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GEDENKEN, ERINNERN, HANDELN

ANTISEMITISMUS IST TEIL UNSERER VERGANGENHEIT, ABER NOCH NICHT GESCHICHTE Auch heute noch ist Europa nicht davor gefeit, die fatalen Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Antisemitismus und Hass flammen immer wieder auf und stellen eine Gefahr für unsere Zivilisation dar. Die selbstkritische Auseinandersetzung mit unserer Geschichte muss daher ebenso immer weitergehen, um eine friedvolle Zukunft für alle zu ermöglichen. Ein Appell von Franz Fischler.

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as Europäische Forum Alpbach fand unter diesem Namen erstmals im Spätsommer des Jahres 1945 statt „als eines der ersten Projekte zu einer Erneuerung des geistigen Lebens nach Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg“, wie die Historikerin Maria Wirth es in ihrem Buch „Ein Fenster zur Welt“ ausdrückt. Als Forum Alpbach sprechen wir mit einem gewissen Stolz davon, dass bereits 1945 damit begonnen wurde, proeuropäisch gesinnte Menschen zu versammeln, um den Weg für eine Zukunft zu bereiten, in der Gräueltaten, wie sie während des Zweiten Weltkriegs begangen wurden, niemals wieder vorkommen würden. 75 Jahre später wiegen sich viele zu oft in Sicherheit darüber, dass es uns gelungen ist, diese Zukunft zu erschaffen. Das Jahr, das wir als Jahr der Befreiung feiern, markiert nicht das historische Ende des Antisemitismus, denn dieses ist nach wie vor nicht erreicht. Oft spricht man vom „Antisemitismus damals und heute“ und ignoriert die Kontinuität, die beim Hass auf Juden und Jüdinnen seit langer Zeit bestand und weiterhin andauert.

Anstieg bei antisemitischen Vorfällen in Österreich zu sehen. Beschimpfungen, Bedrohungen, die Verbreitung von judenfeindlichen Verschwörungstheorien im Netz und Hakenkreuze, die nachts jemand an die Wand der U-Bahnstation malt, sind nach wie vor Teil des Alltags. Gleichzeitig mangelt es vielen an Wissen. Eine kürzlich im Profil erschienene Studie des Zentrums für Politische Bildung im Auftrag der Arbeiterkammer Wien ergab, dass 81 Prozent der befragten SchülerInnen entweder gar keine oder nur eine falsche Definition des Begriffs „Antisemitismus“ nennen konnten. Eine von vielen Antworten: „Gehört, aber keinen Plan.“

„ Antisemitismus?“ – „ Gehört, aber keinen Plan.“

Das erkennt man einerseits an Ereignissen wie dem rechtsextremen Terroranschlag auf die Synagoge von Halle im vergangenen Jahr und andererseits an viel weiter verbreiteten kleineren Attacken auf unsere jüdischen Mitbürgerinnen und -bürger. Im Antisemitismusbericht 2019 des Forum gegen Antisemitismus ist ein deutlicher

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Alpendistel

AKTIVES ERINNERN Das regelmäßige Erinnern und die wissenschaftliche und (selbst)kritische Auseinandersetzung mit den dunkelsten Stunden unserer Geschichte ist unsere Pflicht gegenüber jenen, denen Heimat und Leben genommen wurden. Das meint auch das Aufbereiten und fortwährende Erzählen von historischen Begebenheiten wie der Krimmler „Judenflucht“, im Rahmen derer im Sommer 1947 tausende Juden und Jüdinnen den beschwerlichen Weg über die Tauern gingen, um über Italien nach Palästina zu gelangen. Wahrscheinlich brauchen wir Veranstaltungen wie Alpine Peace Crossing heute und in der Zukunft dringender denn je. Nicht mehr viele

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Alpendistel #1 Im Schatten der Berge. Antisemitismus Gestern und Heute  

Alpendistel #1 Im Schatten der Berge. Antisemitismus Gestern und Heute  

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