Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen

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© Fam. Duda © Fam. Duda

Bundesarchiv, Bild 121-0335 / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons

GEDENKEN, ERINNERN, HANDELN

Josef Duda als junger Mann und im hohen Alter

Polnische Juden bei der Zwangsarbeit

Fehlverhaltens mit drakonischen Strafen sanktioniert zu werden. Trotzdem sei an dieser Stelle auch festgehalten, dass die einzelnen Zwangsarbeiter*innen unterschiedlich behandelt wurden: Während sie bei manchen Familien wie Söhne und Töchter aufgenommen wurden, wurden sie auf anderen Höfen wie Sklaven behandelt. Weitgehend entrechtet waren sie aber alle. Der 1921 geborene Pole Josef Mandela hatte mit seinem „Dienstgeber“ H. [1] wenig Glück. Gerade erst 20 Jahre alt, kam er spätestens im April 1941 in Landertsham – einer kleinen Ortschaft zwischen Attnang-Puchheim und Schwanenstadt – an. Hier hatten zwei benachbarte Bauernhöfe je einen polnischen Zwangsarbeiter zugeteilt bekommen. Über die ersten Monate seines Arbeitseinsatzes wissen wir relativ wenig, die weiteren Entwicklungen lassen aber vermuten, dass er hier von Beginn an kein allzu einfaches Los erwischte. Am 19. März 1942 eskalierte die Situation: An diesem Tag, dem Josefitag, einem Bauernfeiertag, gab einer der beiden Bauern dem dort eingesetzten polnischen Zwangsarbeiter Michał Radwański den Tag frei. Radwański wollte den freien Tag nützen und seinen Freund Josef Mandela beim Nachbarbauernhaus abholen, um zwei befreundete Frauen, die bei einem anderen Bauernhof in Schwanenstadt eingesetzt waren, zu besuchen. Als Mandela sah, dass sein Freund frei hatte, legte auch er seine Heugabel weg, ging in die Stube und wollte seine neuen (selbst gekauften) Schuhe anziehen.

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Als nun der Bauer H., dem Mandela zugeteilt war, ebenfalls in die Stube kam, wollte dieser offenbar letzterem die Schuhe wegnehmen. Daraufhin entwickelte sich ein kurzes Gerangel, woraufhin Mandela nach Schwanenstadt aufbrach, wo er am nächsten Tag von einem lokalen Gendarmen namens Sandner verhaftet wurde. Mandela war von H. denunziert worden, der behauptete, von ihm mit einem Messer bedroht worden zu sein. Banges Warten Nun passierte monatelang nichts. Die lokalen Zwangsarbeiter*innen wussten nicht, was mit Mandela, der seit seiner Verhaftung nicht mehr gesehen worden war, geschehen war. Ein halbes Jahr später, am 23. Dezember 1942 kam plötzlich der Befehl, die polnischen Zwangsarbeiter*innen der Umgebung hätten sich am Polizeiposten in Schwanenstadt zu melden. Nachdem sich dort ca. 30 Pol*innen eingefunden hatten, wurden diese durchsucht; Taschenmesser wurden bspw. sofort konfisziert. Danach mussten die Zwangsarbeiter*innen eine Kolonne bilden und aus der Stadt Richtung Attnang-Puchheim marschieren. Die Kolonne wurde von einem mit einem Karabiner bewaffneten Maschinisten aus dem Nachbarort Altensam als Aufseher angeführt. Unter den Zwangsarbeiter*innen machte sich Angst breit. Keine*r von ihnen wusste, was los war und wohin sie unterwegs waren. Die Kolonne bewegte sich zuerst entlang der Bahngleise nach Tuffeltsham und dann weiter nach Landertsham. Nachdem der Bauernhof von H. passiert worden war, ging es eine Anhöhe hoch und auf der