Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen

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SCHWERPUNKT

Nationalität“, bei der Errichtung des „Ghettos“ und bei von ihm persönlich durchgeführten und angeordneten Erschießungen hervorgehoben. Allerdings wurde Murer bereits 1955 im Rahmen des Staatsvertrags mit anderen, als Kriegsverbrechern inhaftierten Kriegsgefangenen, repatriiert. In Folge unterließ es die zuständige Staatsanwaltschaft in Österreich ein, eigentlich von Rechtswegen notwendiges, Strafverfahren gegen den verurteilten Kriegsverbrecher einzuleiten. Man argumentierte, er habe bereits einen großen Teil seiner Haftstrafe verbüßt, obwohl Murer nicht einmal ein Drittel seiner ursprünglichen Haftstrafe abgesessen hatte. Erst einige Jahre später brachte Simon Wiesenthal den Stein zur gerichtlichen Verfolgung Murers in Österreich ins Rollen. Wohl auch wegen des zu diesem Zeitpunkt bereits angelaufenen und international vielbeachteten Verfahrens gegen Adolf Eichmann in Israel, erhöhte sich der internationale Druck auf Österreich, sich mit NSKriegsverbrechern gerichtlich auseinanderzusetzen. So kam es nach zwei Jahren Ermittlungen am 10. Juni 1963 in Graz vor einem Geschworenengericht zum Prozess gegen Franz Murer. Der Prozess gegen Franz Murer Nachdem im März 1957 das NS-Amnestiegesetz verabschiedet und damit auch das sogenannte Kriegsverbrechergesetz (KVG) aufgehoben worden war, konnten komplexe nationalsozialistische Massengewaltverbrechen in Geschworenengerichtsprozessen nur nach den Bestimmungen des herkömmlichen Strafgesetzes geahndet werden. Diese Änderungen im Zusammenhang mit dem Ausbleiben einer Gesetzeserneuerung können definitiv als symptomatisch für eine Unwilligkeit der österreichischen Politik gesehen werden, sich nach der wiedererlangten Unabhängigkeit mit NS-Verbrechen zu beschäftigen. In dieser Hinsicht wurde Franz Murer „lediglich“ wegen 15 Punkten, in den meisten Fällen Mord, angeklagt. Die Reporterin der Neuen Zeit hielt es daher für die „Überraschung des Prozesses“, dass Murer „nicht wegen der Judenausrottung zur Verantwortung gezogen“ wurde, „sondern nur wegen fünfzehn Mordtaten“. Holocaust-Überlebende als Zeug*innen im Prozess Eine besondere Herausforderung war der Prozess für die Holocaust-Überlebenden, von denen die meisten aus Israel nach Graz reisten. Für den Großteil von ihnen war es überhaupt das erste Mal, dass sie vor Gericht aussagen mussten. Die Zeug*innen hatten unterschiedliche Motive, vor

Gericht auszusagen. Moshe Feigenberg, der als Arzt im „Ghetto-Krankenhaus“ in Vilnius gearbeitet hatte, sprach davon, im Namen der Opfer Zeugnis ablegen zu wollen: „Wir kommen nicht aus dem Heiligen Land – aus Israel –, dessen Hauptstadt Jerusalem ist, um Rache zu üben, sondern wegen der Opfer der Stadt Wilna, die wir das Jerusalem von Litauen nennen“. Einem anderen Zeugen, Jacob Kagan, ging es eher um die strafrechtliche Verfolgung Murers, denn er erwähnte während des Prozesses, dass es ihm um Gerechtigkeit für seinen Vater gehe. Er schilderte in seiner Aussage, wie Murer ihn vor seinen Augen am Eingang zum „Ghetto“ erschossen hatte, weil er Lebensmittel ins „Ghetto“ bringen wollte. Die Aussagen der Holocaust-ÜberEytan Otto Liff lebenden im Angesicht Murers war auch eine extrem große psychische und physische Belastung. Als Sima Kinbrenner davon berichtete, wie Murer eine Frau erschossen hatte, weil diese Brot kaufen wollte, geriet sie laut Zeitungsberichten so in Erregung, dass es nur schwer war, sie zu beruhigen.

„Der Ausgang des Schwurgerichtsprozesses gegen Franz Murer in Graz stellte den Bankrott der österreichischen Justiz dar.“

Antisemitismus beim Gerichtsprozess Zu diesen ohnehin schwierigen Umständen kamen auch noch antisemitische gesellschaftliche Strömungen, die während und rund um den Prozess offen zutage traten. In diesen Narrativen wurde von einer [jüdischen] Hetze gegen Murer gesprochen. So findet sich diese Phrase wortwörtlich auf einer von der Verteidigung vor dem Prozess eingereichten Unterschriftenliste, die großteils von Landwirten aus der Obersteiermark unterzeichnet worden war. In dieser Darstellung sei Murer, ein rechtschaffender Bauer und ÖVPKommunalpolitiker, das Opfer. Für den Prozess am relevantesten waren allerdings die antisemitischen Argumentationen von Murers Verteidiger Karl Böck. Diese waren in Anbetracht des Urteils meinungsbildend und fielen bei den Geschworenen auf fruchtbaren Boden. Auch er wiederholte die Opferrolle Murers und gab an, dass dieser nur deswegen von „Juden“ der Taten beschuldigt wurde, weil er eine deutsche Uniform getragen hatte, nicht etwa, weil er die Taten tatsächlich begangen habe. Darüber hinaus stellte er Ungereimtheiten in den Zeug*innenaussagen überspitzt und pauschalisierend dar und sprach generell von „lügenden Zeugen“. Darüber hinaus sprach Murers Verteidiger mehrmals von einer gewissen Lenkung

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