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SCHWERPUNKT

mussten er und seine Geschwister erleben – später führte Leo Frischenschlager sein schlechtes Wachstum (er war nur 1,68 m groß) auf diese Mangelernährung zurück. Meine Mutter und ihre Geschwister erinnern sich heute daran, dass ihr Vater sein Leben lang immer wieder über den in der Kindheit erlittenen Hunger redete. Zum Beispiel erzählte er, dass er aus Verzweiflung manchmal verschimmeltes Brot, Brot mit Maden, oder sogar Papier aß, einfach nur, um etwas im Magen zu haben. Aber er hatte auch schöne Erinnerungen an seine Kindheit, etwa an die Monate, die die Familie im Sommer auf einem Anwesen in der Nähe von Leibnitz verbrachte: „Der Weinberg war für uns Kinder ein Paradies,“ schrieb Leo Frischenschlager dazu 1988 in seinem Lebenslauf, „Wir verbrachten in der Volksschulzeit jeden Sommer drei Monate dort, wurden im Sommer früher von der Schule genommen und stiegen im Herbst später ein, was vom Lernen her keine Probleme machte.“

le nicht bekommen.“ Nach dem „Anschluss“ Österreichs suchte er im März 1938 um Aufnahme in die NSDAP an, trat 1939 der SA bei und wurde schließlich 1943 als Parteimitglied aufgenommen. Dieses Interesse an der NS-Partei dürfte nicht nur berufliche, sondern auch ideologische Gründe gehabt haben. Noch Jahrzehnte später verwendete Leo Frischenschlager seinen Kindern gegenüber gelegentlich Ausdrücke wie „Führergeburtstag“, „Reichsdeutsche“ oder „Siegerjustiz“, was wohl zeigt, dass er das NS-Gedankengut tief verinnerlicht hatte. Abgesehen davon gibt es aber – nach Auskunft mehrerer österreichischer Archive – keine Hinweise auf eine Beteiligung an NS-Verbrechen. Seinen Kindern gegenüber betonte Leo Frischenschlager immer, dass er während seiner Tätigkeit als Richter (1938–1943) nie mit Todesurteilen oder Erschießungen, sondern nur mit gewöhnlichen Strafprozessen, befasst war. Das bestätigen auch Unterlagen aus dem Landesarchiv Steiermark. Für mich ergeben all diese Puzzleteile eher das Bild eines opportunistischen „Mitläufers“, der sich zwar berufliche Vorteile von einer NSDAP-Mitgliedschaft erhoffte und das Parteiprogramm grundsätzlich unterstützte, letztlich aber innerhalb der Parteihierarchie relativ bedeutungslos blieb.

Insgesamt verlief die Entnazifizierung allerdings relativ glimpflich.

Verhältnis zum Nationalsozialismus Aufgrund widersprüchlicher Angaben in verschiedenen Aktenbeständen lässt sich Leo Frischenschlagers Einstellung zum Nationalsozialismus nur schwer rekonstruieren. Das liegt vor allem daran, dass seine entlastenden Angaben nach 1945 wenig verlässlich erscheinen und dass er darüber hinaus kaum bereit war, innerhalb seiner Familie über die Ereignisse der NS-Zeit zu sprechen. Zumindest eine anfängliche Begeisterung für die nationalsozialistische Ideologie gab er seinen Kindern gegenüber aber offen zu und begründete dies mit erhofften gesellschaftlichen Verbesserungen nach der Machtübernahme Hitlers. Schon 1933 bemühte er sich um die Aufnahme in die NSDAP und leistete während der Zeit des Austrofaschismus trotz Parteiverbots (mit Unterbrechungen) Mitgliedszahlungen. Nachdem er 1933 das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Graz abgeschlossen hatte, trat er jedoch 1935 der Vaterländischen Front bei, was er später als berufliche Notwendigkeit erklärte: „[Die] Stelle als Richteramtsanwärter in Graz [war] nur durch ‘Unterkriechen’ bei der Vaterländischen Front möglich, einer Organisation, die mir verhaßt war, ich mußte ihr jedoch beitreten, anders hätte ich die Stel-

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Alpendistel

Entnazifizierungsmaßnahmen nach 1945 Unter Entnazifizierung verstand man 1945 ein umfangreiches Programm, durch das die NSIdeologie aus der österreichischen Bevölkerung und Nationalsozialist*innen aus Machtpositionen entfernt werden sollten. Dieses Vorgehen wurde vor allem von den US-amerikanisch und britischen Besatzern propagiert. Bereits ab April 1945 wurden entsprechende gesetzliche Maßnahmen umgesetzt, österreichweit wurden 536.000 ehemalige NSDAP-Mitglieder registriert und mit Sanktionen belegt. Insgesamt verlief die Entnazifizierung allerdings relativ glimpflich, weil für die österreichische Regierung in der Nachkriegszeit der wirtschaftliche Wiederaufbau Priorität hatte und Strafmaßnahmen gegen die eigene Bevölkerung dafür nur hinderlich waren. Schon ab 1947 wurden die Maßnahmen durch mehrere Amnestiegesetze weitgehend aufgehoben und innerhalb weniger Jahre konnten die meisten Nationalsozialist*innen in

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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