Page 34

SCHWERPUNKT

Die Autorin im Gespräch mit Aharon Appelfeld 2007

Die Stimmen dieser Kinder hatten lange nicht als Zeugnisse gegolten, da sie mit ihren Erzählungen die auf Fakten, Namen und Orte fokussierten Dokumentationsversuche der erwachsenen Überlebenden durchkreuzten und irritierten. Ihre Texte bieten andere Wahrheiten als die bloßen Koordinaten des Geschehenen an, stellen die Reflexion über die Erfahrungen und die Gemachtheit der eigenen Erinnerung in den Mittelpunkt und kehren im Schreiben immer wieder zu Schlüsselerlebnissen in der Kindheit zurück. Die Erfahrungen während der Shoah werden somit für viele dieser ÜberlebendenSchriftsteller*innen zum Ausgangspunkt ihres literarischen Schaffens selbst. Neben seinen explizit autobiografischen Erfahrungen lässt Aharon Appelfeld die Leser*in-

34

Alpendistel

nen in seinen Romanen ein breites Spektrum an Lebens- und Überlebenswegen entdecken, sein Schreiben wird in der Forschung auch als „expanded autobiographical self“ bezeichnet. Den Protagonist*innen Tzili, Katerina, Paul, Edmund, Bruno, Jakob, Hugo, Blanka und Erwin begegnet man in den märchenhaft klingenden Dörfern der Bukowina, auf den Gassen Czernowitzs, in Lagern und auf Fluchtwegen quer durch Europa genauso wie in Kaffeehäusern und am Strand von Tel Aviv. In verdichteter Form werden Appelfelds Orte zu Mikrokosmen des Über- und Weiterlebens, so schildert Appelfeld beispielsweise in der Erzählung Nacht für Nacht (2001) das Leben in einer Jerusalemer Pension, die ausschließlich von Überlebenden bewohnt wird. Jeden Abend versammeln sich die Bewohner*innen, trinken gemeinsam, spielen Karten

Profile for Alpendistel

Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

Advertisement

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded

Recommendations could not be loaded