mitnehmen sollte, kann man nicht kaufen, sondern nur buchen, sagt ALPS-Autor Gerhard Fitzthum, der für seine Reportage Eisriesen im ganzen Alpenbogen erkundete. „Man sollte immer einen gletscherkundigen Experten dabei haben, weil man auch mit viel Bergerfahrung die Gefahren nicht richtig abschätzen kann.“ Trotzdem gibt’s da noch den einen oder anderen Gegenstand, der ins Gepäck gehört.

❦GUT GESCHÜTZT G INS EIS:

Unverzichtbar: SONNENSCHUTZ Auch wenn sich die Sonne im Herbst von ihrer milden Seite zeigt: Da der Schnee die Strahlung reflektiert, ist eine Sonnencreme mit Faktor 25 das Minimum; eine Kopfbedeckung ist ebenso unverzichtbar wie eine wirklich gute Sonnenbrille. Noch besser: eine Gletscherbrille, bei der seitliche Kappen verhindern, dass ungefiltertes Licht von der Seite her in die Augen fällt.

Ein Muss: LANGE KLEIDUNG Selbst wenn angenehme Temperaturen herrschen, haben kurze Hosen auf dem Gletscher nichts zu suchen. Das Eis ist äußerst aggressiv; blanke Haut, die damit in Berührung kommt, wird sofort aufgerissen: Deshalb sind lange Hosen Pflicht, ebenso ein langärmliges Hemd oder ein Pullover, falls man die Jacke ausziehen möchte, und auf alle Fälle Handschuhe. Die müssen nicht warm sein, aber robust – sie sollen ja vor allem die Haut der Hände schützen. Und da es trotz schönem Wetter am Gletscher ganz schön pfeifen kann, unbedingt eine winddichte Jacke mitnehmen, ebenso Mütze und Schal.

Schuhe: BITTE STEIGEISENKOMPATIBEL Im Prinzip genügen feste, über die Knöchel reichende Wanderstiefel (also auf keinen Fall Trekkingschuhe),

wenn sie eine gut profilierte Sohle haben – und wenn sie steigeisentauglich sind. Letztere muss man nicht unbedingt kaufen: Da man ja eine Gletschertour ohnehin nur mit einem ortskundigen Bergführer unternimmt, kann man den auch nach einer Möglichkeit fragen, Steigeisen zu leihen. Wenn man lieber mit eigenen Steigeisen unterwegs sein möchte: Beim Kauf unbedingt darauf achten, dass die Eisen wirklich hundertprozentig am Schuh sitzen, damit sie einem nicht im unpassendsten Moment von der Hacke rutschen.

Die Kür: EISPICKEL UND HÜFTGURT Die meisten Gletschertouren wären ohne sie nicht machbar – der Pickel sorgt für sicheren Halt, und ohne den Hüftgurt könnten die Mitglieder einer Gruppe nicht ans Seil genommen werden. Dennoch lohnt sich hier eine Anschaffung wirklich nur, wenn man plant, derartige Unternehmungen öfter anzugehen. Ansonsten lassen sich beide, wie auch die Steigeisen, gut beim Bergführer leihen.

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Speziell für die Spe Anatomie weiblicher Rücken Rücke konzipierter te Rucksack Alpindonna 26 von do Salewa mit ExtraBefestigung für Befe Eispickel (www.salewa.de). (www. Gletscherpickel Glets „Nepal S.A.“ mit „Nep geschmiedege tem Kopf von te Grivel (www. G grivel.com). g Augenschutz Au explorer xl Altiarc explor vom französischen Gletscherbrillenexperten Julbo (www.julbo-eyewear.com). Extraleichtes ZehnZacken-Steigeisen „Light Universal“ von Stubai (www. stubai-bergsport. com). Leichtgewichtige, super-robuste Jacke Nanu Sax PTX von Salewa (www.salewa.de).

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Ferienhäuser

ARTIKEL auf seite 102

In Architekturikonen wohnen – das bleibt für die meisten ein unerfüllter Traum. In diesen drei mietbaren Ferienhäusern kommt man ihm, auf Zeit, zumindest ein kleines Stückchen näher

Das Auge: Villa Vals

Das Äußere der Villa Vals ist ein Hingucker, das Innere ein echter Leckerbissen für alle, die die verspielte Radikalität des niederländischen Designs lieben: Von Sichtbetondecken hängen Lüster, in kühle Räume schmiegen sich gemütliche, holzverkleidete Schlafkojen, und die parabelförmigen Schichtholzeinbauten in der Ankleide erinnern irgendwie an Gaudì.

Das Graubündner Valser Tal ist, unter anderem dank Zumthors Therme, sowieso ein Mekka für Architekturfans. Jetzt fi nden sie dort noch eine würdige Bleibe mehr: Die Villa Vals, nur einen Steinwurf von dem berühmten Bad entfernt, wurde von den holländischen Architekten Bjarne Mastenbroek und Christian Müller buchstäblich in den Hügel gebaut. 160 Quadratmeter Wohnfl äche, ausgelegt für zehn Personen, grup-

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pieren sich teilweise unterirdisch um die runde 60-Quadratmeter-Terrasse. Auch die Interiors spiegeln zeitgenössisches niederländisches Design. Verwendet wurden u. a. Stücke von Hella Jongerius, Aldo Bakker und Marcel Wanders. Villa Vals, Poststraße 38, Rota Härd, CH-7132 Vals, Kontakt für Mietinteressenten: Tel. +31/20/788 99 00, www.villavals.ch. Wochenpreise zwischen 1800 und 3500 Euro, je nach Saison.

Der Quader: Villa Rasilla Le Corbusiers Villa Savoye stand bei dem Entwurf des Innsbrucker Büros Noldin & Noldin unübersehbar Pate. Die Villa Rasilla im tirolerischen Serfaus ruht auf einem massiven Betonunterbau, in dem die Garage und der Wellnessbereich untergebracht sind. Vier Schlafzimmer (für insgesamt acht Personen) befi nden sich im verglasten Zwischengeschoss, ein 75 Quadratmeter großer Wohnraum mit Essbereich und Küche in der selbst tragenden Holzkonstruktion des Obergeschosses, das sich zu einer großzügigen Südterrasse öffnet. Die Einrichtung ist im

Fotos: Iwan Baan (2), Andreas Achmann (1)

❦INHOLLAND DER SCHWEIZ


Hersteller

ARTIKEL auf seite 70

Almwild, www.almwild.de, Tel. +49/83 82/604 43 16 Anina W, www.aninaw.de, Tel. +49/175/649 43 27 Arlberg Hospiz Hotel St. Christoph*****, www.arlberghospiz.at, Tel. +43/54 46/26 11

Bayerische Zugspitzbahn Bergbahn AG,

puristischen Stil gehalten. Und selbst die Sauna hat einen Traumblick auf die Berge. Anfragen über Villa Rasilla/Arche, Bozner Platz 4, A-6020 Innsbruck, Tel. +43/664/424 23 14, www.villarasilla.at. Tagespreise zwischen 230 und 270 Euro (Sommer) und 550 und 950 Euro (Winter).

Die Treppe: Aradira Quasi drei Villen in einer baute das Schweizer Architekturbüro Ventira in Kappl im österreichischen Paznaun. Durch die stufige Anlage bekommen die einzelnen Parteien nicht einmal wirklich mit, dass sie Nachbarn haben, weil selbst bei der Anlage der Terrassen auf Privatheit geachtet wurde. Zimmerhohe Fenster, aber auch die Materialien holen die Natur nach drinnen: Die meisten Räume sind mit geöltem Lärchenholz ausgekleidet, die Böden, wie auch die Verkleidung der Außenfassade, in Schiefer gehalten. Die drei Appartments haben zwei oder drei Schlafzimmer. Aradira, Schmiedsegg 661, A-6555 Kappl, Tel. +43/ 664/110 73 43, www.aradira.at. Tagespreise im Sommer zwischen 60 und 190 Euro, im Winter zwischen 120 und 280 Euro (je nach Saison und Größe).

www.zugspitze.de, Tel. +49/88 21/79 70 BergWegVerlag, www.bergwegverlag.de, Tel. +49/83 24/95 26 45 Bergwild, www.bergwild.at, Tel. +43/664/354 71 23 Clarins, www.clarins.de Feinschmuck, www.feinschmuck.de, Tel. +49/83 82/93 75 20 Fischer, www.fischersports.com Garmin, www.garmin.com Giesswein, www.giesswein.com greenbee records, www.greenbee-studio.at Grasegger, www.grasegger.de, Tel. +49/88 21/94 30 00 Hohner, www.hohner.info

Hubertus Alpin Lodge & Spa**** in Balderschwang, www.hotel-hubertus.de, Tel. +49/83 28/92 00

Interalpen-Hotel Tyrol*****, www.interalpen.com, Tel. +43/50/809 30 Kibio, www.kibio.com K-Way, www.k-way.de Leica, www.leica.de Maloja, www.maloja.de Mammut, www.mammut-shop.de Nomos, www.nomos-store.com Parkhotel Frank***** in Oberstaufen, www.parkhotel-frank.de, Tel. +49/83 22/ 70 60 Piper Verlag, www.piper.de Radspieler, www.radspieler.com, Tel. +49/89/235 09 80 Röckl, www.roeckl.com Ricola, www.ricola.com Salewa, www.salewa.de

Sonnenalp Hotel & Resort***** in Ofterschwang, www.sonnenalp.de, Tel. +49/83 21/27 20 Stetson, www.stetson-europe.com

Südtiroler Familienhotels, www.familienhotels.com, Tel. +39/04 71/99 99 00 Superga, www.superga.com Swarovski, www.swarovski.com Timberland, www.timberland.com Victorinox, www.victorinox.com

Wellnesshotel Bergkristall**** in Oberstaufen, www.bergkristall.de, Tel. +49/83 86/91 10

white factory world GmbH, www.whitefactoryworld.de

Glücklicher Gewinner Die Lösungen des Rätsels zu unserer letzten Ausgabe lauten: Bern – 1374 Meter – Slowenien. Der Gewinner ist Christian Kempf aus Wien, er darf sich auf drei Übernachtungen zu zweit im Großarler Hof freuen.

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STRASSENRANDPERLEN Und schon wieder dran vorbeigefahren! Entlang der Alpen-Magistralen gibt es Sehenswürdigkeiten, die jeder zu kennen glaubt, obwohl TEXT Alexander Hosch . FOTO Sabine Berthold kaum einer je dort angehalten hat. Wir nehmen uns die Zeit und besuchen sie

Die versunkene Kirche im Reschensee Objekt Alt-Grauner Glockenturm Adresse unerreichbar Koordinaten N 46°48.646´, E 010°32.195´ Bauzeit 14. Jahrhundert Bau-Grund Dorf braucht Kirche Aktuelle Nutzung Nicht zugänglich; um den See: Wander- und Laufstrecken. Seit 2008 finden bei Eis die Internationalen Deutschen Snowkite-Meisterschaften statt. www.reschensee.com Öffnungszeiten Parkplatz an der Uferstraße mit Info-Plateau und Blick auf den Turm jederzeit offen Schönster Augenblick Wenn der Turm bei Sonne und hohem Wasserstand seinen Schlagschatten zum Ufer wirft

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Warum man immer dran vorbeifährt:

Weil man den pittoresken Turm auch vom Auto aus gut sieht – und schon ahnt, dass einen hier keine glückliche Geschichte erwartet.

Weshalb man nächstes Mal unbedingt hin muss!

Die Flutung von Alt-Graun im westlichen Südtirol war für die Vinschgauer eine Katastrophe. 1920 wurde von den Behörden der alte Plan der österreichischen Monarchie beschlossen, den auf rund 1500 Meter gelegenen Natursee Lago di Resia zur Stromgewinnung moderat aufzustauen. 1939 verfügte die faschistische Regierung in Rom „zur Stärkung der nationalen Industrie“ aber die Erhöhung des Wasserspiegels um 22 Meter: das Todesurteil für die Ortschaft Graun. Zwar verschob sich das Vorhaben bis 1950 – doch die Folgeregierung bestätigte es. Mehr als 1000 Menschen wurden enteignet und umgesiedelt, 163 Häuser gesprengt, 523 Hektar fruchtbarer Boden gingen verloren. Zeugenberichte vom letzten Gottesdienst vor der Überflutung und von der Bergung der Glocken finden sich im Internet. Geblieben ist ein malerischer romanischer Kirchturm in einem sechs Kilometer langen See, der heute die Angler mit Renken, Hechten und Forellen erfreut, die Kite-Surfer mit heftigen Winden. Und im Winter drängeln sich Eissurfer, Eissegler und Snowkiter.

Wie man hinkommt: Der Kirchturm im See liegt bei Curon Venosta (Graun) direkt an der SS 40 (aus Meran) – fünf Kilometer vor dem Reschenpass. Oder dahinter, wenn man von Tirol kommt.

Die nächste Ausgabe von ALPS erscheint am 23.11.2011 ALPS . 05 2011


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ALPS Magazine #7/2011