Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen

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SCHWERPUNKT

Viele Nach­ kommen wissen sehr wenig über ihre belastete Familien­ geschichte und viele wollen auch nicht mehr wissen.

vollständigen Deutungswandel erfahren: Aus ehemaligen Nazis werden solcherart Widerstandskämpfer*innen und aus Antisemit*innen sogar Judenbeschützer*innen. Die Konsequenz daraus ist: Viele Nachkommen wissen sehr wenig über ihre belastete Familiengeschichte und viele wollen auch nicht mehr wissen. Selbst wenn die Andeutungen auf eine NS-Verstrickung deutlich waren, bestand kaum die Gefahr einer Aufdeckung, weil sie von den Kindern aufgrund eigener Ängste überhört wurden. Es bedarf einer gewissen emotionalen Bereitschaft, aber auch historischer Kenntnis, um das Gesagte einordnen und das familiäre Puzzle zusammenfügen zu können – und die hat natürlich nicht jede*r. Das Nicht-Nachfragen geschieht häufig aus Angst vor unliebsamen Entdeckungen oder auch aus einem Schonverhalten sich und seinen (Groß-)Eltern gegenüber. Dieser Mechanismus des Nicht-Wissen-Wollens wird

allgemein als „Pakt des Schweigens“ bezeichnet, der in den Familien oft sehr lange nicht aufgekündigt wird. Zwischen Ahnen und (Nicht-)Wissen Wie schwierig und schmerzhaft die Infragestellung oder gar Revision eines vermeintlichen „Wissens“ sein kann, zeigt sich am Beispiel von Frau H.S., einer Tochter eines SS-Einsatzgruppen-Kommandanten, der für schwerste NS-Verbrechen verantwortlich war und 1945 auf seiner Flucht im Pinzgau erschossen wurde [1]. Frau H.S. hatte immer im Glauben gelebt, ihr Vater sei ja „nur in der Wehrmacht“ gewesen, was sie – wie viele andere Söhne und Töchter auch – a priori als unproblematisch ansah. Erst im Alter von 60 Jahren erfuhr sie durch Zufall, dass ihr Vater entgegen ihrer bisherigen Annahme als SS-Einsatzgruppenleiter an NS-Massakern beteiligt war. Dieses neue Wissen hat sie zutiefst schockiert. Frau H.S. (Jg. 1939) hatte bis dahin ein

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