Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen

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SCHWERPUNKT

PUZ­Z LEAR­B EIT FAMILIENGEDÄCHTNIS

Über die NS-Vergangenheit meines Großvaters Über eine halbe Million Österreicher*innen waren 1945 Mitglieder der NSDAP und unterstützten damit aktiv das NS-Regime. Die große Mehrheit von ihnen hatte jedoch nach Kriegsende keine langfristigen Konsequenzen für diese Mittäter*innen­ schaft zu tragen – stattdessen wurde die Aufarbeitung ihrer Verantwortung den Nachkommen überlassen. Ein Beitrag von Hanna Frischenschlager.

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ch bin mit dem Wissen aufgewachsen, dass mein Großvater Nationalsozialist war. Seine Kinder, also meine Mutter und ihre Geschwister, machten daraus nie ein Geheimnis. Nachdem ich ihn persönlich kaum kennengelernt hatte – er starb 1999, als ich erst sechs Jahre alt war, und wir wohnten damals über 200 km voneinander entfernt – machte ich mir mein Bild aus dem, was ich in der Schule über die österreichische Geschichte gelernt hatte. Nationalsozialist*innen waren daher für mich einfach nur „böse Menschen“. Erst im Rahmen meines Geschichtsstudiums hatte ich vor kurzem die Möglichkeit, dieses Bild meines Großvaters differenzierter zu hinterfragen. In einer Seminararbeit über die Entnazifizierung in Österreich nach 1945 arbeitete ich seine Biografie auf. Als sogenannter „Minderbelasteter“ war er nach dem Krieg von Maßnahmen gegen NSDAP-Mitglieder betroffen gewesen. Ich recherchierte also in Archivdoku-

menten, sah Fotoalben durch, las Lebensläufe, die meine Großeltern in den 1980er Jahren verfasst hatten, und führte viele Gespräche mit Familienmitgliedern. Schritt für Schritt gewann ich dadurch einen besseren – wenngleich nach wie vor schemenhaften – Eindruck von der Person hinter den Dokumenten und Erzählungen. Kindheit und Jugend in der Kriegszeit Mein Großvater, Leo Frischenschlager, wurde 1910 als viertes Kind seiner Eltern in Graz geboren und katholisch getauft. Seine Mutter war Hausfrau, sein Vater war Jurist und auch in der Landwirtschaft tätig. Später beschrieb Leo Frischenschlager seine Mutter als hübsch, warmherzig und lebenslustig, seinen Vater wiederum als schwermütigen, jähzornigen und verschlossenen Menschen. Das Aufwachsen der Kinder war geprägt durch die Alkoholsucht und die Gewaltbereitschaft des Vaters, die oft zu heftigen Auseinandersetzungen und zu Bestrafungen der Kinder führten. Auch Hunger und Knappheit

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