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SCHWERPUNKT

Gedenkstein in Babyn Jar, einem Tal in Kiew, in dem Nationalsozialisten am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 Jüdinnen*Juden ermordeten

überaus positives, ja idealisiertes Bild von ihrem Vater, den sie altersbedingt aber kaum kannte. Ihr positives Vaterbild war vor allem durch die Glorifizierung des toten Vaters durch die Mutter und ihres familiären Umfelds geprägt. Nicht nur in ihrem Fall wird die zentrale Rolle der Frauen, der Mütter und Großmütter, im Familiengedächtnis deutlich. Frau H.S. war durch die neuen, eindeutigen Fakten über die Aktivitäten ihres Vaters wie „aus allen Wolken gefallen“. Bei näherem Nachfragen hat sich gezeigt, dass es auch schon vor der zufälligen Enthüllung der bitteren Wahrheit viele Hinweise auf eine mögliche Täterschaft gegeben hatte: da waren die Umstände seines gewaltsamen Todes 1945, auf seinem Grab lagen Kränze von SS-Kameraden, es gab seine Auszeichnung als „Blutordensträger“ und ein deutsches Filmteam hatte Interesse an seinem Einsatz auf der Krim gezeigt. Diese vielen Indizien sowie die Halbwahrheiten und Ungereimtheiten der familiären Überlieferung konnte (und wollte?) die Tochter offenbar nicht entschlüsseln. Konfrontiert mit der Wahrheit, befand sich Frau H.S. in einem Dilemma. Da gab es einerseits das emotionale Bedürfnis, den Vater zu entlasten und sich nicht zu stark mit dessen Täterschaft zu konfrontieren, andererseits aber auch das rationale Wissen um seine Verbrechen und die Notwendigkeit einer Distanzierung. Frau H.S.

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hat – nach inneren Kämpfen – schließlich diesen Weg gewählt: Da die Täterschaft des Vaters nicht mehr zu leugnen war, hat sie ihren „privaten“ Vater vom „politischen“ NS-Vater abgespaltet, denn nur auf diese Weise kann sie ihr positives Vaterbild weiterhin aufrechterhalten. Dieser Fall mag zwar ein extremer sein, im Kern aber berührt er Aspekte, die viele NS-Nachkommen betreffen, die sich ebenfalls im Spannungsfeld von Nichtwissen – Ahnen – Wissen bewegen. Mittlerweile hat sich in der österreichischen Gesellschaft und in den Familien in Bezug auf den Nationalsozialismus einiges verändert. Es gibt viel mehr Wissen über die NS-Zeit allgemein und mit zeitlicher und emotionaler Distanz wollen viele Nachkommen auch mehr wissen. So spüren immer mehr Kinder und Enkelkinder ihrer eigenen belasteten Familiengeschichte nach und erschaffen sich somit Gewissheit über die tatsächliche Verantwortung ihrer Familienangehörigen im Nationalsozialismus.

[1] Frau H.S. (anonymisiert) war eine meiner Interview­ partner*innen für mein Buch über die „Kinder der Täter“; ausführlich dazu vgl. Reiter, Die Generation danach, S. 243-261.

LITERATUR-HINWEISE Margit Reiter, Die Generation danach. Der Nationalsozialismus im Familiengedächtnis, Innsbruck-Wien-Bozen 2006. Harald Welzer / Sabine Moller / Karoline Tschuggnall, „Opa war kein Nazi“. Nationalsozialismus und Holocaust im deutschen Familiengedächtnis, Frankfurt am Main 2002.

Margit Reiter ist Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Universität Salzburg.

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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