Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen

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GEDENKEN, ERINNERN, HANDELN

ABGEWERTET VERDRÄNGT VERGESSEN WIDERSTANDSLEISTUNGEN VON FRAUEN

Die Fokussierung auf den „heldenhaften“, militärischen und bewaffneten Widerstand verstellte lange Zeit den Blick auf andere widerständige Handlungen. Widerstand wird daher noch immer oft nur männlich gedacht. Die Leistungen von Frauen werden abgewertet oder nicht gesehen. Helga Amesberger und Brigitte Halbmayr.

Was zählt(e) als Widerstand? Die Geschichten der beiden hier vorgestellten Frauen stecken die Bandbreite widerständiger Handlungen ab – vom organisierten, teils bewaffneten Widerstand bis hin zum zivilen Ungehorsam oder Resistenz. Zwischen diesen beiden Polen fanden sich zahlreiche weitere Handlungen der Resistenz: Frauen haben gefährdete Personen versteckt (etwa Fallschirmspringer, rassistisch Verfolgte oder desertierte Angehörige), Kurierdienste für Partisan*innen geleistet, „Fremdsender“ gehört, Widerstandskämpfer*innen mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt, Flugzettel verfasst und verteilt, systemkritische Witze erzählt, Lieder der oppositionellen Schlurfbewegung – einer jugendlichen Subkultur – gesungen und vieles andere mehr. All diese Handlungen erforderten Mut und Entschlossenheit, viele von ihnen waren äußert gefährlich. Dennoch zählten viele dieser Aktivitäten lange Zeit nicht als Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime. Dieser war sehr eng gefasst. Als Widerstand galt, mit der Waffe in der Hand und aus dezidiert politischen Gründen gegen die Nazis gekämpft zu haben. Das heißt, die Handlungen mussten auf den Sturz des Regimes ausgerichtet sein. Diese von den Nachkriegsregierungen und auch politischen Opferverbänden vertretene Sichtweise hatte den – aus Sicht des offi-

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ziellen Österreich – positiven Effekt, dass die Staatsausgaben für Entschädigungsleistungen nach dem Opferfürsorgegesetz gering gehalten werden konnten. Denn solche erhielten nur jene, die nachweisen konnten, aus politischer Überzeugung und im Rahmen einer Gruppe aktiv gewesen zu sein. Dabei berief man sich auf die „Moskauer Deklaration“ aus 1943, in der für die Neugründung Österreichs auch der Nachweis eingefordert wurde, dass sich Österreicher*innen im Kampf gegen die NS-Herrschaft beteiligt hatten. In diesem wichtigen Dokument wurde jedoch auch der Staat Österreich als Opfer Hitler-Deutschlands gesehen. Dieser Umstand ermöglichte es, den Opferstatus auf die ganze Gesellschaft auszuweiten – und gleichzeitig nur wenige Formen des Widerstands anzuerkennen. Auch spätere Regierungen weiteten den Kreis der Anspruchsberechtigten lange nicht aus. Eine grundlegende Novellierung des OFG erfolgte erst 2005 auf Betreiben des „KZVerbandes“ und der „Freiheitskämpfer“ sowie der Grünen. Individuelle oppositionelle Handlungen – also von keinen Gruppen getragene Aktionen – wurden nicht als Widerstand wahrgenommen. Handlungen, die aus Liebe, Mitmenschlichkeit und Empathie von Einzelnen gesetzt wurden, sprach man nicht nur ihren potentiell politischen Charakter ab, sie blieben zudem ungewürdigt. Damit galten auch Frauen wie Aloisia Hofinger, die sich mit ihrer Liebesbeziehung zu einem