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SCHWERPUNKT

[1] Primo Levi, Die Unter­ gegangenen und die Gerette­ ten. München 1990, S. 19f. [2] Renèe Wiener, Von Anfang an Rebellin, Die Geschichte einer jüdischen Widerstands­ kämpferin, Wien 2012, S. 230.

Screenshot weitererzaehlen.at

und schmerzhaft; gleichzeitig bestand – nicht selten motiviert durch die eigenen Kinder oder Enkelkinder – der Wunsch, Zeugnis abzulegen und eine Botschaft speziell an die nachkommenden Generationen zu senden. Diese Ambivalenz wird auch im Interview mit der von Wien in die Niederlande geflüchteten Ilse L. deutlich: „One of my daughters is a psychotherapist and she is mostly interested in my background. As a matter of fact, she started to tape me once and asked me questions … I told my story in Washington, when I was there for the Holocaust survivor’s conference, and I have that on tape … and now I am being taped here. … The only reason I do it is for future generations to know that this had happened and that it should never happen again. Why should I go through this? I am only doing it for that one purpose. It’s not necessary. I am perfectly happy otherwise …“ [6] Der generationsbedingte Übergang vom individuellen Erfahrungsgedächtnis zum kulturellen Gedächtnis, das schon sehr bald ohne lebende Zeitzeug*innen auskommen werden muss, macht neue Formen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Geschichtsvermittlung notwendig. Wohl gerade auch deshalb sind in den letzten Jahren vermehrt Online-Plattformen entstanden, die Interviews mit Zeitzeug*innen bereitstellen. So macht die bereits erwähnte Website weiter_erzählen derzeit fast 200 Video-Inter-

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[3] https://www.weitererza­ ehlen.at/interviews/reneewiener_1

views mit Verfolgten des Nationalsozialismus, die einen Bezug zu Österreich haben, der Öffentlichkeit, im Besonderen auch Schulen, verschlagwortet und sequenziert zugänglich. Als Antwort auf die Frage, was sein wird, wenn die Überlebenden nicht mehr ihre Geschichte erzählen können, liefern archivarische, technische und digitale Möglichkeiten zumindest teilweise Antworten. Neue und zusätzliche Wege lotet derzeit beispielsweise _erinnern.at_ in einer 2019 ins Leben gerufenen Arbeitsgruppe aus, in der die Möglichkeiten von Schulgesprächen mit „Zeitzeug*innen der Zweiten Generation“ erörtert und pädagogische Empfehlungen erarbeitet werden. Schon jetzt vermitteln auch Nachkommen von Verfolgten des Nationalsozialismus die Überlebensgeschichten ihrer Eltern oder Großeltern in unterschiedlichen Formaten an Schüler*innen.

[4] Margit Reiter, „Der Zeit­ zeuge als natürlicher Feind des Historikers“? Eine Refle­ xion über Oral History. In: Regina Thumser-Wöhs et.al., Außerordentliches. Fest­ schrift für Albert Lichtblau, Wien 2019, S. 194. [5] Heidemarie Uhl, Vom Pathos des Widerstands zur Aura des Authentischen. Die Entdeckung des Zeitzeugen als Epochenschwelle der Er­ innerung. In: Martin Sabrow/ Norbert Frei (Hg.): Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Göttingen 2012, 235f. [6] https://www.weitererza­ ehlen.at/interviews/ilse-l

Dass sich wissenschaftliche Forschungen, Gedenk­ projekte, Ausstellungen sowie Lehr- und Lernmaterialien über Nationalsozialismus und Holocaust auf Erinnerungen von Überlebenden stützen können, ist nur durch die Bereitschaft so vieler Zeitzeug*innen möglich geworden, über das ihnen Widerfahrene öffentlich zu erzählen und ihre Geschichten aufnehmen zu lassen. Die Stimmen der Zeug*Innen werden nicht verstummen, vorausgesetzt sie finden ein rezipierendes Publikum. Victoria Kumar ist Histori­ kerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei erinnern.at.

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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