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GEDENKEN, ERINNERN, HANDELN

EIN UNGESÜHNTER MORD Oft sind es persönliche Erinnerungen von Überlebenden des NS-Terrorregimes, die dazu führen, dass Jahrzehnte nach der Befreiung endlich die Schicksale einzelner Opfer der NS-Zeit aufgearbeitet werden. Besonders im Fall der zahllosen Zwangsarbeiter*innen, die auf dem gesamten Gebiet des heutigen Österreichs ausgebeutet wurden, sind individuelle Erinnerungen Einzelner von essentieller Bedeutung, um ein Gedenken überhaupt zu ermöglichen. Eine Rekonstruktion von Robert Obermair.

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m Unterschied zu KZ-Insass*innen, die über diverse Außenlager und Arbeitskommandos zwar ebenfalls in vielen Gegenden Österreichs präsent waren, waren Zwangsarbeiter*innen nicht nur in größeren Gruppen gleichzeitig an einem Ort eingesetzt, sondern in vielen Fällen auch einzeln oder zu zweit einzelnen Bauernhöfen oder Kleinbetrieben zugeteilt. Diese kleinteilige Streuung machte es nach der Befreiung noch schwieriger, ein lokales Erinnern an diese Opfer des NS-Regimes zu ermöglichen. Zudem wurde auf Seiten der Profiteur*innen des Zwangsarbeitssystems in den allermeisten Fällen nach 1945 ein Mantel des Schweigens über die Sache gelegt. In den letzten Jahrzehnten starteten immerhin einige größere Betriebe Projekte, um sich mit der eigenen dunklen Unternehmensgeschichte zu beschäftigen. Das individuelle Schicksal derjenigen Zwangsarbeiter*innen, die in der Landwirtschaft oder in Kleinbetrieben oft über viele Monate bzw. teilweise auch Jahre hinweg alleine an einem Ort ausgebeutet wurden, bleibt hingegen oft bis heute verborgen.

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Alpendistel

Dies wäre auch im vorliegenden Fall so, hätte nicht Josef Duda, ein überlebender ehemaliger polnischer Zwangsarbeiter, seine Erinnerungen an den Mord an seinem Landsmann Josef Mandela im hohen Alter mit Hilfe seiner Tochter für die Nachwelt festgehalten. Ergänzt um Archivfunde aus der NS-Zeit bzw. der unmittelbaren Nachkriegszeit, erlauben uns diese persönlichen Erinnerungen, einerseits das Schicksal eines jungen Polen zur Zeit des NS-Regimes in einer kleinen Ortschaft im heutigen Oberösterreich zu rekonstruieren und andererseits die Beteiligung der lokalen Bevölkerung am NS-Grauen greifbar zu machen. Verschleppt in die „Ostmark“ In der Gegend rund um Schwanenstadt und Attnang-Puchheim (Oberösterreich) wurden während der NS-Herrschaft vor allem auf großen Bauernhöfen zahlreiche Zwangsarbeiter*innen untergebracht. Diese meist jungen Männer und Frauen aus den verschiedensten Regionen Europas wurden hier Tag für Tag ausgebeutet und lebten in ständiger Angst, wegen geringsten

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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