Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen

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SCHWERPUNKT

(K)EINE WELT VON GESTERN DER HERAUSFORDERNDE UMGANG MIT ERINNERUNGEN

2021 jähren sich die Gedenkveranstaltungen von Alpine Peace Crossing zum 15. Mal. Ein guter Anlass also, einen Blick zurück in die Vergangenheit zu werfen. Eine Einführung in den diesjährigen Schwerpunkt von Robert Obermair und Bettina Reiter.

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ersönliche Erlebnisse und Erfahrungen stellen in vielen Fällen die Grundlage für Erinnerung und Gedenken dar. Sie machen die Vergangenheit greifbar und erfahrbar. Deshalb liegt unser diesjähriger Schwerpunkt auf Lebensgeschichten. Wir wollen damit die Ereignisse von 1947 auf einer neuen, persönlichen Ebene zugänglich machen, uns gleichzeitig aber auch näher mit den Potentialen und Schwierigkeiten persönlicher Erinnerungen auseinandersetzen. Für unseren Schwerpunkt haben wir uns zu einer Kombination aus theoretischen Annäherungen an das Thema Erinnerungen und tatsächlichen persönlichen (Familien-)Erinnerungen, besonders auch an die Flucht des Jahres 1947, entschieden. Komplexität, Chancen und Herausforderungen von Erinnerungen Der einleitende Beitrag von Victoria Kumar unterstreicht anschaulich, wie wichtig Erinnerungen von Überleben-

den des Nationalsozialismus sowohl für die Gedenkkultur als auch die Vermittlungsarbeit sind. Dass persönliche Erinnerungen aber nicht nur im Falle der Opfer des NS-Regimes, sondern auch im Familiengedächtnis von Nachkommen von Nationalsozialist*innen eine zentrale Rolle einnehmen können, macht die Analyse von Margit Reiter deutlich. Hanna Frischenschlager zeigt dies im darauffolgenden Text auf sehr umsichtige Weise am Beispiel ihres Großvaters und des familiären Umgangs mit dem Thema. Viele ehemalige Nationalso­ zialist*innen mussten sich – wenn überhaupt – nur im familiären Kontext mit dem Thema beschäftigen. Die Erinnerungen von Überlebenden des NS-Terrors konnten einen wichtigen Anteil an der juristischen Aufarbeitung der NSVerbrechen einnehmen, wie bei Lukas Nievolls Rückschau auf den Prozess gegen Franz Murer offensichtlich wird – auch wenn die Nachkriegsjustiz zu skandalösen Urteilssprüchen neigte.

Im Geschichtsunterricht sind Zeitzeug*innenberichte ein weit verbreitetes Mittel, um Schüler*innen das Thema Nationalsozialismus näherzubringen. Was neben einer intensiven Vor- und Nachbereitung außerdem essentiell für einen erfolgreichen Einsatz von Zeitzeug*innen ist, erklärt Adelheid Schreilechner in ihrem Artikel. Maria EckerAngerer zeigt im Anschluss anhand eines persönlichen Artikels zum eigenen Familiengedächtnis, wie lückenhaft bzw. selektiv familiäre Erinnerungen sein können und stellt die berechtigte Frage nach dem Warum. Marianne Windsperger legt ihren Fokus auf die Repräsentation von Überlebenden der Shoah in der in der Literatur. Im Kontext der Diskussion über das Ende der lebendigen Zeitzeug*in­ nenenschaft verdeutlicht sie, dass Reflexionen über das Bezeugen und Vermitteln des Geschehenen bereits mit den ersten literarischen Auseinan-

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