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Allitera Verlag Krimi


Markus Saischek

Mit Blut geschrieben Vampir-Krimi

Allitera Verlag Krimi


Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter www.allitera.de

Mehr Informationen zu Markus Saischek unter www.buchwerk.at

März 2012 Allitera Verlag Ein Verlag der Buch&media GmbH, München © 2012 Buch&media GmbH, München Umschlaggestaltung: Alexander Strathern, München, unter Verwendung einer Grafik von © missbobbit − Fotolia.com Stadtplan Graz © Kay Fretwurst, Freienbrink Printed in Europe ISBN 978-3-86906-303-4


Alle in dieser Geschichte verwendeten Informationen 端ber die Novelle Carmilla und die Geschichte der Stadt Graz beruhen auf Fakten.


Prolog In Styria …

D

as Wunderbare liegt, wie das Schreckliche, oft direkt unter der Oberfläche des Alltags verborgen. Wenn man zum Beispiel mitten in der Grazer Herrengasse, zwischen Hunderten von Menschen beim Einkaufsbummel, eine Senke entdeckt, wo die Pflasterung des Bodens nachgegeben hat, wenige Quadratmeter groß und kaum drei Zentimeter tief, dann würde man sich doch keine Gedanken machen, was sich darunter befindet, oder? Dass dort in Wahrheit ein Hohlraum eingebrochen ist, der zu einem bronzezeitlichen Grab gehört? Dem Grab eines Priesters, der zwischen seinen Knochenfingern zufälligerweise die älteste Sternenkarte der Welt hält, älter als die berühmte Sternenscheibe von Nebra? Natürlich kann es auch einfach nur ein alter Kanal sein, dessen Decke eingestürzt ist. Oder, noch nahe liegender, ein Fehler der Bauarbeiter. Man wird es nie erfahren – wer würde schon nachsehen, nur weil dort eine Mulde in der Fußgängerzone ist? Deshalb bleiben viele außergewöhnliche Dinge auch für immer verborgen. Direkt unter der Oberfläche. Wunderbare Dinge. Genau. Und noch viel öfter schreckliche.

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Kapitel 1

I

ch hätte aufmerksam werden müssen, als ich von der kopflosen Leiche hörte, die man in der Mur gefunden hatte. Einiges wäre wohl anders gekommen. Dieser Gedanke kam mir, als sich ein weiterer Schwall kaltes Blut über meinen Kopf ergoss. Aber ich gehöre nun einmal nicht zu jenen Leuten, die abbremsen, wenn sie an einem Verkehrsunfall vorbeifahren, oder die aus dem Fenster sehen, wenn auf der Straße ein lauter Streit im Gang ist. Ich habe lieber meine Ruhe. Es hätte mir auffallen müssen, dass das kein Zufall sein konnte – der Mord und diese anderen Geschichten. Wir sind doch hier in Graz, bitteschön, und nicht in, was weiß ich, London, wo einst ein Jack the Ripper durch nebelige Gassen schlich. Diese Stadt hat keine Tradition, was verrückte Mörder angeht. Jack Unterweger*? Das war doch ein kleiner Fisch und außerdem ist die Sache schon ewig her. Wenn man an einem lauen Frühlingstag über die Hauptbrücke spaziert, sich im Café »Schwalbennest« einen Espresso bestellt und einem die Sonne ins Gesicht scheint, wirkt ein Zeitungsbericht wie jener über die kopflose Leiche so absurd, dass man zum Schluss kommt, den Redakteuren müsse ein Fehler unterlaufen sein. Ich blinzelte nach oben und war geblendet von mehreren Scheinwerfern auf Stativen, die auf mich gerichtet waren. Ich versuchte aufzustehen, doch ich rutschte in der Blutlache aus, die sich auf der weißen Plane ausbreitete. Aids, schoss es mir durch den Kopf, als ich mit dem Gesicht voraus hin klatschte. Der Gestank war unbeschreiblich und der Ekel erzeugte ein Würgen in meinem trockenen Hals, doch es gab nichts mehr zu erbrechen. Wieder ging ein Sturzfall aus Blut über mir nieder. Diesmal waren Innereien dabei, Gedärme, ein Herz. Was hast du dir da eingebrockt, Richie? Bist sehenden Auges in den Untergang spaziert. Das war wieder einmal typisch, Alter!

*Ein Kompendium für Nicht-Österreicher befindet sich auf Seite 206.

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Die kopflose Leiche, die hätte mich vorsichtig machen sollen. Dann wäre ich vielleicht aufmerksamer gewesen, auch innerhalb meiner eigenen vier Wände, und wer weiß, wie dann alles gekommen wäre. So lief ich an jenem ersten April schmollend und nichts ahnend durch die frühlingshafte Stadt, wo die ersten Paare mit glänzenden Augen unsicher Händchen hielten und auf ihre Weise das Ende der Winterdepression feierten. Ich fühlte mich von der Welt im Stich gelassen. Die Wahrheit war: Ich hätte meinen Job beim »Wochenbild« nicht leichtfertig hinschmeißen sollen. Aber das konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt einfach nicht eingestehen. Ich dachte, ein Journalist von meinem Format sollte doch leicht auch als Selbstständiger durchkommen. Irgendwann musste man auf die Qualität meiner Artikel aufmerksam werden und mir interessante Anfragen zu Füßen legen. Journalismus war eine Kunst, nicht einfach nur ein Handwerk! Das hatte ich auch meinem Chef gesagt. Er hätte meinen Artikel über die soziologische Dimension des Fußballsports in Graz nicht kürzen dürfen. Mein Herzblut steckte in diesem Artikel! Klar, das »Wochenbild« war ein Schmierblatt – gerade deshalb musste es doch in deren Interesse liegen, einmal was Hochwertiges zu drucken. Oder? Das wiederum hätte ich meinem Chef vielleicht nicht so direkt sagen sollen und weil die ganze Sache umso peinlicher wurde, je genauer ich darüber nachdachte, dachte ich gar nicht mehr darüber nach, sondern machte Gott und die Welt für mein Unglück verantwortlich. In Wirklichkeit, so wurde mir in wenigen lichten Momenten bewusst – bevorzugt, wenn ich etwas getrunken hatte –, hatte ich nichts drauf und in meinem Leben noch nichts Außergewöhnliches geleistet. Ich saß gerade wieder einmal im Café »Schwalbennest«, genauer gesagt an einem der Tische im Freien, in einer Ecke im Schatten, rauchte eine Zigarette nach der anderen und trank statt dem üblichen Espresso ein Bier, als der Anruf kam. 10


Nummer unbekannt. Ich überlegte, ihn zu ignorieren. Jetzt kommt ihr plötzlich zu mir, ihr Idioten? Bestimmt war es ein Auftrag, wahrscheinlich vom »Standard«. Nun, ihr seid zu spät, liebe Leute! Ihr habt mich warten lassen und nun lasse ich euch warten! Ich würde es einfach klingeln lassen. »Huber?«, meldete ich mich zwei Sekunden später und versuchte, entspannt und positiv zu klingen. »Tatsächlich? Woher haben Sie meine Nummer?« »Ach so.« »Um vier? Das wäre in einer Stunde. Warten Sie, ich muss in meinen Kalender sehen …« Ich raschelte ein wenig mit der Zeitung, die auf dem unbesetzten Nebentisch lag. »Es kann sein, dass ich mich zehn Minuten verspäte, in Ordnung?« »Na dann, bis um vier, Herr –« »Fischer, richtig. Bis später.« Es war ein Auftrag. Ich hatte es gewusst! In meinem tiefsten Inneren hatte ich immer gewusst, dass es funktionieren würde. Wie hatte ich nur zweifeln können? Immer mit der Ruhe, Richie. Ich wusste noch nicht einmal, worum es ging. Vielleicht suchten sie beim Magistrat neue Kanalarbeiter. Meine Nummer habe er vom »Wochenbild«, hatte der nette Herr am Telefon gemeint und das wiederum konnte eigentlich nichts Gutes heißen, denn dort war man nicht allzu gut auf mich zu sprechen. Also abwarten.

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Kapitel 2

S

o wartete ich und verfluchte mich für die zehn Minuten, die ich mir selbst eingebrockt hatte. Wenn ich nun nicht mindestens eine Viertelstunde zu spät war, würde man mich auf keinen Fall ernst nehmen. Ich stand ein paar Straßen weiter, außer Sichtweite des »Tokyo«, und trat von einem Bein aufs andere. Ich war natürlich viel zu früh losgegangen. Um sieben nach vier hielt ich es nicht mehr aus. Vor dem Lokal fuhr ich mir noch mit der Hand durchs Haar und kontrollierte mein Spiegelbild in der Glasfassade. Ich blickte in ein selbstbewusstes Gesicht. Gut. Eine dezente Hose und ein neutrales Hemd, die meinen leichten Bierbauch nicht zu sehr betonten, H&M konnte ich mir leisten, und eine etwas wirre Frisur ließen mich um Jahre jünger erscheinen – höchstens wie dreißig, fand ich. In Wirklichkeit sah ich wohl genauso aus, wie ich mich fühlte: etwas verloren und bemüht, es mir nicht anmerken zu lassen. Ich trat ein. Sofort entdeckte ich an einem der Tische im Hintergrund einen Herrn im Anzug, der mich ansah. Ich trat langsam näher. Er hatte kurze blonde Haare, war keine vierzig und sah, wie soll ich es sagen, verwechselbar aus. Eins von den Gesichtern, das man nach fünf Minuten wieder vergessen hat. Er lächelte auf eine Art, die mich sofort verunsicherte. Ich riss mich zusammen, beschleunigte meine Schritte und als ich vor ihm stand, streckte ich meine Hand aus. »Herr Fischer?« »Richtig. Richard Huber, nehme ich an?« Niemand nannte mich Richard! Zumindest nicht so ein gelackter Typ mit norddeutschem Akzent! Er erhob sich halb und schüttelte mir die Hand. Ich setzte mich unaufgefordert und hing meine Tasche über die Sessellehne. »Haben Sie schon gegessen?«

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»Eigentlich schon«, log ich. Er lachte. »Sie sehen aber hungrig aus! Entspannen Sie sich, Sie sind eingeladen.« Ich dankte ihm mit einem Kopfnicken und bestellte bei der Kellnerin einen Jasmintee. Bier macht immer so einen schlechten Eindruck um diese Tageszeit. Während ich die Karte überflog, stand plötzlich ein groß gewachsener Japaner neben unserem Tisch und brachte Fischer ein Gericht, von dem ich sicher war, dass es nicht auf der Karte stand. Mit leichtem Ekel wandte ich mich von dem rohen Lebewesen auf Fischers Teller ab, das irgendwie gar nicht wie Sushi aussah, und entschied mich für ein Lachs-Teriyaki. Ich fand, dass mein Fisch heute zur Abwechslung durchgebraten sein durfte. Fischer aß einen Bissen und begann beiläufig zu reden. »Sie fragen sich sicher, warum ich Sie angerufen habe.« »Was auch immer es ist, ich –« Was redest du da für einen Müll, Richie? »– werde Ihnen interessiert zuhören.« Fischer grinste, ohne von seinem Essen aufzusehen. »Herr Huber, was wissen Sie über Vampire?« »Vampire?«, fragte ich und wartete auf die Pointe. Sie kam nicht. »Meinen Sie das im Ernst?« Er sah zu mir auf und kaute genüsslich. Die schmatzenden Geräusche, die er von sich gab, schienen ihn nicht im Geringsten zu verunsichern. »Nicht viel«, sagte ich. »Nichts, was Sie nicht auch wüssten.« Er nickte und bedeutete mir fortzufahren. »Eines der Lieblingsthemen der Horrorliteratur. Es muss Tausende Varianten davon geben, von schlechten Heftromanen bis zu Hollywoodproduktionen mit Budgets in Höhe von Hunderten von Millionen Dollar. Eine ganze Menge Comics gibt es außerdem. Große Autoren wie Stephen King haben Vampirgeschichten geschrieben. Irgendwie läuft sich die Sache einfach nicht tot.« »Und, glauben Sie daran?« Fischer schluckte einen Bissen hinunter. »Was meinen Sie?« 13


»Glauben Sie, es ist möglich, aus wissenschaftlicher Sicht?« Ich starrte ihn entgeistert an. Nach einigen Sekunden grinste er. »Ein Scherz, Herr Huber. Erzählen Sie nur mehr. Sie machen das sehr gut.« »Vampiren sagt man nach«, dozierte ich also weiter, »dass sie nicht altern und unsterblich sind. Sie können Tausende von Jahren leben. Dafür müssen sie nur regelmäßig Blut trinken. Sie haben lange Eckzähne, mit denen sie ihre Opfer in den Hals beißen. Ein Vampir kann Menschen infizieren – wie, das variiert von Geschichte zu Geschichte. Manchmal reicht es, gebissen zu werden, manchmal muss der Mensch das Blut des Vampirs trinken. Mit der Bürde, Blut trinken zu müssen, um leben zu können, kommen aber auch einige nützliche Fähigkeiten. Man kann fliegen, sich in Tiere wie Fledermäuse, Katzen oder auch Ratten verwandeln, hat übermenschliche Kräfte und kann nur durch Silberkugeln oder Enthauptung getötet werden. Ein Holzpfahl, der durchs Herz getrieben wird, ist auch eine Möglichkeit. Manchmal fürchten sich Vampire vor Kreuzen, Weihwasser oder Knoblauch. Auch das ändert sich je nach Geschichte. Sie wollen eine wissenschaftliche Einschätzung? Ein himmelschreiender Schwachsinn! Aber das wissen Sie selbst. Das muss nicht ich Ihnen sagen.« Fischer lächelte und nickte. »Der Ausgangspunkt des ganzen Hypes, die Urform der Vampirmythen, und zugleich auch die bekannteste Vampirgeschichte ist Dracula. Ein Roman des Engländers Bram Stoker. Keine Ahnung, wann er ihn geschrieben hat. Ich habe ihn vor etlichen Jahren gelesen. Viel weiß ich nicht mehr. Nur, dass ich mich nicht besonders gefürchtet habe.« »Schön! Sie wissen ja allerhand. Und Sie haben recht, das weiß ich natürlich alles selbst. Allerdings haben Sie einen Fehler gemacht.« »Tatsächlich? Ich wüsste nicht wo.« Er sah mir in die Augen. »Dracula ist nicht die erste Vampirgeschichte.« Ich hielt seinem Blick stand und verschränkte die Arme. »Ach. Welche denn sonst?« 14


»Dracula stammt aus dem Jahr 1897. Sagt Ihnen der Name Joseph Sheridan Le Fanu etwas?« »Nicht wirklich. Klingt französisch …« »Ein Ire. Von ihm stammt die Novelle Carmilla und die ist nicht nur fünfundzwanzig Jahre älter als Stokers Dracula, sondern diente ihm unter anderem als Vorbild. Sie enthält alle wichtigen Elemente der späteren Vampirgeschichten.« »Interessant. Das wusste ich nicht.« »Dann wissen Sie wahrscheinlich auch nicht, dass Stokers Dracula ursprünglich nicht in Transsylvanien spielen sollte.« »Nein. Wo denn sonst?« »Hier. In der Steiermark.« Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. »Sie verarschen mich? Nicht etwa im furchterregenden oststeirischen Hügelland, wo der entsetzliche blutrote Schilcher gebraut wird?« Fischer schmunzelte. »Es ist mein Ernst: In Stokers ersten Entwürfen für Dracula findet sich als Schauplatz die Steiermark. Später hat er sich für Transsylvanien entschieden, weil er mit Graf Vlad Tepeş das perfekte historische Vorbild für seine Hauptfigur gefunden hatte. In Le Fanus Novelle ist der Vampir aber eine Frau und seine Geschichte spielt tatsächlich in der Steiermark, wie Sie sich selbst überzeugen können.« Fischer legte seine Stäbchen beiseite, griff in seine Aktentasche und knallte ein kleines gebundenes und offensichtlich sehr altes Büchlein auf den Tisch. Carmilla stand auf dem vergilbten Leineneinband. »All das«, fuhr er fort, »ist nicht wirklich neu. Es gab sogar eine Dokumentation des ORF zu diesem Thema.« »Das ist ja alles sehr interessant, aber was genau wollen Sie von mir?« »Nun, es ist so: Ich vertrete einen begüterten älteren Herrn, der gerne anonym bleiben möchte und für den Vampirgeschichten ein leidenschaftliches Hobby sind. Verstehen Sie mich richtig: Wir alle wissen, dass es sich um Mythen und fiktive Schauergeschichten handelt. Mein Auftraggeber ist kein Idiot. Allerdings gibt es The15


orien, dass es für einige der Schauplätze reale Vorbilder gibt. Es könnte natürlich sein, dass Le Fanu sich die Schlösser und Dörfer, die er beschreibt, nur ausgedacht hat. Andererseits ist auch nicht auszuschließen, dass es einen realen Hintergrund gibt, der ihn inspiriert hat. Es stellt sich ja die Frage: Warum gerade die Steiermark?« Langsam dämmerte mir, was Fischer von mir wollte. »Da bin ich aber nicht der Erste, der recherchiert, richtig? Wenn es schon eine Fernsehdoku gibt …« »Wir hatten auch Kontakt mit den Machern der Dokumentation, doch was wir zu hören bekamen, hat meinen Auftraggeber nicht zufriedengestellt. Er hätte gern, dass jemand die Sache komplett neu aufrollt. Konkret glaubt er, dass alle etwas übersehen haben. Etwas Wichtiges.« »Schauplätze, sagen Sie? Ihr Auftraggeber will sich also sein eigenes Vampirschloss kaufen?« Fischer reagierte nicht darauf. Ich registrierte, dass vor mir inzwischen das Lachs-Teriyaki stand und langsam auskühlte. »Was genau soll ich also tun?«, fragte ich. Fischer faltete die Hände vor sich auf dem Tisch und sah mir in die Augen. »Sie sollen recherchieren. Tragen Sie alle Hinweise zusammen, die Sie auftreiben können. Ist die Geschichte von Le Fanu erfunden oder hat sie einen wahren Kern? Gibt es die Schauplätze der Novelle wirklich? Wurde etwas bisher übersehen?« Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen und man sah es mir wohl an. Das klang nach Arbeit. Nach mehr Arbeit, als mir irgendein vernünftiger Mensch bezahlen würde. »Da ist noch etwas«, fügte er hinzu. »Ein ausführlicher Bericht ist uns besonders wichtig.« »Verstehe. Dann sollten wir langsam über das Honorar reden.« War es der Jasmintee, der mich so übermütig machte? »Ich brauche tausend Euro im Voraus.« Fischer blieb völlig gelassen und schwieg einige Sekunden, in denen ich befürchtete, einen Fehler gemacht zu haben. 16


»Sie bekommen fünftausend. Weitere fünf, wenn Sie Ihre Arbeit beendet haben.« Mein Herz begann heftig zu klopfen und ich versuchte, Ruhe zu bewahren. »Wie viel Zeit habe ich?« »Machen Sie Ihre Arbeit sorgfältig. Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen.« Er griff in die Innentasche seines Jacketts. »Hier ist meine Karte. Rufen Sie mich an, wenn es Fortschritte gibt. Vorausgesetzt, Sie sind einverstanden?« »Ja, bin ich«, antwortete ich, viel hastiger, als mir lieb war. »Gut«, sagte er und legte einen überraschend dünnen weißen Umschlag auf den Tisch. Als ich einen kurzen Blick hineinwarf, sah ich lilafarbene Muster. »Noch eine Kleinigkeit«, fügte er hinzu. »Mein Auftraggeber liebt Geschichten. Machen Sie es ruhig etwas dramatischer! Eigentlich würde er gerne Schauerromane lesen, nur würde er das niemals zugeben. Sie haben Dracula gelesen? Das ist ein Briefroman – es verleiht ihm etwas Authentisches. Sie verstehen?« »Ich denke schon.« Für fünftausend Euro würde ich ihm eine Oper schreiben, wenn er das wollte.

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Kapitel 3

A

ls ich wenig später über die Hauptbrücke ging, zwischen bummelnden Menschen mit Sonnenbrillen, war ich ähnlich angespannt wie noch vor einem Monat, als es Minusgrade gehabt hatte und mir der kalte Wind unter die Jacke gefahren war. Komisch, denn ich war völlig euphorisch. Ich tastete nach dem Umschlag in meiner Umhängetasche. Endlich durchatmen! Das Geld verschaffte mir Spielraum. Aber ganz traute ich meinem Glück noch nicht. Erst einmal nach Hause, nachzählen. In Gedanken versunken hastete ich an einem Zeitungsstand vorbei und auf meine Haustür zu. Ritualmord in Graz, titelte die »Steirerkrone«. Reflexartig öffnete ich nach dem Eintreten meinen Postkasten und nahm einen Stapel Werbeprospekte mit nach oben. In meiner Wohnung schloss ich die Tür, warf den Umschlag auf den Esstisch, der zur Abwechslung einmal aufgeräumt war – mir war wirklich langweilig gewesen in den letzten Tagen –, und ließ mich aufs Sofa fallen. Leise summte der Kühlschrank. Draußen hörte man gedämpft Autos vorbeifahren. Nun wich die Spannung und ich schloss die Augen. Mein Atem beruhigte sich. Ich öffnete die Augen: Der Umschlag war noch da. Ich sprang auf, öffnete das Kuvert. Eins, zwei, drei … Zehn Stück, tatsächlich. Das Papier fühlte sich rau an unter den Fingern. Ich ließ den Stapel über den Daumen rascheln. Immer hatte ich gewusst, dass ich mit dem Schreiben einmal reich werden würde. Wenn ich das meinem Vater erzählte! Beruhig dich, Richie. Fünftausend sind ein guter Anfang, wenn man sie geschenkt bekommt. Aber noch einmal fünftausend wären auch schön.

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Markus Saischek: Mit Blut geschrieben