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SCHWERPUNKT

und Leitung der Holocaust-Überlebenden, und dass „jüdische Stellen“ immer wieder Anschuldigungen an das österreichische Justizministerium schicken würden. Diese Ausführungen zeigen deutlich, wie von Verteidiger Böck die Zeugenschaft von Holocaust-Überlebenden großteils antisemitisch als „jüdische Zeugenschaft“ gerahmt wurde. Diese sei, laut Murers Verteidiger, von Organisation, Lügen und Rachegedanken geprägt. Murer wäre in dieser Darstellung nicht deshalb angeklagt worden, weil er die Morde tatsächlich begangen habe, sondern „die Juden“ hätten Franz Murer lediglich als symbolischen Sündenbock genommen. Ein „österreichisches Urteil“ oder ein „Urteil gegen Österreich“? Die Aussagen des Verteidigers wurden beim Prozess diskursbestimmend und nach nur sieben Verhandlungstagen wurde Franz Murer von allen Anklagepunkten freigesprochen. Aus der Urteilsniederschrift geht hervor, dass den Zeug*innen schlicht und einfach nicht geglaubt wurde. Lediglich im Fall Abraham Isak Kagan, auf den Murer laut den Aussagen des Sohnes aus kurzer Entfernung mit einer Pistole geschossen hatte, glaubten einige Geschworenen den Schilderungen des Zeugen. Allerdings konnten sie laut der Urteilsniederschrift keine Tötungsabsicht von Seiten Murers erkennen. Als das Urteil verkündet wurde, applaudierten laut Zeitungsberichten Zuseher*innen im Gerichtssaal. In den meisten Tageszeitungen, vor allem aus dem sozialdemokratischen Spektrum, wurde der Freispruch allerdings als Skandal angesehen. Die Volksstimme schrieb: „Der Freispruch Murers ist ein Urteil gegen Österreich“ und sprach von einem „krassen Fehlurteil“. Die Wahrheit bot in ihrem Bericht zum Prozess auch gleich eine Erklärung, wie es zu so einem Urteil kommen konnte: „Das Urteil wurde in erster Linie durch das [konservative] Milieu möglich, aus dem Murer seine Unterstützung fand […]“. Etwas ähnliches erwähnte auch Eytan Otto Liff, der leitende Beamte für NS-Gewaltverbrechen beim Landesstab der Polizei Israel. Er schrieb vom „Bankrott der österreichischen Justiz“ und plädierte für eine Verlegung zukünftiger Prozesse „aus der Provinz und ihren ‚freundnachbarlichen‘ persoenlichen Beziehungen und Gesinnungsmilieu nach Wien“ in die internationale Öffentlichkeit.

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Alpendistel

Der Fall Murer steht somit als paradigmatisches Beispiel für die unzulängliche justizielle Ahndung von NS-Verbrechern durch Geschworenengerichte in Österreich gesehen werden kann. Die Geschworenen konnten sich, trotz ausreichender Beweise, nicht zu einem Urteil durchringen. Dies ist hauptsächlich durch die diskursbestimmende antisemitische Argumentation des Verteidigers beim Prozess zu erklären, die bei den Geschworenen auf fruchtbaren Boden fiel. Franz Murer wurde darüber hinaus, als regionaler ÖVPFunktionär, von Teilen der Bevölkerung und des konservativen Lagers, wo man ebenfalls auf antisemitische Erklärungsmuster zurückgriff, unterstützt. Die Holocaust-Überlebenden, die nach Graz gekommen waren, um über die von Murer in Vilnius begangenen Gräueltaten zu berichten, wurden vor Gericht vorgeführt. Ihre Aussagen als verfolgte Jüdinnen und Juden passten nicht zu den in Österreich zu dieser Zeit vorherrschenden Opfernarrativen. In diesen wurden Nationalsozialisten und Kriegsverbrecher wie Franz Murer, als vermeintliche Opfer sowjetischer Verfolgung und „jüdischer Hetze“ dargestellt. Schlussendlich bedingten den Freispruch auch grobe Nachlässigkeiten der österreichischen Justiz und ein im Prozess als unscheinbar auftretender Staatsanwalt, der es nicht nachhaltig schaffte, die nicht sehr originellen und sich immer wiederholenden Verteidigungsstrategien Murers in Frage zu stellen.

WEITERFÜHRENDE LITERATUR Lukas Nievoll, „Jüdische“ Zeugenschaft. Aspekte des Umgangs mit Holocaust-Überlebenden am Beispiel des Prozesses gegen Franz Murer 1963 in Graz. In: Gerald Lamprecht / Heidemarie Uhl, Nachkriegserfahrungen. Exklusion und Inklusion von OpferTäter-Kollektiven nach 1945, zeitgeschichte, 48. Jg., Heft 2 (Wien 2021) 207-224. Hier finden sich auch die genauen Quellenbelege, für die im Text erwähnten Zitate. Johannes Sachslehner, „Rosen für den Mörder“. Die zwei Leben des NS-Täters Franz Murer, Wien-Graz-Klagenfurt 2017. Die bisher ausführlichste Biographie zum Leben Franz Murers Abraham Sutzkever, Wilner Getto. 1941-1944, Zürich 2009. Abraham Sutzkever führte Tagebuch über das Leben im von den Nationalsozialisten errichteten „Ghetto“ von Vilnius.

Lukas Nievoll ist wissen­ schaftlicher Mitarbeiter am Centrum für Jüdische Studien in Graz.

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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