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SCHWERPUNKT

Geschichts­darstellungen zu dekonstruieren ist eine zentrale Aufgabe des Geschichts­ unterrichts.

ihrer Banknachbarin „Mein Vater hat gesagt, alle Juden sind dreckige Hunde“ mit dem Hinweis quittierte: „Ja gut, wenn ihr nicht nebeneinandersitzen wollt, dann setzt euch eben auseinander“ [2], ist die damals erlebte Kränkung unmittelbar spürbar. Und wenn sie wenig später davon berichtet, wie bitterlich ihre kleine Schwester Edith beim Abschied geweint hat, als sie mit einem Kindertransport nach Palästina geschickt wurde – ein Abschied für immer – wird die menschliche Dimension von Flucht, Vertreibung und systematischer Ermordung offenbar. Indem wir uns damit auseinandersetzen, was derartige Erlebnisse für Überlebende und Nachgeborene bedeuten, wird der Stellenwert von Geschichte für eine Gesellschaft offenkundig. Die Schilderungen ihrer Diskriminierungs- und Verfolgungserfahrungen sensibilisieren für die Bedeutung von Menschenrechten und Gefährdungen der Demokratie. Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung In einer Zeit, in der das Grauen des Nationalsozialismus in seiner Unabgeschlossenheit wieder besonders deutlich wird, rechtsextreme, neonazistische, antisemitische und rassistische Äußerungen im öffentlichen Diskurs, vor allem in den sozialen Medien, immer lauter und im öffentlichen Raum sichtbarer werden, können Holocaust-Überlebende Mahner*innen sein, denen man (immer noch!) zuhört. Was bedeutet es für

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Alpendistel

Individuen, wenn die ausgrenzenden und hetzerischen Stimmen sich gesellschaftlich durchsetzen? Und was bedeutet es in der Folge für die ganze Gesellschaft? Immer mehr Kinder und Jugendliche aus den verschiedensten Herkunftsländern sitzen in unseren Schulklassen. Viele von ihnen oder ihre Vorfahren haben Diskriminierung, Verfolgung und Flucht erlebt, oder sie waren selbst Täter*innen in einem Unrechtsregime. Für sie kann die Auseinandersetzung mit den Berichten von Menschen aus der sicheren Distanz der Geschichte Anregung und Anleitung sein, eigene Familiennarrative zu hinterfragen und über biographische Bruchlinien sowie kriegerische Auseinandersetzungen und gesellschaftliche Konflikte in ihren Herkunftsländern und Familien nachzudenken. Geschichtsunterricht darf nicht bloßer Erinnerungsort, sondern muss vielmehr eine bewusst gestaltete, zielgerichtete, inhaltsorientierte Aus­ einandersetzung mit der Erinnerung sein. Wenn Erinnerungen erzählt, gehört, hinterfragt, gegenübergestellt und historisch eingeordnet werden, lichten sich nämlich die diffusen Vergangenheitsnebel des Unsagbaren, Unglaublichen und Unerhörten, sie hören auf, Gespenster zu sein und tragen zur Entwicklung eines reflektierten Geschichtsbewusstseins bei.

[1] Heidemarie Uhl, Vom Pathos des Widerstands zur Aura des Authentischen. Die Entdeckung des Zeitzeugen als Epochenschwelle der Erinnerung. In: Martin Sa­ brow/Norbert Frei (Hg.): Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Göttingen 2012, S. 241-242. [2] Jehudith Hübner im In­ terview mit _erinnern. at_ auf https://vimeo. com/78628272, Minute 1:20-1:35.

Adelheid Schreilechner lehrt an der Pädagogischen Hoch­ schule Salzburg. Sie ist Leite­ rin des Hochschullehrgangs „Holocaust. Erinnerungskul­ turen. Geschichtsunterricht“, der in Kooperation mit _erin­ nern.at_ durchgeführt wird.

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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