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© Robert Kleindienst

SCHWERPUNKT

„Ich wollte sie so beschreiben, dass sie für mich eine gespaltene Person ist: Einerseits weiß sie immer, dass sie die Kinder, die im kroatischen Konzentrationslager waren, unterstützte, andererseits ist ihr auch klar, dass sie Teil des Ustascha-Systems war.“

Robert Kleindienst bei einer Lesung zu seinem Roman Zeit der Häutung an der Universität Salzburg

tiefer geflüchtete Jüdinnen*Juden schliefen, die Konzentrationslager überlebt hatten. Es trafen in diesem Haus also Täter*innen und Opfer aufeinander. Ich fand einen solchen Ort als Setting sehr spannend. Ana beobachtet von einem Fenster des Tauernhauses aus dunkle Gestalten, die nachts zur Flucht über den Tauern aufbrechen. Sie, die zwar nicht dem klassischen Täter*innentypus entspricht, schließt sich dann auf ihrer eigenen Flucht über den Tauern einer kleiner Gruppe Flüchtender an, von denen man nicht genau weiß, was sie während des Nationalsozialismus machten. Simon, die Figur, die Anas Gruppe als Bergführer über den Krimmler Tauern begleitet, steht für eine jener Personen, die vor allem wirtschaftlich motiviert, Menschen auf deren Flucht unterstützten, unabhängig vom jeweiligen persönlichen Hintergrund, als „Brotverdienst“ sozusagen. Ein weiterer Grund dafür, dass Ana die Route über den Krimmler Tauern wählt, waren die historischen Gegebenheiten – der Brennerpass war zu dieser Zeit bereits gesperrt und somit als Fluchtmöglichkeit quasi ausgeschlossen. Den Beschreibungen von Marko Feingold zufolge war im Frühjahr 1946 hinsichtlich der Flucht über den Krimmler Tauern auch noch relativ wenig los, ein Jahr später nahmen schon weitaus mehr Menschen diesen Fluchtweg. Auch fand ich die Person Liesl Geisler, die damalige Wirtin des Tauernhauses, spannend. Sie kommt ja auch in meinem Roman vor, allerdings nicht namentlich.

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Alpendistel

Das Tauernhaus war einer jener Handlungsorte, die ich bei meinen Vorbereitungen auf den Roman besuchte. Das Gespräch mit dem jetzigen Wirt, das ich bei meinem Besuch im Tauernhaus führen konnte, war interessant, aber zeitgleich wenig aufschlussreich. Ich hatte das Gefühl, dass er eigentlich gar nicht wirklich darüber reden wollte, was damals alles passiert war. Seine Antworten auf meine Fragen waren relativ knapp. Bei banalen Fragen wie beispielsweise, ob es 1946 schon ein Telefon im Tauernhaus gegeben hatte – in meinem Roman wird ja auch ein Telefonat geführt, das wollte ich überprüfen–, war er dann wiederum auskunftsfreudiger. Die Protagonistin Ana ist erfunden, in Zeit der Häutung verbinden Sie allerdings fiktive Figuren und historische Persönlichkeiten miteinander. Worin bestehen Reiz und Herausforderung einer solchen Mischung? Für mich war es eine grundsätzliche Frage, ob ich historische Figuren im Roman beim richtigen Namen nenne oder nicht. Beispielsweise war die Vorlage des im Roman beschriebenen Lageraufsehers Toma ein Franziskanerpater namens Miroslav Filipović, der tatsächlich in Lagern der Ustascha als Aufseher tätig war. Ich überlegte im Vorfeld des Schreibens, ob ich historische Figuren wie ihn namentlich nennen sollte oder nicht, entschied mich dann aber dagegen. Diese Kombination – Nennung historischer Personen bei ihren tatsächlichen Namen und eine erfundene Hauptfigur – hätte für mich einfach nicht

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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