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erscheint fünf Mal pro Jahr

Das Magazin des Vereins «Zum Schutz des Alpengebietes vor dem Transitverkehr»

Foto: Rafael Brand

echo

Nummer 156 / August 2019

Die drei Anwärter für den Teufelsstein: Alpenluft aus der Dose, weit gereister Schinken, norwegisches Wasser.

Sinnlos oder sinnvoll? Wir vergeben wieder unsere Preise! Wir müssen Praktiken und Produk­ te hinterfragen, die viel CO2 verur­ sachen, besonders jene, die unser Leben überhaupt nicht verbessern. Darauf zielt der Schmähpreis «Teu­ felsstein». Wer hat ihn dieses Jahr verdient? Und wer soll mit dem Bergkristall ausgezeichnet wer­ den, dem guten Gegenbeispiel?

ip. Vermeiden, verlagern, umweltverträglicher gestalten. Nach diesen drei Prinzipien richten wir unser Handeln zur Reduktion des Verkehrs und zum Schutz von Mensch und Umwelt aus. Die absurd tiefen Transportkosten aber führen zu immer absurderen Vorgehensweisen. Die SBB Immobilien haben damit Erfahrung. Sie haben die Fassadensteine für einen Neubau in Zürich in China gekauft – notabene

Steine, die aus Deutschland nach China geschafft worden waren. Unsere Mitglieder haben 2018 entschieden, den «Teufelsstein» an SBB Immobilien zu vergeben. Und 2019? Wer erhält den Teufelsstein? Die Alpenluft aus der Spraydose, der pseudoitalienische Schinken, das Norwegerwasser? Und wer erhält den Bergkristall? Repariercafés, Genfer Malz oder Urner Fisch? Siehe Seiten 2 und 3.

  Stau am Brenner. Seite 4

  Ärger im Misox. Seite 6

  Kunst für die Alpen. Seite 7 1


Teufelsstein 2019 «Voss» – Wasser aus Norwegen, Migros

«Gusto Italiano: Prosciutto Cotto» – Gekochter Schinken von Aldi

Seit kurzem verkauft Migros das Wasser der Marke «Voss» aus Norwegen. Coop hat das Produkt inzwischen aus dem Sortiment genommen. Die Flasche aus Glas und die Reinheit werden als Verkaufsargumente vorgebracht. Aber sein Transport über 1512 Kilometer hinterlässt einen CO2-Abdruck, der 7180 Mal grösser ist als jener unseres Leitungswassers. Der Mediensprecher von Migros, Tristan Cerf, erklärt, dass mehr als 60 Prozent des von der Migros angebotenen Wassers aus heimischen Quellen stammt. Zudem habe «der Transport einen minimalen Einfluss auf die ökologische Bilanz». Wir teilen diese Ansicht nicht.

Der Grossverteiler Aldi bietet die Charcuterie-Linie «Gusto Italiano» an. Der Schinken zeigt exemp­ larisch, wie stark die Produktion aufgeteilt ist. Die Schweine werden in den Niederlanden geschlachtet, das Fleisch dann in Kühllastwagen nach Italien (Bergamo) transportiert und verarbeitet. Geschnitten und verpackt wird der Schinken in Österreich, bevor er dann in der Schweiz verteilt und verkauft wird. Allein der CO2-Abdruck des Transports ist neun Mal höher als bei einheimischem Schinken. Zwar wird im Kleingedruckten aufgezeigt, wie das Produkt entstanden ist, aber das macht die Sache nicht besser.

«Swiss Air Deluxe» – Alpenluft in der Dose Findige Unternehmen bieten Bergluft in Spraydosen an. Sie wollen damit Touristen und die Bevölkerung in städtischen Ballungszentren ansprechen. Das Walliser Produkt «Air des Alpes MontBlanc» zielt auf Durchreisende, die Zürcher «Swiss Air Deluxe» exportiert auch nach Asien. «Swiss Air Deluxe» wirbt auf ihrer Website damit, Bergluft helfe beim Abnehmen, schütze das Herz und verbessere die Blutwerte. Eine Spraydose mit 9 Litern zusammengepresster Luft erlaubt rund 200 Inhalationen – der Mensch jedoch atmet pro Tag rund 10'000 Liter Luft ein und aus! Wird eine Spraydose von «Swiss Air Deluxe» beispielsweise nach Thailand exportiert, so legt sie fast 20'000 Kilometer zurück. Für nichts!

Foto: Valentin Luthiger

Foto: zvg

Foto: SKS

Bergkristall 2019

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«Repair Café»: Reparaturservice der Konsumentenschutzorganisationen Reparieren statt wegwerfen – das ist das Ziel der Repair Cafés. Die Konsumentenschutz­ organisationen in allen Landesteilen haben dieses Projekt zusammen entwickelt. Die Reparaturen sollen gratis sein, zugleich will man den Austausch untereinander fördern. Die Palette der Dinge, die repariert werden können, ist breit, sie reicht vom Spielzeug über elektronische Geräte bis zu Möbeln und Velos. «Wir wollen Lösungen anbieten, damit die Dinge länger benutzt werden können. Und wir wollen den Konsumentinnen und Konsumenten etwas Handlungsfreiheit zurückgeben», sagt Sara Stalder, Geschäftsleiterin SKS. Malterie de Satigny: Mälzerei von Genfer Bauern «Ein Genfer Bier wird als lokales Produkt verkauft, aber es enthält keine Agrarprodukte der Region – ein Unsinn für einen Getreidekanton», sagte sich John Schmalz, Direktor eines Zusammenschlusses von Genfer Bauern. So kamen sie auf die Idee, in der Schweiz wieder eine Mälzerei aufzubauen. Seit 2015 produziert sie und hat in anderen Kantonen Nachahmer gefunden. Die Gerste für Bierbrauer ist ein interessantes neues Produkt für die bäuerlichen Familien, das bessere Preise erzielt als Futtergerste. Das Genfer Malz aber ist für die Brauer doppelt so teuer wie das importierte Malz. Doch der neue Standort für die Malzproduktion reduziert Transportwege und verbindet Bauernfamilien, Brauer und Liebhaber lokaler Produkte. Basis 57: Fischzucht am Nordportal des NEAT-Gotthardtunnels «Den Konsumentinnen und Konsumenten werden Qualität, Nachhaltigkeit und Ursprung ihrer Nahrungsmittel immer wichtiger», sagt Myriam Arnold, Marketing-Verantwortliche der «Basis 57 nachhaltige Wassernutzung AG». Das Unternehmen beim Nordportal des Gotthard-Basistunnels in Uri produziert nachhaltig frischen Fisch. Ziel ist, die Produktion auf 1200 Jahrestonnen auszubauen. Es nutzt das in die Tunnelröhren einsickernde, warme und saubere Bergwasser als Ressource für die Fischzucht. Basis 57 ist eine der wenigen Aquakulturen der Schweiz, welche die Fischeier nicht importiert, sondern selbst züchtet. echo – Nr. 156 / August 2019


Voss – Wasser aus Norwegen Distanz

1512 km Der Transport produziert das Äquivalent von 316 Gramm CO2 , rund 7180 Mal mehr als Leitungswasser.

Gusto Italiano – Prosciutto cotto Distanz

1717 km Der Transport produziert das Äquivalent von 440 Gramm CO2 , rund 9 Mal mehr als lokaler Schinken.

Swiss Air Deluxe – Alpenluft Distanz Grafik: Esther Probst / Quelle: Quatnis

19 800 km Der Transport produziert das Äquivalent von 133 Gramm CO2 , unendlich viel Mal mehr als die vor Ort eingeatmete Luft. Quelle: Quantis

Stimmen Sie ab!

Wasser aus Norwegen importieren? Schinken durch halb Europa karren? Alpenluft in Spraydosen abfüllen? Welches ist das absurdeste Produkt mit dem absurdesten Transportweg? Sie können den «Teufelsstein» vergeben! Dinge reparieren, um sie länger gebrauchen zu können? Malz fürs Bier lokal produzieren statt importieren? Fischeier und Fische am Tunnelportal in Uri züchten? Verleihen Sie einem dieser drei Projekt den «Bergkristall». Stimmen Sie bis am 15. September 2019 online ab unter www.alpeninitiative.ch/vote oder senden Sie uns eine Postkarte an: Alpen-Initiative, Hellgasse 23, 6460 Altdorf UR. Danke fürs Mitmachen!

echo – Nr. 156 / August 2019

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IN KÜRZE

Verkehrskollaps am Brenner

Rollende Autobahn

Östlich der Schweiz stockts – zum Teil gewollt

db. Die Kapazitäten der Rollenden Landstrasse (Rola) sollen durch das «Projekt Rola 2020» erhöht werden. Mit dem Wechsel von Niederflurtragwagen auf neue Gliederzugwagen und der Nutzung des 4-m-Korridors auf der Gotthard-Achse will der Betreiber RAlpin die Jahresleistung auf rund 200'000 verladene Lastwagen fast verdoppeln. Auf den neuen Wagen sollen die jeweils ersten fünf Standplätze Anschlüsse erhalten, um die Akkus von Elektro-Lastwagen während der Fahrt zu laden. Mit der Verlagerung von nicht-kranbaren Sattelaufliegern auf die Schiene leistet die Rola einen wichtigen Beitrag zur Schweizer Verlagerungspolitik.

Das Land Tirol wird von einer Blechlawine überrollt. Neue Massnah­ men dienen der lokalen Bevölkerung, sorgen bei den Nachbarn aber für rote Köpfe. Der Brenner Basistunnel der Bahn wird erst in zehn Jahren Entlastung bringen und der Ausbau der Zulaufstrecken im Nor­ den bleibt ungewiss. Ein Augenschein vor Ort.*

Alpen-Shop

1800 Kilometer, 119 Tage und zwei Paar Wanderschuhe – Alpenforscher Dominik Siegrist wanderte im Sommer 2017 mit Freunden von Wien nach Nizza. Whatsalp, so der Name des Projekts, war aber deutlich mehr als eine Weitwanderung. Siegrist und seine Mitwandernden sprachen mit Einheimischen, diskutierten mit Umweltaktivisten, trafen Tourismusmanager und befragten Forscherkollegen. Wie lässt sich die Zerstörung des Alpenraums durch Verkehr und Klimawandel aufhalten, war eine der Fragen, welche die Wandernden beschäftigte. Entstanden ist ein Buch mit vielen Kapiteln, das alpine Feldforschung im wahrsten Sinn des Worts dokumentiert. Lohnend! Das Projekt wurde von der Alpen-Ini­tia­ tive und weiteren Partnern logistisch unterstützt. Dominik Siegrist. Alpenwanderer. ­Eine dokumentarische Fussreise von Wien nach Nizza. Haupt Verlag, Bern. 2019. Siehe Alpen-Shop-­ Prospekt in der Beilage. 4

Foto: Alpen-Initiative

Wandern, reden, festhalten

Viel Lastwagenverkehr auf der Brenner Autobahn – das Land Tirol wehrt sich.

db. Die Mischung aus Transit-Lastwagen, touristischem Verkehr und lokalem Berufsverkehr führt im Land Tirol regelmässig zum Kollaps. Davon sind nicht nur die wichtigen Achsen Inntal- und Brenner­ autobahn betroffen. Selbst die Ortsstrassen sind wegen des massiven Ausweichverkehrs kaum mehr befahrbar. Dass im Notfall auf den Strassen nicht einmal mehr Platz für Krankenwagen und die Polizei ist, will Tirol nicht weiter hinnehmen.

Tirol handelt Allein am Brenner zählt man heute jährlich über zwei Millionen Lastwagen – das ist mehr als doppelt so viel wie an allen Schweizer Alpenübergängen zusammen! Um den enormen Transitverkehr über die Brennerroute für die ortsansässige Bevölkerung erträglicher zu machen, hat das Land Tirol diverse Massnahmen ergriffen oder erarbeitet neue. So wird der Ausweichverkehr auf lokale Strassen an intensiven Reisetagen durch ein Fahrverbot zurück auf die Autobahn geleitet. Um die

Lastwagenflut einzudämmen, hat Tirol seit 2017 an einzelnen und vorab angekündigten Tagen ein Dosiersystem eingerichtet, das maximal 300 Lastwagen pro Stunde über die deutsch-österreichische Grenze lässt – Nachbar Deutschland nennt das System verächtlich «Blockabfertigungen». Um eine Lastwagenfahrt auf dem Brennerkorridor ähnlich teuer zu machen wie eine Alpenquerung in der Schweiz, strebt das Land Tirol eine Korridormaut zwischen München und Verona an. Dazu kommen eine Ausweitung des bestehenden sektoralen Fahrverbots und eine Erhöhung der Maut per 1. Januar 2020 um 4 Prozent. Des Weiteren plant der konservative Tiroler Landeshauptmann Günter Platter (ÖVP) ein automatisiertes System für ­Güter- und Personenverkehr: Es solle zunächst für den Lastwagenverkehr am Grenzübergang bei Kufstein gelten. Falls es auf der Inntalautobahn Richtung Brenecho – Nr. 156 / August 2019


NEAT-Zulaufstrecken

Fortschritte im Norden und Süden ner zu einer ernsten Staulage komme, werde es für den Schwerverkehr Temporeduktionen geben, die bis zum Stillstand reichen könnten, so Platter. Die Fülle an Massnahmen ärgert die deutschen und italienischen Nachbarn. Heftige Kritik am «Tiroler Protektionismus» gab es vom Landesverband Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen, den Bayerischen Spediteuren und der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft. Politisch schafften es die Minister lediglich, sich auf Initiative der EU-Verkehrsministerin hin gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Auf ihrem Tiefpunkt waren die Beziehungen vor rund einem Jahr, als der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer den Brenner-Gipfel zur hohen Verkehrsbelastung durch Lastwagen boykottierte.

Gegensätzliche Interessen Dem Streit liegt ein Zielkonflikt zugrunde: Deutschland und Italien wollen einen möglichst freien Transitverkehr durch Österreich, während für Politik und Bevölkerung im Tirol die Grenze des Erträglichen erreicht ist – die Situation ist also ähnlich wie in der Schweiz, mit dem Unterschied, dass die Schweiz die NEAT bereits fertig-

gestellt und mit der LSVA eine wirksame Abgabe für Lastwagen eingeführt hat. Das Land Tirol hat es geschafft, die Transitproblematik wieder auf die politische Agenda zu bringen und seinen Nachbarn und der EU Zugeständnisse abzuringen. So wurden im Juli drei grenzüberschreitende Arbeitsgruppen eingesetzt, die sich mit einer angestrebten Korridormaut, der Verkehrsverlagerung auf die Schiene sowie der Schaffung einer Infrastruktur für alternative Kraftstoffe auseinandersetzten. Die Alpen-Initiative hofft, dass sich die Situation auch für die Bevölkerung in Tirol kurz- bis mittelfristig verbessert. Denn die Verkehrsabnahme in der Schweiz soll nicht auf Kosten anderer ­A­lpenregionen erfolgen. Entlastung wird künftig auch der Brenner Basistunnel bringen. Fast die Hälfte der Tunnelröhren ist im Rohbau fertiggestellt. Er wird aber erst 2028 eröffnet. Die Nord-Zulaufstrecke in Bayern lässt zudem noch bis mindestens 2040 auf sich warten. * Die Güterverkehrsreise der Bahnjournalisten Schweiz führte diesen Sommer nach Bayern und ins Tirol. Django Betschart, Leiter Alpenschutzpolitik der Alpen-Initiative, ist mitgereist, um vor Ort mehr über die Entwicklungen am Brenner zu erfahren.

db. Während die Zulaufstrecke zum Brenner-Basistunnel noch höchst umstritten ist, zeichnet sich beim Nordzulauf zur NEAT eine gewisse Planungssicherheit ab. Die Schweizer Verkehrsministerin Simonetta Sommaruga und der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer haben Ende Mai zum Ausbau der NEAT-­ Zulaufstrecken eine Ministererklärung unterzeichnet. Diese konkretisiert, wie auf den Bahnstrecken in Deutschland genug Kapazität für den Schienengüterverkehr gesichert werden kann, bis die Rheintalstrecke spätestens 2041 auf vier Spuren aus­ gebaut ist.

Karlsruhe – Basel Auf der Hauptzulaufstrecke Karls­ ruhe – Basel ist eine zeitnahe Realisierung verschiedener kleiner Ausbauten und das Schaffen neuer Trassen für Güterzüge durch betriebliche Regelungen vorgesehen. Zudem soll die Strecke Stuttgart – Zürich zu einer vollwertigen Umleitungsstrecke bei Unterbrüchen oder Überlastungen der Rheintalstrecke werden – der achtwöchige Unterbruch dieser Strecke in Rastatt 2017 hatte den ­ Ländern gezeigt, wie nötig so eine Ersatzstrecke ist. Die Schweiz und Deutschland werden auch Frankreich einbeziehen, um die Nord-Süd-Strecke auf der anderen Seite des Rheins (Metz  –  Basel) ebenfalls für gross­ profilige Transporte auszubauen.

Italiens drei Achsen

Foto: BBT

Auf den südlichen Zulaufstrecken zur NEAT bestehen aus heutiger Sicht mittel- und langfristig genügend Kapazitäten für den Schienenverkehr. Dies wird dadurch erleichtert, dass Italien über drei Haupt­ achsen verfügt (Novara – Domodossola – Simplon, Luino – Bellinzona und Mailand – Chiasso). Die Arbeiten bei den südlichen Zulaufstrecken laufen: So kann per 2020 dank der für grossprofilige Transporte nötigen Ausbauten auf den Strecken Luino –­ Bellinzona und Mailand – Chiasso der sogenannte 4-Meter-Korridor in Betrieb genommen werden.

Brenner Basistunnel: Die Montage eines noch liegenden Bohrkopfs der Tunnelbohrmaschine. echo – Nr. 156 / August 2019

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FDP-Politiker fordert weniger Lastwagen im Misox

«Die Zeit für Improvisationen ist vorbei» Samuele Censi ist 36 Jahre jung, Grossrat in Chur und Gemeinde­ präsident von Grono. Der italienischsprachige Ort im bündnerischen Misox leidet unter dem Lastwagenverkehr auf der Transitstrecke über den San Bernardino. Censi, Mitglied der FDP, liebt die Natur und «sein» Land. Er verlangt von der Politik, den Verkehr auf allen Alpenstrecken zu reduzieren und in der Klimapolitik mutige Entscheide zu treffen.

Eine Publikation des Bundesamts für Strassen zwischen 1994 und 2017 hat ihn aufgeschreckt: «Wie kann es sein, dass am Gotthard heute weniger Lastwagen fahren als 1994, am San Bernardino aber der Verkehr im gleichen Zeitrahmen um 27 Prozent zugenommen hat und sich die Eröffnung des Gotthard-Basistunnels noch nicht positiv auf die Lastwagenzahlen an der San Bernardino-Achse ausgewirkt hat? Wird die Zunahme der Verschmutzung an der San Bernardino-Achse als weniger schlimm angesehen als der Anstieg von CO2-Emissionen, des Ozons und Feinstaubs an einem anderen Ort? Bedeutet das, dass der italienischsprechenden Bündner Gemeinschaft in Bern oder Chur weniger Beachtung geschenkt wird?» Samuele Censi fordert, dass man sich ­ ­gerade bei der Verkehrs- und Transport­ politik mit dem Prob­lem in seiner Gesamtheit auseinandersetzt: «Es gibt keine Regionen der ersten oder der zweiten ­ Klasse», betont er.

Mutigere Reformen sind nötig Für Censi ist klar, dass solche Katastrophen uns als Menschen und Bürger treffen. Deshalb setzt er sich für die Umwelt ein und will die Verantwortung gegenüber den neuen Generationen ernst nehmen. «Die Entscheidungen, die wir für die All-

Foto: Anya Censi

Eine Folge der Erwärmung, die sich seit Jahrzehnten in den Alpen direkt beobachten lässt: das Zurückweichen der Glet-

scher und das Schmelzen des Permafrostbodens. Der Permafrost aber ist essentiell, um Steinschlag und Murgänge zu verhindern. «Die Risiken, welche entstehen, ­haben sich beim Erdrutsch des Cengalo im Bergell erahnen lassen. Ein Berg, der zerbröckelt und dabei die Wirtschaft einer Region zerstört», gibt Samuele Censi zu bedenken. Er ist in Grono aufgewachsen, wo er noch heute mit seiner Frau Anya und den zwei Kindern Sophie und Matteo wohnt. Er arbeitet als Geografie- und Sportlehrer.

Zu viele Lastwagen in seiner Gemeinde: Samuele Censi, FDP-Politiker aus Grono GR. 6

Gemeinsame Interessen Konkret setzt sich Samuele Censi für die Verlagerung des Güterverkehrs von der Strasse auf die Schiene ein. «Unser Projekt 'Temperature in sella', das die kälteste Gemeinde der Schweiz, La Brévine, mit der wärmsten, Grono, verband, hat gezeigt, dass es auch zwischen sehr entfernten Regionen Einigkeit bezüglich der Ziele auf nationaler Ebene geben kann», sagt Samuele Censi. Und er fügt mit Nachdruck an: «Die Zeit für Improvisation ist vorbei, wir wollen weniger Lastwagen im Misox. Die Verlagerung des Warenverkehrs auf die Schiene ist eine Notwendigkeit. Das Klima und die Natur verlangen es von uns. Es ist höchste Zeit für Taten.» Das findet die Alpen-Initiative auch! echo – Nr. 156 / August 2019

Foto: Alpen-Initiative

cava/tob. Die Klimastreiks haben die globale Erwärmung und die mit ihr einher­ gehenden Naturereignisse in den Fokus der Gesellschaft gerückt. Was früher Ausnahme war, ist heute fast die Regel: Stark­ niederschläge, gefolgt von neuen Hitze­ rekorden und Dürreperioden, welche Teile der Landwirtschaft, den Boden und die Menschen in Gefahr bringen. «Wir haben auch festgestellt, dass es immer aufwän­ diger wird, Waldbrände zu bekämpfen, welche die Schutzwälder in den Bergen bedrohen», sagt Samuele Censi, der Gemeindepräsident von Grono. Das Dorf zählt 1373 Einwohner und liegt an der A13. Es entstand 2017 aus einem Gemeindezusammenschluss.

gemeinheit treffen, müssen in eine klare und kohärente Richtung weisen. Unter Anerkennung der Wichtigkeit einzelner Initiativen für erneuerbare Energien und für den öffentlichen Verkehr will ich mich doch auf wegweisende politische Beschlüsse konzentrieren. Ich glaube, dass tiefere Eingriffe und mutigere Reformen benötigt werden», so Samuele Censi.


Kunst an den TransitachseN

Der «Flying Eagle» in Attinghausen UR.

Der Adler – ein Hoffnungsträger «Der Klimawandel wirkt sich in den Alpen besonders schnell und stark aus. Der Transitverkehr schadet den Bewohnerinnen und Bewohnern der Alpen und der alpinen Flora und Fauna. Der Adler ist für mich unter anderem auch ein Symbol dieser bedrohten einmaligen Naturlandschaft – und ein Hoffnungsträger für die Zukunft der Alpen.»

Der Urner Künstler Hans Gisler zu seinem Land-Art-Werk in Attinghausen       

«Tore – Bewegung – Fortbewegung» 30 Jahre Verein Alpen-Initiative, 25 Jahre seit dem JA zum Alpenschutzartikel: Aus diesem Grund haben Künstlerinnen und Künstler 2019 im Auftrag der Alpen-Initiative fünf Land-Art-Objekte entlang der Transitachsen durch die Schweizer Alpen geschaffen. Die Ausstellung «Tore – Bewegung – Fortbewegung» wurde in Zusammenarbeit mit «Kultur SPUUR Claudia Häusler» organisiert. Sie können die Land-Art-Werke noch bis zirka im Oktober besichtigen. Weitere Informationen: www.alpeninitiative.ch/landart echo – Nr. 156 / August 2019

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Alpenschutz wählen! Sieben Frauen und sieben Männer aus dem Umfeld der Alpen-Initiative kandidieren für den Ständerat oder/ und den Nationalrat. Wählen Sie am 20. Oktober 2019 mehr Alpen- und Naturschutz! (siehe Beilage).

agenda

Klimademo

Grosse Klimakundgebung in Bern

Wir wollen der Politik tüchtig einheizen Die Schweiz hat noch keine wirksamen Massnahmen ergriffen, um das Pariser Klimaschutzabkommen zu erfüllen. Das wirkt sich in den Alpen besonders stark aus. Es braucht den Druck von der Strasse.

«Kl!ma des Wandels» ist das Motto der nationalen Kundgebung. Kommen Sie am 28. Sept. 2019 um 13:30 Uhr nach Bern und fordern Sie eine wirksame Klimapolitik! www.klimademo.ch

Kulturwerkstatt Alpen

Cartoon: Diego Balli

Am 25. / 26. Oktober 2019 lädt die CIPRA zur Jahrestagung in Altdorf UR ein. Referate, Diskussionen und Exkursionen thematisieren die Frage, wie kulturelle Initiativen zur nachhaltigen Entwicklung der Alpen beitragen können. www.cipra.org

Alpenrat Das nächste Treffen des Alpenrats der Alpen-Initiative findet am 9. November 2019 statt. Interessierte Mitglieder dürfen gerne mitdiskutieren. www.alpeninitiative.ch/mitmachen/ veranstaltungen

Impressum echo Das Magazin des Vereins «Zum Schutz des Alpengebietes vor dem Transitverkehr» Politik, Medien, Sekretariat Alpen-Initiative, Hellgasse 23, 6460 Altdorf Tel. 041 870 97 81 www.alpeninitiative.ch, info@alpeninitiative.ch Adressänderungen: adresse@alpeninitiative.ch Facebook: www.facebook.com/alpeninitiative Twitter: twitter.com/alpeninitiative Alpen-Shop, Wandern Alpen-Initiative, Postfach 29, 3900 Brig, Tel. 027 924 22 26 www.alpen-shop.ch / shop@alpeninitiative.ch wandern@alpeninitiative.ch Postkonto: 19-6246-9 / IBAN: CH4109000000190062469 Bankkonto Raiffeisen / IBAN: CH49 8053 2000 0017 8375 7 Redaktion: Thomas Bolli (tob) Mitarbeit: Django Betschart (db), Isabelle Pasquier (ip), Mattia Cavaliere (cava) Fotos: Alpen-Initiative, Rafael Brand, Brenner Basistunnel BBT, Anya Censi, Valentin Luthiger, SKS, zvg Cartoon: Diego Balli / Grafik: grillenzirp.ch/Esther Probst Beilage Wahlen 2019: grillenzirp.ch/Esther Probst Foto Einzahlungsschein: Pascal Vosicki, shutterstock Layout: Scriptum, www.scriptum.ch, Flüelen Druck: Gisler Druck AG, Altdorf, gedruckt auf 100% Recyclingpapier

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tob. Das Klima heizt sich rasant auf. Hauptschuld daran trägt der Mensch mit seinen Aktivitäten. Die Klimaforscher sind sich da – bis auf wenige sonderbare Ausnahmen – einig. Fest steht auch, dass der Mensch eingreifen und die Erwärmung stoppen kann. Dazu braucht es eine Klimapolitik, die einschneidende Massnahmen, beispielsweise im Bereich Verkehr, erlässt. Das ist in der Schweiz bis heute nicht geschehen. Zum ersten Mal seit Beginn der Klima­ streik-Bewegung werden Menschen aus der ganzen Schweiz am 28. September 2019 nach Bern reisen und gemeinsam für eine konsequente und gerechte Klimapolitik einstehen. Unter dem Motto «Kl!ma des Wandels» hat eine breite Allianz von über 70 Organisationen und Gruppierungen aus den Bereichen Umwelt, Entwicklung, Kirche, Gewerkschaften und Zivilgesellschaft zur nationalen Klima-Demo aufgerufen. Die Alpen-Initiative ist Teil dieser Allianz. Der Demonstrationszug wird bis vors Bundeshaus führen – dorthin also, wo bis jetzt nur viel warme Luft

produziert worden ist, aber noch keine wirksamen Massnahmen ergriffen wurden, um die Klimaerwärmung zu bremsen. In 20 Schweizer Städten von Genf über Lausanne bis Bern, Basel, Zürich, Luzern und St. Gallen waren schon Zehntausende auf der Strasse, um für einen effizienten Klimaschutz zu demonstrieren. Knapp einen Monat nach der Kundgebung finden die Wahlen ins eidgenössischen Parlament statt. Es ist für die Zukunft unseres Landes zentral, wer in den nächsten vier Jahren in Nationalrat und Ständerat darüber entscheidet, was beispielsweise das CO2-Gesetz konkret umfassen oder welche verkehrspolitischen Massnahmen zur Verlagerung des Güterverkehrs auf die Schiene und der Reduktion der Transportwege festgelegt werden sollen. Die Alpen-Initiative unterstützt die Klima-­ Demo und freut sich darauf, in Bern viele Mitglieder und Sympathisantinnen und Sympathisanten anzutreffen. Weitere Infos zu Programm und Anreise werden laufend unter www.klimademo.ch veröffentlicht. echo – Nr. 156 / August 2019

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Echo / Nr. 156 / August 2019  

Das Magazin des Vereins «Zum Schutz des Alpengebiets vor dem Transitverkehr»

Echo / Nr. 156 / August 2019  

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