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GEDENKEN, ERINNERN, HANDELN

GENAUER HINSCHAUEN

THEORIE UND PRAXIS KRITISCHER BILDUNG Seit mittlerweile sechs Jahren versuchen wir, der Verein für kritische Bildung „Kontra.Punkt“, mit unserem Schulworkshop „Genauer Hinschauen“ in diversen Bildungseinrichtungen kritische Bildungsinhalte bezüglich Migration, Flucht, Asyl und Rassismus zu vermitteln, um Stereotypen vorzubeugen, bzw. diese sichtbar zu machen und zu entkräften. Im Folgenden wollen wir unsere theoretischen Überlegungen zu antirassistischer kritischer Bildung sowie die praktische Umsetzung dieser Ideen teilen. Eine Rückschau von Gregor Berger und Laura Bäumel.

Eine Theorie der kritischen Bildung Die Inhalte, sowie unsere Vermittlungsmethoden erheben den Anspruch eine kritische und emanzipative Bildung zu ermöglichen. Kritische Bildung kann vieles bedeuten, ein Umstand, der sich an den diversen theoretischen Abhandlungen und der langen Geschichte dieses Bildungskonzepts festmachen lässt. Unserer Meinung nach lassen sich jedoch zwei wesentliche Anspruchsachsen ausmachen: Zum einen geht es darum, kritische Inhalte zu vermitteln. Das heißt Themengebiete zu diskutieren, die sich die kapitalistische Gesellschaft mit Mechanismen des Verschweigens, Unterdrückens, Ausblendens, und Verblendens spart, um die eigene Fiktion aufrechtzuerhalten (Stichwort „Europa der Menschenrechte“) oder so verkehrt, dass sie für die eigene Erzählung instrumentalisiert werden können. Gesellschaftskritische Themen also, die aufgrund ihrer Abseitsstellung in der Gesellschaft, auch in den Lehrplänen von Bildungseinrichtungen häufig zu kurz kommen. Das Diskutieren dieser Themen birgt somit ein emanzipatives Potenzial, woraus eine emanzipative Praxis erwachsen kann.

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Alpendistel

Zum anderen verlangt kritische Bildungsarbeit neben Überlegungen darüber womit man sich beschäftigt, zu reflektieren wie man sich mit etwas beschäftigt. Häufig fungiert das Sichbeschäftigen als eine Distanzierung zu dem mit dem sich beschäftigt wird. Man setzt sich wortwörtlich auseinander mit etwas, man spricht über etwas und hebt sich folglich ab, indem man kategorisiert, erklärt und häufig konstruiert. Doch kennen wir auch einen zweiten Modus des Sich-beschäftigens in dem nicht darüber, sondern damit gesprochen wird. Damit sprechen kann bedeuten mit jemandem zu sprechen, aber auch mithilfe von etwas, also neue und andere Realitäten, Wahrnehmungsmuster, Bedeutungen, und letzten Endes eine andere Sprache zu erproben. In diesem zweiten Modus geht es womöglich auch darum zuerst über etwas zu sprechen, um einen Blick für die relevanten Kategorien zu gewinnen, aber zuvorderst geht es darum mit jemandem zu sprechen, Erfahrungen zugänglich zu machen, Lebenswelten und -realitäten zu vermitteln, Kontexte, Erzählungen und Rahmungen sichtbar zu machen.

Reflexions­ möglichkeiten – wie beispielsweise geförderte Super­ vision – bleiben einem Verein unserer Größe verwehrt. Praxis: Das Klassenzimmer als Erfahrungsraum Der erste Anspruch kritischer Bildung, alternative und unterbehandelte Inhalte in Bildungsstätten zu tragen, war der Keim unseres Projekts. 2014 fand sich eine Gruppe aus Menschen mit Fluchterfahrung und Jugendlichen aus dem Raum Weiz zusammen, um einander kennenzulernen. Nachdem wir immer mehr Anfeindungen, ein Klima der Angst und der Wut, sowie diverse Vorurteile, Gerüchte und Stereotype auf Seiten der Mehrheitsgesellschaft beobachten konnten, beschlossen wir einen Workshop für Schulen zu konzipieren, um dem etwas

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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