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SCHWERPUNKT

Levite imaginiert eine Zeit, in der die Autorität der Überlebenden als Erzählinstanz nicht existiert und sich die konkreten Ereignisse der Shoah in kathartische Kinomomente verwandelt haben. In dem verstörenden Nebeneinander aus Hilferuf, Testament, Anklage und Aufruf zu schreiben, das Leben zu dokumentieren und ein Nachleben zu Imaginieren, ähnelt Levites Text anderen sehr frühen Zeugnissen, die oft einen langen Weg der Weitergabe und Vermittlung hinter sich haben, die in Fragmenten erhalten und heute auf unterschiedliche Archive verteilt sind. Mit Blick auf die oft bruchstückhaften Zeugnisse und Memoiren in zahlreichen Sprachen und Schriftsystemen stellt die Literaturwissenschaftlerin Mona Körte fest, dass „neben der Shoah wohl kein weiteres Ereignis […] Menschen in so großer Zahl dazu veranlasst hat, ihr Überleben zu beschreiben, ihre Erinnerungen daran festzuhalten“ und betont, dass dieses Schreiben als ein breites Phänomen, als ein Auf-Schreiben der Laien betrachtet werden muss. Diesem breiten Phänomen des Sammelns und Aufzeichnens widmet sich die Historikerin Laura Jockusch in ihrem Buch Collect and Record!. Jewish Holocaust Documentation in Early Postwar Europe (2012). Initiiert und gesammelt wurden jene frühen Schreibversuche jüdischer Überlebender in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg oftmals von den jüdischen historischen Kommissionen und Dokumentationszentren, viele dieser ersten Zeugnisse entstanden in den Displaced Persons Camps und sind in jiddischer Sprache verfasst. Mit ihrer oft sehr expliziten Sprache, der appellativen Struktur, aber auch durch zahlreiche literarische Referenzen können sie neue Perspektiven auf den Kanon der Holocaustliteratur werfen und auch für die Geschichtswissenschaft Fragen nach Formen des Erzählens und Dokumentierens neu stellen. Das kindliche Erinnern und der Beginn der Holocaust-Literatur Während für Abraham Levite 1945 eine Welt, in der die Stimmen der Überlebenden gehört werden, unvorstellbar ist, sind die literarischen Welten Aharon Appelfelds fast ausschließlich von Menschen bevölkert, die Flucht, Vertreibung und Lagererfahrungen verkörpern. „Solange die Überlebenden unter uns waren, rückte der Holocaust aus der Sphäre des Un­glau-

blichen in die Sphäre des Sichtbaren. Wenn jemand nicht glauben wollte, was Menschen einander antun und auf welche Stufe der Barbarei sie sinken können, war der Überlebende da und erzählte.“, so Aharon Appelfeld. Der 1932 in der Nähe von Czernowitz geborene und 2018 in Petach Tikwa verstorbene Autor Aharon Appelfeld, der den Zweiten Weltkrieg als Kind überlebte und 1946 nach Palästina gelangte, setzt sich in einem 2005 erschienenen Essay Kindheit im Holocaust und in seinem autobiografischen Text Geschichte eines Lebens (1999) mit jenen Übergängen vom Dokumentieren des Geschehenen zum Imaginieren und Gestalten der Erinnerung in literarischen Texten auseinander. Mit Blick auf sein eigenes Schreiben – 46 Romane und zahlreiche Erzählungen sind in hebräischer Sprache erschienen – und auf das seiner Zeitgenoss*innen wie beispielsweise Imré Kertész und Elie Wiesel, betont er die Besonderheiten dieser frühen Erfahrung und sieht mit den Zeugnissen der einstigen Kinder die Holocaustliteratur begründet. Zentrale Merkmale Aharon Appelfeld dieser „Literatur der Weisheit“ sind laut Appelfeld das Beschreiben tiefer, körperlicher Erfahrungen und die Suche nach Orientierung auf einer nicht geografisch-räumlichen Ebene, sondern durch Interaktion und das genaue Beobachten menschlichen Handelns.

„Wenn jemand nicht glauben wollte, was Menschen einander antun und auf welche Stufe der Barbarei sie sinken können, war der Überlebende da und erzählte.“

„Die Zeugnisse der einstigen Kinder sind von ganz anderer Art, weil die Kinder den Schrecken nicht in vollem Umfang aufgenommen haben, sondern nur in dem Maße, in dem sie es als Kinder verkraften konnten. Kindern fehlt der Sinn für zeitliche Abstände, und sie können das, was sie erleben, nicht mit einer Vergangenheit vergleichen. Der erwachsene Überlebende besaß Erinnerungen an die Zeit vor dem Krieg, doch für die Kinder war der Holocaust Gegenwart, ihre Kindheit und Jugend. Eine andere Kindheit, Glück kannten sie nicht.“

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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