Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen

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SCHWERPUNKT

© Salzburger Kunstverein, Foto: Andrew Phelps

Die Darstellung von Vergangenheit hängt von der eigenen Perspektive ab. Erinnerung ist ein Gespenst

unserem kulturellen Gedächtnis verankert werden. Darüber hinaus wird deutlich, wie sehr die Darstellung von Vergangenheit von der eigenen Perspektive abhängt. Es geht nicht darum, die eine Erinnerung gegen die andere auszuspielen, sehr wohl aber um die Zusammenschau und um die damit verbundene Frage: Welche Tendenzen in unserem Geschichtsbild haben sich gehalten, warum sind sie so tief verankert, welche gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen haben bestimmte Narrative und warum ist es so wichtig, sie aufzubrechen? Und darüber hinaus? Was anfangen mit diesen Erzählungen? „Nicht Verstörung, sondern Versöhnung ist das Ziel der medialen Kommunikation zwischen den Überlebenden des Holocaust und jener Enkelgeneration, die von ihren Erfahrungen ergriffen und berührt werden soll“, schreibt Heidemarie Uhl. [1] Ergriffen- und BerührtWerden wäre also im Sinne der Versöhnung ein didaktisches Ziel. Auch wenn, wie oben bereits erwähnt, in den meisten Fällen ohnehin Emotionalisierung geschieht, so kann sie nicht das Ziel sein. Außerdem bleibt zu fragen, warum das-

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Berührt-Werden von einer individuellen Erzählung zu Versöhnung führen sollte und welche zu versöhnenden Konfliktparteien man denn noch ausmachen könnte – angesichts von Schüler*innnen aus der 4. Generation. Zeitzeug*innenberichte sind historische Quellen Seit die „gesellschaftliche Grundsatzdebatte über den Umgang mit der ‚unbewältigten‘ NSVergangenheit“, ausgelöst durch die sogenannte Waldheim-Affäre Ende der 1980er Jahre, die jahrzehntelange Pflege von „Nachkriegsmythen“ beendet hat, veränderte sich auch die Bedeutung von Zeitzeug*innenberichten. Bis dahin ging es vor allem darum, sie endlich zu hören, ihr Zeugnis Ernst zu nehmen, ihnen Aufmerksamkeit und Glauben zu schenken, sich in der Folge den begangenen Verbrechen zu stellen und dafür gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Mittlerweile ist die offizielle Erinnerung an den Holocaust so etwas wie „normative Vergangenheit“ geworden. Was bleibt also zu tun, wenn das Ringen um eine ehrliche Erzählung der NS-Geschichte im eigenen Land mehr oder weniger entschieden ist und auf einem