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GEDENKEN, ERINNERN, HANDELN

Der Workshop löst bei Jugendlichen viele Emotionen aus. Einerseits, da die Themen Rassismus, Kolonialismus, Flucht und vor allem die persönlichen Schicksale der Menschen mit Fluchterfahrung häufig bestürzen und durchaus Trauer oder gar Wut auslösen. Andererseits, weil Jugendliche rassistische Ressentiments aussprechen, vertreten oder nachsprechen und damit vor allem die Menschen mit Fluchterfahrung im Team verletzen oder potenziell (re-)traumatisieren. Unsere bewährte Strategie ist es dabei, die Jugendlichen in (bzw. mit) ihren Aussagen ernst zu nehmen, das Gesagte nicht zu tabuisieren und mit ihnen über die Wort-

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Alpendistel

Die wichtigste Erfahrung aber, aus der sich die Energie unseres gesamten Tuns letztendlich speist, ist die transformative Kraft und Wirkung des Austausches in unseren Workshops. Wir sind nach nahezu jedem Workshop berührt, welche positiven Wirkungen und Reaktionen ein dreistündiger Antirassismus-Workshop erwirken kann und welches Interesse, Wissen oder politisches Bewusstsein im Laufe des Workshops zum Vorschein kommt. Vor allem das Sprechen über persönliche Kriegs-, Verfolgungs-, Leidens-, Flucht- und Asylerfahrungen ergänzt durch Informationen zu Flucht und Asyl öffnet einen Erfahrungs- und Resonanzraum, der diese Arbeit so bedeutsam und wirksam macht. Dieser Befund schlägt sich vor allem in den Feedbacks der Jugendlichen nieder. Es ist damit das eingangs beschriebene Einfühlen in und Verstehen von anderen Lebensrealitäten und Problemen, welches über die Praxis kritischer Bildungsarbeit seinen Weg ins Klassenzimmer findet und so einen Ansatzpunkt für ein antirassistisches Miteinander darstellt. Genauer hinschauen lohnt sich also!

ÜBER DEN VEREIN: Der Verein „Kontra.Punkt – Verein für kritische Bildung“ wurde 2019 gegründet und ging aus dem 2014 entwickelten Antirassismus-Workshopkonzept „Genauer Hinschauen“ hervor. Mittlerweile umfasst unser Workshopangebot auch Themen wie Klimawandel und -aktivismus, Mode und Menschenrechte sowie Kritik und Literatur und wird laufend ausgebaut. Der Verein ist in Graz verortet. Informationen auf www.kontra-punkt.at und https://www.facebook.com/kontrapunktverein Kontakt: info@kontra-punkt.at] LITERATURHINWEIS: Belinda Kazeem-Kamiński, Engaged Pedagogy. Antidiskriminatorisches Lehren und Lernen bei bell hooks, Wien 2016. Melisa Erkurt, Generation Haram. Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu geben, Wien 2020.

© Michael Schmuck

Ein Problem, mit dem wir häufig zu kämpfen haben, besteht in der Wahrnehmung von Lehrkräften, dass Rassismus an ihrer Schule kein Problem darstelle. Die Begründungen der Absagen reichen dabei von „Wir haben eh keine Geflüchteten an der Schule“, „Das Thema ist nicht mehr aktuell“ bis zu „Bei uns gibt es keinen Rassismus“. Die Wichtigkeit miteinander über Flucht und Rassismus zu sprechen, auch wenn der Hut (bzw. das Geflüchtetenheim) noch nicht brennt, ist vielen Lehrkräften nicht bewusst. Um auch diese Schulen mit unserem Angebot erreichen zu können, versuchen wir Workshops zu einem wesentlich geringeren Preis anzubieten. Dennoch erreichen wir nicht alle. Hier wird ein strukturelles Problem sichtbar: Lehrkräfte werden hinsichtlich der Thematik Rassismus, Flucht, Rechtsextremismus etc. zu wenig sensibilisiert. Die Ausbildung ist demgemäß nicht adäquat für eine Gesellschaft, die zu einem signifikanten Teil aus Menschen mit Flucht- und Migrationserfahrung besteht und gleichzeitig von rechtspopulistischen Mobilisierungsversuchen durchzogen ist.

meldung oder ihr Verhalten mit einer klaren Haltung zu diskutieren. Häufig relativieren dieses Ernst- und Wahrnehmen bereits die Emotion oder Meinung hinter dem Gesagten. Obwohl wir heikle Situationen und Fragen im Team gemeinsam reflektieren und Umgangstechniken austauschen, bräuchte es hier auch Mittel wie einer Supervision oder Ähnliches – Mittel, die einem Verein unserer Größe aber verwehrt sind.

Laura Bäumel studiert Kulturanthropologie und Soziologie in Graz und leitet den Verein Kontra.Punkt. Ihre Forschungsschwer­ punkte liegen im Bereich kritischer Bildung, Postkolo­ nialismus und Arbeit.

© Michael Schmuck

er ihr meist nicht von selbst zugesprochen wird. Das System darf sich nicht auf unbezahltes soziales Engagement verlassen. In diesem Punkt hat man unserer Meinung nach auch eine Verantwortung anderen Initiativen gegenüber, die es sich auch nicht leisten können oder wollen, unbezahlte Arbeit zu verrichten. Jede für den Verein aufgewendete Stunde wird demnach mittlerweile entlohnt. Eine weitere wichtige Erkenntnis für uns war, das es für einen Verein, der nicht nur zur Selbstbeweihräucherung bestehen will, notwendig ist, sich mit Bereichen auseinanderzusetzen, die manchmal minder spannend sind, sich Menschen mit verschiedenen Expertisen ins Boot zu holen, Kommunikationsstrukturen aufzubauen und Zuständigkeiten sowie Verantwortlichkeiten zu verteilen.

Gregor Berger studiert Politik-, Wirtschafts- und Rechtsphilosophie (PELP) in Graz und ist Gründungsmit­ glied des Vereins. Seine Forschungsschwerpunk­ te sind radikale Demokratie­ theorien, Kapitalismuskritik und Populismus.

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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