Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen

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GEDENKEN, ERINNERN, HANDELN

Schwere Verstöße gegen die Menschenrechte sind an der Tagesordnung. brauchen Geld für neue Handys, Schlafsäcke und Schuhe. Dieses Prozedere wiederholt sich nach jedem Pushback. Hinzu kommen die schweren Lebensbedingungen in Velika Kladuša. Neben den offensichtlichen Problemen, wie der mangelnden Grundversorgung, ist die Angst vor Gewalt auch hier ein ständiger Begleiter. Immer wieder kommt es zu Übergriffen seitens der Polizei oder rechten Bürgerwehren, aber auch unter den Flüchtenden eskaliert die Gewalt. Ein häufig unbeachteter Aspekt ist die unsichtbare Gewalt, mit der sie tagtäglich konfrontiert werden. Seit sie auf der Flucht sind, befinden sie sich in Umgebungen, in denen sie nicht erwünscht sind, als Probleme wahrgenommen werden. In Velika Kladuša beispielsweise ist Flüchtenden der Zugang zu den meisten Supermärkten und zu fast allen Cafés, Bars und Restaurants verboten. Gewalt, Feindseligkeit und Ablehnung sind also ständige Begleiter. Dazu kommt der enorme Druck, unter dem die Flüchtenden stehen. Fast alle Menschen auf der Flucht haben entweder alles verkauft und hinter sich gelassen oder sich bei ihrer Familie und in ihrem Umfeld verschuldet, um die Flucht zu finanzieren. Zurückzugehen ist entweder nicht möglich oder kommt einem Versagen gleich. Nach mehreren tausend Kilometern und noch viel mehr ausgegebenen Geld, ist für die meisten Rückkehr keine Option. Perspektivlosigkeit und Hilfe Bei all diesen Faktoren ist es kein Wunder, dass Depression, Gewalt gegen sich und andere, suizidale Gedanken sowie Apathie unter Menschen auf der Flucht stark verbreitet sind. Es handelt sich meist um junge Menschen, die ihre Familie, ihre Freund*innen, ihren Job und ihr Zuhause mit der Hoffnung verlassen haben, in Europa ein besseres Leben zu führen. Die Realität auf der Balkanroute ist hingegen so brutal, dass sich einige wünschen, sie wären nie weggegangen. Trotzdem können sie weder vor noch zurück und stecken an einem Ort fest, der ihnen den letzten Funken Würde nimmt. Zumindest gibt es mittlerweile mehrere Organisationen, die Flüch-

© Enzo Leclercq

Das abgebrannte Lager Lipa in Bosnien, Dezember 2020

tende vor Ort mit Kleidung, Medizin, Essen und Feuerholz unterstützen. Gegen die Kälte und den Hunger kommt man an, gegen die Hoffnungslosigkeit und die Resignation hilft in dieser Situation kaum etwas. Einige, die ich in Velika Kladuša getroffen habe, haben es mittlerweile nach Europa geschafft. Sie sind dem Horror der Balkanroute entflohen. Doch viele haben auch in Europa keine Perspektive, leben in der Illegalität oder werden abgeschoben und landen dann teilweise wieder in Velika Kladuša, obwohl sie ihrem Ziel eines besseren Lebens schon so nah waren.

Velika Kladuša liegt im Nordwesten Bosniens, direkt an der kroatisch-bosnischen Grenze und hat sich in den letzten Jahren zu einem Hotspot der sogenannten „Balkanroute“ entwickelt. Die Gruppe AK49 aus München ist derzeit vor Ort aktiv und unterstützt Menschen auf der Flucht. Spendenmöglichkeit an die Gruppe AK49: Kontoinhaber: Philipp Spindler IBAN: DE97 4306 0967 1132 476400 BIC: GENODEM1GLS

Matteo Meinzolt ist Aktivist und war im letzten halben Jahr als humanitärer Helfer in Velika Kladuša aktiv.

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