Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen

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GEDENKEN, ERINNERN, HANDELN

anderen Seite wieder hinab. Hier wartete schon die Polizei aus Attnang-Puchheim. Nun kam der Befehl: „Warten!“. Nach einiger Zeit des Wartens fuhren zwei Lastwägen und ein PKW an die Gruppe heran. Angekommen, entstiegen ihnen ein Kommando der SS, ein ziviler Gestapo-Beamter, Mandela und zwei weitere Polen. Einer der SS-Männer wählte vier der versammelten Polen aus. Diese mussten eine Leiter, Schnüre, zwei Stühle und eine sargähnliche Holzkiste auf die Anhöhe hinaufbringen. Mitten auf der Wiese stand ein Birnbaum. An einem der Äste des Baums wurde nun ein Strick mit Schlinge befestigt. Auf das Signal des Schwanenstädter Gendarmen Sandner wurde der gefesselte Mandela – offenbar unter Gelächter der anwesenden Polizisten – gezwungen, zum Baum hinaufzugehen. Die beiden polnischen Häftlinge, die bereits zuvor mit dem SS-LKW eingetroffen waren, mussten Mandela auf die an den Baum gelehnte Leiter hinaufhelfen, die Schlinge um seinen Hals legen und die Leiter wegziehen.

Fehlende Aufarbeitung Nach der Befreiung 1945 wurde in Vöcklabruck ein polnisches Komitee gegründet, das auch versuchte, die österreichischen Behörden auf die Hinrichtung Mandelas aufmerksam zu machen. Der Fall Mandela wurde in der Folge vor allem durch eben jenes polnische Komitee untersucht, allerdings ohne Ergebnis. Nicht einmal die Frage nach Mandelas letzter Ruhestätte konnte geklärt werden. Für die beteiligten Täter kam es zu keinerlei Konsequenz. Der Denunziant H. versteckte sich zwar offenbar zwei Monate lang, blieb aber ansonsten unbehelligt. Sandner war ebenfalls kurze Zeit untergetaucht und wurde 1946 aus dem Gendarmeriedienst entlassen, konnte in der Folge aber unbehelligt in Attnang-Puchheim leben. Einer der damals bei der Hinrichtung anwesenden Polen, der sich an H. rächen wollte und in dessen Haus eingestiegen war, wurde hingegen verhaftet.

Auch in Landertsham wäre es längst an der Zeit, endlich einen Erinnerungsort für Josef Mandela zu schaffen, der hier – gerade erst 21 Jahre alt – ermordet wurde.

Nachdem dem Gehängten die Fesseln entfernt worden waren, wurden alle anderen anwesenden Pol*innen, die weiter unten gewartet hatten, auf die Anhöhe hinaufbeordert. Ein ukrainischer Dolmetscher aus Schwanenstadt musste nun die Warnung eines der SS-Männer ins Polnische übersetzen, dass jeder, der sich etwas zuschulden kommen lassen oder nicht arbeiten würde, genauso aufgehängt werde. Als Mandela in weiterer Folge von einem der Polen vom Baum heruntergeholt wurde, war noch ein Puls zu spüren, worauf einer der SS-Männer den bereits im Sarg liegenden Mandela erschoss. Der Sarg wurde alsdann wieder auf einen der Lastwägen verladen. Während die polnischen Zwangsarbeiter*innen aus der Umgebung wieder in ihre Unterkünfte zurückgetrieben wurden, fuhren die beiden Fahrzeuge weiter nach Frankenburg, wo einer der beiden polnischen Häftlinge, die sich im SS-LKW befunden hatten, gehängt wurde, hier allerdings ohne Publikum. Der andere wurde ebenfalls noch am selben Tag gehängt, vermutlich in der Nähe von Mondsee.

Ansonsten legte sich über die Sache ein Mantel des Schweigens. Auch aus der Bevölkerung Landertshams, die – wie sich ein Zeitzeuge erinnerte – der Hinrichtung beigewohnt haben dürfte, kam keine Initiative, um an den Mord an Josef Mandela zu erinnern. So blieb es Josef Duda, der nach der Befreiung in der Gegend verblieb, überlassen, die Erinnerung an seinen Freund und Landsmann hochzuhalten. Josef Duda starb 2017. Mit seiner Generation verlassen uns momentan die letzten Zeitzeug*innen, die die persönlichen Erinnerungen an ihre verschleppten, geschundenen und ermordeten Freund*innen und Familienmitglieder aufrechterhalten konnten. Umso wichtiger ist es, dass wir nicht nur versuchen, die Erinnerungen dieser Zeitzeug*innen für kommende Generationen zu sichern und zugänglich zu machen, sondern dass wir auch an den historischen Schauplätzen nationalsozialistischer Gewalt- und Terrorakte ein dauerhaftes Gedenken ermöglichen. Auch in Landertsham wäre es längst an der Zeit, endlich einen Erinnerungsort für Josef Mandela zu schaffen, der hier – gerade erst 21 Jahre alt – im Zusammenspiel eines örtlichen Denunzianten, eines lokalen Gendarmen und der SS und Gestapo ermordet wurde.

[1] Der Name des Bauern ist nicht aus Gründen des Tä­ terschutzes gekürzt, sondern weil sich die Akten bezüglich des Namens widersprechen und seine Identität noch nicht definitiv geklärt wer­ den konnte.

Robert Obermair ist Zeit­ historiker an der Universität Salzburg und Vorstands­ vorsitzender von APC.

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