Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen

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SCHWERPUNKT

Hat sich für Sie die Frage gestellt, ob und wenn ja, wie man als Schriftsteller*in mit dem Einbauen von historischen Personen, auch ohne sie zu kodieren, in eine fiktive Handlung diesen in positiver wie negativer Hinsicht gerecht werden kann? Natürlich. Wobei es bei historischen Personen wie Ante Pavelić, der von 1941 bis 1945 Diktator des Unabhängigen Staates Kroatien war, für mich einfach keine andere Möglichkeit gab, als sie als historische Orientierungspunkte namentlich zu nennen. Ein Kodieren hätte für mich hier keinen Sinn gemacht, auch deshalb, weil Pavelić eigentlich nur am Rande vorkommt und ich ihn nicht detailliert beschrieb. Bei Figuren wie dem vorhin bereits erwähnten Lagerkommandanten Toma, bei dem ich mich ja an Filipović orientierte, versuchte ich, die jeweilige Persönlichkeit so gut es ging einzufangen, etwa durch das Interpretieren von Fotografien oder mit Hilfe historischer Aufzeichnungen ehemaliger Häftlinge der Kinderlager. Umgekehrt bestand sicher auch die Frage, ob rein fiktive Charaktere den historischen Ereignissen und dem, was Menschen damals erlebt haben, gerecht werden können. Hatten Sie Berührungsängste? Wenn ja: Wie sind sie damit umgegangen? Ich machte mir schon darüber Gedanken, ob von Kroat*innen, die meinen Roman lesen, vielleicht die Rückmeldung kommt, dass ich als Österreicher eigentlich gar keine Ahnung von der kroatischen Geschichte habe und deshalb auch nicht darüber schreiben darf. Eine Beschäftigung mit der Frage, ob ich dem von mir Angesprochenen gerecht werden kann, geht auf den Ursprung meines Schreibens zurück: Mit 18 Jahren schrieb ich ein Buch über die Lakota-Indianer*innen, in dem ich auf die Veränderungen der Lebensumstände dieses Stammes einging. Damals hatte ich zufällig die Gelegenheit, einen Lakota-Indianer, der

zu Gast in Salzburg war, zu fragen, was er davon hielt, dass ich als Österreicher einen Jugendroman über sein Volk schrieb. Er bestätigte mich in meinem Tun, indem er meinte, dass es wichtig sei, dass sich jemand mit dem Leben seines Volkes befasst, auch außerhalb der eigenen Kultur Interesse daran zeigt und sich dem Thema annimmt. Es gibt aber natürlich schon die Gefahr, dass man bei der Beschäftigung mit heiklen Themen in gewisse Klischees abdriftet. Ich denke aber nicht, dass die Lösung ist, darüber gar nicht belletristisch zu schreiben. Ihre Protagonistin steht am Ende des Romans vor der Frage, ob sie ihre eigene Vergangenheit abstreifen und in ein neues Leben in Südamerika blicken kann. Welche Bedeutung würden Sie den Themenkreisen Täterschaft und Opfertum, historische Verantwortung und Umgang mit der Vergangenheit für Zeit der Häutung beimessen? Ich wollte Ana als einen Menschen zeichnen, der sich darüber bewusst ist, dass er etwas gemacht hat, was nicht richtig war. Sie rechtfertigt sich nicht wie viele andere, in dem sie sich auf den Befehlsnotstand beruft, schaltet nicht ihr Gewissen aus, sondern ist jemand, bei dem es stets im Hinterkopf rattert, jemand, den die Vergangenheit nie loslässt, sondern sie immer wieder einholt. Ich wollte sie so beschreiben, dass sie eine gespaltene Person ist: Einerseits weiß sie, dass sie die Kinder, die im kroatischen Konzentrationslager waren, unterstützte, andererseits ist ihr auch klar, dass sie Teil des Ustascha-Systems war. Das versuchte ich unter anderem durch Rückblenden, in welchen Ana an gewisse Szenen im Lager erinnert wird, darzustellen. Man muss Ana auf der anderen Seite aber auch ankreiden, dass sie eine Täterin ist, die auf ihrer Flucht eine falsche Identität annimmt und die Flucht fortsetzt, anstatt in ihre Heimat zurückzukehren und sich zu stellen. Für mich ist sie eine Getriebene: Sie will überleben, flüchtet deshalb aus Kroatien, bleibt gleichzeitig aber immer ambivalent und überlegt, ob sie das Richtige macht, ist nie ganz überzeugt davon. Ana ist für mich sowohl ein starker wie auch schwacher Mensch: Sie gesteht ihre Schuld ein, lässt sich allerdings auch treiben. Erst am Ende des Romans entscheidet sie sich für eine, die für sie richtige Seite. Vielen Dank für das Gespräch! Das Interview wurde im Dezember 2020 geführt.

Der im Interview thematisierte Roman Zeit der Häutung erschien 2019 in der edition laurin, im Folgejahr in kroatischer Übersetzung bei Leykam International. www.robert-kleindienst.at

© Christian Eiselt

gepasst, da hatte ich Skrupel. Mir war klar, wenn ich reale Personen einbaue, dann muss historisch einfach alles stimmen, dann darf ich dieser Person nichts andichten. Ich löste das dann damit, dass ich bei Figuren wie dem Lageraufseher Toma historische Personen wie Miroslav Filipović als Grundlage nahm, in weiterer Folge kodierte und der Handlung anpasste. Andere Beispiele für historische Persönlichkeiten, die kodiert in meinem Roman vorkommen, sind etwa Diana Budisavljević, welche Ana im Lager als Helferin unterstützt, und Krunoslav Draganović, auf dem Anas Fluchthelfer Damir in der Stadt Salzburg beruht.

Antonia Winsauer ist Histo­ rikerin und Lehrerin in Wien und Vorstandsmitglied von APC.

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