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SCHWERPUNKT

„Es trafen in diesem Haus also Täter*innen und Opfer aufeinander. Ich fand einen solchen Ort als Setting sehr spannend.“ lisch. Ein Freund half mir dabei, einiges davon, was ich gefunden hatte, zu übersetzen. Mir war auch ein Anliegen, mit den kroatischen Kinderkonzentrationslagern, die ja abzugrenzen sind von den Lagern Nazi-Deutschlands, ein Thema anzusprechen, das nur selten angesprochen wird, auch in Kroatien selbst, wo laut Kroat*innen, die ich dazu befragte, eher der Bürgerkrieg der 1990er Jahre und die Zeit Titos zur Sprache kommen, wenn es um kroatische Geschichte geht. Ich arbeitete sehr viel mit Bildmaterial, da mir wichtig war, dass die historischen Details stimmen, etwa in der Beschreibung der Stadt Salzburg in der frühen Nachkriegszeit. Ihre kroatische Protagonistin Ana Sadak ist auf der Flucht, im Laufe der Handlung macht sie Halt an verschiedenen Stationen: Nach ihrer Heimat und ihrem Dienst als Schwesternhelferin in einem Kinderkonzentrationslager der Ustascha sind das ein Jagdhaus in Altaussee, die Stadt Salzburg, der Krimmler Tauern, Südtirol und Genua. Südamerika ist Ziel ihrer Flucht. Wie kam es zur Auswahl dieser Handlungsorte? In erster Linie wollte ich schon entlang der so genannten „Rattenlinie“ über Südtirol nach Genua liegende Ortschaften als Handlungsorte wiedergeben. Genua war ja nicht nur für Vertreter*innen der Ustascha, sondern auch auf der Flucht der Nationalsozialist*innen nach Südamerika ein Drehund Angelpunkt, so wie Rom, wo sich viele in Klöstern etc. versteckt hielten, bevor sie weiter nach Südamerika flohen. Salzburg war mir nicht nur auf Grund seiner Bedeutung für die „Rattenlinie“ als Handlungsort wichtig, sondern auch, da ich einen persönlichen Bezug zu dieser Stadt habe, schon sehr lange hier lebe. Auf der Suche nach einem Ort, an dem Ana gut untertauchen kann, der abgeschieden ist, zeitgleich auch mit Nationalsozialismus bzw. Faschismus assoziiert wird, stieß ich auf Altaussee. Hier

waren zahlreiche Nazigrößen vor Ort, der hochrangige SS-Funktionär Ernst Kaltenbrunner beispielsweise, der im Roman vorkommt; und Simon Wiesenthal berichtet davon, dass er Adolf Eichmann in Aussee fast dingfest gemacht hätte. Was die Handlungsorte in Kroatien angeht, ergaben sich diese einfach – etwa Zagreb, wo Ana ihre Schulausbildung erhält, und das Lager, das ich beschreibe, war wiederum ein historischer Ort, der sich für die Handlung auf Grund seiner Bedeutung ergab. Uns von Alpine Peace Crossing interessiert natürlich besonders die Rolle des Krimmler Tauern, über den auch Ihre Protagonistin flieht. Er war ab 1945 nicht nur Fluchtmöglichkeit für zahlreiche Jüdinnen*Juden auf dem Weg ins heutige Israel, sondern auch Abschnitt einer der so genannten Rattenlinien, entlang derer Nationalsozialist*innen und Faschis*innen via Rom

und Genua mit Hilfe des Vatikans nach Südamerika flohen. Wie war es für Sie, diese beiden Fluchttypen im Roman miteinander zu verbinden? Ich las, und Sie kennen es ja vielleicht auch vom Historischen her, dass im Krimmler Tauernhaus zum Teil Nazis untergebracht waren, und einen Stock SCHWESTERNHELFERIN IN DEN USTASCHA-LAGERN In den Konzentrationslagern der Ustascha verrichteten unter anderem Ordensschwestern ihren Dienst. Historisch belegt ist, dass einige von ihnen Aufseherinnen der NS-Konzentrationslager in ihrer erbarmungslosen und grausamen Art um nichts nachstanden. Schwesternhelferinnen wurden zur Unterstützung angefordert, als die Situation in den Lagern durch Hunger und Überfüllung völlig zu eskalieren drohte. Fortan waren diese dort für das Überleben der kleinen Gefangenen verantwortlich.

© Robert Kleindienst

Das Ahrntal in Südtirol/Alto Adige. Teil des historischen Fluchtwegs als auch Fluchtabschnitt der Protagonistin in Zeit der Häutung

Alpendistel

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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