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edition monacensia Herausgeber: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek Dr. Elisabeth Tworek

Von Mechtilde Lichnowsky außerdem in der edition monacensia: Der Lauf der Asdur. Roman

Mechtilde Lichnowsky wurde 1879 in Schönburg, Niederbayern geboren. Die erfolgreiche Schriftstellerin und FeuilletonJournalistin gilt als Autorin von europäischem Rang. Die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg verbrachte sie in Frankreich, bis es ihr nach einem Deutschlandbesuch 1939 nicht mehr erlaubt war auszureisen. Da sie sich nicht bereit erklärte, der Reichsschrifttumskammer beizutreten, wurden ihre Schriften während des NS-Regimes verboten, was sie jedoch nicht daran hinderte, unter anderem mit ihrem Werk Worte über Wörter (1949) weiterhin starke Kritik am Nationalsozialismus zu äußern. 1954 erhielt sie den Literaturpreis der Stadt München. 1958 verstarb Mechtilde Lichnowsky in London.


Mechtilde Lichnowsky

Der Stimmer Text der Erstausgabe von 1917 Mit einem Nachwort von Michaela Karl


Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter: www.allitera.de

Trotz intensiver Recherche konnten die Rechtsnachfolger der Autorin nicht ermittelt werden. Sollte uns ein Anspruch entgangen sein, bitten wir um Kontaktaufnahme mit dem Verlag.

Oktober 2013 Allitera Verlag Ein Verlag der Buch&media GmbH, München © 2013 für diese Ausgabe: Landeshauptstadt München/Kulturreferat Münchner Stadtbibliothek Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek Leitung: Dr. Elisabeth Tworek und Buch&media GmbH, München Umschlaggestaltung: Alexander Strathern/Dietlind Pedarnig, München Printed in Europe · isbn 978-3-86906-537-3


Kapitel I

K

ein Weg führt zu den Blumen. Und alles Wissen, alle Kunst, alle Liebessorgfalt bringen uns nur bis zum Abgrund, der sich vor ihnen auftut. Wir schlagen Brücken zu ihnen herüber und stehen müßig da, sie träumen uns an, greifen mit den Wurzeln in die Erde und richten sich tautrunken zum Himmel auf mit einer Stärke, die unsere Kraft lahmlegt. Sie duften einen stummen Gesang aus. Sind sie Fleisch? Scherben eines Spiegels, der sich seine Bilder bewahrte? Lieben sie? Lieben sie uns, hören sie, nehmen sie uns wahr? Kein Weg führt zu ihnen, ob sie aus Feldern stiegen, oder an Zweigen schaukelnd unser Haar streifen oder in Glaspalästen die Luft mit bittersüßen Blatt- und Erdendüften schwängern. Sie sind. Wir suchen, verwunden, klagen, wollen geheilt sein, singen. Ich aber muß die Geschichte einer Blume erzählen. Sie beginnt beim Wassertropfen, der unter dem Alpenhimmel lebendig wurde und in sieben Farben blitzte in dem winzigsten Granitbecher, bis fremde Tropfen herzukamen und den Becher überlaufen ließen, daß es klang, wie sieben aneinandergeschlagene Schellen. Die Schellen wurden zu Glöckchen und stürzten einander nach. Ein kalter tiefer See ist der siebenfarbige Tropfen geworden, trinkt unersättlich und weint sich den Berg herab, wenn er zu selig getrunken hat. Morgen muß ich die Geschichte eines Flusses erzählen … es wird sein wie mit den Blumen … kein Wissen führt zu ihm. Quellen, Lauf, Tiefe, Tagesbuntheit, glitzernde Nacht der Städte, die sich über seine Glätte beugten – – ist das der Strom?

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Wir kennen auch seine Hingabe von See zu See bis zur letzten an den Busen eines unersättlichen Meeres – wir erleben der kleinsten Flußseele Vereinigung mit ihm, wir erlauschen seine Einkehr in sich selbst, seine stillsten Wirbel in der Umarmung hinabgleitender Buchten – wir sehen Völker werden und sich verbluten, sehen das Land seiner Ufer steigen, je tiefer er es angrub – – – wir hören ihn niemals reden. Soll ich von einem Menschen erzählen, die Geschichte seiner Werke? Ist die Geschichte nicht der Gedanke unter dem Werke? Blumen, Tropfen, Ströme von Gedanken, Seen, Ozeane von Gefühlen … oder besser die Geschichte seiner vier Wände – aber wer kennt den innersten Mauerring? Wo liegt die letzte Hohlform, die, aufgeschnitten, eine regungslos eingebettete Mumie zeigt? … Aber niemals hörten wir Mumien reden … Unter Hunderten geht einer an den Läden der Stadt vorbei in braungrau wie die andern – – – seinen Blick läßt er über Bilder und Dinge hinwegschwimmen, nimmt da aus Schaufenstern einen kristallenen Gegenstand mit, dort einen schlanken Spazierstock, merkt sich eine fettgedruckte Ankündigung, das Profil eines birnenbeladenen Korbes, bis er in der Flut der Menge, selbst ein versunkenes Bild, verschwindet. Ein leichtes Schwingen des Rückens beim Gehen zeigt die Art der Schritte an. Wenig läßt sich mit Bestimmtheit sagen: Sicher ist, daß diesen Rücken etwa 30 Jahre früher ein Kindermantel bedeckte. Ja, dies ist unbedingt gewesen; was für ein Kindermantel, ist nicht zu sagen; einer wie unzählige andere ist es gewesen; aber eben ein Kindermantel mit zwei unbezähmten Beinen darunter. Vielleicht mußten obere Knöpfe offen bleiben, damit die Ärmel nicht einschnitten und sich das Blut staute. Vielleicht war der Mantel, bevor er ganz unbrauchbar wurde, stets ein wenig zu groß für seinen Träger – ein lustiger Männerhavelock, der andere Knaben lachen machte – vielleicht aber hatte da wirklich ein harmloser, richtig passender Kindermantel den Rücken dieses Unbekannten, der gleich in die Tiefe der Menschenflut untertauchen wird, gewärmt. Vielleicht dies, vielleicht jenes.

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Tausend Vielleichte hinken Vorübergehenden nach, begleiten sie auf Wegen, die sie … nicht schreiten … Dem gewesenen Kinderrücken vielleicht ein Herz voll Liebe hinüber brandend, zieht sich tief versonnen ein stilles Meer in unsere Seele zurück. Und wir ertrinken. Oder das Leben ertränkte darin seine überflüssigen Katzen mitsamt dem ganzen Jammer.

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Kapitel II

F

ür die Städter in A. ist die Sonne eben untergegangen. Das Land sieht sie etwas länger noch am Saum des Oktoberhorizontes. Die Stadtgebäude tragen nicht einmal ihren Schein, fühlen sich noch etwas lau an, stehen aber schon in grau, das Tagesflimmern ist gewichen, und ungeblendet streift das Auge der Leute, die um sieben Uhr auf der Gasse sind, über scharf gekantete Fensterrahmen, Dachansätze, Hausecken und Straßenwinkel. Alles ist noch deutlich gezeichnet, aber das Bild wird rasch dunkler. Blaue Tauben ziehen in den Nischen des Domes ihre weinroten Füße ein und wollen schlafen. Der Platz hallt, wenn auch niemand auf ihm kreuzt. Er ist lang, schuppenartig gepflastert, eigentlich eine breite Straße. Die Kirche, schwarz wie ein Wald, ist noch nicht geschlossen. Ihre auf zermürbten Lederkissen angelehnten Türen werden noch verspätete Beter entlassen. Dann erscheint in der Maske des Pfarrers der Messner an einer Spalte, schüttelt seinen Schlüsselbund, sucht mit braunen Feuchtäugelchen auf dem Platz nach Sündern, befragt die schweigsamen Mauern nach geheimen Seufzern, endlich wird er Schlösser und Riegel befestigen und sich fühlen wie Cerberus, der Höllenhund, da wieder ein Erdentag an seinen wachsamen Köpfen vorbeigeglitten, ohne daß sie nur ein einziges noch so geringes Ereignis übersehen hätten. Bravo, das ist ein tüchtiger Messner: Er steht nun, wie vorausgesehen, am Zusammenfluß zweier Luftströmungen: draußen kühlt sich das beinahe sommerwarme Pflaster am frischen Abendwind, drinnen im Kirchschiff duftet die Gottesluft von erkaltetem Weihrauch. Und wirklich öffnet sich noch eine Seitentüre, schwer, weil

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ihr bleiernes Gegengewicht am tranigen Strick mindestens soviel wiegt, als eines Mannes Kraft verdrängen kann, und ein Frommer saugt sich voll mit der wärmeren Erdenluft. Er bleibt an der obersten Stufe stehen, und weil er sich in diesem Augenblicke freut, glühend freut, fühlt er seinen Namen: er heißt Raymund Egger. Aber schon redet ihn der Messner an: »Die muß jetzt hundert Jahre halten.« Er meint die Orgel, an der einiges zu reparieren gewesen, welche Arbeit Herrn Egger einen Nachmittag gekostet hatte: »Über vier Stunden! Sie haben ihr alle Töne vom Leib gezogen. War das eine Stöhnerei erst!« Er lacht ein humorloses Lachen auf E. Aber Egger ist irgendwie versunken. Es ist heute einer von den perfiden Oktoberabenden, die in kalt nach Julinächten duften – vielleicht der allerletzte schöne Sommertag des Jahres, was einem das Sprechen und namentlich das Antworten sauer werden läßt. Er zeigt unter dem farblosen, weichen Hut dreiviertel seines bartlosen Gesichts, von schweren Lidern geteilte weißbraune Augen, sehr magere Wangen und einen von den Mündern, die Mitmenschen, weil sie es nicht besser wissen, schmal nennen. Faunsohren, rot von irgendwelchem Erlebnis, sitzen scharf an der Hutkrempe, immer bereit, fast beweglich. Dieser sogenannte schmale Mund zieht sich in vielen Windungen über das ganze Gesicht, von einer eingefallenen Wange zur andern. Das lange Kinn ist so schmal gedrückt, daß es sich zum Gesicht ausnimmt, wie die gebundenen Stiele eines Blumenstraußes. Eggers Versunkenheit ist nicht ersprießlich genug für des Messners Wißbegierde; übrigens, was für Leckerbissen kann ihm, dem Verwöhnten, solch ein halber Musikant und Handwerker bieten? Vier Stunden an der großen Orgel herummelken, hehehe! Daß sie dahinrauscht wie ein Theaterstück – eigentlich eine Entweihung! Und so zieht sich der Kirchendiener – – auch rückwärts die Maske des Pfarrers tragend – noch einmal in den Dom zurück. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes steht ein zwei Stock hohes Wohnhaus, das Egger kennt, wie eben einer fremde Häuser, die er nie betreten hat, kennen kann, durch deren

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Mauern er körperlos schlüpft, des Abends etwa, aus Sehnsucht dort in altväterlichem Lehnstuhl ein Buch liest, das er schon fast auswendig gelernt hat, eine Lampe erscheinen läßt, die Turmuhr neun schlagen hört, zehn Uhr, einen Augenblick die ganze Welt liebt, alle gutgekleideten, schlechtbekleideten, unbekleideten Menschen, die Pelztiere, die glatten, die fliegenden, die Torheit, die Schönheit, dann durch ein nicht vorher zu ahnendes freudenvolles Ereignis beglückt, selig einschläft. So hatte sich dieses Haus in Eggers Verlangen als ein liebes, schönes Gebäude, als ein mütterlich heiteres Haus für brave Kinder eingeprägt, als ein warm zu empfehlendes Muster für Architekten, als einen Idealbau für raffinierte Junggesellen, für junge Menschenpaare. Wer sollte ihm, der ein einziges gemietetes Zimmer sein eigen nennt, diesen eingebildeten Besitz verwehren? Raymund Eggers Ohren sind rot wie Scharlach, als hätte er zu Gott mit den Fäusten an den Schläfen gebetet, als hätte er ihm aus erschöpftem Herzen dargestellt, daß die Dinge so nicht weitergehen dürften. Aber er betrachtet sein Lieblingshaus. »Das hat sich jemand aussuchen dürfen, oder hat es geerbt, nachdem er darinnen zur Welt gekommen«, denkt er, »in solchem Hause vergessen Blumen, daß sie Pflanzen sind, drängen sich vor, sprechen wie Menschen, hängen umher und wuchern, während wir uns auf der Treppe schon zu Hause fühlen, weil uns ein Ofen liebevoll empfängt; wir verwechseln die Zimmer miteinander, denn in allen scheint eine herzbrecherische Sonne, daß die Holzvertäfelung kracht und die Schatten nach Obst und Perkal duften.« So etwa meditiert Raymund Egger. Vielleicht ist er Dichter, sieht sich einsam in der Welt stehen, hört sich Sprachen reden, die er nie gelernt: spricht Azur mit dem Himmel, Tau mit den Wiesen, Hund mit den Tieren. So ist es nicht wunderbar, wenn er Häuser anredet. Die Arbeiter wären sicher erstaunt zu hören, daß ihr Werkmeister Dichter sei. Am ungläubigsten jedoch er selbst. Das Haus (sein Haus) ist in der lichtrosa Farbe von Postan-

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weisungen gestrichen, rosa von Postanweisungen, die Fenster sind weiß umrahmt, die Läden schmutzig grau. Und hinter den Scheiben zittern sauber aufgeraffte milchweiße Vorhänge, so daß bei allen der Hintergrund zwischen den oben zusammengefaßten, nach unten schräg wegfallenden Gardinen eine dunkle geheimnisvolle Pyramide bildet, auf welcher bisweilen menschliche Gesichter erscheinen. Raymund hat sie öfter gesehen: aus dem ersten Stock um die Mittagszeit den Kopf einer Greisin unter winzigem schwarzen Häubchen, aus dem zweiten, wenn Militärmusik ertönte, junge ernste Mädchengesichter; am seltensten belebten sich die dunklen Pyramiden des unteren Geschosses. Die Fenster müßten voller junger Mädchen sein, ihr Lachen wäre bis zur Kirche zu hören. Das Haus, das Egger so gut gefällt, ist nicht irgendwie hingebaut, weder brutal noch krankfein in seinen Linien. Die nach außen zu öffnenden Fenster strecken ihre weißgestrichenen Rahmen auf die silberig rosa Kalkwand. Der Holzrahmen wird in den Angeln trocken knarren, wenn Mädchenarme sie allmorgentlich an die Wand zurückbiegen und einhaken. Einige Fenster zeigen Blumen auf starken Stengeln, mit Bast umwundenen, hellen Stöckchen, die in die schwarze Erde gespießt, die heiteren Herbstblumen stützen. Andere beherbergen Blattpflanzen, die schon einen anstrengenden Winter verbüßt haben. Auch mißglückte Versuche in leeren, grünen Kästen, oder eine Warmhauspflanze, die sich in rührender Freundlichkeit einige Blüten wachsen ließ, gesunde Hängepflanzen, ein dürftiger Efeu, der sich schon lange aus dem Topfe sehnt, und noch allerlei Gewächse in Behältern sonnten sich da mittags bei offenen oder hinter geschlossenen Scheiben. Mädchenhandwerk. Tatsächlich stimmt keines Fensters Gesicht je mit dem seines Nachbarn überein. Auch gibt es einige blumenlose. »In solchem Hause liegt niemand auf der Lauer«, denkt Raymund. »So fehlt den Bewohnern das Gefühl für Zeit. Sie kennen kein Damals.« Die Fenster, sechs in der Reihe, scheinen von außen in die etwas vorstehende Hauswand eingedrückt worden zu sein. Eine

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Spur von glatt gestrichenen Reliefsäulen läuft dazwischen bis unter das Dach. Die Haustüre, ein schweres rundes Tor mit glattem Messinggriff, tief eingebaut, sitzt rechtsseitig, und erst darüber beginnen die Fenster der zwei Stockwerke. Raymund findet, daß es sich diesem Hause gegenüber tiefer als sonstwo sehnen läßt, den Blick auf die dünnglasigen Fenster geheftet. Sein Auge schwimmt zu dem Himmel empor, der dicht am Dach beginnt, durchsichtig, blendend fast, und schon nachtblau. Noch brennt kein Licht, weder im Haus, noch davor, nur auf der Straße in entfernteren Punkten und Geschäften sind Laternen und Lampen angezündet. Er möchte lachen aus Sehnsucht, und hohnlachen, wenn er an die Höhe seiner Wünsche, an die Tiefebene des Erreichten denkt. Aber Egger ist Musiker. So wird aus dem Gefühl eine Melodie, die ihn, seine Augen, seine Schultern in einen flimmernden Mantel hüllt. Die Sohlen preßt er an den Rand der Stufen. Er freut sich, daß er die Schärfe des Steines spürt, den Fuß daran biegen kann. Das geht mit Kitzschuhen. Denn Raymund trägt weiche mattglänzende Stiefel, sozusagen in einem Stück gearbeitete, die Quintessenz eines Stiefels, d. h. eine dehnbare, faltenlose Haut über dem Fuß, in dessen Form verallgemeinert und ein biegsames Postament aus flachem Sohlenleder, nicht länger, nicht breiter als der Fuß unter ihm, vorne wie ein Ballettschuh sorgfältig gerundet, der Oberhaut angepaßt, Zugstiefel aus einer vergangenen Zeit, aus der Zeit, in welcher es galt, das Wohlbefinden des Besuchers von der Türe bis zur Dame in absichtlichen kleinen Schleifern auf dem Parkett auszudrücken. In solchen Schuhen aus dem Lederchen ungeborener Kitze kann der Fuß, gehalten zwar, dennoch den Boden auf nachgiebigen Sohlen ergreifen und unermüdet Weg gewinnen. Der Schuhmachermeister, der sie für Egger herstellt, läßt sie als einziges Paar ihrer Art auf dem Zahltisch stehen, bevor er sie abliefert, so daß mancher seiner Kunden sie in die Hand nimmt und beim Zurückstellen bemerken muß, daß die Sohle bis zum äußersten vorderen Ende den Boden berührt. »Aber das sind ja Zugstiefel«, sagt hie und da jemand. »Auf besondere Bestellung, der Herr nimmt keine anderen«, entschuldigt sich der Meister.

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Raymund empfindet für die Stiefel eine stille Zärtlichkeit und wird nie von ihnen mit einfachem Artikel reden, sondern »meine Stiefel« sagen, bei Anlässen, die so persönlicher Betonung nicht bedurft hätten. Wenn er seine Füße durch die Stadt führt, weiß er aus ziemlich großer Entfernung bei den Übergängen, ob der Schritt zum nächsten Bürgersteig den Rechten oder den Linken treffen wird, ja, ich traue mich nicht es zu erzählen, denn sie werden die Köpfe schütteln, er nennt den einen liebevoll »Graf Rechtern«, den anderen »Van der Linken« und bevorzugt in seinem Herzen den Holländer. Der Messner hatte recht: Stunden waren von Herrn Egger an der Orgel verbracht worden, und niemand wußte so genau wie er selbst, daß sechzig Minuten zu der notwendig gewordenen Reparatur genügt hätten. Aber, an einer Orgel groß geworden, liebte er jede mit Sohnesliebe. Als ein kleiner, ganz kleiner Schulbub war es ihm liebste Gewohnheit geworden, den Vater zu begleiten und gespannt zu beobachten, wie ein Musikwind das Kirchenschiff brausend erfüllte, nur weil des Vaters Finger auf schwankenden elfenbeinernen Stegen spazieren gingen. Da stand er, überwältigt von dem Gewicht seines Herzens, an der großen Orgel, glücklich aber ratlos wie einer von den kleinen Jungen, die einer ausgewachsenen Ackerstute das schwere Kummet überwerfen wollen. Nun versteht er die Zaubergriffe selber, und die Orgel, wäre sie ein lebendes Wesen, müßte sich unter seinen Händen wohlfühlen. Vielleicht ist es so; denn heute, als sei sie ihm dankbar, hatte sie unter Raymunds Willen eine Sprache geführt, die in dem steingrauen Kirchengerippe etwas wie Herzklopfen erweckte und die blutbunten Fensterscheiben leise knistern ließ, als brennten sie auch ein wenig vom heiligen Feuer. Dabei war der Herr Stimmer gar nicht so sehr bei der Sache gewesen: Während seine Finger in den schlüpfrigen Tasten gruben, die biegsamen Fußsohlen vorgeahnte Töne behend erhaschten und sich darauf in schnellen Läufen und klumpenschweren Grundtönen behaupteten, hatte sein linkes Auge das Haus bewacht, das er vom hohen Orgelstuhl aus durch ovale, kleinvergitterte Luken übersehen konnte.

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Er hat den ganzen Nachmittag an dieses Haus gedacht. Nun steht er ihm gegenüber. Erst versucht er das Lächeln in den Mundwinkeln zurückzuhalten. Er gönnt sich die Freude nicht. Dann aber holt er aus, lächelt schmal und lang und spürt dabei ein lustiges Ohrenspitzen. Die Augen bleiben etwas steinern, unbeteiligt. In seiner Tasche liegt ein Brief. Er befühlt ihn, und sein Sehnsuchtslächeln zieht sich zurück. Denn jetzt könnte … es … Ernst werden … Sein Lieblingshaus wird er betreten, das sagt ihm der Brief. Bis vorgestern wußte er nicht einmal den Namen seiner Bewohner … kennt heute nur undeutlich ihre Gesichter, die Stimmen, ihre ganze Art … Aber – sie erwarten ihn! Leise wird er die paar Stufen, die zum Eingang führen, in seinen Kitzschuhen ersteigen … morgen … nachmittags drei Uhr. Morgen … an einem sonnigen Oktobernachmittag … (»morgen« ist immer Sonne –), eine Treppe aus schwarzem Marmor, einem Gitter von verschnörkelten Violinschlüsseln entlang … Raymund Egger, wach’ auf!!! Er will nicht. Er steigt und steigt … Und oben wird er durch die tausend Takte der Mondscheinsonate schreiten. So hatte er sie einmal geträumt in dem Diwanbett seines einzigen Zimmers … Nachts geht er in die Mondscheinsonate … Das sind kleine Räume – – einer am andern – – offene Türen geleiten vom ersten zum nächsten – Kommödchen stehen an jeder linken Wand – Jedem fehlt das vierte Bein – Raymund wird sie mit dem Zeigefinger an der beinlosen Ecke sanft niederdrücken. Und sie wird sich zu den drei Beinen zurückschaukeln. Auf Gis, Cis, E. So heißen die Beinchen des ersten Zimmers. Viermal schaukelt Raymund das Möbelchen aus dunklem Ahorn, Geigenahorn, unter welchem in Schmiedeeisen eine prächtig gehämmerte Cis-Oktave liegt. Ein Köpfchen mit langem Mund und einer Halskrause, alles

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