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SCHWERPUNKT

Zum Wesen von Erinnerung „Die menschliche Erinnerung ist ein wunderbares, aber unzuverlässiges Instrument. Das ist eine abgedroschene Wahrheit, die nicht nur den Psychologen, sondern auch jedem bekannt ist, der sein Augenmerk auf das Verhalten seiner Umgebung oder auf sein eigenes gerichtet hat. Die in uns schlummernden Erinnerungen sind nicht in Stein gemeißelt; sie zeigen nicht nur die Neigung, sich mit den Jahren zu verflüchtigen, oft verändern sie sich oder werden sogar umfangreicher, wobei sie fremdbestimmte Züge in sich aufnehmen.“ [1] In seinem letzten Werk Die Untergegangen und die Geretteten spürt der italienische Auschwitz-Überlebende, Chemiker und Schriftsteller Primo Levi (1919-1987) dem Wesen von Erinnerung nach und beschreibt die geringe Zuverlässigkeit unseres Gedächtnisses. Schon unter „normalen“ Umständen widerstehen Erinnerungen gewissen Verflüchtigungen und Trübungen nicht; wurden Traumata und extreme Erfahrungen erlitten, können Verzerrungen und/oder Verdrängungen hinzukommen. Eine häufige Vergegenwärtigung halte die Erinnerung frisch, aber für Levi sei ebenso wahr, „dass eine Erinnerung, die allzu oft heraufbeschworen und in Form einer Erzählung dargeboten wird, dahin tendiert, zu einem Stereotyp, das heißt zu einer durch die Erfahrung getesteten Form, zu erstarren, abgelagert, perfektioniert und ausgeschmückt, die sich an die Stelle der ursprünglichen Erinnerung setzt und auf ihre Kosten gedeiht.“

Es entstand ein großer Erinnerungspool, in dem andere Narrative als bisher in die allgemeine Geschichtsschreibung Eingang fanden bzw. diese ergänzten.

In Levis Text wird das Prozesshafte, Widersprüchliche und Fehlerhafte dargelegt, das dem Erinnern innewohnt, und im starken Gegensatz zur Authentizität und Autorität steht, die Erinnerungsquellen häufig zugeschrieben wurde und wird. Dass sich der Blick auf die Vergangenheit stetig ändert und der Erinnerungsvorgang als Konstrukti­onsprozess – konstituiert durch psychodynamische Mechanismen, die zeitliche Aufschichtung, die Gegenwartsperspektive des Erzählenden – aufzufassen ist, wird auch in anderen Berichten von den Erinnernden selbst thematisiert. So schreibt die jüdische Widerstandskämpferin Renée Wiener in ihrer außergewöhnlichen und

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Alpendistel

Renée Wiener beim Interview in New York 2008

beeindruckenden Biografie Von Anfang an Rebellin über das Gedächtnis: „Man weiß oft nicht mehr, habe ich das nur gehört oder habe ich es wirklich erlebt? Manchmal erinnert man sich an Dinge, die man gar nicht selbst erlebt haben kann, weil der Zeitrahmen oder der Ort unmöglich scheint. Manchmal formt man sich eine Erinnerung, die einem besser gefällt oder mit der es sich leicht leben lässt.“ [2] Das Buch beruht auf den Interviews mit Renée Wiener, die die Historiker*innen Maria Ecker-Angerer und Albert Lichtblau 2008 in New York geführt haben und die auf der von erinnern.at entwickelten Online-Plattform weiter_ erzählen zu sehen sind. [3] Sowohl in schriftlicher als auch in audiovisueller Form wird anhand Wieners Lebensgeschichte deutlich, welche Relevanz die Erzählungen von Überlebenden nicht nur für die Rekonstruktion, sondern auch für die Vermittlung der NS-Vergangenheit und die Erinnerung daran haben: Mit einer sehr präzisen, selbstreflexiven und zum Teil schonungslosen Sprache lässt sie die Rezipient*innen an ihrem persönlich Erlebten teilhaben und legt offen, wie Flucht und Widerstand vor den nationalsozialistischen Verfolger*innen – im Falle Wieners in der Résistance – möglich waren. Erinnerungsberichte von Überlebenden dienen der Geschichtsforschung als wichtige Quelle und leisten einen wesentlichen Beitrag zur kritischen Bewusstseinsbildung nachfolgender Generationen, wird über diese spezifische Quellenform doch eine unmittelbare und sehr persönliche Dimension von Geschichte spürbar. Aufarbeitung, Dokumentation und Zugänglichmachung von Lebensgeschichten Bereits unmittelbar nach dem Krieg sind erste Tonbandaufnahmen von Überlebendenberichten entstanden. David Boder, ein aus Litauen stammender Jude, befragte 1946 hunderte jüdische Überlebende in Displaced Persons Lagern, wo mehrere Millionen Menschen nach dem Krieg auf ihre Repatriierung in ihre Ursprungsländer

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Alpendistel #2 (K)eine Welt von Gestern. Der herausfordernde Umgang mit Erinnerungen  

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