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SCHWERPUNKT

ZEIT DER HÄUTUNG

Ein Roman über eine Flucht entlang der „Rattenlinie“

Zur Zeit des faschistischen Ustascha-Regimes in Kroatien gab es Kinderkonzentrationslager, in denen Kinder von Feinden des Regimes gefangen waren und ermordet wurden. All dies geschah unter Duldung bzw. mit teilweiser Unterstützung der katholischen Kirche. Als Leser*in seines Romans Zeit der Häutung (2019) folgt man Robert Kleindiensts Protagonistin, der Kroatin Ana Sadak, die in einem dieser grausamen Lager als Schwesternhelferin tätig war, auf ihrer abenteuerlichen Flucht vor der jugoslawischen Armee im Jahr 1945. Ana zieht es zunächst nach Altaussee, wo sie in einem abge­ schiedenen Jagdhaus auf das Abklingen der Wirren der Nachkriegszeit wartet und darauf hofft, ihre Vergangenheit abzustreifen. Anschließend reist sie weiter in die Stadt Salzburg, wo sie mit Hilfe der katholischen Kirche eine neue Identität erhält und entlang der sogenannten Rattenlinie über den Krimmler Tauern nach Südtirol und dann weiter nach Genua flieht. Ihr Ziel: Südamerika. Im Gespräch mit Antonia Winsauer berichtet der Schriftsteller Robert Kleindienst von den Herausforderungen, einen historischen Stoff in einen Roman zu verwandeln.

Herr Kleindienst, wir haben im Vorfeld dieses Interviews besprochen, dass wir heute in Bezug auf Ihren Roman Zeit der Häutung vor allem über die Herausforderung sprechen, einen historischen Stoff zu bearbeiten, verschiedene Aspekte der Vergangenheit aufzugreifen und in Fiktion zu verwandeln, historische Realität und Fiktion zu vermischen. Wie würden Sie den Prozess der Themenauswahl beschreiben? Die Grundidee zu Zeit der Häutung entstand im Zuge meiner Recherche zu meinem damals eigentlich geplanten dritten Roman, in welchem es um den jüdischen Sportverein Hakoah geht, angesiedelt im Wien der 1920er und 1930er Jahre. Ich stieß dabei auf die Ustascha und deren Kinderkonzentrationslager, las mich ein und hatte bald das dringende Bedürfnis, darüber etwas zu schreiben. Ich beschäftigte mich sehr inten-

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Alpendistel

siv mit dem Thema und kam auf die Fluchtroute über Salzburg, über welche die Angehörigen der Ustascha geflohen waren. In Folge vertiefte ich meine Recherchen über die „Rattenlinie“, welche im Roman ja auch vorkommt, und so wurde das Ganze dann langsam zu einem Romanthema, das mich tief berührte, vor allem die Bilder der Kinder in den Lagern. Mir war klar, dass man die Thematik bei uns in Österreich ja eigentlich gar nicht kennt. Das Wort „Ustascha“ verbindet man bei uns zwar mit Faschismus, aber mehr weiß man zu dem Thema meist nicht. Und auch zur „Rattenlinie“ gibt es bei Weitem mehr Sekundärliteratur als Romanbearbeitungen. Bei meinen Nachforschungen stellte ich fest, dass es zu diesen Kinderkonzentrationslagern – im Gegensatz zur „Rattenlinie“ – sehr wenig Sekundärliteratur gibt, vor allem auf Deutsch oder Eng-

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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