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GEDENKEN, ERINNERN, HANDELN

inhaftierten Österreicherinnen ergaben, dass fast die Hälfte der rund 2.400 eruierten Frauen als „politische“ Häftlinge registriert war. Darunter waren Frauen, die wie Berta Grubhofer Teil des organisierten Widerstands waren, und Frauen, die wie Aloisia Hofinger wegen „Verbotenen Umgangs“ verfolgt wurden. Weiters zählten zu ihnen Frauen wie jene aus Goldegg im Pongau, die ihre desertierten Ehemänner, Brüder und Söhne versteckten und/oder mit dem Lebensnotwendigen versorgten. Nicht mit dem roten Winkel der „politischen“ Häftlinge waren Frauen gekennzeichnet, die aufgrund ihres „unangepassten Verhaltens“ verfolgt wurden, worunter etwa Arbeitsverweigerung oder von der Norm abweichender Lebenswandel fielen. Auch sie verhielten sich widerständig, galten allerdings in der damaligen Diktion als „Asoziale“. Diese Stigmatisierung hielt sich bis in unsere Tage, sodass ihnen viele Jahrzehnte die Anerkennung ihres Leidens und Entschädigungen versagt blieben.

erlangung der staatlichen Souveränität war die Existenz eines organisierten österreichischen Widerstands aufgrund der Forderung in der „Moskauer Deklaration“ jedoch maßgeblich. Bleibt die Bewertung des individuellen Widerstands; der Bedeutung von Handlungen, die Menschen aus Empathie, Zuneigung, Mitmenschlichkeit, Widerstandsgeist und dergleichen setzten. Unseres Erachtens stehen diese widerständigen Frauen (und Männer) für all jene, die angesichts des „Gehorsamkeitsanspruchs“ eines totalitären Systems „anständig“ blieben, wie es der Historiker Karl Stadler ausdrückte. Denn in einem totalitären System muss „jegliche Opposition im Dritten Reich als Widerstandshandlung gewertet werden, auch wenn es sich nur um einen vereinzelten Versuch handelt“.

Es waren aber gerade oft Frauen, die sich mutig den Vorgaben eines menschenverachtenden Regimes widersetzten.

Bewertung des Widerstands Die Bewertung des Widerstands von Frauen (und Männern) ist nicht zuletzt eine Frage der Maßstäbe, die man zugrunde legt. Würde man den Widerstand in seiner Gesamtheit alleine nach seinem Beitrag zum Sturz des NS-Regimes und für die Wiedererlangung der staatlichen Souveränität beurteilen, müsste er als gescheitert und ineffektiv gesehen werden. Es fehlte an Geld, Material und substantieller Unterstützung aus der Breite der Bevölkerung, um ein derartiges Ziel erreichen zu können. Ein übermächtiger Spitzelapparat setzte den vielfach mit hohem Idealismus gesetzten Widerstandshandlungen oftmals ein rasches Ende. Eine Bewertung ausschließlich nach der Wirksamkeit lässt jedoch die moralische Komponente des Widerstands außer Acht und verkennt die extremen Machtunterschiede. Auch wenn Reichweite und Effektivität gering waren: viele kleine Widerstandsnetzwerke versuchten zumindest, mit großem persönlichem Risiko, Sand in das gut geölte Getriebe des „Dritten Reiches“ zu bringen. Das nationalsozialistische Regime wäre auch ohne diese Widerstandsgruppen und Einzelaktivitäten zugrunde gegangen. Für die Wieder-

Daher können die Leistungen und Opfer der WiderstandskämpferInnen für das Wiedererlangen der staatlichen Souveränität und den Aufbau einer demokratischen Gesellschaftsordnung nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ihr Beitrag lässt sich nicht quantifizieren, er ist aber nicht zu leugnen. Ebenso unbestreitbar ist, dass Frauen im Widerstand eine bedeutende und entscheidende Rolle spielten. Ohne sie wäre Widerstand nicht möglich gewesen.

LITERATURHINWEISE Helga Amesberger/Brigitte Halbmayr/Simon Clemens, Meine Mama war Widerstandskämpferin. Netzwerke des Widerstands und dessen Bedeutung für die nächste Generation, Wien 2019. In diesem Buch porträtieren die Autor*innen drei Widerstandskämpferinnen und deren Widerstandsgruppen und analysieren den Umgang in der Familie mit der Widerstandsgeschichte der Frauen. Weitere Widerstands- und Verfolgungsgeschichten von Frauen sind nachzulesen: auf www.ravensbrueckerinnen.at und im von Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr herausgegebenen Band: Vom Leben und Überleben – Wege nach Ravensbrück. Das Frauenkonzentrationslager in der Erinnerung. Band 2 – Lebensgeschichten, Wien: 2001.

Helga Amesberger ist Sozialwissenschafterin und Vorstandsmitglied der Österreichischen Lager­ gemeinschaft Ravensbrück und FreundInnen.

Brigitte Halbmayr ist Sozial­ wissenschafterin am Institut für Konfliktforschung (Wien) und Vorstandsmitglied der Österreichischen Lager­ gemeinschaft Ravensbrück und FreundInnen.

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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