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SCHWERPUNKT

ERINNERUNG IST EIN GESPENST Als ich im Herbst 2020 mit dem Fahrrad den Salzachkai in der Stadt Salzburg entlang fuhr und mein Blick auf der Höhe des Künstlerhauses auf ein Plakat mit dem Text „Erinnerung ist ein Gespenst“ fiel, war ich sofort gefangen von dieser Metapher. Das Bild funktioniert, so dachte ich, auf der kollektiven Ebene ebenso wie auf der individuellen. Erinnerungen, die wir in die Flucht schlagen wollen, fordern umso mehr Aufmerksamkeit. Es lohnt sich also, sie einzufangen, indem man sie sich bewusst macht, sprachlich fasst und erzählt. So kann man sie vielleicht zähmen. Fachdidaktische Überlegungen zum Einsatz von Zeitzeug*innen im Geschichtsunterricht von Adelheid Schreilechner.

Zeitzeug*innenberichte emotionalisieren Erzählungen über die Vergangenheit sind Rekonstruktionen. Und sie haben eine Funktion. Wer erzählt, will erklären, wirbt um Verständnis, möchte seine Erfahrung teilen, verhindern, dass etwas sehr Bedeutendes verloren geht. Manchmal möchte sie oder er den Zuhörer*innen eine Lektion erteilen. Und immer gibt es auch das Verschwiegene, das Ausgelassene, das Vergessene.

angetan wurde, manche Zeitzeug*innen lösen mit Anklagen auch Widerstand aus. Diese dichte Atmosphäre macht es schwierig oder gar unmöglich, zu entgegnen, zu hinterfragen. Maria EckerAngerer spricht in diesem Zusammenhang von einer „beinahe sakralen Ehrfurcht“, die die Lernenden vielfach an einer sachlichen Beschäftigung mit dem Menschen und seiner Geschichte hindern würden.

Viele, die Holocaustüberlebenden gegenübersitzen und ihre Erinnerungen an Verfolgung, persönlich erlebte Folter und NS-Vernichtungspolitik erzählen hören, erleben diese Situation sehr intensiv: Eine Spannung ist im Raum, es herrscht eine Unsicherheit im Reagieren und Nachfragen, Emotionen entstehen. Viele Erzählungen berühren, ja, sie rühren zu Tränen – es ist kaum aushaltbar, was sie aushalten mussten, manche Berichte lösen Wut über das aus, was ihnen

Wie soll man also mit Zeitzeug*innenberichten im Unterricht umgehen? Welche Rolle sollen sie spielen? Diese Frage ist nur über didaktische Ziele zu beantworten. Zum Ersten geht es darum, den tradierten, immer noch vom Opfernarrativ geprägten Familienerzählungen in unserer Täter*innengesellschaft etwas entgegenzusetzen. Indem wir die Perspektive der Verfolgten im Unterricht prominent platzieren, tragen wir dazu bei, dass auch diese Erzählungen in

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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