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AUS DEM VEREIN

EIN MEMORY-SPIEL GEGEN DAS VERDRÄNGEN Ein über 60 Quadratmeter großes Memory-Spiel lud Passant*innen am Salzburger Residenzplatz zum Nachdenken über Salzburgs NS-belastete Straßen ein. Ein Nachbericht von Robert Obermair.

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ein zu groß geratener Adventkalender, sondern ein Memory-Spiel mit 128 Plakaten sorgte im Dezember vergangenen Jahres in der Salzburger Altstadt für Aufsehen. Beim Residenzplatz lagen auf über 60 Quadratmetern große Memory-Karten am Boden ausgebreitet. Sie informierten über die 64 Straßennamen im Stadtgebiet, die bis heute Personen mit Verstrickungen im NS-Regime ehren. Passant*innen waren eingeladen, die zusammengehörigen Schilder mit dem jeweiligen Foto eines Straßenschildes und der dazugehörigen historischen Information zu finden. Die Aktion fand großes Gehör und brachte nicht nur viele interessierte Salzburger*innen mit uns ins Gespräch, sondern fand auch ein breites mediales Echo. 64 problematische Ehrungen für NS-Akteur*innen und -Profiteur*innen Nach aktuellem Wissensstand sind 46 Straßen und Plätze in der Mozartstadt nach prominenten NSDAP-Mitgliedern benannt – bis heute. Weitere 18 geehrte Personen waren zwar keine Parteimitglieder, aber mit dem NS-Regime auf die eine oder andere Art und Weise verstrickt. Abseits einiger prominenter Fälle, wie der Josef-Thorak-Straße in Aigen, ist die dunkle Vergangenheit vieler belasteter Straßen wenig bekannt. So

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Alpendistel

ist beispielsweise die Heinrich-Damisch-Straße in Parsch nach jenem Journalisten und Mitbegründer der Festspiele benannt, der als Sprachrohr für Antisemitismus und Nationalsozialismus diente und schon 1932 der NSDAP beitrat. Verantwortung der Stadtpolitik Die Aktion von APC fand in Hinblick auf die für Ende 2020 angekündigte Veröffentlichung des Berichts der von der Stadt Salzburg beauftragten Historiker*innenkommission zu den Straßennamen statt. Als Folge der Intervention von APC musste die Stadt Salzburg zugeben, dass sich die Veröffentlichung des Berichts mindestens bis zum Frühjahr 2021 verzögern wird. Sobald die Ergebnisse der Kommission endlich vorliegen, wird es an der Stadtpolitik liegen, ihre Verantwortung wahrzunehmen und nach jahrzehntelang verschleppten Debatten die überfälligen Schritte zu setzen. Das ist die Stadt den Opfern und ihren Nachkommen schuldig, aber auch den Bewohner*innen, die nicht gerne in NS-belasteten Straßen wohnen. APC fordert dementsprechend von der Stadtpolitik, dass sie ihre Verantwortung wahrnimmt, d.h. wo angemessen Umbenennungen vornimmt und eine historische Kontextualisierung im öffentlichen Raum sicherstellt.

Robert Obermair ist Zeithis­ toriker an der Universität Salzburg und Vorstandsvor­ sitzender von APC.

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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