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SCHWERPUNKT

Erinnerungen gerinnen zu einem Mythos, der das individuelle oder auch das kollektive Gedächtnis prägt.

besser und reflektierter mit Zeitzeug*innenschaften in ihrer unmittelbaren Umgebung umgehen. Schließlich sind junge Menschen immer umgeben von persönlichen Erzählungen und Berichten über die Vergangenheit. Und es gehört zu einer der zentralen Aufgaben des Geschichtsunterrichts, Geschichtsdarstellungen zu dekonstruieren, sie also auf Perspektivität und Standortgebundenheit, eventuell auch auf hinter der Erzählung stehende Absichten zu hinterfragen.

Sockel steht? Heute sind die persönlichen Erinnerungen der Überlebenden im Sinne von Oral history als Quellen zu verwenden. Zeitzeug*innen waren „dabei“, haben Geschichte unmittelbar miterlebt und berichten aus ihren persönlichen Erfahrungen. Das Erzählte darf aber keinesfalls nur als Bericht über vergangenes Geschehen betrachtet, sondern muss immer auch als subjektive Verarbeitung der Erfahrung des Geschehens verstanden werden. Keinesfalls alles, was erlebt wurde, wird erinnert, und nicht alles, was erinnert wird, kann oder will erzählt sein. Bestimmte Erfahrungen haben sich eingeprägt, weil sie damals als besonders einschneidend, intensiv, bedeutsam erlebt und damit prägend wurden, weil sie im Nachhinein relevant erschienen, weil sie im Weiterleben eine Rolle gespielt haben, nicht zuletzt deshalb, weil sie beim Erzählen eine Wirkung hatten und deshalb immer wieder erzählt wurden. Erinnerungen gerinnen zu einer Erzählung, zu einem Mythos, der das individuelle – oder durchaus auch das kollektive Gedächtnis – prägt. In diesen „stabilen Erinnerungsmodulen“, wie Henke-Bockschatz die wieder und wieder erzählten Geschichten über die Vergangenheit nennt, tauchen allerdings nur bestimmte Aspekte auf, andere bleiben ausgespart. Dies zu bedenken, bedeutet keinesfalls, Zeitzeug*innen falscher Darstellungen oder bewusster Auslassungen zu bezichtigen. Die Standortgebundenheit und die Perspektivität des Erinnerten und Erzählten muss aber mitbedacht und reflektiert werden. Wenn Schüler*innen im Unterricht einen kritischen Umgang mit Erinnerungen lernen, können sie in der Folge auch

Individuelle Erinnerung als wirksame Lernerfahrung Die Menschen, die von den Gräueln der NS-Verbrechen berichten und berichtet haben, legten und legen lebendiges Zeugnis ab von den mörderischen Auswirkungen totalitärer und autoritärer Regime, sie stehen für die Gefahren, die von Rassismus und Antisemitismus ausgehen. Sie erzählen davon, wie die schrittweise und systematische Etablierung eines radikalen Systems ihr bisheriges Leben zerstörte, ihre Angehörigen in den Tod trieb und in der Mehrheitsgesellschaft teilweise grausamste Instinkte zum Leben erweckt bzw. freigesetzt wurden, wie ein großer Bevölkerungsanteil zu Mittäter*innen, Profiteur*innen und mehr oder weniger begeisterten Zuschauer*innen, andere zu mundtot gemachten Kritiker*innen und in weitaus weniger Fällen zu aktiven Widerständigen wurden. Wenn die hochbetagte Jehudith Hübner davon erzählt, dass ihre Lehrerin 1938 in Wien die Aussage

© erinnern.at

Jehudith Hübner im Interview mit erinnern.at

Alpendistel

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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