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Allitera Verlag


Dieses Buch erscheint anlässlich der Ausstellung »Zwischen Utopie und Wirklichkeit: Konstruierte Sprachen für die globalisierte Welt« vom 14. Juni bis 9. September 2012 und des gleichnamigen Symposiums am 15. Juni 2012 in der Bayerischen Staatsbibliothek. Bayerische Staatsbibliothek. Ausstellungskataloge. 85 Ausstellung und Katalog: Andrea Pia Kölbl und Jennifer Bretz (Praktikantin) mit freundlicher Unterstützung durch Irmi und Reinhard Haupenthal Gestaltung der Ausstellung: Frank Bebenroth


Zwischen Utopie und Wirklichkeit Konstruierte Sprachen f端r die globalisierte Welt

Begleitband zur Ausstellung an der Bayerischen Staatsbibliothek (14. Juni bis 9. September 2012)

Allitera Verlag


Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter www.allitera.de

Juni 2012 Allitera Verlag Ein Verlag der Buch&media GmbH, München © 2012 Bayerische Staatsbibliothek, München und Buch&media GmbH, München Umschlaggestaltung: Frank Bebenroth, München und Kay Fretwurst, Freienbrink Umschlagmotiv: Steine des Letramix-Spiels der Schmidt Spiele GmbH, Berlin (mit freundlicher Genehmigung) Herstellung: Kessler Druck + Medien GmbH & Co. KG, Bobingen Printed in Germany · ISBN 978-3-86906-310-2


Inhalt Rolf Griebel Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Reinhard Haupenthal Was ist und zu welchem Zweck betreibt man Interlinguistik? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Gerhard F. Strasser Ansätze zu internationaler Verständigung durch konstruierte Sprachen im 17. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Reinhard Haupenthal Johann Martin Schleyer (1831–1912) und seine Plansprache Volapük . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Ulrich Lins Die ersten hundert Jahre des Esperanto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Heiner Eichner Konstruierte Intersprachen: Herausforderung und Chance für die Sprachwissenschaft? . . . 123 Herbert Mayer Die Sammlung für Plansprachen der ÖNB: Geschichte und Gegenwart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151 Irmi und Reinhard Haupenthal Auswahlbibliographie zur Interlinguistik und Esperantologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 Exponate der Ausstellung: eine exemplarische Auswahl . . . . 199 Die Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 Danksagung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227


Rolf Griebel

Vorwort

Weltweit werden Tausende verschiedene sogenannte hereditäre Sprachen gesprochen. Die Schätzungen schwanken zwischen 3.000 und 10.000, je nachdem, wie »Sprache« definiert wird. Diese Vielfalt bezeugt den Ideenreichtum des Menschen, seine differenzierte Wahrnehmungsfähigkeit und Ausdruckskraft sowie einen beeindruckenden Gestaltungswillen. Im Reichtum an Sprachen manifestiert sich eine enorme Bandbreite an Weltanschauungen, Erfahrungen und Seinsmöglichkeiten. Sprachen sind ihrerseits wirkmächtig; sie können ethnisches, nationales, kulturelles und soziales Bewusstsein stiften. Vielsprachigkeit wird jedoch nicht selten als Kommunikationshindernis empfunden und birgt zudem – im wörtlichen Sinne – den Aspekt der Verständnislosigkeit in sich. Sie kann das Trennende zwischen Gruppen stärker ins Bewusstsein heben und damit die Gefahr von Feindseligkeit verstärken. Der biblische Mythos des »Turmbaus zu Babel« geht sogar so weit, den Multilingualismus als Strafe zu interpretieren, mit der Gott die Menschen erfolgreich daran hinderte, ihm gleich zu werden (Gen 11, 1–9). Im sozialen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Alltag – also jenseits aller metaphysischen Bestrebungen – resultiert aus der Vielsprachigkeit die Notwendigkeit, fremde Sprachen zu lernen oder sich durch Übersetzer bzw. Übersetzungen zu behelfen. Die Komplexität der Verständigung zwischen Angehörigen unterschiedlicher Sprachen wird exemplarisch deutlich in supranationalen Organisationen wie der Europäischen Union. Der Aufwand zur Überwindung der Sprachbarrieren ist dabei finanziell beträchtlich: So werden in der EU jährlich ca. 300 Millionen Euro für Übersetzungen ausgegeben. In der Geschichte Europas ermöglichten sogenannte Verkehrssprachen die Kommunikation zwischen Angehörigen verschiedener Sprachgemeinschaften: Die Funktion einer solchen »Lingua Franca« übernahm beispielsweise im christlichen Mittelalter in gebildeten

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Rolf Griebel

Kreisen und beim Klerus das Lateinische; als Sprache der Diplomatie fungierte später das Französische; seit Ende des Zweiten Weltkriegs dient faktisch das Englische als Verkehrssprache. Im Zuge der Globalisierung hat die Bedeutung des Englischen zugenommen, was sich nicht zuletzt an der modernen wissenschaftlichen Publikationskultur ablesen lässt. Entscheidet man sich für eine hereditäre Sprache als Verkehrssprache, ist damit jedoch meist ein Kompetenz-Gefälle zwischen denjenigen verbunden, die diese Sprache entweder als Muttersprache oder als Fremdsprache erlernt haben. Das Kompetenz-Gefälle impliziert Ungleichheit. Angesichts der existierenden Sprachenvielfalt und der damit einhergehenden Problematik scheint es erstaunlich, dass über die Jahrhunderte hinweg immer auch neue Sprachen bewusst und planmäßig erfunden wurden. Paolo Albani und Berlinghiero Buonarroti nennen diese die »lingue immaginarie«. Sie unterscheiden dabei zwischen sakralen und profanen Sprachen. Bei den profanen differenzieren sie zwischen solchen, die der sozialen Kommunikation dienen, und anderen, die rein spielerischen oder expressiven Charakter haben. Zur ersten Kategorie gehören die Plansprachen, wie sie in der heutigen Linguistik genannt werden, die »lingue ausiliarie internazionali« nach Albani und Buonarroti. Plansprachen werden nicht trotz der Sprachenvielfalt, sondern wegen ihr erfunden. Mit der Institutionalisierung einer einzigen, weltweit zu erlernenden Fremdsprache soll die internationale Kommunikation effizienter gestaltet werden. Mit ihrer Ausstellung »Utopie oder Wirklichkeit: Konstruierte Sprachen für die globalisierte Welt« und dem gleichnamigen Symposium möchte die Bayerische Staatsbibliothek das Augenmerk exemplarisch auf einige dieser Sprachen lenken. Das Jahr 2012 bietet dafür konkret zwei Anlässe: Zum einen jährt sich der 100. Todestag des Prälaten Johann Martin Schleyer (1831–1912). Schleyer hat die Plansprache Volapük erfunden, die in den 1880er-Jahren von Süddeutschland ausgehend weltweit Anhänger und Befürworter fand. Zum anderen wird die Plansprache Esperanto 125 jahre alt: 1887 publizierte Lazar Markovi Zamenhof (1859–1917) in Warschau unter

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Vorwort

dem Pseudonym »Dr. Esperanto« die »Internationale Sprache« in einer russischen, einer deutschen, einer polnischen und einer französischen Ausgabe. Beide Autoren lebten in einer Epoche, in der der technische Fortschritt neue Transport- und Kommunikationsmittel erschloss und damit die internationale Mobilität intensivierte. Die weltweite Einführung einer Plansprache versprach vor diesem Hintergrund eine signifikante Vereinfachung der sprachlichen Verständigung. Im Kontext der das ausgehende 19. Jahrhundert prägenden weltanschaulichen und politischen Bewegungen erhofften sich beide Plansprachen-Autoren, durch die Verbreitung einer Plansprache zudem den Weltfrieden zu fördern. Während Volapük kein nachhaltiger Erfolg beschieden war, wird Esperanto heute noch gesprochen. Eine Institutionalisierung der Sprache – etwa durch die Einführung als Schulfach – erfolgte jedoch nicht. Für die Konstruktion von Plansprachen lassen sich auch in früheren Epochen Beispiele finden. Im 17. Jahrhundert etwa können zwei Strategien unterschieden werden: Zum einen wurden Codesysteme entwickelt, die – aufbauend auf dem Lateinischen – den schriftlichen Austausch ohne Kenntnis weiterer Sprachen ermöglichen sollten. Zum anderen bemühte man sich um eine umfassende, hierarchisch strukturierte, philosophisch begründete Erfassung des Wissens, um davon ausgehend eine rational begründete Sprache abzuleiten. Auf diese Traditionen wird in der Ausstellung und im Begleitband ebenfalls eingegangen. Die Bayerische Staatsbibliothek verfügt in Ergänzung eigener historischer Sammlungen aufgrund zweier Schenkungen über einen vielfältigen und umfassenden Bestand zum Thema »Plansprachen und Interlinguistik«. Im November 2010 haben die Söhne von Hanns Martin Schleyer (1915–1977) der Bayerischen Staatsbibliothek den deutschsprachigen Teil der Bibliothek von Johann Martin Schleyer übereignet. Diese wertvolle Sammlung umfasst über 500 Titel sowie die 23 Tagebücher Johann Martin Schleyers.

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Rolf Griebel

Bereits vier Jahr zuvor überließen Irmi und Reinhard Haupenthal ihre einzigartige Plansprachen-Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek. Diese Sammlung besteht aus mehr als 10.000 bibliographischen Einheiten. Darunter finden sich Bücher, Zeitschriften, Korrespondenzen, Objekte, Plakate und Photos. Vermittelt wurde diese Schenkung durch den langjährigen Direktor der Universitätsbibliothek Eichstätt, Dr. Hermann Holzbauer. Er setzte sich seit 2002 dafür ein, dass diese wertvolle Spezialsammlung in einer bayerischen Bibliothek für die Nachwelt erhalten bleibt. Mein aufrichtiger Dank gilt deswegen in erster Linie den Donatoren für ihre großzügigen Schenkungen sowie Herrn Dr. Holzbauer für seine erfolgreiche Vermittlungstätigkeit. Herzlich danken möchte ich an dieser Stelle auch der Kuratorin der Ausstellung, Frau Dr. Andrea Pia Kölbl, die unter hohem Einsatz auch die Konzeption sowie die Redaktion des hier vorliegenden Begleitbands zu dem Symposium »Utopie oder Wirklichkeit: Konstruierte Sprachen für die globalisierte Welt« übernahm. Irmi und Reinhard Haupenthal haben das gesamte Ausstellungsprojekt, insbesondere aber die Ausrichtung des Symposiums, von Beginn an fachkundig begleitet; dafür danke ich ihnen ganz herzlich. Die Probleme und Fragen, die die Gelehrten im 17. Jahrhundert zu Sprachschöpfern werden ließen und die Johann Martin Schleyer und Lazar Markovi Zamenhof um die Jahrhundertwende zur Konstruktion von Plansprachen veranlassten, sind in zeitgenössischer Ausprägung wieder hochaktuell. Die nunmehr in großer Breite und Tiefe an der Bayerischen Staatsbibliothek verfügbaren Materialien können diese Diskussion beleben und zu weiterführenden wissenschaftlichen Forschungen einladen. Wenn auch die Veranstaltungen dazu Impulse geben, wird die Bayerische Staatsbibliothek ihrem Auftrag in bester Weise gerecht. Dr. Rolf Griebel Generaldirektor der Bayerischen Staatsbibliothek

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Reinhard Haupenthal

Was ist und zu welchem Zweck betreibt man Interlinguistik? Mitten in den Wirren des 2. Weltkrieges hat der nachmals international bekannt gewordene dänische Pflanzenpathologe Paul Neergaard (1909–1987)1 einen Forschungsbericht unter dem Titel »Die Esperantologie und ihre Disziplinen. Aufgaben und Ergebnisse« vorgelegt.2 Eine der von ihm als »vergleichende Esperantologie« bezeichnete Disziplin würden wir heute (und auch schon damals) eher als »Interlinguistik« bezeichnen.

Wenn 70 Jahre nach Neergaards frühem Fazit die Bayerische Staatsbibliothek sich mit einer Ausstellung und einem Symposium diesen jungen Wissenschaftszweigen zuwendet, darf wohl behauptet werden, dass beide Disziplinen akademisch salonfähig geworden sind und das Odium des Amateurhaften und Dilettantischen abgelegt haben.

»Eine Weltsprache liegt durchaus in der Richtung unserer praktischen Bedürfnisse; sie erscheint als die Ergänzung, als die Krönung unserer internazionalen Einrichtungen. Aber eine Weltsprache ist auch – weit entfernt den Spott der Gelehrten zu verdienen – ein wissenschaftliches Desiderat.« (Hugo Schuchardt, Auf Anlass des Volapüks, 1888.)

Es soll zunächst auf die Begrifflichkeit und den Gegenstand von Interlinguistik und Esperantologie eingegangen werden, dann auf den aktuellen Forschungs- und Dokumentationsstand, um schließlich einige wissenschaftliche Desiderate aufzuzeigen.

Zur Person Neergaards vgl. Seed Pathology News. Copenhagen 1988, Nr. 19. (Mit Fotos und Nachrufen.) 2 Paul Neergaard: La esperantologio kaj ties disciplinoj. Taskoj kaj rezultoj. In: Tra densa mallumo. Esperanto-eseoj pri movado kaj lingvo. Kopenhago 1942. S. 37–64. Auch als Sonderdr. Kopenhago 1942. [Nachdr.] Saarbrücken 1979. (Mit Ergänzungen von Reinhard Haupenthal.) 1

Paul Neergard. Sammlung für Plansprachen. ÖNB.

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Reinhard Haupenthal

1. Zur Begrifflichkeit Der Begründer der Terminologielehre, der österreichische Industrielle Eugen Wüster (1898–1977)3, ist 1955 in einem Aufsatz den Begriffen »Esperantologie« und »Interlinguistik«4 nachgegangen. Er schloss sich dabei der klassisch gewordenen Definition des dänischen Sprachwissenschaftlers Otto Jespersen (1860–1943) an, der 1931 feststellte: »Eine neue Wissenschaft kommt auf: die Interlinguistik, der Zweig der Sprachwissenschaft, der sich mit der Struktur und den Grundideen aller Sprachen beschäftigt mit dem Ziel, eine Norm für Plansprachen aufzustellen, d. h. für Hilfssprachen, die zum schriftlichen und mündlichen Gebrauch für Menschen bestimmt sind, die sich nicht mit Hilfe ihrer Muttersprachen verständigen können.«5 Wüster hat bereits in seiner Dissertation von 19316 Begriffe wie (Welt)Hilfssprache, Kunstsprache usw. durch den von ihm geschaffenen Terminus »Plansprache« (engl. planned language, franz. langue planifiée) abgelöst. Leider geistern archaische Bezeichnungen noch Zu Wüster vgl. Ehrung für Eugen Wüster zu seinem 60. Geburtstag am 3. Oktober 1958. In: Sprachforum 3. 1959/60, S.  81–95. Helmut Felber, Friedrich Lang, Gernot Wersig (Hrsg.): Terminologie als angewandte Sprachwissenschaft. Gedenkschrift für Eugen Wüster. München u. a. 1979. Erhard Oeser, Christian Galinski (Hrsg.): Eugen Wüster (1898–1977). Leben und Werk. Ein österreichischer Pionier der Informationsgesellschaft. Vienna 1988. (Proceedings of the International Conference in Professional Communication and Knowledge Transfer. 1.) 4 Eugen Wüster: La terminoj »esperantologio« kaj »interlingvistiko«. In: Esperantologio 1. 1949/55: 4. S. 209–214. Wieder abgedr. in: Eugen Wüster: Esperantologiaj Studoj. Memor-Kolekto. Ed. de Reinhard Haupenthal. Antverpeno, La Laguna 1978. S. 209–215. (Popularscienca eldonserio. 5.) Dt. Übers. (Die Benennungen »Esperantologie« und »Interlinguistik«) in Reinhard Haupenthal (Hrsg.): Plansprachen. Beiträge zur Interlinguistik. Darmstadt 1976. S. 271–277. (Wege der Forschung. 325.) 5 Otto Jespersen: A New Science: Interlinguistics. In: Psyche. London 11. 1930/31: 3. S. 54–67; auch in: Herbert Shenton, Edward Sapir, Otto Jespersen: International Communication. A Symposium of the Language Problem. London 1931. S.  95–120. Dt. Übers. von Irmtraud und Reinhard Haupenthal in Haupenthal (wie Anm.  4), S. 148–162. 6 Eugen Wüster: Internationale Sprachnormung in der Technik besonders in der Elektrotechnik. (Die nationale Sprachnormung und ihre Verallgemeinerung.) Berlin 1931. 3., abermals erg. Aufl. Bonn 1970. (Sprachforum. Beiheft Nr. 2.) 3

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Was ist Interlinguistik?

immer in heutigen Publikationen herum und werden auch noch zur Beschlagwortung von Fachliteratur verwendet. Auch der Begriff »Esperantologie« wurde 1921 von Wüster in einem Aufsatz geprägt.7 Er verstand darunter jenen Zweig der gestaltenden (= synthetischen) Sprachwissenschaft, der auf das System Esperanto angewandt wird, d. h. die Sprachwissenschaft des Esperanto, wobei Wüster sich 1955 ausdrücklich auf Neergaard bezieht. Diese Festlegung auf die »Sprachwissenschaft des Esperanto« greift allerdings zu kurz, da man das Phänomen Esperanto nicht auf den linguistischen Aspekt reduzieren kann. Als praktizierte Sprache einer internationalen Sprechergemeinschaft weist es darüber hinaus weitere relevante Aspekte auf: soziale, historische, literarische, pädagogische (Didaktik und Methodik des Sprachunterrichts).

Eugen Wüster. Plansprachensammlung Haupenthal.

Hatte Wüster noch 1955 bemerkt, er wisse nicht, wer den Terminus »Interlinguistik« eingeführt habe, so korrigiert er dies beim Wiederabdruck seines Beitrages in meinem 1976 von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft vorgelegten Plansprachen-Band8, indem er auf Jules Meysmans verweist. Bei meinen Recherchen zur Geschichte des Begriffes war ich auf Jules Meysmans gestoßen – offensichtlich ein belgischer Stenographielehrer, der 1911/12 in Brüssel eine kleine Zeitschrift »Lingua Internationale«9 herausgab und dort den Begriff verwendete. Er schreibt: »Wir möchten wissen, ob es nicht möglich wäre, eine neue Wissenschaft zu schaffen, die sich z. B. Interlinguistik nennen würde und die die natürlichen Gesetze der Bildung gemeinsamer Hilfssprachen studieren würde.«10

Eugen Wüster: Esperantologio kaj Esperantologoj. In: Esperanto Triumfonta 2. 1921: 41. S. 1–2; 42. S. 1–2. Wieder abgedr. in Wüster 1978 (wie Anm. 4.), S. 17–25. 8 Vgl. Haupenthal 1976 (wie Anm. 4). 9 Lingua Internationale. Revue mensuelle consacrée à l’élaboration de la langue auxiliaire internationale. 1. 1911/12: 1–12. 10 Jules Meysmans: Une science nouvelle. In: Lingua Internationale 1. 1911/12: 8. S. 14–16. Dt. Übers. (Eine neue Wissenschaft) von Reinhard Haupenthal, in Haupenthal 1976 (wie Anm. 4), S. 111–112, hier S. 111. 7

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Reinhard Haupenthal

Dabei schließt Meysmans auch Ethnosprachen ein, »die von verschiedenen Völkern mit verschiedenen Sprachen angenommen werden«.11 Man sieht, dass Meysmans 1911 den Begriff weiter fasst als 20 Jahre später Jespersen, für den Interlinguistik Plansprachenwissenschaft (kreativ und deskriptiv) ist. Wenn also spätere Autoren den Begriff wieder inhaltlich erweitern, so ist dies letztlich ein Rückfall hinter die Position Jespersens. So schreibt z. B. der Wiener Romanist Mario Wandruszka (1911–2004) 1971: »Linguistik der Mehrsprachigkeit, der Sprachmischungen und Mischsprachen, der Übersetzung und des Übersetzungsvergleichs, des ›Gesprächs zwischen den Sprachen in uns‹, die neue vergleichende Sprachwissenschaft, die noch ihren Namen sucht, das alles kann man zusammenfassen als I n t e r l i n g u i s t i k.«12 Wandruszka ist sich allerdings bewusst, dass er neuen Wein in alte Schläuche füllen will. Er hebt auf ein Referat des Schweizer Indogermanisten Albert Debrunner (1884–1958) ab, das dieser 1948 beim 6. Internationalen Linguistenkongress in Paris gehalten hatte, in dem er eindeutige Festlegungen vornimmt: »Da nun die Erforscher der Lingua ›Linguisten‹ heißen und ihre Wissenschaft ›Linguistik‹, so sind zu Interlingua [Abkürzung für Internationale Hilfssprache, R. H.] die Bezeichnung ›Interlinguist‹ und ›Interlinguistik‹ gebildet worden.13

2. Der Gegenstand von Interlinguistik und Esperantologie 1931 konnte Jespersen als eines der ausgemachten Ziele der Interlinguistik noch die Schaffung einer idealen Plansprache im Visier haben, ihr also kreative Aufgaben zuordnen, während die Esperantologie eine feststellende bzw. deskriptive Wissenschaft sei. Ebd. S. 111. Mario Wandruszka: Interlinguistik: Umrisse einer neuen Sprachwissenschaft. München 1971. S. 10. 13 Ebda S. 10, Anm. 2.

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Was ist Interlinguistik?

Noch bei Umberto Eco (»La ricerca della lingua perfetta nella cultura Europea«, 1983)14 schwingt dies nach. Tatsächlich lehrt die Geschichte der Plansprachen, dass alle mit dem Anspruch auftraten, die beste Lösung zu bieten und die Vorgänger zu übertrumpfen. Einzig und allein dem Prälaten Schleyer wird man attestieren können, dass er autonom war. Sein Volapük hat eine Fülle von Ablegern hervorgerufen. Dazu zählen z. B. die Projekte von Émile Dormoy (1829–1891) (Balta, 1887), Juraj Bauer (Spelin, 1888), Julius Fieweger (Dil, 1893), Wilhelm von Arnim (Veltparl, 1896) und Joseph Marchand (Dilpok, 1898). Selbst Zamenhof, der Autor des Esperanto, konnte für sein Projekt von 1887 aus Fehlern Schleyers lernen.15 Das Esperanto seinerseits war Anlass zu Reformen, die sogar von Zamenhof betrieben wurden.16 Die bekannteste ist die des französischen Mathematikers und Leibniz-Forschers Louis Couturat (1868–1914)17, der 1907 mit seinem Ido (= Esperanto reformita) an die Öffentlichkeit trat. Auch spätere Projekte wie das Occidental (später in Interlingue umbenannt) des Deutschbalten Edgar von Wahl (1867–1948) oder in der frühen Nachkriegszeit (1951) das Interlingua des Deutschamerikaners Alexander Gode (1906–1970) liegen in diesem Trend, Besseres zu produzieren. Konsequenterweise hat auch Jespersen 1928 ein eigenes Plansprachenprojekt Novial vorgelegt.18

Otto Jespersen. Bayerische Staatsbibliothek München.

Umberto Eco: La ricerca della lingua perfetta nella cultura Europea. Roma, Bari 1993. Dt. Übers. von Burkhart Kroetzer: Die Suche nach der vollkommenen Sprache. München 1994. 15 Vgl. hierzu Reinhard Haupenthal: Über die Startbedingungen zweier Plansprachen. Schleyers Volapük (1879/80) und Zamenhofs Esperanto (1887). Schliengen 2005. 16 Vgl. hierzu: Otto Back: Bemerkungen zu Zamenhofs reformiertem Esperanto von 1894. In: Cyril Brosch, Sabine Fiedler (Hrsg.): Florilegium Interlinguisticum. Festschrift für Detlev Blanke zum 70. Geburtstag. Frankfurt a. M. u. a. 2011. S. 263–269. 17 Zu Couturat vgl.: Louis Couturat 1868–1914. Coulommiers [1915]. Louis de Beaufront: Doktoro Louis Couturat. 1868–1914. Frankfurt a. Main [1923]. Claro C. Dassen: Vida y obra de Louis Couturat. In: Anales de la Academia Nacional. Buenos Aires 4. 1939. S. 73–204. L’Œuvre de Louis Couturat (1868–1914) … de Leibniz à Russell … Paris 1983. Ubaldo Sanzo: L’artificio della lingua. Louis Couturat 1868–1914. Mi­lano 1991. (Collana di epistemologia. 28.) 18 Otto Jespersen: An International Language. London 1928. Dt. Übers. von Siegfried Auerbach: Eine internationale Sprache. Heidelberg 1928. Ders.: Novial lexike. Heidelberg 1930. 14

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Bayerische Staatsbibliothek München: Zwischen Utopie und Wirklichkeit