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SCHWERPUNKT

SOUNDS OF ANTI-SEMITISM: SALZBURG Salzburg ist eine von vielen österreichischen Regionen, in denen die antisemitischen Codes zutiefst verankert waren. Jahrhundertelange Verbannung, eine äußerst kleine jüdische Gemeinde und die Aufmerksamkeit auf Salzburg als Hot-Spot des Tourismus und der Hochkultur führten zu einem Gebräu aus antisemitisch Lokalem und Überregionalem. Ein Text von Albert Lichtblau.

E

s sind zwei Geschichten, die immer wieder aufblitzen, wenn mich jemand zur Geschichte des Antisemitismus in Salzburg fragt. Die eine stammt aus einem Interview mit der 1897 geborenen Irene Fürst, die bis 1938 mit ihrem Mann und ihren Kindern in der Linzergasse 5 lebte. Sie betrieb dort ein Geschäft, das im Novemberpogrom zerstört wurde. Ihr Mann wurde wie viele andere jüdische Männer ins KZ Dachau deportiert. Sie war eine starke Frau, bei ihr trafen sich die anderen Frauen, um zu besprechen, was sie tun könnten, um ihre Männer zu befreien. Die einzige Chance damals war die sofortige Ausreise. Irene Fürst und ihrer Familie gelang die Flucht in die Vereinigten Staaten. Bis an ihr Lebensende betrat sie nie wieder österreichischen Boden. Dabei hörte sie nie auf, an Salzburg zu denken, wandelte jeden Abend wie im Traum durch die Linzergasse. Als sie hier lebte, wollte sie nie auf Urlaub fahren. Wozu auch? „Ich liebte es. Es war eine so schöne Stadt. Ohne die Salzburger wäre Salzburg überhaupt die schönste Stadt der Welt.“ Dieses Zitat griff der damalige Bundespräsident Thomas Klestil bei

der 100-Jahr-Feier der Synagoge in Salzburg 2001 auf. Wie bitter, traurig und beklemmend klingt dieses Resümee einer Verfolgungsgeschichte. Die andere Passage stammt aus den Erinnerungen „Als wärʼs ein Stück von mir“ des 1933 nach Henndorf am Wallersee aus Nazi-Deutschland emigrierten Carl Zuckmayer. Ein ihm bekannter Waldbauer vermutete, dass Bundeskanzler Schuschnigg ein Jude sei, weil die Nazis so gegen ihn schimpften. Zuckmayer beruhigte den Bauern, Schuschnigg sei kein Jude. „Aber dann grübelte er weiter: ‚San die Juden wirklich so schlimm?‘“ Zuckmayer versuchte den Bauern abermals zu beruhigen, darauf der Waldbauer: „Aaʼmolʼ, sagte er nachdenklich, ‚aaʼmol möchte i an sehn.‘“ Dieser Satz sagt sehr viel aus, nämlich, dass das Denken der Menschen von märchenhaften Fantasien darüber, über wie viel Macht die „Bösen“, die Juden, verfügen würden und wie gefährlich sie seien, geprägt war. Die Frage an Zuckmayer ist ein Schlüssel zum Verständnis der verworrenen Wahrnehmung der „Judenfrage“ vor der NS-Zeit: Es gab nämlich kaum welche im

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Alpendistel #1 Im Schatten der Berge. Antisemitismus Gestern und Heute  

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