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SCHWERPUNKT

DER „FALL MURER“

Ein paradigmatischer Prozess gegen einen NS-Kriegsverbrecher in Österreich

Durch die Verfilmung des im Juli 1963 geführten NS-Prozesses gegen Franz Murer, dem ehemaligen Stabsleiter des Gebietskommissars von Wilna-Stadt, erreichte dieser Fall 2018 eine breitere Öffent­ lichkeit. Dieser Prozess gilt vor allem wegen des zweifelhaften Freispruchs und des offen zutage getretenen Antisemitismus als paradigmatisches Beispiel für die unzulängliche justizielle Ahndung von NS-Verbrechern durch Geschworenengerichte in Österreich Ein Beitrag von Lukas Nievoll.

Franz Murers Werdegang Franz Murer wurde 1912 geboren und wuchs in einer bäuerlich-katholischen Umgebung im Murtal (Steiermark) auf. Nach seiner Schullaufbahn verdiente er sein Geld auf Bauern- und Gutshöfen in der Steiermark und im Burgenland. Im Mai 1938 trat Franz Murer schließlich in die NSDAP ein, vermutlich um seiner Karriere Aufschwung zu verleihen. So bemühte er sich um einen Platz an einer von drei „Ordensburgen“, wo laut NSPropaganda zukünftiges Führungspersonal der Partei ausgebildet und körperlich, charakterlich sowie ideologisch geschult werden sollte. Murer besuchte von Dezember 1938 bis Juli 1940 die „Ordensburg“ Krössinsee im heutigen Polen. Nachdem er ab Juli 1940 als Wehrmachtssoldat am deutschen Feldzug gegen Frankreich teilgenommen hatte, wurde er wie andere „Ordensjunker“ in „den Osten“ nach Litauen abkommandiert. Der 29-jährige Steirer kam im August 1941 in der Hauptstadt Vilnius an, welches als Zentrum jüdischer Kultur auch als „Jerusalem des Ostens“ bezeichnet wurde. Vor dem deutschen Einmarsch in Vilnius im Juni 1941 lebten dort rund 55.000 Jüdinnen*Juden (30% der Einwohner*innen). Alleine bis zum Ende des Jahres 1941 wurden in der Erschießungsstätte Ponary rund 40.000 Jüdinnen*Juden exekutiert. Offiziell war Murer Stabsleiter des Gebietskommissars Wilna-Stadt, Hans Hingst, wobei er als dessen Stellvertreter und Adjutant agierte. In dieser Rolle war er zentral an der Errichtung zweier jüdischer „Ghettos“ beteiligt, in welche Jüdinnen*Juden allen Alters

zwangsumgesiedelt wurden. Nach nur wenigen Wochen, im Oktober 1941, wurden die aus nationalsozialistischer Sicht „nicht arbeitstauglichen“ Jüdinnen*Juden des kleinen „Ghettos“ in Ponary erschossen. Heimkehr und erster Prozess Franz Murer wurde im Sommer 1943 aus Vilnius versetzt. Nach einigen kurzen Zwischenstationen wurde er dem Fallschirm-Artillerie-Regiment Nr. 4 in Italien zugeteilt. Als Teil dieses Regiments wurde Franz Murer von britischen Truppen zu Kriegsende gefangen genommen und kehrte schlussendlich Ende 1945 ins Murtal nach Gaishorn zurück. Nachdem er dort einige Zeit mit seiner Frau und seinen Kindern auf dem Bauernhof tätig war, wurde er, vermutlich aufgrund von Zeug*innenaussagen jüdischer DPs im Juni 1947 verhaftet. Im Zuge der Untersuchungen wurde Franz Murer 1948 den sowjetischen Behörden übergeben, die ihn anschließend nach Vilnius brachten. Am 29. September 1948 verurteilte ein sowjetisches Militärgericht Franz Murer zur Maximalstrafe von 25 Jahren Arbeitslager. Dabei wurde seine zentrale Rolle bei der Ermordung und Verfolgung von „Sowjetbürgern jüdischer

Wenn in diesem Artikel nur die männliche Form verwendet wird, so hat dies den Grund, dass Frauen nach 1955 nicht vor Geschworenen­ gerichten angeklagt wurden.

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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