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SCHWERPUNKT

ÜBERLEBENDE IN DER LITERATUR UND DAS ENDE DER ZEITZEUG*INNENSCHAFT

Das Nachdenken über Repräsentationen der Überlebenden und über das Ende der leben­ digen Zeitzeug*innenschaft hat Konjunktur. Durch exemplarische Lektüren zeigt dieser Artikel, dass Reflexionen über Grenzen, Formen und Möglichkeiten des Bezeugens und Vermittelns des Geschehenen so alt sind wie das Schreiben über die Shoah selbst. Ein Beitrag von Marianne Windsperger.

Erste Zeugnisse In zahlreichen Publikationen, Ausstellungen, Projekten und öffentlichen Diskussionen wird bereits seit Jahrzehnten das Ende der lebendigen Zeitzeug*innenschaft thematisiert. So stellte sich zuletzt 2019/2020 eine Ausstellung über Oral-History-Projekte im Jüdischen Museum Hohenems unter dem Titel „Ende der Zeitzeugenschaft?“ die Frage, was vom Jahrhundert der Zeitzeug*innen bleibt. Welche komplexen Beziehungsgeschichten zwischen Interviewenden und Interviewten, Medium, Gesellschaft und Erinnerungskultur zeichnen die zahlreichen Versuche, die Stimmen der Überlebenden einzufangen, nach und wie haben sich diese Konstellationen in den Jahrzehnten nach der Shoah verändert? Dieses Nachdenken über das Ende der Zeitzeug*innenschaft und die damit einhergehenden Transformationen der Erzählungen, der vermittelten Erfahrungen und Erlebnisse der Überlebenden haben bestimmt an Relevanz gewonnen, sind jedoch keineswegs neu, sondern so alt wie das Schreiben über und das Dokumentieren der Shoah selbst.

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Alpendistel

In einem jiddischen Dokument, das den Ort des Konzentrationslagers Auschwitz und das Jahr 1945 als raum-zeitliche Koordinaten trägt und von Abraham Levite gezeichnet ist, heißt es schon: „Jeder kulturvolle und anständige Mensch wird sich verpflichtet fühlen, uns zu bedauern und Grabreden zu halten. Wenn unsere Schatten auf Leinwänden und Bühnen auftauchen, werden sich hochherzige Damen mit parfümierten Tüchern die Augen wischen und uns beklagen: Ach, die Unglücklichen.“ Abraham Levite spricht in diesem Vorwort zu einer geplanten Auschwitz-Anthologie – in den YIVO-Archives aufbewahrt – von einem Erinnern ohne Überlebende. In seiner Wahrnehmung aus dem unmittelbaren Geschehen sind die Stimmen der jüdischen Opfer verstummt und einem oberflächlichen, sentimentalen und ritualisierten Erinnern gewichen. Erbittert und voller Ironie blickt der Verfasser 1945 schon auf eine Welt nach der Shoah, in der das Leiden der Menschen in den Lagern über Medien wie Filme und Theater vermittelt wird und sich kaum von anderen tragischen Inszenierungen unterscheidet.

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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