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GEDENKEN, ERINNERN, HANDELN

FESTUNG EUROPA

BERICHTE VON EUROPAS AUSSENGRENZEN Was Menschen auf der Flucht zurzeit in Bosnien-Herzegowina, wie auch in anderen Ländern Europas, erleben, ist auf mehreren Ebenen unerträglich. Neben Menschenrechtsverletzungen, tagtäglicher Gewalt und dem fehlenden Zugang zu sauberem Trinkwasser, medizinischer Versorgung und Elektrizität, stellen besonders Depressionen, ausgelöst durch Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit das drängendste Problem dar. Ein Bericht von Matteo Meinzolt.

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enschen fliehen aus den verschiedensten Gründen aus ihrem Heimatland. Viele fliehen vor Krieg und Gewalt, andere vor (ökonomischer) Perspektivlosigkeit, wieder andere vor den Zwängen der Gesellschaft oder aus dem „banalen“ Grund, einfach ein freies und selbstbestimmtes Leben führen zu wollen. Viele landen irgendwann auf der sogenannten „Balkanroute“, die letzte Station auf dem Weg in die EU. So verschieden ihre Fluchtgründe auch sind, im Nordwesten Bosniens, im Kanton Una-Sana befinden sich alle Flüchtenden in einer ähnlichen Situation. Seit den Campschließungen im Herbst und Winter 2020 gibt es nur noch ein einziges Camp im ganzen Kanton, das alleinstehende Männer aufnimmt. Das Glück einen Platz im letzten verbliebenen Camp Miral zu ergattern, ist ein zweifelhaftes. Zwar gibt es dort täglich Mahlzeiten, Elektrizität, fließend Wasser und grundlegende medizi-

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Alpendistel

nische Versorgung. Das Lager ist allerdings komplett überfüllt, Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen leben auf engstem Raum zusammen, es herrschen strenge Ausgangssperren und immer wieder kommt es zu Übergriffen durch Securities. Die meisten Menschen auf der Flucht leben mitt-

Gegen den Hunger kommt man an, gegen die Hoffnungs­ losigkeit nicht. lerweile außerhalb der Camps, unter freiem Himmel oder in leerstehenden Häusern, wo sie in kleineren Gruppen, meist gleicher Nationalität, zusammen wohnen und sich freier bewegen können. Allerdings erhalten sie dadurch kaum Versorgung von offizieller Seite.

Gewalt, Feindseligkeit und Ablehnung Viele Menschen, mit denen ich in den letzten Monaten gesprochen habe, leben schon seit Monaten oder Jahren in Velika Kladuša und haben schon dutzende Male versucht, in die EU zu gelangen. Immer wieder wurden sie von der Polizei gestoppt und ohne die Chance auf ein Asylverfahren zurück nach Bosnien gebracht. Diese Praxis nennt man „Pushback“ und sie ist nach EURecht und Genfer Flüchtlingskonvention illegal. Dazu kommen teils schwere Misshandlungen und Menschenrechtsbrüche, die vor allem durch die kroatische Polizei mit Unterstützung der europäischen „Grenzschutzagentur“ FRONTEX geschehen. Fast immer werden den Flüchtenden all ihre Wertsachen abgenommen, inklusive ihrer Schlafsäcke, Schuhe und sogar ihrer Kleidung. Zurück in Bosnien müssen sie wieder von Null anfangen. Sie müssen sich von den Anstrengungen erholen, Verletzungen kurieren, sie

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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