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SCHWERPUNKT

AUSGEBLENDET. DIE VERBINDUNG ÖSTERREICHISCHER JUDEN UND JÜDINNEN ZUM ALPENRAUM

Seit Jahrhunderten suchten Menschen aus der Stadt Erholung in der Natur. Im 19. Jahrhundert entdeckten auch Juden und Jüdinnen die Berge für sich. Auch hier sahen sie sich allerdings bald antisemitischen Diskriminierungen gegenüber. Ein Text von Danielle Spera.

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eit Jahrhunderten suchten Menschen aus der Stadt Erholung in der Natur. Die Bezeichnung aus dem Italienischen „prendere aria fresca“ wurde tatsächlich zu einem Inbegriff der Erholungskultur im Sommer. Auch von Juden und Jüdinnen wurde diese Idee mit Begeisterung aufgenommen. Erobert wurden der Semmering, das Gasteinertal, das Ausseerland und viele andere ländliche Gegenden in der Donaumonarchie, wo Juden und Jüdinnen selbstverständlich auch die örtliche Tracht trugen, wie ein legendäres Foto von Sigmund Freud und seiner Tochter Anna aus dem Jahr 1913 zeigt. Die Volkskunde im Alpenraum wurde von Juden und Jüdinnen und von Personen mit jüdischer Herkunft wie Konrad Mautner (1880–1924) geprägt. Konrad Mautner stammte aus einer Textilindustriellenfamilie, siedelte sich aber in Grundlsee an und gehörte zu den wichtigen Forschern zu Trachten und Volkskunst. Das Haus, in dem seine Witwe lebte, und seine Sammlungen wurden von den NationalsozialistInnen beschlagnahmt; später mussten die ErbInnen langwierig um eine Rückstellung kämpfen. Konrad Mautner wird zwar in der Chronik des Ortes erwähnt, doch unter Ausblendung des Schicksals seiner Familie und seiner Sammlung. Eugenie Goldstern (1884–1942) war ebenfalls eine wichtige Volkskundlerin und Kulturgeographin, eine Anstellung im Volkskundemuseum Wien wurde ihr auf Grund ihrer Herkunft verwehrt. Dennoch unterstützte sie das Museum und schenkte ihm ihre umfangreiche Sammlung, bevor sie deportiert und 1942 ermordet wurde.

Lilli Baitz (1874–1942), stammte aus einer Arztfamilie, musste aber später die Sanatorien ihres Vaters versteigern lassen und wurde eine erfolgreiche Produzentin von Trachtenpuppen. 1942 nahm sie sich unmittelbar vor ihrer Deportation in Bad Aussee das Leben. Theodor Herzl, Arthur Schnitzler oder Jakob Wassermann waren Stammgäste in Aussee und auch das übrige Salzkammergut war ein beliebter Ort der Sommererholung für Wiener Juden und Jüdinnen, ebenso der Semmering. Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Alfred Polgar, Peter Altenberg, Gustav Mahler, Franz Werfel, Stefan Zweig, Sigmund Freud, Ludwig Wittgenstein, Felix Salten, Robert Musil und viele andere sind in ihrem künstlerischen Schaffen eng mit dem Semmering verbunden. Hier war es vor allem das Südbahnhotel, das als Symbol einer modernen und künstlerisch inspirierenden Epoche galt. In der Zwischenkriegszeit erlebte die Sommerfrische eine letzte Hochblüte. Ab den frühen 1930er Jahren wurden Juden und Jüdinnen immer vehementer aus den Erholungsorten gedrängt. Die Zäsur des Jahres 1938 setzte dieser Kultur insgesamt ein Ende. Bald wurde es Juden und Jüdinnen verboten, Tracht zu tragen. Rasch wurden die jüdischen (Stamm-)Gäste vertrieben. Villen und Sommerhäuser, die im Besitz jüdischer Familien waren, wurden enteignet und bekamen neue BesitzerInnen; umgehend erklärten sich viele Orte „judenrein“. Die Vertreibung der Juden und Jüdinnen bedeutete den Niedergang vieler klassischer Sommerkurorte, von dem sich viele bis heute nicht mehr erholen konnten.

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Alpendistel #1 Im Schatten der Berge. Antisemitismus Gestern und Heute  

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