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SCHWERPUNKT

oder auf ihre Emigration aus Europa warteten. Auch literarische Erinnerungsquellen entstanden bereits früh; sie wurden in den Nachkriegsgesellschaften allerdings wenig rezipiert. Das Interesse der Öffentlichkeit an den Erfahrungen und Erzählungen von Verfolgten und Vertriebenen des Nationalsozialismus war insgesamt lange gering und auf bestimmte Opfergruppen beschränkt. Bereits 1954 wurde das Zeitzeug*innen-Archiv in Yad Vashem gegründet – Mitte der 1990er Jahre zählte es mehr als 6.000 Testimonies. Ab den 1980er Jahren entstanden zunächst in den USA Videointerviews mit jüdischen Überlebenden: Das Fortunoff Video Archive in Yale, das Holocaust Memorial Museum in Washington und schließlich in beeindruckendem Umfang die von Steven Spielberg gegründete Survivors of the Shoah Visual History Foundation, deren Archiv an der University of Southern California angesiedelt ist, leiteten eine Sammlungsbewegung ein, die etwas später am europäischen Kontinent Nachahmung fand.

der Entwicklung von Unterrichtsmaterialien – von erinnern.at durchgeführt. Häufig getragen von zivilgesellschaftlichen, regionalen Projekten entstanden parallel dazu zahlreiche Gedenkinitiativen und wurden künstlerische Interventionen und Erinnerungszeichen an NS-Opfer und Orte des NS-Terrors initiiert. Basierte die Historiographie bislang vor allem auf der Täter*innen-Überlieferung, verschob sich die Perspektive nach der Waldheim-Debatte 1986 und im Zuge des für das kollektive Gedächtnis so bedeutsamen „Ge- und Bedenkjahr 1988“ – 50 Jahre nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich“ – auf die Berichte der Opfer. Heidemarie Uhl verweist in diesem Zusammenhang auch auf ein verändertes Verständnis über die Bedeutung dieser Zeugnisse: „Ihr Quellenwert liegt nicht primär darin, neue Erkenntnisse über die „Faktengeschichte“ zu eröffnen, sondern den Prozess des Erzählens und Erinnerns von traumatischen Ereignissen sichtbar zu machen.“ [5]

Man weiß oft nicht mehr, habe ich das nur gehört oder habe ich es wirklich erlebt?

In Österreich wurden seit 1982 am Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes unter dem Titel Erzählte Geschichte lebensgeschichtliche Interviews mit über 2.000 Personen geführt, die in der Zeit von 1934 bis 1945 verfolgt wurden und/oder im Widerstand waren. Eine neue Generation von Historiker*innen ermutigte in den 1980er Jahren speziell HolocaustÜberlebende, über ihr Leben zu sprechen. „Die jüdischen Überlebenden von Konzentrationslagern und die ins Ausland geflüchteten Jüdinnen und Juden, die nun in der ganzen Welt verstreut waren, sollten von der zweiten Generation ins kollektive österreichische Gedächtnis gerückt und somit symbolisch wieder ‚heimgeholt‘ werden.“, blickt Margit Reiter auf die Anfänge der Oral History in der österreichischen Zeitgeschichte zurück. [4] Es entstand „ein großer Erinnerungspool, in dem andere Narrative als bisher in die allgemeine Geschichtsschreibung Eingang fanden bzw. diese ergänzten.“ Groß angelegte Interviewprojekte mit Überlebenden wurden vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, im Rahmen des Mauthausen Survivors Documentation Project, der Austrian Heritage Collection des New Yorker Leo Baeck Institute, und – in Verbindung mit

Sprechen und Schweigen, Verarbeiten und Aufklären Sowohl die lebensgeschichtlichen Befragungen als auch die autobiografischen Texte kreisen zumeist um drei größere Themenkomplexe: das Leben in Österreich vor dem „Anschluss“, die Verfolgung, Vertreibung und Flucht sowie den Neuanfang und das Weiterleben im jeweiligen Exilland. Auch wurde meistens das Verhältnis zu Österreich thematisiert. Dem Erinnern und Erzählen standen viele der interviewten Zeitzeug*innen zwiegespalten gegenüber: Über das Erlittene öffentlich zu berichten, war oft schwierig

Ilse L. beim Interview in New Haven 1984

Alpendistel

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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